Freiheit ist ein Paradies

Die beiden Jungen lungern auf dem Platz vor dem Eingang zum Supermarkt herum. Keiner entgeht ihrer Aufmerksamkeit, der dort parkt und einkaufen will. Wie alt mögen sie sein, 13? 14? Oder doch noch zwölf? Schwer zu sagen. Dem Kleineren sind die blonden Haare kurzgeschoren, der größere, schlaksige hat längere dunkelbraune Haare.
Um nicht im Auto zu warten, vertrete ich mir die Beine, schlendere in Richtung Eingang, ohne etwas Bestimmtes zu wollen. Zwei Mädchen haben an der Auffahrt auf schwarzem Tuch etwas ausgebreitet, das sie verkaufen wollen.
Die Burschen freilich haben mich schon entdeckt. Sie wussten, was sie wollten. Der kleinere mit seinem runden russischen Gesicht spricht mich keck an: „Wir bieten ein Kunststück, und dafür sammeln wir ein paar Kopeken. Wollen Sie mitmachen? Dawajtje!“ Nu, dawaj, ich bin gespannt, was sie anstellen werden. Der Kurzgeschorene erinnert mich entfernt an den dreizehnjährigen Halbwaisen Sascha aus dem Perestroika-Film „S.E.R. – Freiheit ist ein Paradies“, den ich als Schüler in einem Hamburger Innenstadtkino sah, bei mir einschlug wie eine Bombe und einen schicksalhaften Hang nach Osteuropa weckte.
Ein simpler Trick, aber ergiebig
Es ist ruhige Abendbrotzeit, soeben haben die Glocken der nahegelegenen Marienkirche zur 18-Uhr-Messe geläutet, aber die Sonne steht noch hoch. In den Breitengraden hier macht sie in den Wochen um den 21. Juni weiße Nächte.
Das Kerlchen legt also los: Flink wickelt es ein dickeres Gummiband erst über einen Finger, dann über den Handrücken, dann wieder um einen anderen Finger, so dass das Gummi ganz fest um die Hand gespannt wirkt. Dann streckt er den Daumen derselben Hand aus und sagt: „Fass an!“ Ich greife mit der Rechten um den Daumen, eine knappe Sekunde vielleicht, und im gleichen Augenblick löst sich das Gummiband – der Junge zeigt seine offene Handfläche, über der locker das Gummi hängt. Wsjo!, fertig. Das ist der ganze Trick.
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Simpel. Vielleicht bei Instagram abgeguckt und einstudiert. Aber wie ist das drollig, wie ist das nett! „Dawaj, noch mal!“, sage ich. Wieder spannt er rasch das Gummiband um die Hand, so dass es wirkt wie fest arretiert. Wieder heißt es, den ausgestreckten Daumen zu umfassen, und wieder – schnupp! – springt das Gummiband aus seiner nur zum Schein komplizierten Verhakung und liegt locker über der Hand.
Jetzt kommt mein Part. Aus dem Portemonnaie hole ich, was ich noch an Münzen mithabe, und lege es ihm in die Hand. Viel ist es wirklich nicht, es sind im übertragenen Sinne nur Kopeken, aber er bedankt sich ganz artig. Den Lohn für die Vorführung reicht er an den schlaksigen Freund weiter, offenbar der Finanzchef der örtlichen Halbstarken-Gang, denn der zieht unter dem Blouson ein mittelgroßes, schwarzes Säckchen hervor – prall gefüllt mit Geldstücken. Als er es öffnet, blinken darin Ein-Euro-Stücke zuhauf! Tüchtige Burschen, toll gemacht, maladcy!

An der Auffahrt stehen die zwei Mädchen zu Unrecht im Schatten der Jungs: Auf schwarzem Tuch haben sie aus dünnen, mehrfarbigen Gummibändern kunstvoll geflochtene Figürchen hindrapiert. Tiere, Männchen, Püppchen, alles zart und filigran. Die einzelnen Erzeugnisse gruppiert nach Preisen: auf weißen Schildchen steht bei den einen „0,49 €“, bei den anderen „0,59 €“. Sie preisen nichts von ihren Sachen an. Es ist nicht, dass sie schüchtern wirkten – nah stehen sie beieinander, in schwarzen T-Shirts –, sie sind einfach nicht so keck wie die beiden Burschen.
Meine Begleiterin ist inzwischen aus dem Supermarkt zurück, betrachtet kurz, was die Mädchen gefertigt haben, und fragt, ob sie oft hier stünden. Nun, so ab und zu, ja … Wo stammten sie denn her? „Wir sind vor kurzem aus der Ukraine gekommen.“ Weil die Konkurrenz schon das Kleingeld abgegriffen hat, stehe ich nun blank da. Sie lächeln gleichmütig, wir verabschieden uns, steigen ins Auto, und die Begegnung auf dem Supermarktparkplatz zwischen Wohnblocks aus Sowjetzeiten ist, kaum gewesen, schon wieder Vergangenheit.
Aus denen wird noch was
Inzwischen sind zwei Monate vorüber. Der groß angepriesene Hitzesommer war mau, der Herbst will einziehen. Die drollige Begebenheit auf dem Parkplatz steht mir immer noch vor Augen, musste es jetzt aufschreiben, schildern, festhalten und damit abgeben.
Ich sehe mich noch mit den Freunden im Auto weiterfahren, über das eben Erlebte redend. Was war nicht alles seither: Städte, Museen, Landschaften. Kilometer an Eindrücken. Alles vergessen. Nur diese Teenager nicht, die so unbefangen, wie nur Kinder es sein können, etwas von dem zeigten, was in ihnen steckt.
Zwei Aussprüche von Joseph Beuys kommen in den Sinn. „Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt“ und: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Oder Schiller über die ästhetische Erziehung des Menschen: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“
Wie oft sehen wir Jugendliche stumpf dasitzen, über ihren Smartphones brüten, mit Kopfhörern abgeschirmt, in sich verkapselt, nicht ansprechbar. Oder die Resultate ungerichteter Energie, weil ein sinngebendes Gegenüber fehlt: zerschlagene Wartehäuschen, angezündete Mülltonnen. Doch hier: Waren die vier Kinder nicht kleine Künstler? Die aus dem Vorgefundenen ihrer Lebenswelt etwas erschaffen? Nicht in der Vereinzelung, sondern miteinander zusammen was auf die Beine stellen? Freimütig auf andere zugehen, etwas von sich herschenken, was mit Geld gar nicht zu bezahlen ist? Mit Gummibändern und einer Idee aus dem Internet, gedacht, gemacht, und los! Freiheit ist ein Paradies.
Aus denen wird noch was, denke ich.
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