Direkt zum Inhalt
Verantwortung übernehmen

Er fand gar nichts dabei

Ja, stimmt, ich habe es verbockt. So antworten Menschen, wenn sie gestehen, dass sie etwas falsch gemacht haben. Sie geben keinem anderen die Schuld. Sie reden nicht drumherum. Und vor allem: Sie reden sich nicht heraus. Man nennt das: Verantwortung übernehmen. Hut ab vor allen, die dazu fähig sind. Denn: Die meisten sind es anscheinend nicht. Viele Konflikte werden so bestritten, dass der andere daran schuld sei, aber keinesfalls man selbst. Dass sich eine Kultur der Verantwortungslosigkeit in der Gesellschaft etabliert hat, ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen. Und statt Vorbild in die gegenteilige Richtung zu geben, machen Politiker erst recht vor, wie es geht.

Maut-Debakel, Flutkatastrophe und Maskenaffäre sind einige Beispiele, die mit massivem Fehlverhalten von Politikern verknüpft sind. Doch niemand von ihnen steht auf und räumt eigene Versäumnisse ein. Man macht weiter wie gehabt, business as usual. Zugegeben wird höchstens das, was so offensichtlich ist, dass es nicht mehr möglich ist, es zu leugnen.

Oder man setzt auf die Täter-Opfer-Umkehr, wie es unter anderem Jens Spahn in Sachen Maskenaffäre tat. Der sogenannte Sudhof-Bericht über die fragwürdigen Maskendeals des CDU-Politikers, damals Gesundheitsminister, wurde abgewehrt, unter anderem mit der Argumentation, auch von Parteikollegen, es handle sich um eine politisch motivierte Aktion gegen ihn, Spahn.

Spahn fiel auch in der Causa Richterwahl 2025 mit mangelnder Verantwortungsbereitschaft auf. Egal, wie man dazu steht, Spahn hatte seinem Koalitionspartner etwas versprochen, das er nicht gehalten hat. Und gegenüber der eigenen Fraktion hatte er auch versagt, weil ihm die Brisanz des Namens Frauke Brosius-Gersdorf nicht bewusst war. 

Berlins Bürgermeister: Tennisspiel während Strom-Blackout

Oft fehlt überhaupt die Einsicht, einen Fehler gemacht zu haben. Berlins Oberbürgermeister Kai Wegner fand beispielsweise gar nichts dabei, als er nur wenige Stunden nach Beginn des Blackouts Anfang Januar, der rund 45.000 Haushalte im Südwesten der Stadt lahmlegte, für eine Stunde zum Tennisspielen ging. Das wiederum führte zu einem Doppelfehler, nein, nicht auf dem Platz, sondern in Bezug auf sein Krisenmanagement.

Nicht nur, dass er lieber seinem Hobby frönte, während Zehntausende im Dunkeln und bei Kälte saßen, sondern dass er das Tennis-Intermezzo zunächst verschwiegen und Reportern erzählt hatte, er sei „den ganzen Tag am Telefon“ gewesen. Die Lüge zeigt natürlich, dass er wusste, dass es nicht gerade gut ankommt, würde er die Wahrheit erzählen. Aber sie bedeutet noch lange nicht, dass er sein Fehlverhalten erkannt und deshalb verborgen hat. Bis heute rechtfertigt Wegner seinen sportlichen Exkurs mit dem Argument, er habe den Kopf frei bekommen müssen.

Es gilt: Bloß keine offenen Flanken

Nun könnte man die Liste ewig fortsetzen, zumal mit weitaus schlimmeren politischen Vergehen, die zahlreiche Menschen in große Not gebracht haben – und trotzdem nicht zu einer öffentlichen Entschuldigung führten und damit auch nicht zu einer Übernahme von Verantwortung. Gewiss, es wird um Macht und Wählerstimmen gekämpft, und da will man sich nicht als schwach und fehlerhaft entblößen. Bloß keine offenen Flanken.

Diese Strategie hat sich durchgesetzt, obwohl sich die Bürger nach Persönlichkeiten sehnen, die möglichst authentisch sind, und das bedeutet eben auch, sich nicht als unfehlbar zu inszenieren. Niemand will sich zudem veralbern lassen wie von einem Olaf Scholz, der sich in Bezug auf seine Verantwortung im Cum-Ex-Skandal und die damit verbundenen Fragen immer wieder damit herausredete, er könne sich nicht erinnern.

Es stimmt, die Erwartungen an Politiker sind hoch, und das zu Recht, doch bisweilen sind sie viel zu hoch und daher so gesetzt, dass sie nur schwer zu erfüllen sind. Und das heißt, dass Fehler unvermeidbar sind. Warum sollte es ihnen anders gehen als uns allen – jeder Mensch macht Fehler.

Immer sind’s die anderen

Geschieht das bei Politikern, ist es insofern gravierender, weil mitunter Millionen von Menschen davon betroffen sind. Wenn sie das anschließend verschleiern, vertuschen oder schönreden wollen, dann tun sie nicht nur sich damit keinen Gefallen, sondern verpassen der Magengrube des Bürgers einen nächsten Schlag.

Muss das sein? Und vor allem: Können wir es besser? Wie steht es eigentlich mit unserer eigenen Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen?

Jeder kennt Menschen, die ihre Verfehlungen abstreiten, und das nicht selten mit erstaunlicher Beharrlichkeit. Wenn etwas schiefgelaufen ist, sind keinesfalls sie verantwortlich, sondern immer die anderen. Der Chef oder die Kollegen sind schuld, weil es im Job nicht vorangeht, der Partner ist schuld an der verkorksten Beziehung, und überhaupt, es gäbe gar keine Probleme, hätte man nur eine gute Kindheit gehabt, und dass es nicht so war, ist die Schuld der Eltern.

› Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge

Es stimmt natürlich, dass uns andere Menschen das Leben schwermachen können, aber auch wir haben unseren Anteil an dem, was schiefläuft. Wehren wir das permanent ab, erinnert das an das Verhalten eines Kindes, das über die Sandburg eines anderen Kindes trampelt und behauptet, es nicht gewesen zu sein.

Die Generation Schneeflocke

Auch in zig anderen Situationen wehren Kinder ihr eigenes Fehlverhalten gerne mit einem „Ich war das nicht“ ab. Daher sind Erwachsene, die sich ebenso gebärden, mitnichten tatsächlich erwachsen, sondern auf der Stufe eines Kindes stehengeblieben. In der Psychologie ist von Infantilismus die Rede. Der Begriff stammt vom lateinischen Wort infantilis ab und bedeutet „kindlich“. Wird Infantilismus herbeigeführt, spricht man von Infantilisierung. Diese drückt sich unter anderem aus in dem Hang zur Verniedlichung und dem Ausleben von kindlichem Narzissmus. Komplexität wird verweigert, der Widerwille gegen alles Komplizierte, Unangenehme und Widersprüchliche ist stark entwickelt – und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, ist gleich null.

Die sogenannte Generation Snowflake, wie die Generation Z auch beschrieben wird, tut alles, um sich selbst noch weiter in die Position eines Kindes zu manövrieren. Sie träumt von einer heilen Welt, in der niemand verletzt werden soll und stellt überall Triggerwarnungen auf. Hochempfindlich gegenüber allem, fordert sie, vor allem Unbill verschont und beschützt zu werden. Nichts ist ihr zumutbar, jede Gefahr und jedes Hindernis wird aus dem Weg geräumt. Die Eigenverantwortung geht gänzlich verloren, schuld sind immer nur die anderen; das dauerbeleidigte Kind wird zum Normalzustand. Das trifft natürlich nicht für alle zu, aber die Tendenz in diese Richtung ist stark.

Obendrauf kommt eine narzisstische Gesellschaft, die alles andere als förderlich für eine gute Fehlerkultur ist. Denn: Ausgeprägte Narzissten ziehen nicht eine Sekunde lang in Erwägung, Fehler begehen zu können. Typischerweise weisen sie alles von sich mit Sätzen wie „Da täuscht du dich“, „Das bildest du dir nur ein“, „Du bist zu empfindlich“ und „Das stimmt nicht“. Offensichtliche Wahrheiten werden geleugnet, Tatsachen verdreht oder die Wahrnehmung des Gegenübers infrage gestellt, um die Kontrolle zurückzugewinnen. Der Narzisst inszeniert sich auch gern als Opfer von Ungerechtigkeit, um Mitleid zu erregen und die Schuld von sich abzuwenden.

Wer Verantwortung übernimmt, zeigt Stärke

Wer also ist bereit, Verantwortung zu übernehmen? Wenn Sie es können, dann wissen Sie sicher, dass es nicht immer leicht ist, aber sich immer lohnt. Weil man damit Stärke beweist. Und Souveränität. Und Lebensweisheit. Managementtrainer Boris Grundl veröffentlicht seit fünf Jahren einen Verantwortungsindex, der auf über 4.000 Tests basiert und Verantwortungsbewusstsein misst. Auch er bestätigt, dass die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, sich immer auszahle: mit mehr Selbstzufriedenheit, mentaler Stärke und gesteigerter Lebensqualität.

Grundl ist überzeugt: „Verantwortung ist lernbar.“ Besonders leicht falle es Menschen mit folgenden Voraussetzungen: „Je eher Menschen sich als Erschaffer ihres Lebens sehen, umso klarer sehen sie Verantwortung.“ Und: „Je stärker der Glaube an die eigene Unabhängigkeit, desto höher ist auch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.“ Und zuallererst braucht es den „Mut, sich seinen Ausreden zu stellen“. Wer sich also demnächst dabei ertappt, sich herausreden zu wollen, könnte mit genau diesem Mut beginnen.

› Kennen Sie schon unseren Corrigenda-Telegram- und WhatsApp-Kanal?

10
2

Kommentare