Unternehmen machen Meinungen
Joung Gustav, so sein Künstlername, sieht nicht nach einem Politiker aus. Der junge Mann sitzt meist in einem Hoodie und einer verkehrt herum aufgesetzten Schirmmütze vor der Kamera. Über fünf Millionen Menschen folgen ihm allein auf TikTok, und was sie sehen, ist harmlose Unterhaltung. Meist steht Joung Gustav irgendwo an einem öffentlichen Platz und gibt Sprechgesänge zum Besten.
Seit einiger Zeit unterhält er aber einen zweiten TikTok-Kanal: „Gustav redet“. Dort sind es nur wenige tausend Leute, die ihm zuschauen, denn der Inhalt ist hier höherschwellig: Er spricht über Politik. Jüngst äußerte er sich kritisch zur Asylpolitik in der Schweiz. Sie sei zu teuer, es gebe zu viele Kriminelle unter den Flüchtlingen, und ganz allgemein werde zu wenig über die „Schattenseiten der Asylpolitik“ gesprochen. Joung Gustav war diese Botschaft offenbar ein Herzensanliegen, er hatte vorab fleißig Zahlenmaterial und Fakten zum Thema gesammelt.
Ein doppelter Rausschmiss
Der Preis war hoch. Die Migros, einer der zwei Einzelhandelsriesen im Land, kündigte umgehend die Zusammenarbeit mit ihm. Der Influencer hatte dort als Botschafter eine Getränkemarke vertreten. Was er in dem Video gesagt hatte, sei gegen den „Wertekanon“ des Unternehmens, ließ die Migros verlauten. Kurz danach folgte Coop, die Nummer 1 im Land. Auch dieser schmeißt das Getränk aus dem Regal. Begründet wurde das mit einer zu geringen Nachfrage. Aber das zeitliche Zusammentreffen suggeriert natürlich etwas anderes.
Die Migros, die vor einem Jahr ihr 100. Jubiläum feierte, wurde tatsächlich auf Werten gebaut. Bis heute führt sie beispielsweise keinen Alkohol im Sortiment. In den Leitlinien findet sich allerdings kein Hinweis auf eine feste Haltung in der Asylfrage. Joung Gustav hatte zudem keine falsche Zahlen oder Behauptungen geliefert, sondern nur seine Meinung gesagt.
Die hat ihn nun sein Einkommen gekostet. Seine Karriere sei vorbei, erklärte er, und weiter: „Wenn du als Influencer in der Schweiz Geld verdienen willst, gilt die Devise: Sei links oder sei ruhig.“
Vom Unternehmen zum Sittenwächter
Nun sind Migros und Coop genossenschaftlich organisiert und private Unternehmen. Mit wem sie zusammenarbeiten, ist ihnen überlassen. Angesichts ihrer Marktmacht haben sie es aber in der Hand zu entscheiden, wer wirtschaftlich überlebt und wer nicht. Das ausgesendete Signal ist deutlich: Wer sein Produkt in diesen Ladenregalen platzieren möchte, hat keine Positionen rechts der Mitte zu vertreten.
Das ist ein sehr starker Hebel, den man sehr sorgsam betätigen sollte. Unternehmen dieser Größe sprechen gern von der gesellschaftlichen Verantwortung, die sie tragen. Sie verkaufen nicht einfach nur Brot, Milch und Fleisch. Mit insgesamt rund 200.000 Angestellten und über 80 Prozent Marktanteil reicht der Arm der beiden Einzelhändler auf die eine oder andere Weise in so gut wie jeden Schweizer Haushalt.
Schwingen sie sich auf zu Sittenwächtern und werden zu politischen Schiedsrichtern und dem allgemeingültigen moralischen Kompass, dann hängt daran sehr viel mehr als das Schicksal eines einzelnen Influencers.
Gefahr für die Demokratie
Dazu kommt, dass Joung Gustav nur das ausgesprochen hat, was ein großer Teil der Bevölkerung, möglicherweise sogar die Mehrheit, ebenfalls denkt. Die Auswirkungen einer ungezügelten Migration spiegeln sich in der Kriminalstatistik, in steigenden Sozialkosten, in Schulklassen, in denen die eigene Muttersprache marginalisiert und damit das Unterrichten schwierig wird. Er hat real existierende Herausforderungen angesprochen.
Wir sprechen hier nicht von einem Extremisten, der vom Alkohol befeuert rassistische Zoten in die Kamera gebrüllt hat. Sondern von einem Schweizer Bürger, der sich wohlvorbereitet die Freiheit genommen hat, aufgrund korrekter Zahlen und Fakten seine Schlussfolgerungen zu ziehen und daraus politische Forderungen abzuleiten.
› Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge
Wenn das reicht, um jemandem die wirtschaftliche Existenz zu entziehen, ist die Demokratie gefährdet. Sehr viel eher als in den Fällen, in denen das suggeriert wird, dann beispielsweise, wenn eine bestimmte Partei an Wählergunst zulegt. Was kann schlimmer sein für das demokratische Gefüge, als wenn eine legitime Meinungsäußerung zum Verlust der Lebensgrundlagen führt?
Es war die „falsche“ Meinung
Die Migros ist laut Untersuchungen die bekannteste und beliebteste Marke der Schweiz. Jedes Kind kennt sie. Jedes Kind weiß nun auch, dass dieselbe Migros vorgibt, welche Meinung man zu haben hat. Sie tut das nicht in Form eines Verbots, weil sie dazu gar nicht die Macht hat. Das ist aber auch gar nicht nötig. Die gewählte Waffe der Ausgrenzung und des wirtschaftlichen Boykotts ist viel stärker.
Man könnte über den ganzen Fall hinwegsehen, wenn der Großverteiler die klare Regel hätte: Keiner, der mit uns zusammenarbeitet, hat sich politisch zu äußern, egal in welche Richtung. Das wäre konsequent. Aber es ist gar nicht möglich, weil so mancher Zulieferer, vom Gemüsebauern bis zum Milchproduzenten, im Milizsystem der Schweiz ein politisches Mandat hat.
Und zudem ist es gar keine Frage, dass Joung Gustav weiterhin sein Getränk in der Migros an den Markt bringen dürfte, wenn er eine Lanze für Klimakleber gebrochen oder offenen Grenzen das Wort geredet hätte. Zum Verhängnis wurde ihm nicht, dass er eine Meinung hat. Es war eben einfach die falsche.
Kommentare
Große Unternehmen sind Kapitalisten. Ihr höchstes Ziel ist es Geld einzunehmen, die größte Sünde Geld zu verlieren. Und das meiste Kapital liegt nun mal bei der Mehrheitsmeinung. - Ich denke, es geht nicht um rechte oder linke Meinung, nicht mal um politische Werte, sondern ihr Wert ist das Geld. Sie haben Angst, Kunden zu verlieren, und wollen möglichst vielen Kunden gefallen.
In seltenen Fällen sieht man so diesen Kipppunkt; wenn die Mehrheitsmeinung gerade kippt, lohnt es sich für das Unternehmen, sich noch schnell auf die Seite der Rebellen zu stellen, um als 'Held von Anfang an' wahrgenommen zu werden. Das ist dann dieser berühmte Gratismut.