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Kultur des Todes

Der Fall Noelia und die „weiße Legende“ vom katholischen Spanien

Untergebracht in einem Jugendheim nach der Trennung der Eltern, mehrfach vergewaltigt, nach dem dritten Mal, einer Gruppenvergewaltigung, folgt ein Selbstmordversuch, der zu einer Querschnittslähmung führte. Schließlich die Euthanasie durch den spanischen Staat als „aktive Sterbehilfe“ – wobei die Behauptung des Vaters im Raume steht, dass die Euthanasie trotz Bedenken im letzten Moment nicht mehr aufgehalten werden konnte, weil Noelias Organe bereits zur Transplantation versprochen waren. Weil die Fälle nie angezeigt worden waren, kam es auch nie zu Ermittlungen.

Wäre die tragische Geschichte der 25-jährigen Spanierin Noelia Castillo Ramos als Dystopie über die linksliberale Gesellschaft vorgelegt worden, hätte sie wohl selbst der reaktionärste Verlag als zu klischeehaft und überladen zurückgewiesen.

In einer weniger geballten Verkettung persönlicher Tragödien hat man sich dagegen beinahe an Fälle aktiver Sterbehilfe in westlichen Gesellschaften gewöhnt – nur eben in Ländern wie Kanada, Belgien oder den Niederlanden, nicht im „katholischen Spanien“. Doch dieses katholische Spanien ist 2026 nicht mehr als ein ausländischer Stereotyp, genährt von den Bildern tiefspiritueller Semana-Santa-Prozessionen, deren zeitliche Nähe zum Euthanasie-Fall Noelia einen vermeintlich unüberbrückbaren Kontrast darstellt. 

Nun ist es nicht so, dass diese Prozessionen ihrerseits ein Zerrbild wären, sie sind Realität – und in der Realität noch weitaus „tiefen-katholischer“ als von amerikanischen Influencern geteilte Videos es transportieren. Das katholische Spanien ist keine Fiktion, aber es ist nur ein Teil der Wahrheit. Und weitaus mehr „Teil“, als es in anderen pluralistischen Gesellschaften der Fall ist. 

Die Geschichte der „zwei Spanien“

Spanien ist kulturell so polarisiert, dass der Begriff der „zwei Spanien“ ein stehender Begriff ist. Geprägt wurde die Erzählung der dos Españas von der „Generación del 98“, einer literarischen Bewegung des endenden 19. Jahrhunderts. Spanien stand damals im Begriff, mit Kuba, Puerto Rico und den Philippinen die letzten Überreste eines Kolonialreiches zu verlieren, in dem die Sonne niemals unterging. 

Und damit die eigene „Übersee“ eines Landes, in dem sich zunehmend Gräben auftaten: Gräben zwischen dem Nationalstaat in Madrid und Regionalismen in Katalonien und dem Baskenland, zwischen Großgrundbesitz und verarmter Landbevölkerung, zwischen Monarchie und Republik. 

Vor allem aber: zwischen der Katholischen Kirche und einer bereits zu dieser Zeit grassierenden Absetzbewegung vom Glauben. Dabei litt Spanien Jahrhunderte lang unter der „Leyenda negra“, einer Erzählung konkurrierender Kolonialmächte, die das südeuropäische Land als fanatisch katholisch, brutal, rückständig und verarmt darstellte. Heute ist die Erzählung weiß und zeichnet in positiver Verklärung ein „katholisches Spanien“, das es in dieser Eindeutigkeit schon lange nicht mehr gibt.

Kirchen brannten, Priester wurden erschossen

Das Wort geht auf das Gedicht „Proverbios y cantares“ („Sprichwörter und Gesänge“) des republikanischen Lyrikers Antonio Machado zurück, dessen letzte Strophe lautet:

„Es gibt einen Spanier, der leben will und zu leben beginnt, inmitten eines Spaniens, das stirbt, und einem anderen Spanien, das gähnt. Kleiner Spanier, der du zur Welt kommst, möge Gott dich behüten. Eines der beiden Spanien wird dir das Herz gefrieren lassen.“

Seine Worte hätten prophetischer nicht sein können. In der stark antiklerikal geprägten Zweiten Republik (1931-1936) brannten die Kirchen und starben die Priester und Ordensleute durch scharfe Munition, was wesentlich dazu beitrug, dass die Risse in der Gesellschaft sich zu Schützengräben vertieften: 

„Das letzte Bild, das er von Spanien mit auf die Reise nehmen musste, war das der verkohlten Ruinen von Sakralgebäuden. Dies war nur ein weiterer Grund, zu den Waffen zu greifen, um das alte Spanien und seinen Glauben zu retten.“

Spanische Kommunisten zielen 1936 auf das Denkmal des Heiligsten Herzens Jesu auf dem Cerro de los Ángeles (Hügel der Engel) südlich von Madrid, der geografischen Mitte Spaniens

So beschreibt Claude Martin in seiner Franco-Biografie die letzten Eindrücke von Spaniens späterem Generalissimus vor seiner Abkommandierung auf die Kanaren. Von hier aus hat sich General Francisco Franco 1936 einem Militärputsch angeschlossen, der in einem dreijährigen Bürgerkrieg der beiden Spaniens und seiner fast vierzigjährigen Herrschaft münden sollte. 1936 schrieb Anselmo Polanco, damaliger Bischof von Teruel, in seinem Hirtenbrief:

Der Erzbischof von Tarragona, José Pont y Gol, und Francisco Franco 1958

„Heute stehen nicht länger Regierungsformen zur Diskussion, die in diesem Land herrschen sollen, sondern etwas Grundlegendes und Substantielles für die Sache Gottes und Spaniens. Auf der einen Seite kämpfen die Verteidiger von Religion, Eigentum und Familie, auf der anderen die Vertreter des Unglaubens, des Marxismus und der freien Liebe. Dies sind die zwei verfeindeten Städte, von denen Augustinus spricht: die gegeneinander stehenden Kräfte von Gut und Böse.“

Polanco selbst fiel diesem Kampf nur zwei Jahre später zum Opfer, wofür der Bischof 1995 als Märtyrer seliggesprochen wurde. Der Sieg der Aufständischen und der darauffolgende Nationalkatholizismus sollten das Bild des katholischen Spaniens für die nächsten 36 Jahre wieder geraderücken: der Katholizismus wurde zur Staatsreligion erklärt, der Kirche umfangreiche Privilegien anvertraut, darunter die Kontrolle über große Teile des Bildungswesens, Zivilehe und Scheidung abgeschafft und staatliche Zeremonien mit katholischen Ritualen vermengt. 

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Ab 1957 berief Franco Supernumerarier des Opus Dei an die Schaltstellen der Macht – insgesamt sechs dem Opus Dei nahestehende Technokraten übernahmen Schlüsselministerien, um die wirtschaftliche Entwicklung und die Einführung des Massentourismus zu fördern.

Aus einer kirchlichen Perspektive bergen die engen Verflechtungen zwischen dem Franco-Regime und der Kirche im Nachhinein Licht und Schatten. Auf der einen Seite dominierten nach den antiklerikalen Exzessen der Zweiten Republik nun wieder die Kräfte, die dem Katholizismus eine führende Stellung in der Gesellschaft zugestehen wollten. Auch blieb das bis zum Tod des Diktators im Jahr 1975 nationalkatholisch regierte Spanien über die moralischen Verirrungen der 1960er Jahre im Rest Europas hinaus gesellschaftlich konservativ.

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Umso mehr führt die jahrzehntelang unter Verschluss gehaltene Liberalisierung seitdem aber zu Übersprungshandlungen, die teilweise weit über die Entwicklungen in weniger polarisierten Gesellschaften Europas hinausgehen. „Es platzten die Knöpfe am klerikalfaschistischen Hosenstall“, drückte ein Essay von Hans Magnus Enzensberger einst drastisch aus, was in Spanien an „Nachholeffekten“ einsetzte. 

Nur noch die Hälfte der Spanier bezeichnet sich als katholisch

50 Jahre später bezeichnen sich nur noch knapp 53 Prozent der Spanier in einer Umfrage des staatlichen Zentrums für Soziologische Forschung 2025 als Katholiken. Was zunächst nach einer satten Mehrheit klingt, ist bei näherem Hinsehen ambivalenter. Zum einen bezeichneten sich nur 17 Prozent auch als praktizierende Gläubige. Zum anderen gibt es in Spanien kein Pendant zum deutschen „Kirchenaustritt“. Spanische Steuerzahler entscheiden lediglich jedes Jahr freiwillig mit ihrer Steuererklärung, ob ein Teil ihrer Steuerschuld für die Kirche oder für andere soziale oder kulturelle Zwecke verwendet werden soll.

Auch auf der politischen Ebene ist der Katholizismus auf dem Rückzug. Zwar ist die politische Rechte betonter katholisch als in anderen europäischen Ländern – namentlich heute Vox, bis 2012 die Volkspartei –, die regierende Linke allerdings auch deutlich kirchenfeindlicher. Spaniens sozialistischer Ministerpräsident Pedro Sanchez bekannte nur wenige Tage nach der Euthanasie von Noelia Castillo: „Ich brauche keine Religion, um zu definieren, was richtig oder falsch ist“. 

Seit Jahren bezeichnet sich der Regierungschef als „überzeugter Atheist“ und verzichtete bei seiner Vereidigung 2018 nicht nur auf die Bibel, sondern ließ auch das Kruzifix im Zarzuela-Palast abhängen. Ein anderes Kreuz will Sanchez sogar ganz abreißen: das mit 152 Metern höchste Kreuz der Welt im Tal der Gefallenen lässt Spaniens Linke nicht einmal nach der Umbettung von Francos Leichnam aus der darunter gelegenen Basilika im Jahr 2019 ruhig schlafen und ist ein schwelender Konflikt zwischen der sozialistischen Minderheitsregierung und der Kirche, die hier ein aktives Benediktinerkloster unterhält.

Die jüngsten Regierungen sind konsequent für Abtreibung

Die Regierungen von Sánchez’ Arbeiterpartei haben in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass Spanien gesellschaftspolitisch zu den „progressivsten“ Ländern Europas gehört. Bereits Sánchez Vorvorgänger und Parteifreund José Luis Zapatero ließ 2010 das spanische Abtreibungsrecht liberalisieren. Aktuell darf in Spanien bis zur 14. Woche ohne Angabe von Gründen oder Beratungsnachweise abgetrieben werden.

Bei einer Gefährdung der Gesundheit der Frau oder schweren Fehlbildungen des Fötus ist Abtreibung sogar bis zur 22. Woche erlaubt. 

Sánchez geht das noch nicht weit genug. Erst senkte er das Mindestalter für eine Abtreibung ohne elterliche Zustimmung auf 16 Jahre und schaffte die bis dato vorgeschriebene Bedenkzeit ab. Nun will er ein vermeintliches Grundrecht auf Abtreibung sogar in die Verfassung aufnehmen. Damit würde das „katholische Spanien“, das bereits jetzt eines der liberalsten Abtreibungsgesetze Europas hat, sogar an Frankreich und Luxemburg vorbeiziehen, die eine „Freiheit zur Abtreibung“ 2024 bzw. 2026 zum Verfassungsgut erhoben haben. 

Ob das durchgeht, hängt von der christdemokratischen Volkspartei ab. Die Verfassungsänderung muss in beiden Parlamentskammern abgesegnet werden, wobei die Volkspartei die Mehrheit im Senat hält. Wie auch andere christdemokratische Parteien in Europa zeigte sie sich die in jüngster Zeit aber als eher unzuverlässiger Partner der Lebensschutzbewegung: War die Partei unter Mariano Rajoy im Wahlkampf 2012 noch für eine Rücknahme der Abtreibungsreform angetreten, wollte sie nach der Regierungsübernahme nichts mehr von einem solchen Rollback wissen. Und als in Kastilien und Leon der rechtskonservative Koalitionspartner Vox Schwangeren vor einer Abtreibung wenigstens Herztöne und Ultraschallaufnahmen zeigen wollte, ließ die Volkspartei darüber gleich mehrere Regionalregierungen platzen.

„Mir gefällt nicht, in welche Richtung sich diese Welt entwickelt“

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Neben der Abtreibungsfrage ist Sánchez auch die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe 2021 zuzuschreiben, die im Gesetzestext selbst „Euthanasie“ genannt wird. Im Unterschied zum ebenfalls legalen assistierten Suizid, wo der Patient die bereitgestellte tödliche Substanz selbst einnimmt, wird die Substanz hier vom Arzt verabreicht. Beide Maßnahmen werden vom staatlichen Gesundheitssystem abgedeckt. 

Voraussetzung ist eine schwere, unheilbare Krankheit oder ein chronisches Leiden mit großem Leidensdruck, dargelegt in zwei Anträgen der betroffenen Person samt ärztlicher Prüfung und Zweitmeinung. Hiergegen zog Noelia Castillos Vater bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Vergeblich, wie wir heute wissen – die Kultur des Todes hat auch ein immer weniger katholisches Spanien fest im Griff. Und so spaltet nicht der Fall Noelia Spanien, wie zahlreiche Medien titelten – Noelia erinnert nur ein seit langem gespaltenes Land daran, wie gespalten es ist.

In ihrem letzten ausgestrahlten Interview sagte Noelia: „Mir gefällt nicht, in welche Richtung sich diese Welt entwickelt.“

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