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Vor 40 Jahren gestorben: Simone de Beauvoir

Feindbild Mutterschaft

Simone de Beauvoir (1908-1986), die Ikone der Neuen Frauenbewegung, verehren Geistes- und Sozialwissenschaftler, Feministinnen und Politiker. Die sozialistische Existenzphilosophin gilt als Wegbereiterin der sexuellen Revolution. Leidenschaftlich stritt sie für Abtreibung. In dem Interview „Das Ewig Weibliche ist eine Lüge“ im Jahr 1976 mit ihrer Gesinnungsfreundin, der deutschen Frauenrechtlerin Alice Schwarzer, behauptet de Beauvoir, sie sei nicht gegen „Mutterschaft“, halte diese aber doch für eine „böse Falle“:

„Aus diesem Grund würde ich einer jungen Frau raten, nicht Mutter zu werden. Hinzu kommt eine schreckliche Mystifizierung der Mutter-Kind-Beziehung. Wenn die Leute dermaßen Wert auf Familie und Kinder legen, dann tun sie das, weil sie insgesamt in einer solchen Einsamkeit leben. Sie haben keine Liebe, keine Zärtlichkeit, keine Freunde, niemanden. Sie sind allein. Also machen sie Kinder, um jemanden zu haben. Und das ist grauenhaft. Auch für das Kind. Man macht aus ihm einen Notstopfen, der die Leere füllen soll. Dabei geht das Kind, sobald es groß ist, ja doch weg. Es ist überhaupt keine Garantie gegen die Einsamkeit.“

Die Philosophin leugnet alle Dimensionen der Mutterliebe, ebenso auch, dass das Kind sich geliebt und geborgen weiß. Es ist, als hätte sie nie ein lächelndes Baby und eine glückliche Mutter, die es in ihrem Arm wiegt, gesehen. Unterstellt wird der Mutter Egoismus, als ob das eigene Kind, das nur sich selbst gehört, aber geliebt werden darf, zum Besitzstand gehörte und zumindest eine kurzfristige Antwort auf die Sinnfrage darstellte, solange, bis das Kind das Haus verlasse. Simone de Beauvoir instrumentalisiert den Menschen. Ist das Kind je Besitz der Mutter?

„… und dieser Embryo, der in ihr haust, ist ja nichts wie Fleisch“

Von einem Kinderwunsch der Mutter, ein Kind, um seiner selbst willen, nicht aus Eigennutz, weiß sie nichts. So wird nachvollziehbar, warum de Beauvoir in ihrem Weltbestseller „Das andere Geschlecht“ – der Originaltitel lautet: „Le Deuxième Sexe“, also „Das zweite Geschlecht“, was die hierarchische Geringschätzung der Frau betonen soll – über die schwangere Frau materialistisch schreibt: „Sie fürchtet auch, mit einem Schwächling, einem Ungeheuer niederzukommen, weil sie die scheußliche Zufälligkeit des Körpers kennt, und dieser Embryo, der in ihr haust, ist ja nichts wie Fleisch.“ Der Fötus sei für die Frau „ein Parasit, der auf ihre Kosten lebt“ (Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Zweites Buch, Zweiter Teil, VI. Mutterschaft, Rowohlt Verlag 1980, S. 482 f.).

Simone de Beauvoir vertrat, wie ihr Lebensgefährte Jean-Paul Sartre, ein radikales Autonomie-Verständnis. Über die Menschenwürde kann damit beliebig verfügt werden, ja sie kann kraft eines Aktes der Selbstbestimmung oder auch der Selbstbefreiung vernichtet werden: wenn die Mutter das Kind im Mutterleib als Störenfried für ihr jetziges und künftiges Leben, als bloßen „Parasiten“ identifiziert und sich entscheidet, das Kind in ihrem Leib töten zu lassen. Die Freiheit des Menschen wird in eins gesetzt mit willentlich bestimmter Selbstverwirklichung. Schützenswert sind dann subjektive Karriereabsichten oder kostspielige Urlaubsreisen, nicht aber Menschenleben.

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Die enthemmte Fantasie unterstellt der schwangeren Frau, dass die „scheußliche Zufälligkeit“ dann noch aus dem Nachwuchs einen „Schwächling“ oder ein wie immer bezeichnetes „Ungeheuer“ entstehen lässt – wird hier etwa ein geistig oder körperlich beeinträchtigtes Kind gedacht? Der Frau wird eine umfassende Verfügungsmacht über den eigenen Körper zu-, dem ungeborenen Kind jegliche Rechte aberkannt. Die Würde des ungeborenen Lebens wird zur Ermessenssache, das unerwünschte Kind soll getötet werden, wenn die Mutter es wünscht. Maßstab allein ist der fluide Wille der schwangeren Frau, und es wird skandalöserweise als richtig bestimmt, dass ein Mensch über den Tod eines anderen Menschen im eigenen Leib beliebig verfügen kann.

„Wir haben abgetrieben“: Das Vorbild für die Stern-Kampagne kam aus Frankreich

Die Philosophin gehörte zu den Mitunterzeichnerinnen, die im Nouvel Observateur am 5. April 1971 das „Manifest der 343“ veröffentlicht: 343 Französinnen, so auch Simone de Beauvoir, weiterhin die Schriftstellerin Françoise Sagan und die bekannte Schauspielerin Jeanne Moreau, bekundeten freimütig und stolz: „Je me suis fait avorter“ („Ich habe abgetrieben“). Sie alle forderten das Recht auf freie Abtreibung. Auch in Deutschland, nur einen Monat später, im Magazin Stern, bekannten sich am 6. Juni 1971 unter Führung der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer Frauen zur Abtreibung, zu: „Wir haben abgetrieben.“ Darunter auch die bekannte Schauspielerin Senta Berger.

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Seinerzeit herrschte in der katholischen Kirche in Deutschland und seitens ihrer Oberhirten ein energisches Eintreten für den unbedingten Lebensschutz vor. Einige Diözesanbischöfe errichteten eine Brandmauer gegen politische Akteure, die eine Legalisierung der Abtreibung befürworteten. Kandidaten demokratischer Parteien, die zur Bundestagswahl 1972 antraten und den Lebensschutz relativieren wollten, galten als unwählbar. Der Kölner Erzbischof, Joseph Kardinal Höffner, erklärte in einem Hirtenbrief im Februar 1972 unmissverständlich: „Abgeordnete, die nicht bereit sind, die Unantastbarkeit menschlichen Lebens, auch des ungeborenen Kindes, zu gewährleisten, sind für einen gläubigen Christen nicht wählbar.“ (Joseph Kardinal Höffner: Kraft des Glaubens II, Freiburg 1986, S. 426).

Und heute? Allenthalben warnen deutsche Bischöfe wortmächtig vor der AfD, die zumindest von sich behauptet, dass sie der „schleichenden Erosion des Lebensrechts in der Politik effektiv Einhalt gebietet“.

Der Ungeist des Existenzialismus

Simone de Beauvoir kämpfte ihr Leben lang energisch für Abtreibung. Vor fünfzig Jahren riet Frauen davon ab, zu heiraten und Mütter zu werden. „Mutterschaft“ und „Heirat“ bezeichnete sie als „Falle“, als eine „wahre Sklaverei“, und Frauen sollten, wenn sie denn wollten, sich davor hüten zu heiraten. Gefragt, ob sie es selbst bereue, kinderlos geblieben zu sein, antwortete die Philosophin – damals 68 Jahre alt – freimütig, ironisch und beschwingt: „O nein! Ich gratuliere mir jeden Tag dazu! Wenn ich die Großmütter sehe, die – anstatt endlich einmal ein bisschen Zeit für sich selbst zu haben – auf kleine Kinder aufpassen müssen … Das macht ihnen nicht immer nur Freude …“

Vordergründig wirbt die Philosophin für Wahlfreiheit, mit einer militanten, zynischen Rhetorik und offensiv bekundeter Kinderfeindlichkeit. Kleine, spielende Kinder werden als Bedrohung für das Freizeitvergnügen von Großmüttern angesehen. De Beauvoir tritt auf, als ob mit der individuellen Lebensgestaltung eine absolut gesetzte Souveränität über den eigenen Körper einherginge, bei der die Unantastbarkeit der Würde des Menschen, damit auch die Frucht des Leibes, das ungeborene Leben, vollständig relativiert und damit auch berechtigterweise getötet werden könnte. Statt des sehnsüchtig erwarteten, geliebten Wunschkindes kennt sie damit nur die über alles geliebte, existenzialistisch legitimierte Selbstverwirklichung und, bei deren Gefährdung, den Wunsch auf vorgeburtlichen Kindstod durch Abtreibung.

In Frankreich hat der Ungeist des Existenzialismus triumphiert. Heute ist dort die Freiheit zur Abtreibung als Verfassungsrecht etabliert. Der Beauvoir’schen Gesinnnung folgend wurde am 4. März 2024 am Place du Trocadero in Paris von Demonstranten plakatiert: „Mon corps, ma choix“, also „Mein Körper, meine Wahl“. Diese Wendung fußt auf Michel Foucaults „Biopolitik“ und meint den unbedingten Zugriff auf die biologischen Vorgaben des eigenen Körpers. Damit wird jede Abtreibung, aber auch jede Manipulation der biologischen Vorgaben als willentlicher, gerechtfertigter Akt der Selbstbestimmung identifiziert.

Öffentlicher Einsatz für Pädophile

Bis heute werden Vordenker der Abtreibung wie de Beauvoir, die maßgebenden Einfluss auf die Geistes- und Sozialwissenschaften und auf emanzipatorisch gesinnte politische Parteien hatten, teilweise hagiografisch verehrt. Vergessen werden sollte nicht: Sie und mit ihr viele andere Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre, André Glucksmann und Louis Aragon sowie spätere französische Minister wie Bernard Kouchner traten am 26. Januar 1977 in einem offenen Brief in Le Monde für die Freilassung von drei verurteilten Pädophilen ein und vertraten die Auffassung, dass Mädchen im Alter von 13 Jahren alt genug seien, um dem Geschlechtsverkehr mit Erwachsenen zuzustimmen.

Prominente, einflussreiche Denker wie Simone de Beauvoir sollten mehr, als das bisher geschehen ist, sehr genau und sehr kritisch gelesen werden – um die Dimensionen des lebensfeindlichen Grauens zu erkennen, das sich in der abendländischen Geistesgeschichte im alten Europa eingeschlichen hat, in dem das lebensunfreundlich gesinnte Subjekt nach eigenem Ermessen über Leben und Tod einer anderen Person entscheiden möchte.

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