Direkt zum Inhalt
Jan A. Karons Streifzug durch Deutschland

Zombieland und die Höllenorte der Bastardmoderne

Am Leopoldplatz riecht es nach verwesenden Obdachlosenbeinen und nach totem Lamm aus Halal-Metzgereien; der Gestank betäubt die Sinne. Hier, im Herzen des Wedding, einst Arbeiterbezirk und SPD-Bastion, breiten sich auf vier Hektar Verfall, Fäulnis und Verderben aus. Der Wedding als Arbeiterbezirk blickt auf eine lange rote und linke Tradition zurück. Im Kaiserreich und in der Weimarer Republik war er eine Hochburg der SPD und der KPD, bekannt für sozialrevolutionäre Bewegungen und später für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus, etwa in der Kösliner Straße mit ihrem roten Hauptquartier. 

Heute aber ist nichts mehr von Working Class Heroes, Malochertum und kleinem Mann zu sehen. Linke Traditionen leben heute in postmigrantischen Initiativen fort, aber soziale Herausforderungen wie Armut und Integration überwältigen den Bezirk. Im Wedding zeigt sich der Wesenswandel der Linken, die sich einst für Arbeiterklasse und Unterprivilegierte einsetzten, heute aber in migrantischen Parallelgesellschaften, der Drogenszene, progressiven Studenten und muslimischen Missionaren die Träger einer Revolution sehen, die es zu umgarnen gilt. 

Nach wie vor ist der Wedding eine rote Hochburg, nur ist dies im Jahr 2026 eben gänzlich anders definiert. Im Wedding zeigt sich auf brutale Art und Weise, wie der öffentliche Raum verfällt. Dabei scheint auf den ersten Blick am Leopoldplatz alles normal: Die Alte Nazarethkirche erhebt sich inmitten des Platzes, daneben spritzen Wasserfontänen im Sonnenlicht. Im Sommer tollen Kinder kreischend durch die Sprinkler, während aus der Kita Nazar eine rundliche Kopftuchmutter ihren Kinderwagen schiebt. Am Rande des Platzes sitzen Zugezogene und trinken kalten Kaffee an Plastiktischen eines Ladens, in dem Baristas übersäuerten und überteuerten Espresso ziehen.

Normal ist hier nichts

Aber normal ist hier bei genauerem Hinsehen nichts. Da ist zum einen die Gruppe dahindämmernder Obdachloser, die selbst im Sommer in Schlafsäcke eingewickelt sind und um „bitte ajn Evro“ betteln. Ihre Beine, von der Nekrose zerfressen, warten auf den Moment, in dem sie endgültig abfallen. Im hinteren Teil des Platzes, zwischen Tischtennisplatten, öffentlichen Toilettenhäuschen und kleinen Grünflächen, floriert der Drogenhandel. Eine Szene, die zwar ihre besten Jahre hinter sich, aber das Bierflaschen-Öffnen mit den Zähnen nicht verlernt hat, belagert das kleine Areal und handelt mit Rauschgift. 

Hamburg: stadtpolitisch geförderte Drogenausgabestelle

Sie geht arbeitsteilig vor – jeder Zwischenhändler hat seine Route, jedes Glied der Kette einen Ansprechpartner – und ist wachsam ob möglicher Beobachtung durch unerwünschte Dritte und Polizisten. Am nördlichen Ende des Platzes thront die Ruine eines Karstadt, der einst auf sechs Etagen Shoppingvergnügen garantierte, inklusive eines Feinkost-Supermarkts namens Perfetto, wo es pralle Salsiccia-Würste und schillernd grünen Spargel gab.

Karstadt – deshalb dieser Exkurs – steht symbolisch für ein Deutschland, das untergegangen ist: Die Kaufhäuser, 1881 von Rudolph Karstadt in Wismar gegründet, expandierten in zahlreiche deutsche Städte, wurden von den Mann-Brüdern populär gemacht, und gehörten zu den ersten Gebäuden mit Rolltreppe in Deutschland. Sie überlebten sowohl Enteignung als auch Bomben und Kampfhandlungen im „Dritten Reich“. Als sich die Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg erholte, wurde Karstadt zu einem Aushängeschild des deutschen Wirtschaftswunders. Dort war alles zu haben, was das Herz in der goldenen BRD begehrte – von Spielsachen über Flotte-Lotte-Küchengeräten bis zu bügelfreien Hemden. 

Auf der Mönckebergstraße in Hamburg verkaufte man Staubsauger, Schmortöpfe, Siemens-Radios und Schallplatten auf Zehntausenden Quadratmetern. 1978 eröffnete die Filiale in Berlin-Wedding am Leopoldplatz. In den 90er-Jahren kaufte der Konzern sogar die Hertie-Gruppe mitsamt des legendären KaDeWe in Berlin auf. Karstadt, dieses fette Einkaufshaus und einst Tempel des Konsums mit Dependancen in jeder Stadt, war das Monument für den deutschen Wohlstand.

Doch Karstadt ging pleite, die Lichter erloschen. Die Drogenszene blieb – und wuchs. Die Ruine steht nun dort als stummer Zeuge einer vergangenen Epoche. Um sie herum torkeln Junkies und gescheiterte Existenzen. In den 80ern hatte der Wedding 20 Prozent Migranten, heute sind es über 40 Prozent. Türkische Gemüsehändler ohne Deutschkenntnisse, rumänische Drogendealer, polnische Obdachlose, arabische Junkies, sie alle prägen das Bild des Leos.

Manche Innenstädte haben sich in No-want-Zonen verwandelt

Der Leopoldplatz ist Sinnbild für eine Entwicklung, die deutsche Städte in der ganzen Bundesrepublik erfasst hat: Innenstädte und öffentliche Orte haben sich bis zur Unkenntlichkeit verwandelt; aber nicht nur im Sinne der Überfremdung (wie in dem Kapitel „Fremdland“ skizziert), sondern auch im Sinne eines Ordnungs- und Werteverfalls. Sie sind heute Orte des Niedergangs, deren Bewohnerschaft sich kaum noch ‘aus der Mitte’ der Gesellschaft speist. Ihre Einkaufsläden und Restaurants sind geschlossen, immer weniger Menschen halten sich an ihnen gerne auf, weil man mit einer grassierenden Verwahrlosung konfrontiert wird, die in der Bundesrepublik noch vor ein paar Jahren unbekannt war. 

In diesem Sinne haben sich viele Orte des öffentlichen Raums zwar nicht gänzlich zu No-go-Zonen verwandelt, aber man kann bereits von No-want-Zonen sprechen, die eher gemieden oder nur noch mit einem mulmigen Gefühl aufgesucht werden. So ist es übrigens auch im Wedding, wo Müllerstraße und Schulstraße ein Areal umrahmen, das heute zwischen zentraler Drogenkonsumstelle, multiethnischem Territorialkampf und Hub grassierender Armut changiert.

› Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge

Im Juni 2024 stand die Fußball-Europameisterschaft im Mutterland des Fußballs vor der Tür. Ausländische Medien fanden einen gleichermaßen tristen wie passenden Namen für das oben beschriebene Phänomen: „Zombieland“. So taufte der britische Telegraph das Frankfurter Bahnhofsviertel, während die Sun das Gründerzeitviertel als „Deutschlands größten Slum“ bezeichnete. Das Bahnhofsviertel in Frankfurt und der Leopoldplatz in Berlin-Wedding haben sehr viel miteinander gemein, beide sind Zombieland, und Zombieland, das weiß jeder, der die TV-Serie „The Walking Dead“ gesehen hat, ist kein Ort, an dem sich Nicht-Zombies, also normale Menschen, aufhalten wollen.

„Zweimal täglich spritzt die Stadtreinigung die Fäkalien weg“

Das Frankfurter Bahnhofsviertel muss man sich wie den Leopoldplatz auf Steroiden vorstellen: Der Bezirk mit seinen zwei Hauptschlagadern, der Taunus- und Kaiserstraße, ist ein Habitat im Dauerausnahmezustand, in dem Kriminelle, Drogenabhängige und Obdachlose aufeinandertreffen. Wer hier entlangläuft, betritt eine Parallelwelt und Crackhölle, die nur wenige Hundert Meter von den glitzernden Bankentürmen der Skyline entfernt zu sein scheint; tatsächlich trennen sie Welten.

Was bedeutet „Bastardmoderne“ ?

„Bastardmoderne“ ist Karons Diagnosebegriff für den gegenwärtigen Zustand des westlichen Gesellschaftsmodells, konkret der „späten Bundesrepublik“. Der Westen erscheint ihm als „Bastard“ – eine ungewollte Kreuzung aus postmodernem Relativismus, entfesselten Kapitalströmen, zivilreligiöser Heilserwartung und migrationsextremistischen Auswüchsen. Die Leitfrage lautet: Wie wurden wir das, was wir nie sein wollten?
Fluide LGBTQ-Identitäten, Eliten als selbsternannte Tugendwächter, neue Glaubensgemeinschaften mit Häretikern und Aposteln, Städte als „Fremd- und Zombieland“ – all das sind für Karon Symptome einer Epoche, die aus der Postmoderne hervorging und heute ein groteskes Bild abgibt.

Juli 2024, morgens um acht auf der Taunusstraße: Ausgemergelte Gestalten kauern vor Hauseingängen, Crackpfeifen in zitternden Händen. Der Gestank von Urin und Müll liegt schwer in der Luft über fleckigen Matratzen und zerrissenen Schlafsäcken. „Zweimal täglich spritzt die Stadtreinigung die Fäkalien weg“, erklärte Ordnungsdezernentin Annette Rinn. In den sogenannten Wasserstraßen – Elbe, Weser, Mosel, Nidda – fließt in der Tat Wasser, nur eben als Dreckbeseitigungsmittel. 

Ein hagerer Mann beugt sich zu einem auf dem Gehweg kauernden Clochard hinab und entzündet dessen Crackpfeife. Der zieht daran bis zur Lungenembolie, als ob er sich gleich den Weg ins Reich Gottes bahnen will, so scheint es zumindest. Zwei Polizisten stehen an der Straßenecke und beobachten das Geschehen tatenlos. Eine Straßenecke weiter werden Beamte später einen Zwischenfall untersuchen müssen: Ein Junkie mit schweren Kopfverletzungen hatte sich auf der Wache gemeldet. Die verantwortliche Gruppe von arabisch-afrikanischen Dealern war allerdings geflohen, bevor die Einsatzkräfte eintrafen. Einer der Polizisten wird später resigniert sagen: „Selbst wenn wir die hier festnehmen, ist das ein Kampf gegen Windmühlen. Morgen sind sie wieder auf freiem Fuß.“

Hamburg: Man bewegt sich durch die Menge wie durch ein Minenfeld, mit gesenktem Blick und hochgezogenen Schultern, um niemanden versehentlich zu berühren

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2024 meldete einen Anstieg der Gewaltdelikte im Bahnhofsviertel um 12 Prozent gegenüber 2022, oft zwischen Drogenkonsumenten, aber auch gegen Unbeteiligte. Insgesamt gingen 12.530 Straftaten in die Statistik ein. Mehr als 50 Prozent der Überfälle in Frankfurt werden im Bahnhofsviertel verbucht. Die hohe Präsenz von Migranten, etwa aus Nordafrika oder Osteuropa, verstärkt bei Anwohnern das Gefühl, der Kiez sei übernommen worden. Laut BKA (2024) sind 30 Prozent der festgenommenen Dealer im Viertel Nicht-Deutsche, die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher ausfallen. Ohnehin ist das Bahnhofsviertel der Distrikt der Mainmetropole mit der höchsten Ausländerzahl.

Als die ZDF-Journalistin Sabine Platz im Oktober 2024 das Viertel besuchte, drehte sie ein Video, in dem sie sich schockiert über die Zustände vor Ort zeigte. „So viel Elend, so viele Dealer, so viele offen auf der Straße sitzende Fixer, so viele Kaputte und Kranke“, sprach Platz in die Selfie-Kamera, das habe sie in ihrem ganzen Leben nicht gesehen, nicht einmal in Detroit. „Das ist superkrass.“ Platz kassierte für ihre Ausführungen einen Shitstorm, weil viele Internetuser darin einen Beleg sahen, wie entkoppelt und realitätsfremd Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks inzwischen sind. 

Während gefühlt jeder Bürger die Zombieland-Orte Deutschlands kennt, fällt eine ZDF-Morgenmagazin-Reporterin aus allen Wolken, wenn sie mit der Realität konfrontiert wird. Ein afghanischer Wirt, der erst 2023 ein Restaurant im Viertel eröffnete, brachte es deutlicher auf den Punkt: „Das hier ist die Visitenkarte von Frankfurt, wo Touristen ankommen, die Frankfurt sehen wollen. Aber wenn man hierherkommt, dann merkt man: Deutschland ist fertig und eine Katastrophe.“

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. 

Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Rund 4.000 Drogenabhängige versorgen sich im Frankfurter Bahnhofsviertel täglich, etwa 300 sollen die Straßen des Viertels zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht haben. Einige Dutzend sterben jedes Jahr. Die Zahl war mal höher, weil es inzwischen Konsumräume, sauberes Spritzbesteck und bessere Versorgung durch Rettungskräfte gibt. Über 30 Einrichtungen, von Suppenküchen wie „Lehrer Lämpel“ bis zu Konsumräumen, versuchen das Elend zu lindern. 

Wer durch die Straßen des Bahnhofsviertels läuft, wird aber auch auf Elendstouristen stoßen, die zum Sightseeing mit Handys und Kameras durch die Straßen ziehen, so, als wäre menschliches Leid eine Attraktion. Auch das ist eine Perversion der Bastardmoderne: Die Mehrheitsgesellschaft fotografiert Zombies und staunt über sie. Sie fängt eine Parallelwelt ein, die nichts mit der ihren gemein hat. Sie will kein Teil davon sein, aber ein Bewusstsein und Belege für die Problemlage haben.

Das Schockierende ist, wie stark sich Armut und Elend gewandelt haben

Das Schockierende am Bahnhofsviertel ist aber nicht die Armut, das Elend, die Obdachlosigkeit und wirtschaftliche Not, sondern die Tatsache, dass sich Armut und Elend gewandelt haben: Drogenwracks mit offenen Wunden, die nicht mehr heilen; aufgerissene Pupillen, die von schlaflosen Nächten erzählen; Einstichwunden, die Zeugnis darüber ablegen, dass sich Junkies auf die Suche nach der letzten Venenöffnung begeben haben wie die Konklave nach dem zukünftigen Papst. 

Früher galten Obdachlose als mittellose und gescheiterte Männer, die nach Hausbrand oder Ehebruch zur Flasche griffen, alkoholabhängig waren, Geld verspielten, aber eigentlich nette Kerle waren, denen man helfen wollte. Im Bahnhofsviertel ist dies anders. Die Klientel speist sich kaum noch aus deutschen Pennern nach Schicksalsschlag, sondern vor allem aus Migranten mit leerem Blick, die entwurzelt, apathisch und versehrt in den Slums der Late-Stage-BRD dahinvegetieren.

Um zu sehen, wohin eine Verschärfung dieses Problems führt, muss man den Blick auf die USA richten. Dort gibt es in Form der Skid Rows ganze Zeltstädte von Obdachlosen. Diese ziehen sich oftmals über mehrere hundert Meter und entlang mehrerer Kreuzungen hin. In Seattle, Portland oder New York leben Tausende in solchen Straßenzügen, hausen in Zelten oder auf Pappkartons, oft unter prekären hygienischen Bedingungen. Dort verschränken sich die Probleme moderner Gesellschaften, deren Mitglieder der Obdachlosigkeit, Armut und Sucht verfallen: Hohe Kriminalitätsraten treffen auf Drogenkonsum und -handel, gesundheitliche Notstände wie die Hepatitis-Epidemien auf die Opioid-Krise.

In Los Angeles leben 5.000 bis 10.000 Menschen auf der Straße, viele in solchen Skid Rows. Sollten die sozialen Nöte auf dem Leopoldplatz oder im Bahnhofsviertel anwachsen und angrenzende Stadtviertel erfassen, ist es denkbar, dass sich auch in der Bundesrepublik ganze Drogenwrack-Stadtviertel herausbilden.

Auch Unterwerfungsgesten sind anscheinend ein Zeichen interkultureller Toleranz

Zurück zum Leopoldplatz. Im Gebüsch nahe der Nazarethkirche sitzt ein Mann mit brauner Haut und schwarzen Bartstoppeln auf seinem Rucksack, seine Hose mit Camouflage-Muster ist hochgekrempelt, die Beine dürr. Auf dem Asphalt um ihn herum liegen überall Plastikspritzen. Er kocht in Aluminiumfolie Heroin auf, das er sich gleich spritzen wird. 

Wie er da reingeraten sei, frage ich ihn. „Aus Spaß“, erwidert der Mann in gebrochenem Deutsch. Er ist in Afghanistan geboren und sagt, er würde sich schämen für das, was er tut. Er wolle zurück nach Afghanistan, denn er sei in seinen Erwartungen enttäuscht worden, als er 2015 nach Deutschland kam. Dann wird die Vene eingestochen.

Der Rauschgiftkonsum in aller Öffentlichkeit, der mit unverhohlenem Drogenhandel einhergeht, bedeuten einen großen Verlust an Lebensqualität für Anwohner des Leopoldplatzes. Das wiederum betrifft auch zahlreiche Migranten, die sich ein gesetzestreues und auskömmliches Leben im Wedding-Kiez aufgebaut haben. In den vergangenen Jahren entstanden Anwohnerinitiativen wie „Wir am Leo“, es wurde zu einem runden Tisch geladen, Petitionen wurden gestartet und an die Berliner Politik übergeben. 

Doch gebracht hat es nichts, die Drogenkriminalität, so scheint es, lässt sich nicht einhegen. Stattdessen ist der Leopoldplatz seit 2025 eine offizielle Messerverbotszone der Berliner Polizei – und wurde während des Fastenmonats Ramadan Schauplatz des Fastenbrechens, bei dem „Allahu Akbar“ vor besagter Nazarethkirche gerufen wurde. Auch Unterwerfungsgesten sind anscheinend ein Zeichen interkultureller Toleranz.

Ab und zu stirbt ein Obdachloser aus Polen oder ein Dealer aus Marokko

Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist ebenso wie der Leopoldplatz zu einem Ort der Verwahrlosung geworden, an dem sich manifestiert, dass dieses Land gewisse Stadtviertel aufgegeben hat. Dort geht es kaum noch darum, das Zusammenleben positiv zu gestalten oder ein Problem zu lösen, sondern es nach Möglichkeit kleinzuhalten. „Containment-Politik“ nennt man das.

Auch in anderen Teilen des Landes existieren gleiche Probleme in schwächerer Ausprägung: am S- und U-Bahnhof Neukölln etwa, in Essen, entlang der Berliner Hermannstraße, hinter dem Dortmunder Hauptbahnhof und in der Neustadt, in der Neckarstadt-West Mannheims oder am Hauptbahnhof in Hamburg und dem dahinter befindlichen „Drob Inn“, einer stadtpolitisch geförderten Drogenausgabestelle.

Dort ist eine besonders bizarre Szenerie zu beobachten, wenn sich im Sommer Hunderte Junkies auf einer Wiesenfläche versammeln. Einige konsumieren, andere befinden sich im Halbschlaf, immer wieder kommt es zu Faustkämpfen und Messerstechereien, ab und zu stirbt ein Obdachloser aus Polen oder ein Dealer aus Marokko. Die Stadt duldet und akzeptiert den Umschlagplatz, weil die Konzentration auf einem kleinen Gebiet das Problem in dem Sinne begrenzt, dass (fast) nur andere Konsumenten von Gewalt betroffen sind, und die Verwahrlosung nicht im Stadtbild oder für Touristen sichtbar wird. Containment heißt hier Einpferchung, also möglichst viel Zombieland auf möglichst kleinem Raum, wo die Untoten sich selbst überlassen werden.

Bahnhöfe sind wahre Höllenorte der Bastardmoderne

Bahnhöfe sind ohnehin wahre Höllenorte der Bastardmoderne, Orte, an denen sich kaum ein Mensch freiwillig länger als nötig aufhält. In den Großstädten werden Reisende von Obdachlosen angeschnorrt, während Migrantengruppen mit Dominanzgebärden Präsenz zeigen. Zwischen Imbissläden wie Crobag und Shops wie Yorma’s liegt eine durchweg trostlose Atmosphäre. Zugleich muss man dort stets auf der Hut sein: Niemandem zu lange in die Augen sehen, keinen Streit provozieren und auf neugierige Fragen ausweichend antworten. 

Man bewegt sich durch die Menge wie durch ein Minenfeld, mit gesenktem Blick und hochgezogenen Schultern, um niemanden versehentlich zu berühren. Selbst Bahnhöfe in Kleinstädten offenbaren schonungslos, wie sehr die Bundesrepublik der Bastardmoderne heruntergekommen ist. Viele von ihnen wurden totmodernisiert. Es sind heute bloße, seelenlose Gleisabschnitte, ausgestattet mit defekten Ticketautomaten und chronisch ausgefallenen Anzeigetafeln. 

Hat man Pech, verirrt sich sogar in einem Kaff im Schwarzwald oder einem Dorf im Erzgebirge eine erlebnisorientierte Gruppe an den verlassenen Bahnhof. Umstiege werden zur puren Geduldsprobe, bei der jede Minute zur Qual wird. Und die Uhrzeiger schleichen wie Würmer über das Zifferblatt, man starrt auf die Schienen und wirft Münzen in einen Snackautomaten, bis endlich ein Zug eintrifft, der einen endlich von diesem gottlosen Bahnhof fortbringt. Manchmal bedeutet Rettung ein Regionalzug der Deutschen Bahn.

Spricht man über das Phänomen Zombieland, kommt man schnell in Bredouille, weil diese Kritik die Schwächsten der Schwachen betrifft. „Dünnes Eis“, heißt es dann, oder: „Die Menschen sind ohnehin die ärmsten Säue.“ Deshalb richtet sich die Kritik nicht an die in der Tat bemitleidenswerten Gestalten, die oft in den Tag leben, deren Lebenserwartung in Monaten gemessen wird und die in verfestigten Kreisläufen aus Sucht, Geldnot, Gesundheitsproblemen, Einsamkeit und psychischen Krankheiten gefangen sind, sodass man gar nicht weiß, wie man das Problem lösen könnte. Es geht nicht um individuelle Sündenböcke, sondern um einen kollektiven Sündenfall, der es zuließ, dass wir Teile unseres öffentlichen Raums vollständig aufgegeben haben.

Der public space im Sinne eines Gesellschaftsvertrags leidet aber sehr wohl darunter, wenn ganze Plätze, Viertel und Straßen unbegehbar werden; wenn sie die Gefahr bergen, dass Anwohner ausgeraubt und Touristen überfallen werden; wenn Väter Sorge um ihre Kinder haben und Frauen den Nachhauseweg fürchten. Zombieland geht mit einem Sicherheitsverlust einher, sowohl im wörtlichen als auch im metaphysischen Sinne.

Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug aus Jan Karons „Bastardmoderne. Streifzüge durch ein fremdes Deutschland“, das im April 2026 in der „Edition Tumult“ im Gerhard-Hess-Verlag erschienen ist. Corrigenda dankt Autor und Verlag für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung. Das Buch kann u.a. hier bestellt werden.

 

› Kennen Sie schon unseren Corrigenda-Telegram- und WhatsApp-Kanal?

22
2

Kommentare