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Fragwürdige Argumentation

Warum Schüsse auf eine Kirche nicht als christenfeindlich gelten

Wenn das Bundeskriminalamt (BKA) in seiner jährlichen Statistik zur politisch motivierten Kriminalität die Zahlen zur Christenfeindlichkeit in Deutschland veröffentlicht, haben viele Christen den Eindruck, dass die Statistik nicht das wahre Ausmaß der christenfeindlichen Straftaten abbildet. Attacken auf Christen würden häufig gar nicht zur Anzeige gebracht, lautet ein Teil des Verdachts. Der andere Teil lautet, die Behörden würden christenfeindliche Taten nicht als solche einstufen.

Warum diese Skepsis herrscht, zeigt aktuell ein Fall aus Hanau. In der hessischen Stadt wurde am vorvergangenen Sonntag während der Messe auf die Kirche Heilig Geist geschossen. „Die Gottesdienstteilnehmer wurden durch plötzliches Klirren und umherfliegende Glassplitter auf den Vorfall aufmerksam“, schilderte die Polizei am Tag nach der Tat. Rund 200 Personen sollen sich in der Kirche befunden haben.

Vor Ort stellten die Beamten mehrere Einschüsse fest. Sowohl innerhalb des Gebäudes als auch im Außenbereich fanden sie silberne Stahlkugeln mit einem Durchmesser von etwa fünf Millimetern sowie weiße Plastikkugeln mit rund drei Millimetern Durchmesser. Die Polizei vermutet, dass die Schüsse entweder mit einer Softair-Waffe oder mit einer Zwille abgefeuert wurden. Zur Zahl der Verletzten teilte sie mit: „Gleichwohl nach aktuellem Stand niemand verletzt wurde, gab eine Person jedoch später an, von Glassplittern getroffen worden zu sein.“ Der Sachschaden beläuft sich auf geschätzt 5.000 Euro.

Polizei stuft Tat als einfache Sachbeschädigung ein

Obwohl eine Kirche angegriffen wurde, zumal am Sonntag während der Heiligen Messe, und es einen Verletzten gab, geht die Tat nicht als christenfeindlich in die Statistik ein. Das bestätigten gegenüber Corrigenda sowohl das Landeskriminalamt (LKA) als auch das Polizeipräsidium Südosthessen, die dafür zuständig sind, die Tat zu bewerten und gegebenenfalls an das BKA zu melden.

Da christenfeindliche Straftaten in der Statistik zur politisch motivierten Kriminalität erfasst werden, müssen auch „Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass die Tat politisch motiviert ist beziehungsweise sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung richtet oder einer politischen beziehungsweise ideologischen Motivation zugeordnet werden kann“, begründeten die beiden Behörden ihre Entscheidung. Derartige Anhaltspunkte lägen bis dato nicht vor, auch weil noch keine Tatverdächtigen ermittelt werden konnten.

Neben der Kategorie „christenfeindlich“ gibt es in der BKA-Statistik noch die Kategorie „Angriffsziel Kirche“. Aber dort werden die Schüsse ebenfalls nicht in die Statistik einfließen, wie LKA und Polizeipräsidium gegenüber diesem Magazin erklärten. 

Zahlen aus der BKA-Statistik zur politisch motivierten Kriminalität 2024

Der Grund ist auch hier das vermeintlich fehlende politische Tatmotiv. Die Behörden stufen die Schüsse als einfache Sachbeschädigung ein, gehen also davon aus, dass die Täter ein beliebiges Gebäude beschießen wollten und nur zufällig eine Kirche während der Sonntagsmesse wählten.

Beobachtungsstelle äußert deutliche Kritik

Scharfe Kritik daran kommt von der Beobachtungsstelle für Intoleranz gegenüber und Diskriminierung von Christen in Europa (OIDAC). Die Leiterin der NGO, Anja Tang, machte gegenüber Corrigenda deutlich: 

„Wenn eine Kirche während eines Gottesdiensts mit Stahlkugeln beschossen wird, ist es abwegig, wenn die Behörden davon ausgehen, dass kein christenfeindliches Motiv vorliegt. Man stelle sich vor, eine Synagoge würde während einer Versammlung beschossen werden und die Behörden registrierten den Fall nur als Sachbeschädigung – eine solche Einordnung würden wir zu Recht als skandalöse Verharmlosung empfinden.“

Sie fordert vom BKA, die Methodik zur Erfassung christenfeindlicher Straftaten grundsätzlich zu überdenken:

„Das BKA siedelt die Erfassung von Hassverbrechen im Extremismusbereich an und konzentriert sich dadurch auf politische Motive. Insbesondere christenfeindliche Straftaten, wie Brandanschläge auf Kirchen, enthauptete Statuen oder mitunter auch Angriffe auf Personen, werden dadurch häufig völlig übersehen. Deutschland bleibt mit dieser engen Zählweise hinter den internationalen Standards der OSZE zurück, laut denen auch Angriffe auf Religionsstätten gezählt werden sollen, wenn ein Symbolcharakter besteht. Eine enthauptete Christusstatue oder eine angezündete Bibel sind eben nicht bloße Sachbeschädigungen, sondern haben eine einschüchternde Wirkung auf die Gemeinden.“

Christenfeindliche Taten nehmen zu

OIDAC hingegen folge der OSZE-Methodik. „Das bedeutet, dass wir Angriffe auf Kirchen als christenfeindliche Akte zählen, wenn kein anderes Tätermotiv (wie etwa finanzielle Bereicherung bei Diebstahl aus Opferstöcken) erkennbar ist“, erläutert Tang. Laut BKA kam es im aktuellen Berichtsjahr 2024 zu 337 christenfeindlichen Straftaten in Deutschland. OIDAC dokumentierte 134 weitere Fälle, die nicht in der BKA-Statistik auftauchen. 

Mit der Gesamtzahl von 471 christenfeindlichen Taten liegt Deutschland europaweit auf Rang drei, wie aus dem Jahresbericht der NGO hervorgeht. Davor landen Frankreich (909 Fälle) und Großbritannien (549 Fälle). OIDAC zufolge ist die Zahl der christenfeindlichen Taten in Deutschland in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Nimmt man allein die BKA-Zahlen, lag die Zunahme von 2022 auf 2023 bei 105 Prozent, von 2023 auf 2024 bei 22 Prozent. 

Corrigenda hatte für diesen Artikel an die Pfarrei der beschossenen Kirche Heilig Geist in Hanau ebenfalls eine Anfrage gestellt. Die Pfarrei ließ die übermittelten Fragen jedoch auch nach einer Woche unbeantwortet.

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