Anzüglichkeiten sind kein Verbrechen, sondern Teil des Spiels der Geschlechter
Ausschnitt ist nicht gleich Ausschnitt. Meiner war nicht besonders gewagt, aber auch nicht zu leugnen, als mich vor zig Jahren ein durchaus bekannter Politiker auf ihn ansprach. Wir befanden uns auf einem Galaempfang in München, alle waren schick. Ich war als Reporterin vor Ort, in Abendgarderobe, und führte hier und da kurze Interviews. Irgendwann stand ich mit jenem Politiker zusammen, der auf Augenkontakt weitestgehend verzichtete und fast nur mit meinem Ausschnitt sprach. Als wir uns verabschiedeten, kommentierte er breitgrinsend: „Was Sie da zu bieten haben, sauba sag I“. Frei aus dem Bayerischen übersetzt, hatte er mir mitgeteilt, dass ihm das, was er da gesehen hatte, gefiel.
Hohepriesterinnen der MeToo-Bewegung verstehen bei so etwas keinen Spaß. Die gab es zwar damals noch nicht, aber heute weiß ich, dass ich sofort zornesrot in die unerbittliche Schlacht ziehen müsste gegen das chauvinistische Schwein namens Mann, wenn es nach ihnen ginge. Unter anderem eine einstige Stern-Reporterin machte in hyperfeministischer Manier vor, wie es geht. In einem 2013 veröffentlichten Porträt über den ehemaligen FDP-Politiker Rainer Brüderle ließ sie dessen Flirtoffensive während eines Dreikönigsballs der Liberalen nicht unerwähnt. Der damalige FDP-Fraktionschef soll es mit seinen Blicken ebenfalls auf ihre Oberweite abgesehen und schließlich befunden haben: „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“
Dass die Episode mit Brüderle damals zum Sexismus-Skandal hochgekocht ist, fand ich völlig übertrieben. Eine Schlagzeile jagte die andere. In Talkshows überboten sich die Richter der Moral gegenseitig. Man hätte Rainer Brüderle höchstens attestieren können, dass er zu der Spezies der Plumpen gehört, wenn es um die Kategorie „Komplimente“ geht. Taktgefühl ist eben nicht jedermanns Sache. Dasselbe lässt sich auch über den von mir eingangs erwähnten Politiker sagen. Die beiden bilden in dieser Hinsicht eine Koalition. Beide sind zu bedauern, denn sie können es eben nicht. Sie beherrschen sie nicht, die Kunst der Anzüglichkeit. Trösten mag sie, dass ohnehin nur eine Minderheit dafür begabt sein dürfte. Doch wer ist es überhaupt?
Hysterie statt Souveränität
Mein ganzes Frauenleben schon werde ich mit Anzüglichkeiten konfrontiert. Mir geht es da wie vielen, die dem weiblichen Geschlecht angehören. Aber als souveräne Frau habe ich gelernt, mit Anzüglichkeiten umzugehen. Sie gehören eben zum Spiel der Geschlechter, und jede Frau sollte da parieren können. Ich neige dazu, meistens schulterzuckend darauf zu antworten, weil die häufig damit verbundene Plumpheit unoriginell ist und mich langweilt. Klar, manches ist wirklich arg daneben, aber grundsätzlich geht die Welt von Anzüglichkeiten nun wirklich nicht unter. Zudem: Wie würden wir Frauen uns fühlen, wenn uns Männer keines Blickes mehr würdigen und selbst ein – vielleicht verunglücktes – Kompliment lieber seinlassen?
Als vor wenigen Monaten der CDU-Politiker und Innenminister des Landes Baden-Württemberg Manuel Hagel wegen des sogenannten „Rehaugen-Videos“ von zig Seiten unter Beschuss geriet, wurde wieder deutlich, dass die Relationen inzwischen beängstigend verrutscht sind. Wohin soll das führen, wenn bereits beim Wort „Rehaugen“ alle Register gezogen werden? Ist es angemessen, diese Art von Schwärmerei mit sexuellen Absichten gleichzusetzen? Sollen Männer am besten nur noch beschämt zu Boden schauen, wenn eine junge Frau vor ihnen steht? Ein Rehaugen-Kommentar ist keine Vergewaltigung und Pädophilie ein viel zu ernstes und erschütterndes Thema, um einen Rehaugen-Kommentar in diese Ecke zu stellen. Hier greift eine Form von Hysterie, die bekanntlich mit der MeToo-Bewegung ihren Anfang nahm. Diese bewertet anzügliche Kommentare als ebenso übergriffig wie Vergewaltigungen.
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Im penibel durchreinigten Kosmos der Wokisten wurde die Anzüglichkeit ohnehin bereits zu Tode gegeißelt und zu Grabe getragen. Requiescat in pace? Hoffentlich nicht. Es ist noch nicht zu spät. In non-woken Kreisen gilt der Exitus der Anzüglichkeit noch längst nicht als ausgemacht. Doch bevor sie auch dort in Gefahr gerät, sollten alle Versuche unternommen werden, sie vor dem Verschwinden zu bewahren. Denn bei allem, was gegen sie vorzubringen ist, garantiert auch die Anzüglichkeit das Fortbestehen des Zwielichtigen, Uneindeutigen, Ungewissen. Eben dessen, was nach Leben klingt inmitten der hippen, aber leichenstarren Sittengemälde in Schwarz-Weiß.
Der Reiz des Uneindeutigen
Es führt also völlig in die Irre, alles aussortieren zu wollen, was jenseits des Eindeutigen liegt. Dort, wo kein haltbietendes Geländer steht und keine Asepsis garantiert ist, in die verunsicherte Zeitgenossen nur allzu gern fliehen. Es wäre der Verlust einer riesigen Fundgrube, an der Surrealisten und Romantiker, die ihre Ära unter den Appell „Auf ins Ungewisse“ setzten, großen Gefallen fanden. In ihr liegen Geheimnis, Traumartiges, Lustvolles und Unheimliches. Also alles Unkontrollierbare und damit auch das, was Anzüglichkeit intendiert. Auch die Poesie ist dort zu finden, da sie ihrem Wesen gemäß aus allem herausstrebt, was auf festem, klar bestimmbarem Grund steht. Stattdessen geht es, mit der Lyrikerin Ingeborg Bachmann gesprochen, „über das dunkle Wasser nach weißen Rosen“.
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Von Literaturnobelpreisträger Peter Handke gäbe es wohl kein einziges literarisches Werk, fände er nicht Zuflucht in dem, was nicht hier und dort liegt, sondern im Dazwischen beheimatet ist oder in der Leere. Das Nicht-Greifbare, das Diffuse ist für sein Schreiben essenziell. Daher lautet sein Bekenntnis, mit dem auch ein Gesprächsband übertitelt ist: „Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen“. Die Untersuchungen des britischen Philosophen und Mathematikers Alfred North Whitehead liefern dazu eine Art Bestätigung. In seinem 1929 aus einem Essay entstandenen Werk „Prozess und Realität“ schreibt er: „Das Leben liegt in den Zwischenräumen jeder lebenden Zelle und in den Zwischenräumen des Gehirns verborgen.“
Das Profane der Anzüglichkeit überwinden
Wenn sich jemand zu Anzüglichkeiten verleiten lässt, wäre es gut, wenn er es darin zu einer gewissen Virtuosität bringt. Dann wäre ein neckisch-erotisches Spiel eröffnet, das in das Zwischenmenschliche unter Erwachsenen eine höchst inspirierende Atmosphäre legt. Leider könnte man hinter vielen Anzüglichkeiten vermuten, dass sie aus Zwischenräumen des Gehirns erwachsen sind, in denen Heu und Stroh liegen.
Es soll jedem zugestanden werden, sich danebenbenehmen zu können, zumal gerade das Terrain des Flirts zig Freifahrtscheine für Ungeschicklichkeit bietet. Trotzdem: Die Plumpheit regiert, sobald Anzüglichkeit im Anflug ist. Dass die Allerwenigsten es darin zu einer Meisterschaft bringen, hat auch damit zu tun, dass es beschämend wenig Interesse daran gibt, Zwischentöne auszuloten und dadurch Maß zu halten. Man denke nur an die dominierende Debattenkultur.
Hin zur Mitte, hin zum Maß, dem Ideal der alten Griechen. „Nemesis wacht, die Göttin des Maßes, nicht der Rache. Alle, die Grenzen überschreiten, werden von ihr unerbittlich gestraft“, heißt es in Albert Camus’ Essay „Helenas Exil“, und es ließe sich lesen als Mahnung an alle, die in Anbahnungssituationen schnell über die Stränge schlagen. Leider bleibt es kompliziert, denn das Liebäugeln mit der Grenzüberschreitung gehört nun einmal auch dazu. Wie dann Maß und Mitte halten? Beantworten kann das nur der, der das Profane der Anzüglichkeit überwunden und daraus eine Kunst gemacht hat. Wobei immer noch nicht geklärt ist, wer hier als Beispiel gelten kann.
Einschränkung der Freiheit
Der Fernsehmoderator Thomas Gottschalk schon einmal nicht. Mit seiner routinierten, mit Altherrenwitzen garnierten Anbaggerei von weiblichen Stars und Sternchen, die mit ihm auf der „Wetten, dass...?“-Couch saßen, zeigte der Showmaster, dass er höchstens auf Bezirksliga-Niveau herumzoten kann. Auch Model Heidi Klum kann diesbezüglich keinen Pokal abgreifen. Seit bei „Germany’s Next Topmodel“ männliche Models mitmachen, haut die Model-Mama einen frivolen Spruch nach dem anderen heraus. Sie kommentiert Waschbrettbäuche, nackte Männerhaut und nur mit einem Slip bekleidete Models mit wirren Kommentaren: „Mmmm, I love. Ich weiß gar nicht, wo ich hingucken soll.“ Oder sie reißt an den Mänteln der Models mit anzüglichem Unterton herum: „Darf ich mal gucken? Ist nicht so viel drunter.“
Immerhin zeigt Klum, dass Anzüglichkeit nicht nur reine Männersache ist. Trotzdem brauchen alle irgendwie Nachhilfe. Selbst ein James Bond, der allerdings nicht ganz so unbeholfen herumtapst wie die allermeisten. Als in „Liebesgrüße aus Moskau“ eine Schönheit klagt, ihr Mund sei zu groß, kontert der Schauspieler Sean Connery in der Rolle des Geheimagenten ebenso betörend wie lässig: „Nein, er ist gerade richtig. Für mich wenigstens.“
Mag sein, dass viele auch hier abwinken und die Sexismuskeule schwingen. Ein ständiges Wittern von chauvinistischen Aggressionen schränkt die Freiheit ein und spielt insbesondere religiösen Extremisten in die Hände. Was wartet dann auf uns Frauen? Die Vollverschleierung? Nein, danke, weitere Anzüglichkeiten, selbst die unbeholfenen, sind mir da wesentlich lieber.
Kommentare
'S gibt einen alten Klassiker, der heißt: Appetit holt man sich draußen, gegessen wird daheim.
Zumindest verheirateten Familienvätern steht es gut an, den Schnabel zu halten, wenn sie sich an Gottes schöner Schöpfung erfreuen.
Hängt diese woke-verklemmte Art vielleicht auch mit der sinkenden Geburtenrate zusammen? Ich könnte mir vorstellen, diese Haltung färbt irgendwann auf die Lustorgane ab.