Ein Revolutionär im Diskursgewand
Ein Intellektueller namens Jürgen Habermas (1929-2026) übte als junger Philosophiestudent Kritik im Feuilleton der FAZ, als er – geistig auf dem Weg nach Frankfurt, in das von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer geleitete Institut für Sozialforschung – 1953 in einer Rezension über einen Vorlesungsband des Freiburger Philosophen Martin Heidegger Sympathie für den NS-Staat unterstellte. Aufsehen sollte der prominente Linksintellektuelle Habermas, sehr oft unkritisch gelesen und nach seinem Tod am 14. März 2026 als europafreundlicher Vorzeige-Philosoph Deutschlands gewürdigt, noch einige Male in seinem langen Leben erregen.
Der Philosoph Habermas betrieb nachdrücklich die Politisierung der Wissenschaft. Er forderte energisch das Engagement der Studentenschaft im Sinne des „richtigen“, also marxistisch getönten Bewusstseins und damit eine politisch aktive, mit sozialistischen Ideen operierende Universität, die als maßgebender politischer Faktor wirksam werden sollte. Wissenschaftler, die sich als unpolitisch ansahen, stabilisierten nach Habermas die herrschende, also konservative, kapitalistische Ordnung des Wirtschaftswunderlandes. Bekennend linke Denker und Gelehrte sollten sich als Speerspitze des vermeintlichen Fortschritts der Gesellschaft begreifen. Der junge Habermas sprach gern von Revolution.
Im Frankfurter Institut für Sozialforschung, also in der sogenannten „Frankfurter Schule“, regte sich jedoch Widerstand gegen Habermas, der nach seiner Promotion bei Erich Rothacker in Bonn von 1956 bis 1959 dort tätig war. Kein Geringerer als Max Horkheimer, Direktor des Instituts, hegte begründete Vorbehalte gegen den aufstrebenden Philosophen, seinerzeit Institutsassistent (vgl. Max Horkheimer an Theodor W. Adorno vom 27. September 1958, in: Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften Bd. 18: Briefwechsel 1949-1973). Er beschreibt Habermas als „besonders regsamen, tätigen Menschen“ (ebd., S. 446), der sicher manches von Adorno gelernt habe, aber nichts über die Gesellschaft wisse. Habermas, der ehemalige „studentische Propagandist“ – er war in den 1950er Jahren in der „Kampf dem Atomtod“-Bewegung beteiligt gewesen –, bekenne sich wiederholt zur Revolution, die für ihn „einen Götzen“ darstelle.
„Pose des ‘praktisch-politischen’ Philosophen“
Horkheimer stellt bei dem jungen Jürgen Habermas ein gefährliches Denken fest und schreibt: „Wer jenen Terminus, die Revolution, dazu noch in der Pose des ‘praktisch-politischen’ Philosophen, zum Kern seiner Theorie macht, preist, wenn auch ohne Absicht, die Diktatur. Es gibt Epochen, in denen es darauf ankommt, die Änderung womöglich zu verhindern, und nicht Geschichte zu machen.“ (ebd., S. 444) Den später von deutschen Politikern als Musterdemokraten verehrten Habermas, der damals öffentlich über den Sinn von Revolution schwadronierte, begriff Horkheimer als fachlich unerwünscht und sah ihn als naiven Wegbereiter einer neuen Jakobinerherrschaft, eines totalitären Regimes an.
Habermas musste vorübergehend das Frankfurter Institut verlassen. Er wechselte 1959 nach Marburg und reichte dort bei dem bekennenden Marxisten Wolfgang Abendroth, der 1961 als Unterstützer des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes aus der SPD ausgeschlossen wurde, seine Habilitation ein. Den Marburger Politologen, der fortan der DKP nahestand, bezeichnete Habermas anerkennend zu dessen 60. Geburtstag als „Partisanenprofessor im Lande der Mitläufer“ (in: Die Zeit Nr. 18/1966, am 29. April 1966).
Fünf Jahre nach seinem Abschied erhielt Habermas – Horkheimer war inzwischen emeritiert – den Ruf auf die Professur für Philosophie und Soziologie am Frankfurter Institut für Sozialforschung. Die studentischen Proteste nahmen zu. Habermas entdeckte ein neues Feld für sich, um seine neomarxistisch kolorierten Vorstellungen in den Raum der Universität zu tragen. 1967 hielt er einen Vortrag über „Universität in der Demokratie – Demokratisierung der Universität“ und sprach über das politische Bewusstsein der Studentenschaft.
Neomarxistische Gesinnung, kommunistische Denkungsart
Die Erneuerung der Universität bedeutete für ihn die Politisierung der Wissenschaft. Aus den Geistes- und Sozialwissenschaften sollten samt und sonders politische Wissenschaften werden. In der Ordinarien-Universität werde es von den Professoren akzeptiert, so Habermas, wenn Studenten „mit herrschenden Auffassungen konform“ gingen, also sich seines Erachtens staatstragend, regierungsfreundlich oder konservativ artikulierten. Gewürdigt würde, wenn sie etwa „Solidaritätssammlungen für geflüchtete DDR-Studenten“ veranstalteten oder den Koreakrieg als „Verteidigung der Freiheit“ auffassten. Unerwünscht hingegen seien Statements „gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr“ oder den militärischen Einsatz der USA in Vietnam, der nach Habermas als „Intervention in einen Bürgerkrieg aufgefasst werden musste“ (Jürgen Habermas: Kleine Politische Schriften (I-IV), Frankfurt/Main 1981, 135).
Der Vordenker der Theorie des herrschaftsfreien Diskurses markierte hier mit einem professoralen Votum die Grenzen des Gesprächs. Allein der konsequente Antiamerikanismus – die USA galten Habermas als Kriegstreiber – entsprach dem unanfechtbaren, also „richtigen“, damit einzig wahren politischen Bewusstsein. Habermas protestierte und polemisierte gegen zulässige oder abweichende Meinungen, die sodann als unpolitisch und damit als Ausweis von politischer Unmündigkeit qualifiziert wurden, soweit sie nicht der neomarxistischen Gesinnung und Denkungsart entsprachen. Anders gesagt: Wer auf Kritik an der Intervention der USA in Vietnam verzichtet, muss scharf belehrt werden, so dass eine Bekehrung zu einer scheinbar aufgeklärten, d. h. kommunistischen Denkungsart erfolgt.
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Erwünscht war ein neues „politisches Bewusstsein der Studenten“. Der „Geist des Akademikerstandes“ habe sich früher nur reproduziert, das sollte sich ändern: „Auf deutschen Hochschulen war es lange genug ein unpolitisches Bewusstsein, eine eigentümliche Legierung aus bildungshumanistisch bestimmter Innerlichkeit und staatstreuer Autoritätsbereitschaft, die weniger unmittelbar politische Einstellungen hervorgebracht hat als vielmehr eine folgenreiche politische Mentalität bestimmt hat. Ohne deklarierte Veranstaltungen, ohne den Lehrbetrieb einer politischen Wissenschaft und ohne politische Bildungsarbeit, ohne ein Mandat der Studentenschaft für Fragen der Tagespolitik, ohne politische Vereinigungen von Studenten – eben unter der Glocke eines dem Scheine nach unpolitischen Betriebes – sind Generationen nicht nur wissenschaftlich ausgebildet, sondern zugleich politisch wirksam erzogen worden.“ (ebd., 142 f.)
Studenten als politische Akteure
Habermas warb klar und unmissverständlich – seine frühen Schriften belegen das eindeutig – für eine Politisierung der Wissenschaft, da er eine unpolitische Wissenschaft mit Restauration identifizierte. An die Stelle einer werturteilsfreien Wissenschaft sollte eine linke Wissenschaft treten.
Welches „Mandat“ für „Fragen der Tagespolitik“ etwa soll eine „Studentenschaft“, die es als Gruppe – auch nicht in den Geistes- und Sozialwissenschaften – weder in den sechziger Jahren noch später gegeben hat, haben – und warum? Habermas postuliert und fördert damit, dass gesinnungspolitisch organisierte Studenten ein politischer Faktor werden sollten, auf der Bühne des gesellschaftlichen Lebens, quasi auch als Korrektiv zum konservativen Bildungsbürgertum.
Er wendet sich gegen die vormals vermeintlich die Ordnung der Gesellschaft stabilisierenden Studenten, die als „unpolitisch“ beurteilt sowie als politisch unzuverlässig, also als anfällig für autoritäre Versuchungen disqualifiziert werden, und sieht Studenten als politische Akteure. Warum aber sollten Studenten das sein oder auch sein wollen? Die Förderung von Wissenschaftlern mit dem „richtigen“, also erwünschten linken politischen Bewusstsein. Der Vormarsch neomarxistischer Gesinnungsfreunde in die altehrwürdige, humanistische Ordinarien-Universität begann.
Ein selbsternannter Demokrat dekretiert, was Studenten denken und tun sollen
1967 konstatiert der Philosoph in einer „Rede über die politische Rolle der Studentenschaft in der Bundesrepublik“ eine „manifeste Erschütterung der Demokratie in unserem Lande“ (ebd., 206). In heutiger politischer Sprache formuliert, könnte man sagen, Habermas benennt die Gegnerschaft zum politischen System in West-Deutschland und spricht den Systemparteien der damals regierenden Großen Koalition unter Kurt-Georg Kiesinger (CDU) das Misstrauen aus:
„Die Aufgabe der studentischen Opposition in der Bundesrepublik war es und ist es, den Mangel an theoretischer Perspektive, den Mangel an Sensibilität gegenüber Verschleierungen und Verketzerungen, den Mangel an Radikalität bei der Auslegung und Praktizierung unserer sozialrechtsstaatlichen und demokratischen Verfassung, den Mangel an Antizipationsfähigkeit und wachsamer Fantasie, also Unterlassungen, zu kompensieren. Ihre Aufgabe ist es, das Fehlen einer in ihren Intentionen aufgeklärten, in ihren Mitteln redlichen, in ihren Interpretationen und Handlungen fortschrittlichen Politik, wenn nicht wettzumachen, so doch zu deklarieren.“ (ebd., 209)
Es bleibt aus heutiger Sicht unverständlich, warum überhaupt eine „Aufgabe der studentischen Opposition“, die nur sich selbst ein Mandat geben kann, von einem Philosophie-Professor benannt und als positiv beurteilt wird. Gesetzt, heute würde sich eine „studentische Opposition“ formieren, die in unbedingter Verfassungstreue das Grundgesetz – bezogen auf die Unantastbarkeit der Würde des Menschen und den Schutz des Lebens von der Empfängnis bis zum Tod gemäß Art. 1 GG – gegen die politischen Positionen so vieler Polit-Akteure in Stellung brächte und außerparlamentarisch ihre Stimme für die Menschenrechte einbrächte, damit energisch gegen ein angebliches „Menschenrecht auf Abtreibung“ kämpfen wollte, wie würden Philosophen wie Jürgen Habermas und seine linken Gesinnungsfreunde auf eine solche Protestbewegung reagieren? Eine „studentische Opposition“ dieser Art heute würde vom medialen Mainstream sehr wahrscheinlich schnell als „rechts“ oder „rechtspopulistisch“ stigmatisiert oder sogar als „rechtsradikal“ diffamiert.
„Eine rote Fahne kann eine aufklärende Wirkung haben“
Damals und dies nicht anders als heute besteht faktisch keinerlei „Aufgabe der studentischen Opposition“, sondern allein die Verantwortung des Individuums, das Gewissensentscheidungen als Einzelner für das persönliche politische Denken und Handeln treffen muss. Habermas erwähnt das Gewissen überhaupt nicht, denn er sieht es schon als politisch gebildet an und denkt, neomarxistisch geschult, in der Kategorie der Auseinandersetzung. Die „Radikalität“, die er einfordert, ist nicht mehr als ein genuin linker Gestaltungswille.
Im Mai 1968, als die Studentenunruhen zunahmen, stand Habermas der Wochenzeitung Die Zeit Rede und Antwort. Er beklagte vor allem den Mangel an Politisierung in Deutschland und stellte grundsätzlich infrage, ob überhaupt ein qualifizierter politischer Wille gebildet werden könne: „Eine politische Öffentlichkeit, die demokratische Willensbildungsprozesse im strengen Sinne zulässt, existiert in der Bundesrepublik nicht. Wie in vergleichbaren sozialstaatlich organisierten Massendemokratien vollzieht sich die politische Willensbildung auf dem Boden einer entpolitisierten Öffentlichkeit.“ (ebd., S. 245) Er diagnostizierte als Basis für den „staatlich geregelten Kapitalismus“ eine „Ersatzideologie“ (ebd., S. 250), in der Konsumrausch mit Privatisierung verbunden sei.
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Bei allen Vorbehalten gegenüber den gewaltsamen Aktionen der Studentenbewegung unterstützte er – wie sein Freund Herbert Marcuse – die „moralische Empörung über die im Namen der Freiheit geübte Barbarei der Amerikaner in Vietnam“ und bezeichnete den militärischen Einsatz nunmehr als „hygienische Ausrottungsaktion“, die eindeutig als solche zu benennen sei. Dass sich studentische Protestler in Deutschland mit den Vietcong-Milizen oder „chinesischen Kulturrevolutionären“ (ebd., 256) identifizierten, sah er indessen als kindisch an.
Die neomarxistische Gesinnung tritt aber zutage – ebenso die politische Verblendung –, wenn der Philosoph Habermas für die symbolisch gehisste rote Fahne schwärmt, wenngleich der „Sturm auf die Bastille“ 1968 nicht bevorstünde: „Eine rote Fahne im richtigen Augenblick auf dem richtigen Dach kann eine aufklärende Wirkung haben; sie kann eine Tabuschranke durchbrechen, eine Barriere gegen Aufklärungsprozesse aus dem Weg räumen.“ (ebd., 257)
„Keine Brücke zur politischen Psychologie der RAF“?
Der Leser von heute, der seinen gesunden Menschenverstand weder an eine Partei noch an eine Ideologie delegiert hat, kann darüber nur den Kopf schütteln. Wie kann ein eindeutig politisches Identifikationsemblem von sozialistischen Staaten und kommunistischen Bewegungen sowie linken Revolutionären die von Habermas unterstellte „aufklärende Wirkung“ besitzen? Zweifellos ist die rote Fahne ein Element der bewussten, absichtsvollen Provokation, die für die Gesinnung der handelnden Akteure steht und Sympathie oder Solidarität mit diktatorischen Regimen oder blutrünstigen Guerillakämpfern des Vietcongs suggeriert. Die rote Fahne wehte 1968 in der Sowjetunion, in der DDR, im ganzen Ostblock sowie in Nordkorea.
Knapp zehn Jahre später suchte der RAF-Terror, der im Milieu der 1968er-Bewegung entstanden war, die Bundesrepublik Deutschland heim. Gegenüber dem Politikwissenschaftler Kurt Sontheimer behauptete Habermas in einem veröffentlichten Brief vom 19. September 1977, dass „von den politischen Theorien der Neuen Linken“ ganz gewiss „keine Brücke zur politischen Psychologie der RAF“ führe: „Mit dem Terrorismus hat sich das aktionistische Element auch noch gegenüber dem Bedürfnis nach argumentativer Rechtfertigung verselbständigt; und eine Linke ohne Argument gibt es nicht.“ (ebd., S. 375)
Heute ist linkes Denken hochschulprägend
Im Gefolge der Studentenbewegung geriet die Universitätslandschaft in Bewegung. Linkes Denken wurde seminartauglich und hochschulprägend. Die Besetzung der Universitäten erfolgte nicht auf dem Weg der rohen Gewalt, sondern auf dem Marsch in die Institutionen im Rahmen eines hochschulpolitisch begünstigten Karriereweges. Eine linke politische Gesinnung – gemäß den Politisierungsideen von Jürgen Habermas –, gern mit Bezug auf die 1968er-Studentenbewegung, war für die Berufung auf eine Professur an zahlreichen Fakultäten der Geistes- und Sozialwissenschaften lange Zeit erwünscht und förderlich.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte den am 14. März 2026 verstorbenen Philosophen auf bezeichnende Weise: „Mit Jürgen Habermas verlieren wir einen großen Aufklärer, der die Widersprüche der Moderne durchmessen hat. Er hat uns das Ethos des demokratischen Diskurses gelehrt und die Emanzipation des Menschen als unaufgebbares Ziel begründet.“
Dass der „große Aufklärer“ Jürgen Habermas das Hissen der roten Fahne „im richtigen Augenblick auf dem richtigen Dach“ positiv beurteilte, relativiert den Lobpreis des Bundespräsidenten erheblich. Es zeigt überdeutlich an, wie notwendig eine kritische, das heißt also eine wahrhaft aufklärerische Perspektive auf diesen neomarxistischen Denker und dessen Werke ist.
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Hinweis der Redaktion: Liebe Leser, im Folgenden finden Sie weitere Porträts von Thorsten Paprotny über Philosophen und Denker, deren Ungeist noch heute für Unordnung und Verwirrung sorgt.
Louis Althusser: Der rote Brother Louie
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Simone de Beauvoir: Feindbild Mutterschaft
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