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Kolumne „Ein bisschen besser“

Was es mit unserem mysteriösen Sisyphos-Tisch auf sich hat

Judith und ich haben ein Tischlein-deck-dich bei uns in der Stube stehen. Also, wenn wir durch die Flügeltüren unseres alten Gemäuers am Kamin vorbei in die rechte hintere Ecke kommen. Dort steht ein großer Tisch aus Holz und Metall, und der deckt sich von allein.

Es liegt darauf: die iPad-Unterlage aus pechschwarzem Plastik, die Glasschale für Stifte, in der sich merkwürdigerweise Visitenkarten sammeln, weswegen immer die Stifte fehlen; das aktuell von Judith gelesene Buch, inklusive des Zweitbuchs, falls das erste eine langweilige Stelle hat; der Schnuffel vom Töchterchen, der abends, wenn sie ihn braucht, immer weg ist; eine Haarbürste; eine Hundebürste; der Reisepass; die Porzellanschale für die wichtigen Dinge, in die der Autoschlüssel hineingehört, der nie da drin ist, wenn ich loswill; die Sonnenbrille; der leer gelöffelte Joghurtbecher, der Adapter für die italienische Steckdose; das kaputte Ladekabel; das heile Ladekabel. Von der schönen Tischplatte aus hellem, unregelmäßigem Naturholz ist fast nichts zu sehen, und mir entfährt etwa alle sieben Tage ein ungeduldiger Seufzer, und ich sage: „Judith, können wir endlich mal den Tisch aufräumen? Wie das wieder aussieht!“

Sisyphos hatte kein LinkedIn

Judith interpretiert das „wir“ ganz selbstverständlich so, als sei ich an der Reihe. Und ich stehe da und komme mir vor wie einst am Fuße des Berges der Sisyphos, dem sein Stein gerade wieder heruntergekullert ist. Sisyphos hatte einen lausigen Job: Er musste einen schweren Felsbrocken den Berg hinaufwuchten, bis der kurz vor dem Gipfel wieder herunterrollte. Sisyphos fing von vorn an. Für immer. Als Strafe für irgendwas.

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Judith und ich sind mit der Strafe nicht so sicher. Immerhin wusste Sisyphos, was zu tun war. Kein Jour fixe, keine Zielvereinbarung, kein Outlook-Kalender. Er musste auch nicht bei LinkedIn bekanntgeben, dass er sich „sehr freue“, heute wieder einen Felsklumpen den Berg hochzuwuchten. Er hatte seinen Stein. Er hatte seinen Berg. Er hatte zu tun.

Was der moderne Mensch „Freizeit“ nennt

Das ist mehr, als viele von sich behaupten können. In Zeiten von Rente mit 63 wird uns ununterbrochen versprochen, dass alles ein bisschen besser wird, wenn wir endlich nichts mehr machen müssen. Roboter mähen den Rasen, Autos fahren schon mal allein los, und Kühlschränke bestellen selbstständig die Milch. Der Mensch verbringt derweilen seine Stunden mit Wischen nach oben, zur Seite und nach unten und erfährt via Handy, welche fünf Dinge erfolgreiche Persönlichkeiten niemals vor sieben Uhr morgens tun. Er nennt das „seine Freizeit“.

Sisyphos hatte für so etwas keine Zeit. Wir auch nicht. Wir haben ja unser Tischlein-deck-dich. Jetzt ist es doch Judith, die es aufräumt, und als sie fertig ist, sieht es großartig aus. „Wunderschön“, sage ich.

Am nächsten Morgen liegt ihr Buch darauf. Daneben das Zweitbuch. Und das Ladekabel, von dem ich nicht weiß, ob es das kaputte oder das heile ist. Judith fragt mich, wo ihre Sonnenbrille ist. Ich atme tief ein, streiche zärtlich über die letzten Reste der hellen Holzplatte, wo sie noch zu sehen ist, und begreife, welch großes Glück wir haben, dass uns die Arbeit niemals ausgeht.

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