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Kolumne „Ein bisschen besser“

Du postest, also bist du

Hilfe, unser Töchterchen ist vier und handysüchtig. Das sei natürlich eine maßlose Übertreibung, sagt Judith, meine Frau. Ich finde: nein. Die Lütte sitzt morgens auf dem Sofa, die Haare noch in sämtliche Himmelsrichtungen verteilt, und wischt mit dem Zeigefinger über den Bildschirm, als müsse sie vor Börsenbeginn noch dringend ihr Depot umschichten. 

Dabei sind es nur „Bibi und Tina“. „Das Leben findet nicht auf dem Bildschirm statt“, sage ich. Wischen. Judith schaut mich an: „Sie ist vier.“ Das stimmt. Aber irgendwann müssen wir ja anfangen mit der Medienerziehung.

Ich beginne mit meiner Predigt

Es ist Sonntag. Ich hole aus zur Predigt über die digitale Gesellschaft. „Was soll aus dir werden, wenn du jetzt schon den Bildschirm deinen Eltern vorziehst?“, frage ich. Sie versteht kein Wort. Egal. Ich fahre fort: „Du machst dich gemein mit dieser Generation, die ein Leben ohne Beobachter für die Höchststrafe hält. Die nicht einfach nur mit Freunden feiern will, sondern auch verlangt, dass ihr die Welt dabei zusieht. 

Diese Wesen, die in ihrem Instagram-Feed sitzen wie Puppen in einem Schaufenster, und die Menschen zählen, die draußen stehen bleiben. Je mehr jedoch achtlos vorübergehen, desto einsamer fühlen sie sich. Dann nesteln sie nervös an ihren Puppenkleidern. Versuchen es mit einer anderen Haltung. Vielleicht noch ein Hashtag. Vielleicht war der Aperol im Sonnenuntergang einfach nicht orange genug.

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Andy Warhols Prophezeiung, dass in Zukunft jeder für 15 Minuten berühmt sein werde, dröhnt durch ihre Köpfe, ohne dass sie Andy Warhol kennen. Er hat vergessen zu sagen, wann diese 15 Minuten anfangen. Aber wenn sie nicht innerhalb der nächsten halben Stunde eintreten, werden sie nervös. Dann sind sie die Reichweitenloser. Die gescheiterten TikTok-Stars. Die auf der Zielgeraden Gestürzten. Die Unbeneideten. Die Unbeklatschten. Die, die ihre letzte Hoffnung auf den nächsten Superalgorithmus setzen, der ihnen endlich Millionen Follower sichert.“

Judith kontert

Ich bin wirklich in Fahrt. „Ihr fotografiert eure Gesichter, Körper, Teller, Hotelzimmer, Hintern und ladet sie hoch, damit sie als Daten durch die Cloud schweben“, rufe ich. „Ihr sammelt die Momente, in denen euer Leben zufällig ein bisschen besser aussieht, als es gerade ist. Ihr nennt das Erinnerung, aber es ist nicht einmal ein Furz im Rechenzentrum. Es ist geboren aus der Angst, zu verschwinden. In Wahrheit seid ihr schon verschwunden. Habt euch aufgelöst in Daten, Zeichenfolgen, Pixeln, Einsen und Nullen.“

Das Töchterchen sieht mich mit großen Augen an. Endlich, denke ich. Ich habe sie erreicht. Vier Jahre alt und sie hat verstanden. Vielleicht wird aus ihr noch ein Mensch, der morgens aus dem Fenster schaut, statt auf den Bildschirm. 

Meine Predigt ist vorbei. Ich nehme mein Handy, doch Judith ist schneller. Das Töchterchen, sagt sie, brauche einen Papa, der nicht ständig aufs Handy schaut, während er ihr erklärt, dass sie nicht ständig aufs Handy schauen soll. 

Ich nicke. Für einen wunderbaren Moment sitzen wir da. Keine Story. Keiner sieht uns. Nicht einmal „Bibi und Tina“.

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