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Kolumne „Mild bis rauchig“

Halloween und Eierlikör

Die Zeiten ändern sich. Früher waren wir es gewohnt, dass uns die Tageszeitung anlässlich des Festes Allerheiligen darüber aufklärte, was Katholiken an diesem Tag feiern und was am Nachmittag des Festtages und am darauffolgenden Allerseelentag auf Friedhöfen passiert. Man machte uns mit den Bräuchen christlicher Grabkultur vertraut und versuchte uns ein Fest nahezubringen, das neben Weihnachten und Ostern nicht ganz so in der Prominentenriege der katholischen Feste rangiert. 

Vor einigen Jahren staunte ich allerdings nicht schlecht, was uns da in meiner Region von der zuständigen Tagespresse zu Allerheiligen leichtfüßig auf den feiertäglichen Frühstückstisch gelegt wurde. Es ging um das Thema „Reerdigung“. Die Zeitung berichtete von einem Pablo Metz aus Berlin, der durch seine Kinder auf die Idee gebracht wurde, die Entsorgung menschlicher Körper nach dem Tod umweltfreundlich zu gestalten. 

Als sie einmal nach einer Fridays-for-Future-Demo nach Hause kamen und ihre Eltern bestürzt fragten, was sie eigentlich für eine gesunde Erde täten, stellte man gemeinsam fest: Der Mensch ist nicht nur zu Lebzeiten eine Bedrohung für den Planeten, sondern auch wenn er gestorben ist. Denn: Die klassische Beerdigung ziehe viel zu viele schädlich ausgestoßene Emissionen nach sich. „Die Antwort“, so schreibt Pablo Metz auf seiner Internetseite „Meine Erde“, „wollen wir unseren Kindern nicht schuldig bleiben.“ 

Er wolle dazu beitragen, den Planeten zu erhalten und zwar durch eine Revolutionierung der Bestattungswelt, namentlich „mit einer innovativen Bestattungsform nach dem Vorbild der Natur: der Reerdigung.“ Also kann man auf den Gedanken kommen, dasjenige, was von einem Menschen nach seinem Tod übrigbleibt, der Erde wieder zuzuführen und zu einem veritablen Dünger zu machen. 

Die Sehnsucht, der Tabuisierung der Sterblichkeit entgegenzuwirken

Der Körper wird bei der neuen Methode vierzig Tage lang in einem Behältnis – Kokon genannt – aufbewahrt, in dem er von Mikro-Organismen kompostiert und damit zu einem reichen Humus verarbeitet wird. Kronzeugin für die umwerfende neue Idee, die den Menschen selbst über den Tod hinaus das schlechte Gewissen nimmt, durch die eigene biologische Anwesenheit und durch tausenderlei falsche Verhaltensweisen wie Heizen und Fleischkonsum der Umwelt zu schaden, war die damals 98-jährige Großmutter des Öko-Bestatters.

Sie habe bekundet, dass sie auf die Frage, was von ihr nach dem Tod bleibe, die Antwort gefunden habe, dass eine naturnahe und nachhaltige Bestattung, die auch noch Boden für neues Leben hinterlässt, eine schöne Vorstellung sei. Ende des Werbeartikels für eine neue Bestattungsmode am damaligen Feiertag. 

Nachdem nun aber die problematische Frage der Stromversorgung im Raum steht, die man nun einmal für die Kompostierung unserer Lieben braucht (der Energiebedarf liegt für die nötigen 40 Tage bei rund 25 bis 30 Kilowattstunden) und die auf ihre Weise ein wenig die Freude über die Umweltfreundlichkeit der Ökobeerdigung dämpft, ist das Ganze noch nicht wirklich flächendeckend eingeschlagen und in Serie gegangen.

Was bleibt, ist die aus dem Ganzen sprechende Sehnsucht, der Tabuisierung der Sterblichkeit entgegenzuwirken. Und so findet die Reerdigung als Geschäftsmodel flugs ihren moralisch-zeitgeistlichen Überbau: „Wir wollen die Welt verändern, indem wir allen Menschen einen verantwortungsvollen und sinnstiftenden Abschied im Kreislauf der Natur ermöglichen.“ So prangt es bereits auf der Startseite von „Meine Erde“. Sicherlich nicht zuletzt, um die erste Reaktion des Magen-Darm-Traktes des feiertäglichen Lesers zu beruhigen und den spontanen Ausruf „Makaber!“ zu unterdrücken.

Was sagt Allerheiligen? Der Mensch ist gewollt und kein Zufallsprodukt

Dennoch ist es die Sache wert, am heutigen Allerheiligentag betrachtet zu werden, weil heute derjenige Feiertag zelebriert wird, der bekundet, welche Vorstellung die Christen vom Menschen haben, was aus christlicher Perspektive die Zukunft des Menschen nach dem Tod ist, was „Nachhaltigkeit“ bedeutet und wie es um sein Leben und sein Sterben bestellt ist.

Denn Allerheiligen sagt zunächst: Der Mensch ist gewollt und kein Zufallsprodukt der Natur. Er ist geliebt und kein Störfaktor, der sich sein Leben lang Gedanken darüber machen muss, wie er sich am besten zugunsten der Umwelt unsichtbar machen kann.

Und: Der Mensch hat eine Zukunft über den Tod hinaus – nicht als kompostierter Dünger für Bohnen und Tomaten, sondern in einem Leben in Gottes Wirklichkeit. Der Leib, den er dabei im irdischen Leben getragen hat, ist keine Trägersubstanz, sondern Teil seines Wesens – Lust und Last – und hat auch eine verheißene Zukunft in Gottes Himmel. In einer verklärten unsterblichen Form, weshalb wir ihn nach dem Tod in ein Grab legen und voller Respekt für diesen Menschen aus Seele und Leib diese Stätte seiner leiblichen Bestattung mit Blumen schmücken und an ihr für seine unsterbliche Seele auf ihrem Weg zu Gott beten.

Es ist deswegen ganz gut, dass wir anlässlich der makabren Verirrung paganer Reerdigung darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Christen eine andere Weltsicht haben als die Mehrheit ihrer materialistisch denkenden Zeitgenossen. Aus christlichem Blickwinkel ist das Irdische nämlich kein eindimensionales „Sein zum Tod“ (Heidegger), dem man allenfalls so etwas wie eine „Vergöttlichung“ in dicken Anführungszeichen durch Recycling zu Dünger für die heilige „Mutter Erde“ angedeihen lässt.

Glück bei Gott statt Nachhaltigkeit im Humus

Der christliche Glaube sagt im Hinblick auf die Sterblichkeit des menschlichen Lebens: Christus hat durch die Verheißung einer realen Auferstehung eine Hoffnung gestiftet, die die nihilistische Perspektivlosigkeit, sich nach einem sinnlosen Leben allenfalls noch durch die eigene Kompostierung nützlich zu machen, wesentlich übersteigt. Das Ziel – so sagt es der christliche Glaube – ist der Himmel und nicht der Komposthaufen.

Und die Vorstellung, was einen erwartet, wenn man einmal gestorben ist, ist das Glück bei Gott und nicht die Nachhaltigkeit als Humus für den Planeten. Das heutige Allerheiligenfest manifestiert exakt diese Lebensperspektive. Der Tag gönnt einen Blick in die Zukunft nach der Zukunft, dahin, wo es für jeden eine Heimat gibt, wenn er sich denn aufrafft, im Akt des Glaubens über die kleine Welt des Sichtbaren hinauszuschauen.

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Jesus Christus bietet den Himmel an als Stätte der Ruhe und des Glücks, einen Ort der Befriedung aller quälenden Fragen, wo man nicht bloß als Gedanken anderer eine Zukunft hat, wenn man gestorben ist, und auch nicht bloß als ökologischer Fußabdruck. Man darf vielmehr eine reale, lebendige, persönliche und freudvolle Zukunft im Reich Gottes erwarten.

Die Heiligen, die heute verehrt werden, sind die Boten dieser Wahrheit, dass nicht bloß kollektive Gedächtnisse und nützlicher Dünger von einem übrigbleiben, sondern ein anderes Leben als Lohn für dieses irdische Leben. Leider erkennen, wie so oft, die zumeist dümmlichen Rezeptionsversuche zeitgeistbeflissener Prediger in der Reerdigung nicht das, was sie ist, nämlich eine Art bemühter Notausgang aus der Nihilismusfalle, in der unsere neopagane Gesellschaft sitzt.

Sie wollen indes die Menschenkompostierung auch kirchlich einbinden und reden sie sich, beispielsweise laut einer Sprecherin des Erzbistums Hamburg, als „wirkliche Alternative zu bisherigen Bestattungsformen“ schön. Am Ende bleibt vom christlichen – zumal vom katholischen – Heiligenhimmel nicht mehr viel übrig.

Mit einem „Das Leben muss ja irgendwie weitergehen“ ist es nicht getan

Mir fiel in diesem Zusammenhang Hape Kerkeling ein, der vor Jahren die Kompensation von Tod und Sterben in seinem autobiografischen Film „Der Junge muss an die frische Luft“, der im Jahre 2018 in die Kinos kam, inszeniert hat. Darin imitiert der kleine, vom Suizid seiner Mutter gebeutelte Hans-Peter Kerkeling eine Nachbarin, wie sie einen für sie typischen Spruch beim Kaffeetrinken äußert, der lautete: „Ich nehme noch ein Eierlikörchen. Das Leben muss ja irgendwie weitergehen!“

Dieser Spruch hat als Extrakt des Filmes noch weitaus mehr Menschen erreicht als der Film selbst. Denn zwischen Himmel und Reerdigung trifft Hape Kerkeling damit die Haltung der meisten Menschen, wenn es um die Frage nach Leben und Tod geht, eben die Frage, wie es weitergeht, wenn alles endet und die Sorge um das Leben auf dem dünnen Eis der menschlichen Existenz allzu groß wird.

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Der kleine Hans Peter bringt in seiner Persiflage einer typischen Ruhrpottfrau aus dem Recklinghausen der frühen 1970er Jahre die Sache auf den Punkt: Der Mensch will, dass das Leben weitergeht. Er will nicht, dass es endet, er will nicht, dass er scheitert, dass er missachtet wird. Er will nicht, dass man ihm das Leben wegnimmt, sondern dass es sicher ist gegen Untergang und Tod.

Aber das kann eben niemand garantieren oder versprechen. Denn die Erfahrung ist eine andere. Das Leben wird genommen und belastet, es wird verfolgt und infiziert, krank und arbeitslos, das Leben wird alt und gebrechlich. Das Leben stirbt am Ende. Und dennoch: „Das Leben muss ja irgendwie weitergehen!“ Die trotzig-spitzbübische Haltung ist jedoch nur im ersten Moment von Gelassenheit geprägt.

Ihr unterliegt bei näherem Hinsehen nichts anderes, als was auch die Halloweenspektakel in der Nacht vor Allerheiligen sagen, wenn sie sich dem Schrecken des ewigen Todes mit einem Gruselklamauk entgegenstemmen: Es ist der Versuch, der Vergänglichkeit ein Grinsen auf den Totenschädel zu zaubern. 

Die Gewissheit, dass es weitergehen wird

Allerheiligen hat aber mehr im Angebot! Denn der Glaube an ein wahrhaftiges Leben in einer unsterblich-verklärten Leiblichkeit, in der Schönheit und Harmonie des Himmels macht aus dem Spruch, dass das Leben weitergehen muss, mehr als nur ein hilfloses Überspielen der Todesdrohungen des täglichen Lebens mit einem Eierlikörchen und ein bisschen guter Laune. 

Denn im Leben und Sterben der Heiligen offenbaren Menschen, wie sie nicht bloß aus dem diffusen Bedürfnis, dass es „irgendwie“ mit diesem Leben weitergehen muss, gelebt haben, sondern aus der festen Gewissheit heraus, dass es weitergehen wird. Sie lassen Hapes Schnäpschenoptimismus zur manifesten Hoffnung werden. 

Caravaggio: Der heilige Hieronymus beim Schreiben mit Totenkopf

Denn die Heiligen waren Menschen, die darauf ihr ganzes Vertrauen gesetzt haben, dass das Leben nicht ein Gastspiel ist, dessen Regie ein unbekannter Intendant führt, von dem man nicht weiß, was er mit einem vorhat. Sondern dass das Leben ein Fortschreiten auf ein Ziel hin ist, eine Geschichte, die einen guten Ausgang hat, weil uns jemand dabei hilft, sie ins Ziel zu bringen, obwohl nicht alle Kapitel, die wir daran mitschreiben, gut und vollendet sind. 

Deswegen ist der Allerheiligentag kein Tag der kollektiven Bewunderung für Supermenschen, sondern eine Erinnerung daran, dass der Mensch dazu berufen ist, mit Gottes Hilfe das Ziel des Lebens zu erreichen. Und zwar auf dem durchaus anspruchsvollen Weg der Nachfolge – immer und überall: im Stillen Kämmerlein und am Schreibtisch, beim Rechnen und Bilanzieren, beim Sprechen und Singen, am Kochherd und am Krankenbett, in geselliger Runde und in feindseligen Lagern, in der Familie und in der Fremde, auf den Bergen und in den Tälern, zu Fuß und auf der Autobahn, als Kind und als alter Mensch, im Getümmel des Alltags und in der Einsamkeit am Rand des Geschehens, mit hohem IQ und einfältigen Sinnes, mit Herz und Verstand. 

Gott-voll leben

So gilt es gott-voll zu leben. Und so allein geht es immer weiter, auch wenn es nicht mehr weiter zu gehen scheint. Jesus Christus, das ist Seine Verheißung, hat uns den Himmel erworben. Er ist stets an unserer Seite, um uns die Hand zu reichen, wenn wir lahm werden auf dem Weg dorthin. 

So wie es einmal Papst Benedikt XVI. gesagt hat, als er ein letztes Mal im Jahre 2011 unser Land besucht hat. 

„Liebe Freunde, immer wieder ist das Bild der Heiligen karikiert und verzerrt worden, so als ob heilig zu sein bedeute, weltfremd, naiv und freudlos zu sein. Nicht selten meint man, ein Heiliger sei nur der, der asketische und moralische Höchstleistungen vollbringe und den man daher wohl verehren, aber im eigenen Leben doch nie nachahmen könne. Wie falsch und entmutigend ist diese Meinung! Es gibt keinen Heiligen, [...] der nicht auch die Sünde gekannt und niemals gefallen wäre. Liebe Freunde, Christus achtet nicht so sehr darauf, wie oft wir im Leben straucheln, sondern wie oft wir mit seiner Hilfe wieder aufstehen. Er fordert keine Glanzleistungen, sondern möchte, dass Sein Licht in euch scheint. Er ruft euch nicht, weil ihr gut und vollkommen seid, sondern weil Er gut ist und euch zu seinen Freunden machen will. Ja, ihr seid das Licht der Welt, weil Jesus euer Licht ist. Ihr seid Christen – nicht weil ihr Besonderes und Herausragendes tut, sondern weil Er, Christus, euer, unser Leben ist. Ihr seid heilig, wir sind heilig, wenn wir seine Gnade in uns wirken lassen.“ (Gebetsvigil am 24. September 2011 in Freiburg i.Br.)

Ja, und deswegen wird das Leben weitergehen. Eine wahrhaft frohe Botschaft, die das Leben hell macht, selbst für den Fall, dass selbst der Eierlikör mal keine Hilfe mehr ist und Hape Kerkelings kompensatorischer Zweckoptimismus den Ernst der Lage genauso wenig besänftigen kann, wie das Grinsen auf dem Halloweenkürbis den Tod verjagt. Dann gilt es, von den Heiligen zu lernen, die wussten, dass das Sterben nicht verjagt, sondern bejaht werden muss, wenn man ewig leben will.

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