Direkt zum Inhalt
Kolumne „Mild bis rauchig“

Alles Banane?

„Guten Morgen! Haben Sie Lust auf eine Banane?“ Mit dieser Frage trat im Sommer in Wuppertal-Wichlinghausen die Polizei auf einer Fahrradtrasse den Radlern entgegen. Der WDR berichtete von der Aktion, bei der in gefällige Fahrradkleidung gehüllte Polizisten bei einer Verkehrskontrolle statt der Kelle eine Banane emporhielten, „um mit den Radfahrern ins Gespräch zu kommen“. Hielten die Passanten mit ihrem E-Scooter oder ihrem Drahtesel an, wurde ihnen die Banane überreicht und danach in einem Smalltalk Sicherheitstipps gegeben oder bei Bedarf Knöllchen verteilt. Die Bananenaktion sollte ein Hingucker sein, der zugleich das Klischee von der bösen Verkehrskontrolle in ein angenehm sommerliches Licht tauchte. 

Aus meinen Anfangszeiten als Boomer kam mir eine damals allgemein bekannte Zahnpastareklame mit erzieherischem Mehrwert in den Sinn, bei der am Ende ein Mädchen, das brav seine Zähne mit dem beworbenen Produkt gepflegt hatte, nach dem Zahnarztbesuch freudig seiner Mutter mit dem Ruf „Mutti, er hat überhaupt nicht gebohrt!“ entgegenlief. Spielerisch und leichtfüßig wird das Unangenehme bemäntelt und geradezu attraktiv gemacht.

Es ist eine Tendenz im Umgang mit unwillkommenen oder unumgänglichen Situationen oder Maßnahmen, sie in harmlose Kleidung zu hüllen: Banane statt Kelle, „Veränderungsprozess“ statt „Krise“ oder „Spaß beim Lernen“. Bei Letzterem – in dem Fall bei der Verharmlosung des Schreibenlernens – hat sich offenbar ebenfalls die Banane als euphemistisches Medium bewährt. 

Die Banane als Symbol für den Wahnsinn unserer Zeit

Unter dem Titel „Alles Banane“ gibt es auf dem Büchermarkt „praxisnahes Fördermaterial für die Lese- und Rechtschreibförderung auf phonologischer Basis“ zu erwerben. „Schreiben nach Gehör“ fängt methodologisch gewisse Anstrengungen für lernende Kinder gefällig ab. Wobei der durchschlagende Erfolg der Methode ausblieb und sie deshalb in den Schulen auch wieder auf dem Rückzug ist.

Der Ursprungsgedanke dabei war: Defizite wirken nicht mehr so sehr wie Defizite, zumal man Kinder, die Schwierigkeiten mit dem Erlernen der Schriftsprache haben, mit solchen mischt, die keine Probleme damit haben und so alle gleichermaßen auf null setzt. Am Ende ist für alle „alles Banane“! Die positiv besetzte und beliebte Südfrucht steht in der Redewendung für „alles in Ordnung“. So begrüßte man nach der Maueröffnung 1989 in Westberlin die aus ihrem Gesellschaftsgefängnis strömenden DDR-Bürger mit Bananen, Symbolen des unbeschwerten Lebens, das nun anbrechen sollte. 

In unseren Tagen ist indes nicht mehr viel davon zu spüren. Im Gegenteil, die Banane steht in einer anderen Redewendung gegenwärtig eher für den normalen Wahnsinn eines von Ideologien, Moden und Verfallserscheinungen geprägten Alltags, in dem Politiker gewohnheitsmäßig ihr Wort brechen, Geschlechter auf dem Amtsweg geändert werden, man sich im Restaurant vorsichtshalber nur flüsternd über das Veggie-Schnitzel lustig macht und der Duden allen Ernstes Bösewichtinnen und Gästinnen in seine Reihen aufgenommen hat. 

All das ist oft „echt Banane“, was so viel bedeutet wie „verrückt“ oder „daneben“. Die krumme Frucht steht hier eher für das Schräge als für das, was in Ordnung oder gar toll ist. 

Die Kirche scheut sich, von Bekehrung zu sprechen

Ich würde mich nicht weiter über die Bedeutung einer Südfrucht für den Sprachgebrauch befassen, gäbe es in meiner – deutschen – Kirche nicht zahlreiche Analogien für die Gefälligkeitsstrategien, mit denen man Ansprüche aller Art zunichtemacht und den Menschen Bananen statt der Kelle zeigt. Die kirchlichen Chefetagen wollen nicht fehlen beim zeitgeistlichen Ranking um das, was angesagt ist. Man kleidet sich in gefällige Kostüme und will die Höhe des eigenen, ursprünglich ererbten Anspruchs ungern preisgeben, weil darin immer auch die Fallhöhe markiert wird, die jemand unter Umständen an sich erfahren muss, der den Weg des offenbarten Glaubens an den Anspruchserfinder Jesus Christus nicht geht. 

Gerade gegenwärtig, wo die Welt mehr und mehr aus den Angeln zu schwingen droht, scheut man sich zum Beispiel, von notwendiger Umkehr oder gar von Bekehrung zu sprechen. Es könnten ja falsche Wege, auf die der Mainstream abgebogen ist, unmissverständlich sichtbar werden und damit die Kirche in die Rolle des Bad Cop geraten. 

› Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge

Die Krise kann noch so groß sein, die Abtreibungszahlen noch so sehr steigen und das Bewusstsein für die Unantastbarkeit des ungeborenen Lebens noch so sehr schwinden, es können der Glaubensabfall und die Unwissenheit über die Kernbotschaften des Christentums in grassierender Weise um sich greifen, es können Kirchengebäude massenweise leer stehen und damit sinnenfällig das Unvermögen der meisten Menschen dokumentieren, an die reale Anwesenheit Gottes zu glauben, die Priesterzahlen können auf null gehen und manche Diözese dem Ende der sakramentalen Versorgungen in absehbarer Zeit entgegengehen – die Versuche, dem allen entgegenzuwirken, werden dennoch – oder gerade deswegen – in ein gefälliges Licht getaucht. 

Wohlfühlen statt Buße

Statt mit geistlicher Erneuerung oder gar Bekehrung und Buße wird man in der Angebotspalette der einschlägigen kirchlichen Tagungshäuser mit Kursen zum Wohlfühlen und Selbstentdecken bedacht, mit Yoga-Veranstaltungen, Acrylmalerei, ambulanten Entschlackungskursen als Methoden der Reinigung der Innenwelt, mit anstrengungsfreiem Singen, Atem- und Körperübungen für einen guten und leichten Zugang zur inneren Welt oder Nerven- und Organgymnastik zur Stimulation des Leibbewusstseins. 

Wenn es inhaltlich zugeht, wird ebenso wenig Kontroverses geboten. Statt eine Gegenwelt zu verkünden, die Krisen geistlich zu bewältigen in der Lage ist, indem sie vom Himmel spricht und auf der Erde die Wege dorthin ebnet, wird das Erdhafte vergottet und die „Mutter Erde“ gar kultisch um Vergebung für Umweltverfehlungen gebeten. Statt Sünde Sünde zu nennen und ihr den Weg der Umkehr und der Vergebung durch Gott entgegenzuhalten, wird die Sünde zur identitätsstiftenden Haltung minimiert, deren öffentliche Zurschaustellung etwa bei den CSD-Paraden selbst von Bischöfen hofiert wird. 

Im Gegensatz zur Banane bei der Verkehrskontrolle wird hier weit über ein gefälliges Lockmittel hinaus der Regelverstoß nicht sanktioniert, sondern zur Norm erhoben. Man mischt sich nicht – wie die Polizisten in Radlerhosen – geschickt unters Volk, um am Ende dem Zweck der Aufklärung über Gefahren und Reglements zu dienen, sondern man winkt am Ende alles durch. Das Ziel ist nicht die Hilfe durch Ermahnung, sondern das Ziel ist, dass man selbst akzeptiert und geliebt wird. 

Verglichen mit der Polizeiaktion in Wuppertal wäre das so, als hätten die Beamten nicht im Sinn gehabt, durch den Verfremdungseffekt der Überreichung einer Banane am Ende für größere Verkehrssicherheit zu sorgen und damit Unfälle oder Schlimmeres zu verhindern, sondern einzig im Blick gehabt, durch gefällige Kleidung und Nettigkeiten die Sympathie der Radfahrer für sich selbst statt für die Verkehrsordnung zu gewinnen und mit den Regelbrechern solidarisch und anschlussfähig zu sein. Hätte die Polizei im Bergischen Land das kirchliche Programm zur Erhaltung gesellschaftlicher Akzeptanz übernommen, hätten sie den Radlern keine Nachbesserungen an ihren Drahteseln oder an ihrem Verhalten nahegelegt, sondern – im Gegenteil – ihren selbstgewählten Verzicht auf Sicherheit bestätigt und ihnen womöglich noch den Helm abgenommen und die Fahrradklingel ab- statt angeschraubt. 

Neuevangelisierung? Nicht mit den deutschen Bischöfen

Wer sich jenseits der vielen wahrnehmungsgetrübten Publikationen aus der Binnenwelt des kirchenamtlichen Establishments einen wachen Blick auf die Realität bewahrt hat, kann nicht anders, als zu bestätigen, dass in der Kirche der Blick für Gott getrübt ist – vorsichtig formuliert. Das Ziel des menschlichen Lebens, Gott zu erkennen, Ihn zu lieben und Ihm zu dienen, ist lange durch einen flächendeckenden Humanismus abgelöst. 

Glaube ist durch Haltung ersetzt und die Mission strukturell abgeschafft worden, auch wenn man es nicht so deutlich sagt. Ein Lackmustest in dieser Hinsicht ist der Umgang mit dem Begriff der „Neuevangelisierung“. Während Rom und die Weltkirche klar auf diese Karte setzen, verweigert man sich in Deutschland diesbezüglich mit fadenscheinigen Argumenten. Man wolle nicht überzeugen, sondern dienen, man wolle niemanden überrumpeln, sondern die Vielfalt leben, man wolle nicht die Lebenswirklichkeit von Menschen verändern, sondern selbst von dieser Lebenswirklichkeit lernen. 

Stichprobe? Die jüngst ins Amt der Bundesvorsitzenden des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) gewählte Isabel Rutkowski, die der Dachorganisation von 17 Verbänden mit insgesamt 600.000 Mitgliedern vorsteht, wurde im Interview mit dem „Erklärportal“ der katholischen Kirche in Deutschland, katholisch.de, der Öffentlichkeit vorgestellt. Nach einer Reihe von ausführlichen Bekundungen zum nicht näher umschriebenen Gemeinschaftsgefühl und zur politischen Aktivität des BDKJ – die den Dachverband beim „Marsch für das Leben“ übrigens regelmäßig auf der Seite der Antifa und Abtreibungsbefürworter mitlaufen lässt – wurde sie unter anderem gefragt: „Sehen Sie auch die Neuevangelisierung als Teil Ihrer Aufgabe?“. Antwort: „Eine spannende Frage. Da habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht.“ 

Kein Wunder, wenn ihre Bischöfe selbst bezüglich des Begriffs der Neuevangelisierung ein ganz massives Ressentiment hegen, hinter dem sich keineswegs nur eine terminologische Unsicherheit, sondern der offenbar grundsätzliche Abschied von der Vorstellung verbirgt, dass es eine absolute Wahrheit gibt, deren Verkündigung Pflicht für die Apostel unserer Tage ist. Und die – wenn man so will – gegebenenfalls wie auf der Fahrradtrasse in Wuppertal-Wichlinghausen in durchaus gefälliger und vor allem in verständlicher Form an den Mann oder die Frau gebracht werden darf, die man jedoch vor lauter Gefälligkeit am Ende nicht verschweigen darf. 

Man findet in die Kirche, wenn in ihr Christus sichtbar ist

Das wäre dann in der Tat „voll Banane“ und eben keinesfalls in Ordnung. Vielleicht wäre es deswegen einmal ganz gut, wenn unsere Bischöfe – für den Fall, dass sie mal kurz in ihrem Kampf gegen Rechts innehalten – die Signale aus dem benachbarten europäischen Ausland wahrnähmen, und gewahr würden, dass es derzeit dort zu einem massiven Trend kommt, der Menschen durch persönliche Entscheidung in die Kirche führt. 

Dieser Trend ist in der Tat keineswegs – das ist unstrittig – das Ergebnis von neuevangelisierenden Missionsversuchen – ein Umstand, in dem man sich in Deutschland gerne sonnt, um daran die Nichtswürdigkeit der Neuevangelisierung bestätigt zu finden. Dennoch – und das ist das Entscheidende – die Tatsache, dass Menschen ohne großartige Propaganda in die Kirche finden, wertet gerade nicht die Mission ab, sondern belegt das eine: Man findet die Kirche, wenn in ihr Christus sichtbar ist und wenn sie klar und unübersehbar den einen Anspruch erkennen lässt – dass das Heil in Jesus Christus, dem Sohn Gottes, liegt. 

Diesen Anspruch muss man in Deutschland erst einmal zwischen Papieren, Geschäftsordnungen, NGO-Formaten und anderen Anpassungsversuchen an diverse Moden freiräumen. Vielleicht liegt darin der Grund, dass in Frankreich bei den Erwachsenentaufen zwischen 2019 und 2025 ein Anstieg von 210 Prozent zu verzeichnen war, derweil der Anstieg in Deutschland nur 28 Prozent betrug. An Christus hat es sicher nicht gelegen, dass unser Land das Schlusslicht in dieser Statistik bildet. Wohl eher an denen, die Ihn unsichtbar machen. Und das ist fürwahr: „Voll Banane!“ 

› Kennen Sie schon unseren  Corrigenda-Telegram- und WhatsApp-Kanal?

2
0

Kommentare