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Kolumne „Ein bisschen besser“

Ich traf einen jungen Ukrainer – warum mich das erschüttert hat

Judith und ich sind von unseren Eltern in dem festen Glauben erzogen worden: „Nie wieder Krieg.“ Meine haben mir das so eingebläut, dass ich sogar die Cowboy-Pistole mit Platzpatronen hinten links unterm Bett verstecken musste, weil solches Spielzeug natürlich das Sterben verherrlicht. Als ich in späteren Jahren friedlicher wurde, die eine oder andere Schlacht mal nicht gewonnen und mal knapp verloren hatte, nagelte ich mir das Bild von John Lennon und Yoko Ono an die Zimmertür: „War is over“, teilten die beiden mit und sahen aus, als seien sie gerade dem Bett entstiegen. Judith gefiel das, weswegen wir zusammengezogen sind. Eine gewisse Hippie-Unordentlichkeit habe ich mir bewahrt. Judith ist überzeugte Pazifistin geblieben. Sie zückt den Fotoapparat und nicht die Pistole.

Diese Woche habe ich einen jungen ukrainischen Musiker getroffen. Auf seinem T-Shirt stand: „Sorry, this is my first war.“ Er dürfte ungefähr so alt sein wie mein Großer. Der macht sich Gedanken darüber, wie sehr er seine Freundin liebt, ob er mit Fußball berühmt wird, wo es das billigste Bier gibt und welchen Job er bekommt. Der Junge aus der Ukraine macht sich Gedanken, ob er morgen noch lebt.

Unsere Generation hat den Frieden geerbt

Unser „Nie wieder Krieg“ war gestern. Wir haben es für eine Garantie gehalten, wie die gesetzliche Rente, die Deutsche Bahn und die ewige Liebe. Inzwischen wissen wir, dass mindestens zwei dieser drei Dinge nicht besonders zuverlässig sind. Unsere Generation hat den Frieden geerbt wie ein möbliertes Haus. Wir haben uns darin eingerichtet, die Wände bunt gestrichen, die Türen ausgehängt und im Garten Friedenspfeifen geraucht. 

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Dass jemand kommen könnte, um das Haus anzuzünden, stand nicht im Testament. Wir haben uns den Frieden als eine Art Naturzustand vorgestellt, der eintritt, sobald alle vernünftig sind. Aber Vernunft ist höchst ungleichmäßig über die Menschheit verteilt. Manche Menschen wollen die Welt verbessern. Andere wollen sie besitzen. Und wieder andere finden es einfach nur ein bisschen besser, wenn der Nachbar seinen Laubbläser abstellt. Ich gehöre zur dritten Gruppe, mit gelegentlichen Ausflügen in die erste.

Judith fragt, ob ich für unser Land kämpfen würde

 „Sorry, this is my first war“ hat mich aus dem Trott gebracht, es hat mich erschüttert, es hat mich umgehauen. Es kommt harmlos daher, wie eine schlechte Bewertung auf Tripadvisor: Krieg laut, Personal unfreundlich, Frühstück ausgefallen. Würde ich nicht wieder buchen. Doch in Wahrheit ist es die Frage: Wie viele Kriege muss man eigentlich erlebt haben, um als qualifiziert zu gelten? Gibt es dann ein Zertifikat? „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben erfolgreich am Dritten Weltkrieg teilgenommen. Wir freuen uns auf Ihre nächste Buchung.“ 

Judith fragt mich, ob ich für unser Land kämpfen würde, wenn die Falken fliegen. Ich sage, ich würde auf jeden Fall die Kinder verteidigen. Ich versichere ihr, dass ich sie selbstverständlich ebenfalls verteidigen würde. Mit allem, was mir zur Verfügung stehe. Sie fragt, ob ich damit die alte Cowboy-Pistole meine. Ich sage, dass ich inzwischen durchaus bereit wäre, eine richtige Waffe in die Hand zu nehmen. Schluss mit Hippie. Sie zuckt. „Fang lieber mit dem Staubsauger an“, sagt sie, und ich bin echt froh, dass wir Frieden haben.

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