Make love, not war
Judith und ich lauschen im prachtvollen Marmorsaal der mindestens ebenso prachtvollen Villa Carlotta am Comer See einem kleinen Orchester und seinen Klängen, die durch den Saal klirren, von den Wänden hallen und sich durch die Beine der griechischen Venus-und Mars-Statue schlängeln, hinter der ich sitze, weil sonst nirgends mehr Platz ist. Ich betrachte meine hübsche Frau in der Reihe gleich links vor mir, während sich über mir die Liebesgöttin Venus eng an die Schulter von Kriegsgott Mars schmiegt.
„Make love, not war“, säuselt sie ihm wahrscheinlich ins Ohr. Die beiden waren in Wahrheit die ersten Hippies. Ich könnte, denke ich, so etwas jetzt auch der Judith von hinten ins Ohr flüstern, zusammen mit den Violinen-Klängen müsste es an sich im Laufe des Abends zum gewünschten Ergebnis führen. Irgendetwas hindert mich.
Die Griechen hatten fünf Wörter für Liebe
Als wir später zu Hause in der Küche unseres verfallenen Palazzos hoch über dem See noch auf ein Gläschen sitzen, gestehe ich Judith meine Gedanken: Die Griechen hätten ein ganzes Vokabular für das gehabt, was mir monothematisch durch den Kopf gegangen war: „Eros“ war für den Sex zuständig. „Philia“ für die Freundschaft. „Agape“ für die bedingungslose Fürsorge. „Storge“ für die Liebe in der Familie. Und „Philautia“ für die Selbstliebe. Letztere, füge ich hinzu, sei heute besonders auf Instagram verbreitet.
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Wir dagegen, so lege ich dar, hätten dafür dieses eine armselige Wort: „Liebe“. Wir liebten unsere Frau, unsere Kinder, unsere Hündin und Spaghetti Carbonara. Das sei nicht immer präzise. Und es sei die Mutter aller Probleme in der Ehe. Da soll ein einziger Mensch gleichzeitig aufregender Liebhaber, bester Freund, verständnisvoller Therapeut, zuverlässiger Lebenspartner und im Idealfall auch noch guter Koch sein. Wofür die Griechen fünf verschiedene Wörter und wahrscheinlich entsprechend viele Gegenüber gehabt hätten, gebe es bei uns nur die Paartherapie, schließe ich.
Ich fühle mich wie der göttliche Mars
Judith nickt. Sie habe sich auch schon gefragt, was gerade gemeint sei, wenn ich sagte: „Ich habe Dich lieb“, und dabei der Hündin in die treuen Augen schaute. Präzision in der Sprache sei ein bisschen besser, stellt sie fest. Ich brauche nur eine Sekunde.
„Alles klar, Schätzeken, lass uns Liebe machen“, sage ich dann und fühle mich wie der göttliche Mars, als ich schon mal vor nach oben gehe.
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