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Hilfsaktion „Weihnachten im Schuhkarton“

Streit unter Christen: Was darf christliche Mission?

Dass eine Hilfsaktion Kritik auslöst, ist ungewöhnlich. Noch bemerkenswerter ist es, wenn die Kritik von Christen kommt und sich gegen andere Christen richtet. Genau das ist rund um das bekannte Projekt „Weihnachten im Schuhkarton“ passiert. 

Die Organisatoren der Hilfsaktion rufen jährlich im Vorfeld von Weihnachten dazu auf, Schuhkartons mit Geschenken zu befüllen – Spielsachen, Schulmaterial, Kleidung, Hygieneartikel, Süßigkeiten – und an einer von rund 5.000 Sammelstellen in Deutschland abzugeben. Die Pakete aus Deutschland werden dann an bedürftige Kinder vorwiegend in Mittel- und Osteuropa verteilt. Neben Deutschland findet die Aktion in zahlreichen weiteren Ländern statt und unterstützt Kinder in Not weltweit. 

Werbefoto „Weihnachten im Schuhkarton“: Ein Mädchen aus Moldau hält sein Geschenkpaket in den Händen

Verantwortlich für „Weihnachten im Schuhkarton“ zeichnet die christliche Hilfsorganisation „Samaritan’s Purse“, die sich nun mit Vorwürfen vom katholischen Bistum Trier, geleitet von Bischof Stephan Ackermann, konfrontiert sieht. Das Bistum veröffentlichte Ende September eine Stellungnahme, in der es seine ablehnende Haltung gegenüber der Hilfsaktion begründet. Ein zentraler Vorwurf dreht sich um „wesentliche Unterschiede im Verständnis der christlichen Mission“. 

„Samaritan’s Purse“ antwortete im Oktober mit einem offenen Brief auf die Kritik aus Trier. Corrigenda hat nun mit beiden Seiten gesprochen.

„Auch Angehörige nichtchristlicher Religionen sollen missioniert werden“

Das Bistum Trier führt gegen „Weihnachten im Schuhkarton“ nicht nur die aus seiner Sicht fragwürdige Missionierungspraxis dahinter ins Feld. In ihrer Stellungnahme vom September bemängelt die katholische Diözese zunächst:

„‘Weihnachten im Schuhkarton’ leistet keine nachhaltige Entwicklungshilfe für Kinder in Not. Die Aktion bewirkt keine langfristige Verbesserung der Lebensbedingungen notleidender Kinder.“

Weder werde durch die Hilfsaktion die Ernährungslage der Kinder verbessert noch die medizinische Versorgung, die Wohnverhältnisse oder die Chancen auf eine Schul- oder Berufsausbildung. Auch die Wirtschaft in den Empfängerländern profitiere nicht von der Aktion. Ferner hält das Bistum „Weihnachten im Schuhkarton“ aus ökologischen Gründen für problematisch und argumentiert, „vor allem der weltweite Transport der Kartons über Tausende von Kilometern“ sei „klimaschädlich“. 

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Nach dieser ersten Kritik kommt das Bistum auf das Thema Mission zu sprechen und moniert, „Weihnachten im Schuhkarton“ beschränke sich nicht auf die Verteilung der Geschenkkartons. Vielmehr sei das Projekt „in erster Linie eine evangelikale Missionsaktion“. 

„Die Kinder, die die Geschenkkartons erhalten, sollen mit den christlichen Missionaren und Gemeinden in Kontakt kommen, die vor Ort die Verteilung organisieren“, beanstandet die Diözese und setzt ihre Kritik mit dem bemerkenswerten Satz fort: „Auch Angehörige nichtchristlicher Religionen, die das christliche Weihnachtsfest nicht feiern, sollen auf diese Weise missioniert werden.“ 

„Dialog der Religionen“ statt Mission

Weiter hebt das Bistum hervor:

„Das Bistum Trier lehnt Missionierungs-Praktiken ab, bei denen Geschenke für bedürftige Kinder als ‘Türöffner’ und Werbemittel für Missionsaktivitäten eingesetzt werden. Das gilt besonders für eine Missionierung von Angehörigen nichtchristlicher Religionen. Stattdessen fördert das Bistum Trier die Ökumene, den Dialog der Religionen und ein konstruktives gemeinsames Engagement der Weltreligionen für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung. (…) Zwischen dem Bistum Trier und dem evangelikalen Missions- und Hilfswerk ‘Samaritan’s Purse e.V.’ (vormals: ‘Geschenke der Hoffnung e.V.’) bestehen wesentliche Unterschiede im Verständnis der christlichen Mission und der christlichen Entwicklungspartnerschaft.“

Zu der Nachfrage von Corrigenda, worin konkret die genannten „Unterschiede im Verständnis der christlichen Mission“ bestehen, wollte sich das Bistum nicht äußern.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Missionsbroschüre „Das größte Geschenk“, die „Samaritan’s Purse“ beim Verteilen der Geschenkpakete ausgibt. Darin gehe es „viel um ‘Sünde’ und ‘Hölle’“, rügt das Bistum. Weihnachten und die biblische Weihnachtsgeschichte würden hingegen nicht erwähnt.

Darüber hinaus bemängelt die Diözese, dass die Geschenkkartons auch in Ländern verteilt würden, in denen „mehrheitlich oder fast ausschließlich Buddhisten, Hindus oder Muslime“ leben, und es dabei „immer wieder zu Konflikten“ komme. Welche Konflikte es meint, ließ das Bistum auf Nachfrage von Corrigenda offen. 

Ähnlich verhält es sich mit der Kritik am Präsidenten von „Samaritan’s Purse“, Franklin Graham. Das Bistum wirft Graham vor, er äußere sich „immer wieder in herabsetzender Weise zu anderen Religionen“, insbesondere zum Islam. Auf welche Äußerungen Grahams es anspielt, wollte das Bistum auf Corrigenda-Nachfrage ebenfalls nicht ausführen. Der Stellungnahme vom September sei „aus Sicht des Bistums Trier derzeit nichts hinzuzufügen“.

„Samaritan’s Purse“ weist Vorwürfe deutlich zurück

Die für „Weihnachten im Schuhkarton“ verantwortliche NGO „Samaritan’s Purse“ reagierte im Oktober mit einem offenen Brief auf die Kritik, der direkt an den Trierer Bischof Stephan Ackermann adressiert ist. Darin weisen die beiden Vorstandsmitglieder des deutschen Ablegers, Sylke Busenbender und Marina Nobiling, alle Vorwürfe des Bistums deutlich zurück. (Transparenzhinweis d. Red.: Marina Nobiling hat für dieses Magazin vor einigen Monaten einen Gastbeitrag verfasst, allerdings zu einem gänzlich anderen Thema)

Zum Vorwurf, „Weihnachten im Schuhkarton“ leiste keine „nachhaltige Entwicklungshilfe für Kinder in Not“ schreiben die beiden Vorstandsmitglieder:

„‘Weihnachten im Schuhkarton’ ist eine christliche Geschenkaktion und kein Entwicklungsprojekt. Ein Geschenk soll Freude machen und einem Kind zeigen: Du bist ein von Gott geliebtes Kind, und du bist es wert, wunderbar beschenkt zu werden. (…) Seine Wirkung allein an materiellen Verbesserungen der Lebensverhältnisse zu messen, greift aus unserer Sicht zu kurz.“

Manche Kinder hätten bereits vor der Geschenkaktion materielle Unterstützung erhalten, aber „noch nie ein persönliches Geschenk“, führt „Samaritan’s Purse“ aus und unterstreicht: „Ehemalige Empfängerkinder erinnern sich oft noch Jahre später an den besonderen Geruch der neuen Geschenke beim Öffnen ihres Schuhkartons.“ Allein die Erfahrung, „dass jemand für sie Geschenke ausgesucht, sich für sie Mühe gegeben hat“, könne weit über diesen Moment hinausreichen.

„Kennerlernen des christlichen Glaubens“ sei ein „freiwilliges Angebot“

Die Behauptung des Bistums, die NGO benutze die Geschenke als „Türöffner“ für Missionsaktivitäten, weist „Samaritan’s Purse“ ebenso mit Nachdruck zurück. Die Geschenkaktion sei eine Geschenkaktion und kein Mittel zum Zweck. Ein „echtes Geschenk“ sei „seiner Natur nach“ niemals an Bedingungen gebunden.

„Es ist kein Geheimnis“, fahren die beiden Vorstandsmitglieder fort, „dass ‘Weihnachten im Schuhkarton’ eine christliche Geschenkaktion ist.“ Dies werde „sowohl hier als auch in den Empfängerländern offen kommuniziert“. Das Motto der Hilfsorganisation, „It’s all about Jesus“, sei nicht zu übersehen.

Richtig sei weiter, dass die Kinder zu einem Glaubenskurs eingeladen werden. Hierzu stellt „Samaritan’s Purse“ in dem offenen Brief allerdings klar:

„Der Glaubenskurs ‘Die größte Reise’ ist freiwillig und setzt die Zustimmung der Eltern voraus. Kein Kind muss an einem Glaubenskurs teilnehmen, um einen Schuhkarton zu erhalten.“

Eine Sprecherin von „Samaritan’s Purse“ bekräftigte gegenüber Corrigenda, die Kinder und ihre Eltern könnten die Glaubensbroschüre, die bei den Verteilungen ausgegeben wird, „auch einfach wegwerfen, wenn sie das möchten“. Im Vordergrund der Aktion stehe, den Kindern mit den Geschenken eine Freude zu bereiten. Zum Kennenlernen des christlichen Glaubens werde eingeladen, das aber sei „ein freiwilliges Angebot“.

Organisiert werde die Verteilung der Geschenke von lokalen christlichen Gemeinden, mit denen „Samaritan’s Purse“ zusammenarbeite. „Würde eine dieser Gemeinden in irgendeiner Form Druck auf die Kinder oder ihre Eltern ausüben, würden wir die Zusammenarbeit umgehend beenden“, betonte die Sprecherin. 

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Zum Begriff „evangelikal“ merkte sie an, dass er allein wenig über die Geschenkaktion aussage. Es sei zwar richtig, dass der Präsident der NGO, Franklin Graham, evangelikaler Pastor sei. Doch sowohl „Samaritan’s Purse“ als auch die Geschenkaktion „Weihnachten im Schuhkarton“ seien überkonfessionell ausgerichtet.

„Bei den lokalen christlichen Gemeinden, mit denen wir zusammenarbeiten, handelt es sich um Gemeinden unterschiedlicher Konfessionen“, machte sie deutlich. Mit Blick darauf, dass die Kritik von einem katholischen Bistum kommt, stellte sie heraus: „Darunter befinden sich auch katholische Gemeinden.“ Bei „Samaritan’s Purse“ würden ebenfalls Katholiken arbeiten. Grundsätzlich seien Christen vieler unterschiedlicher Konfessionen bei der NGO tätig. 

Konflikte mit Buddhisten, Hindus oder Muslimen?

In dem offenen Brief geht „Samaritan’s Purse“ außerdem auf den Vorwurf des Bistums ein, dass die Geschenkkartons auch in Ländern verteilt würden, in denen „mehrheitlich oder fast ausschließlich Buddhisten, Hindus oder Muslime“ leben, und es dabei „immer wieder zu Konflikten“ komme.


Die NGO schreibt dazu:

„Auch in muslimisch oder buddhistisch geprägten Ländern erfolgen die regulären Geschenkverteilungen ausschließlich durch christliche Gemeinden vor Ort, die in der Lage sind, kultursensibel zu agieren. Ohne lokale Partner werden Schuhkartons nur in seltenen Ausnahmefällen verteilt, beispielsweise nach Naturkatastrophen oder in Kriegsgebieten. Vor diesem Hintergrund wäre es für uns interessant zu erfahren, auf welche konkreten Fälle oder Konflikte im Zusammenhang mit den Geschenkverteilungen Sie sich beziehen.“

Über die Kritik an der oben erwähnten Missionsbroschüre „Das größte Geschenk“ zeigt sich die Hilfsorganisation „irritiert“. Die Broschüre erläutere „grundlegende Inhalte des Glaubens: Schöpfung, Sünde, Jesus Christus, Vergebung und Erlösung“. Dass eine christliche Organisation Kindern diese Zusammenhänge erkläre, „erscheint uns nicht als problematische Besonderheit, sondern als selbstverständlicher Bestandteil christlicher Verkündigung“. 

Bistum will sich zum offenen Brief nicht äußern

Zum Vorwurf, „Samaritan’s Purse“-Präsident Franklin Graham äußere sich gegenüber anderen Religionen und besonders dem Islam „in herabsetzender Weise“, sagte die Sprecherin der NGO auf Corrigenda-Nachfrage: „Einerseits wird Franklin Graham vielfach falsch zitiert. Andererseits ist es richtig, dass er den Islam nach den Anschlägen vom 11. September 2001 als ‘Religion des Bösen’ bezeichnet hat (im englischen Original: ‘religion of evil’).“

Allerdings unterscheide Graham bei seiner Kritik stets zwischen „der islamischen Ideologie, die er für falsch hält, und dem individuellen Muslim, den er nie pauschal als ‘böse’ bezeichnen würde“. Dass die Organisation nicht islamfeindlich sei, zeige sich nicht zuletzt an der humanitären Unterstützung, die sie in muslimischen Ländern leiste. Als Beispiel nannte die Sprecherin die Nothilfe im Gazastreifen, in dem fast ausschließlich muslimische Palästinenser leben.

Am Ende des offenen Briefes bittet „Samaritan’s Purse“ das Bistum Trier und Bischof Stephan Ackermann, die aus Sicht der NGO falschen Vorwürfe zu korrigieren. Zugleich bietet die Organisation dem Bistum „einen offenen Austausch über das Verständnis von Mission und christlicher Hilfe“ an. 

Laut „Samaritan’s Purse“ gibt es vom Bistum, das sich gegenüber Corrigenda nicht zu dem offenen Brief äußern wollte, bislang keine Reaktion.

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