Direkt zum Inhalt
Kolumne „Der Schweizer Blick“

Minderheiten-Bedürfnisse über Naturgesetze

Viele Menschen in der Schweiz wünschen sich einen kostenlosen öffentlichen Verkehr. Damit würde man Geld sparen. Benzin aus der Zapfsäule lassen, ohne danach die Kasse aufsuchen zu müssen, wäre auch ganz praktisch. Und viele Zeitgenossen, die sich gerne selbst verwirklichen, ohne Wertschöpfung zu generieren, wollen ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Für alle diese Bedürfnisse würde man ohne Not unzählige Fürsprecher finden. Die Frage ist nun, ob sie sich mit den Bedürfnissen der Gesellschaft decken.

Die Zahl der Leute, die kostenlos tanken möchten, liegt mit Sicherheit weit über derjenigen von Menschen, denen die beiden biologischen Geschlechter nicht reichen. Dennoch ist derzeit in der Schweiz die Rede von einem „Bedürfnis vieler Menschen“ für ein drittes, unbestimmtes Geschlecht.

Der Bundesrat, so etwas wie die Bundesregierung, hat vor wenigen Tagen einem solchen Ansinnen eine Absage erteilt. Er hat in nächster Zeit nicht vor, neben Frau und Mann ein „X“ oder eine ähnliche Kategorie einzuführen. Bevor man darüber nachdenke, müsse man zunächst einen gesellschaftlichen Diskurs über die Frage führen, lautet seine Haltung.

Die heranwachsende Generation hasst nichts mehr als Verbindlichkeit

Nun herrscht Wut. Bei all denen, die fest davon überzeugt sind, dass da draußen ganz viele Leute herumlaufen, die daran verzweifeln, wenn sie auf einem Amt nur zwei Optionen zum Ankreuzen haben. Wie viele das sind, weiß niemand genau. Es ist in Prominentenkreisen inzwischen üblich, mal eine Zwischenphase als anderes oder unbestimmtes Geschlecht zu durchleben, bevor man auf Twitter von einem Tag auf den andern die Rückkehr zum alten Ich verkündet. Als hätte man morgens nackt vor dem Spiegel gerade ein Aha-Erlebnis gehabt. Oder als sei die alte Nummer irgendwie langweilig geworden.

Dass sich viele selbsternannte nonbinäre Personen gleichzeitig das Attribut „fluid“ überstreifen und sich täglich anders fühlen möchten, ist symptomatisch. Die heranwachsende Generation hasst nichts mehr als Verbindlichkeit. Ein Ausbildungsvertrag? Kann man brechen, wenn es anstrengend wird. Eine Beziehung? Die ist nicht fürs Leben, sondern für Lebensabschnitte. Ein vereinbarter Termin? Das Smartphone kann jederzeit etwas Wichtigeres dazwischenschieben.

Aber vor allem: Die Verfechter eines dritten Geschlechts verwechseln offenbar persönliche Wünsche mit gesellschaftlichen Anliegen. Mal ganz abgesehen davon, dass es selbst bei Einführung eines „X“ mit Sicherheit irgendwelche lautstarken Gruppen gäbe, die auch davon nicht befriedigt wären, weil sie sich gerade mehr nach „Y“ fühlen. Warum bei drei Geschlechtern stehenbleiben? Warum nicht gleich 300?

Naturgesetze sind nicht rückwärtsgewandt

Vollends originell ist der Vorwurf, der Schweizer Bundesrat verhalte sich mit seiner Entscheidung „rückwärtsgewandt“. Kein Mensch geht hier rückwärts. Man bleibt nur bei dem, was sich bewährt hat – und was notabene wissenschaftlich belegt ist. Es gibt mit ganz, ganz wenigen medizinisch bedingten Ausnahmen kein drittes Geschlecht. Was ist „rückwärtsgewandt“ daran, sich an die Naturgesetze zu halten?

Die Gesellschaft entwickle sich weiter, monieren die Enttäuschten. Das mag sein, es hat nur mit der Forderung nach dem unbestimmten Geschlecht nichts zu tun. Die entstammt dem Aktivismus einer lauten Minderheit und keiner gesellschaftlichen Entwicklung. Sie will nicht vollziehen, was natürlich gewachsen ist, sondern politisch durchdrücken, was den sozialen Medien zum Dank gerade „in“ ist.

Schweizerdeutsch kennt den hübschen Ausdruck „Nützts nüd, schads nüt“. Will heißen: Man kann ruhig mal was tun, das keinen positiven Effekt hat, solange keiner darunter leidet. Das ist nun das neueste „Argument“ in der Debatte. „Ein neutrales Geschlecht einzuführen tut niemandem weh, aber würde vielen sehr viel bedeuten“, twittert ein Politbeobachter.

Mit dieser Begründung könnte man auch verordnen, dass jeder fünfte Grashalm im Land rosarot gefärbt werden muss: Schadet ja keinem!

Und es schadet doch

Nur dass das hier eben gerade nicht der Fall ist. Der Laune eines kleinen Teils der fluiden Generation nachzugeben, würde eine ganze Kette in Bewegung setzen. Die Dienstpflicht in der Armee, der Mutterschaftsschutz, das Erreichen des Pensionsalters und vieles mehr ist heute an das Geschlecht gekoppelt. Wie geht man mit diesen Fällen um? Die Änderungen quer durch alle Personenregister der Ämter: Wer kommt dafür auf?

Ironischerweise heißt es bei diesen Fragen dann plötzlich, das lasse sich regeln, weil es ja nicht um die große Masse, sondern nur um Vereinzelte gehe. Nanu? Eben noch war es doch ein Bedürfnis vieler Menschen?

Und wenn einem irgendwann gar nichts mehr einfällt, dann schaut man gerne über die Grenzen. Seht her, es gibt eine Reihe von Ländern, die bereits ein drittes Geschlecht zur Eintragung in den Pass eingeführt haben! Bangladesch zum Beispiel!

Genau. Bangladesch. Wo bis zum heutigen Tag Vergewaltigung in der Ehe kein Straftatbestand, aber dafür Homosexualität ein Verbrechen ist. Das klingt doch nach einem Vorbild. Worauf warten wir noch?

5
2