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Fehlende Selbsthingabe

Ja, après, dann sind wir tot

Als Diplomatiehistoriker, der seit einem Jahrzehnt kaum etwas anderes tut, als Menschen in ihren Extremen zu studieren, in ihrer Größe wie in ihrer Erbärmlichkeit, entwickelt man einen besonderen Blick. Einen Blick dafür, aus welchem Holz jemand geschnitzt ist. Ich erinnere mich an ein Interview mit einem österreichischen Politiker, der etwas Seltenes besaß, ein instinktives, beinahe musikalisches Gefühl für Macht. Doch ihm fehlte das entscheidende Element, das aus Begabung Größe macht. 

Nach dem Gespräch sagte ich zu meinem Kollegen: „Er wird kein großer Mann werden, weil er sich niemals für eine Mission riskieren würde. Er liebt sich mehr als die Sache, der er vorgibt zu dienen. Nichts Großes ist je entstanden ohne die Bereitschaft, sich selbst aufs Spiel zu setzen.“ So kam es dann auch. Der Mann ist heute eine Fußnote der Geschichte; nicht, weil ihm die geistigen Fähigkeiten fehlten, sondern das Wesen.

Diese Haltung, führen zu wollen, ohne persönliches Risiko einzugehen, spiegelt unseren Zeitgeist mit erschreckender Genauigkeit wider. Dabei war Europa nie so.

Vor einigen Monaten saß ich mit Kollegen zusammen, und wir diskutierten die militärische Revolution zwischen 1500 und 1800; jene Epoche, in der Europa von einem schwächelnden Kontinent zum Beherrscher der Welt wurde und über achtzig Prozent der Erdoberfläche unterwarf. Meine Kollegen, geprägt vom heutigen Materialismus und Rationalismus unserer Zeit, suchten die Erklärung in messbaren Faktoren: Geografie, Ausrüstung, Ressourcen, Demografie, Technologie, etc. Das seien die Gründe, sagten sie, warum Europa die Welt eroberte.

Ich blieb skeptisch. Sicher spielen diese Faktoren eine Rolle. Aber was ist ihre Quelle? Was brachte diese Menschen überhaupt dazu, diese Faktoren zu beeinflussen, zu mobilisieren, ins Feld zu führen? Auf diese Frage hatte niemand eine Antwort.

Hätten sie so gedacht, wie wir heute, wäre nie ein Schiff in See gestochen

Sie beschäftigt mich seither. Und ich glaube, die Antwort gefunden zu haben: Hingabe. Was diese großen Männer und Frauen von damals auszeichnete, war nicht, dass sie vor jedem Problem in ihrem Leben mit einem Taschenrechner standen und rechneten. Hätten sie so gedacht, wie wir heute, wäre nie ein Schiff in See gestochen. Das heute oft angeführte Chancen-Risiko-Verhältnis war in völligem Ungleichgewicht: Nur dreißig bis fünfzig Prozent kehrten lebend zurück. Das persönliche Risiko zu sterben hing an einem Münzwurf, Kopf oder Zahl. Sie begannen damit, sich einem Ziel mit solcher Glaubenskraft hinzugeben, dass sie die Umstände selbst zu ihren Gunsten wendeten. Sie schufen die Bedingungen ihrer Ziele.

Die Frage, die bleibt, ist diese: Wie sieht eine Seele aus, die so etwas kann? Eine Seele, die einem ganzen Kontinent, damals der ganzen Welt, ihren Willen aufzuzwingen imstande ist?

Friedrich der Große im Siebenjährigen Krieg in der Schlacht von Leuthen am 5. Dezember 1757

Friedrich der Große wollte Preußen zur Großmacht machen, koste es, was es wolle. Er eroberte das österreichische Schlesien und führte den Siebenjährigen Krieg; einen Krieg, in dem er dem Tod mehrfach nur um Haaresbreite entging. Einmal rettete ihn nichts als eine Schnupftabakdose in der Brusttasche, die eine Kugel abfing. Als seine Soldaten in einer Schlacht flohen, rief er ihnen nach: „Ihr verfluchten Racker, wollt ihr denn ewig leben?“ Er war bereit, dasselbe Schicksal zu teilen wie seine Untergebenen.

Der gesamte Krieg war alles andere als sicher; es war ein Alles oder Nichts. Friedrich sah eine kleine Chance und ergriff sie. Aber er hätte diesen Krieg niemals gewonnen, hätte er nicht selbst an vorderster Front seine Haut riskiert. Das war der Preis der Größe. Hätte alles schiefgehen können? Ja. Das Scheitern war sogar wahrscheinlicher als der Erfolg.

„Wir sind nicht auf dieser Welt, um glücklich zu sein und zu genießen“

Bei Bismarck sehen wir dieselbe Denkweise, dieselbe Hingabe. Bei einer Bahnfahrt saß Fürst Bismarck mit seiner Majestät Wilhelm I. im selben Wagen. Melancholisch blickte der preußische König aus dem Fenster und sagte ihm sichtlich verzweifelt über die Umstände: Ich sehe ganz genau voraus, wie alles enden wird. Dort, vor dem Opernplatz, unter meinen Fenstern, wird man Ihnen den Kopf abschlagen; und etwas später mir.“ Bismarck fragte auf Hoffranzösisch: „Et après, Sire?“, „Und danach, Majestät?“, worauf der Angesprochene kühl antwortet: „Ja, après, dann sind wir tot.“

So konnte nur jemand sprechen, der mit äußerster Klarheit erkannt hatte, was man tun muss, um das Ziel zu erreichen. Man mochte und musste jede erdenkliche Berechnung anstellen, doch am Ende blieb stets der eine Punkt, an dem man sich selbst für das Ziel aufs Spiel setzte, oder eben nicht. Die deutsche Einigung in einem Kaiserreich wäre auf keine andere Weise möglich gewesen. Doch was trieb einen solchen Mann dazu, so weit zu gehen? Bismarck schrieb an seine Frau: „Wir sind nicht auf dieser Welt, um glücklich zu sein und zu genießen, sondern um unsere Schuldigkeit zu tun.“

Wonach also misst man die Größe eines Menschen? Sind es die Absichten? Wohl kaum; die meisten Verbrecher würden behaupten, sie hätten die besten Absichten gehabt. Ist es die Verantwortung? Auch hier würde jeder von sich sagen, in höchster Verantwortung gehandelt zu haben. In Wahrheit gibt es nur einen Maßstab: nicht Worte, sondern Hingabe, auf die dann die Taten folgen.

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Die Bereitschaft und Glaubwürdigkeit, sich selbst für das größere Ziel hingegeben zu haben. Das ist der einzige Prüfstein, an dem sich die Reinheit politischer Absichten messen lässt; unabhängig davon, ob jemand scheitert oder triumphiert. Denn jeder politische Werdegang ist am Ende ein Scheitern. Die Frage ist nur: Hat man wirklich alles versucht, um das große Ziel zu erreichen? Oder ist man dem Risiko ausgewichen, weil es bequemer war? Hat man es wirklich drauf ankommen lassen, als sich das Zeitfenster dafür öffnete? Das sind die wichtigsten Fragen.

Und das ist es, was den Europäern heute fehlt. Für uns Materialisten und Rationalisten von heute sind Gestalten wie Friedrich der Große, Napoleon oder Bismarck als Menschen völlig unbegreiflich. Wir würden sie als Verrückte abtun, würden wir mit einer Zeitmaschine zurückkehren und an ihrer Seite stehen. Wir hätten ihnen gesagt, dass ihre Ziele den sicheren Tod bedeuteten. Wir hätten es an ihrer Stelle niemals gewagt. Und genau das zeigt, warum Europa im Niedergang ist, weil unsere Männer und Frauen auf allen Ebenen nichts mehr wagen.

Jeder fürchtet sich; aus Angst, seinen Job zu verlieren, sein soziales Ansehen, sein Geld, seinen Ruf, seine Karriere. Alles Materielle. Aber niemand fragt: Wofür machen wir das hier eigentlich alles? Noch nie wurde im deutschsprachigen Raum so viel über Moral geredet wie heute, jeder will führen, aber niemand seinen Kopf hinhalten.

Schröder und Merkel versagten gnadenlos

Bundeskanzler Gerhard Schröder und Bundeskanzlerin Angela Merkel sind die jüngsten Beispiele hierfür. Unter ihrer Führung wurde Deutschland in allen strategischen Bereichen heruntergewirtschaftet. Die einzige Ausnahme bildet Schröders Agenda 2010. Deutschland machte sich energiepolitisch vollständig von einer einzigen Macht abhängig, schaffte die Kernkraftwerke als Alternative ab und demontierte die Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr für die kommenden Jahrzehnte.

Deutschland verlor dadurch nicht nur seine globale Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch die Fähigkeit, das europäische Gleichgewicht in strategisch entscheidenden Momenten maßgeblich mitzugestalten. Beide Kanzler versagten darin, ihre Bevölkerung durch das Notwendige zu führen. Sie verlangten von ihren pazifistisch gesinnten Wählern nicht jene unbequemen Wahrheiten, die notwendig gewesen wären, um das heutige Drama bändigen zu können.

Der legendäre britische Denker Edmund Burke schrieb als Zeitzeuge in seinen Betrachtungen über die Französische Revolution etwas nieder, das Europa mit 1945 endgültig verloren hat und seitdem nicht mehr wiederfindet:

„Das Zeitalter der Ritterlichkeit ist vorbei! Es wurde abgelöst von dem der Sophisten, Ökonomen und Rechner, und der Ruhm Europas ist für immer erloschen. Nie, nie wieder werden wir jene großzügige Treue gegenüber Rang und Geschlecht, jene stolze Unterwerfung, jenen würdevollen Gehorsam, jene Unterordnung des Herzens erleben, die selbst in der Knechtschaft den Geist einer erhabenen Freiheit am Leben erhielten. Die unerkaufte Anmut des Lebens, die kostengünstige Verteidigung der Nationen, die Wiege männlicher Gefühle und heroischer Unternehmungen ist verschwunden! Verschwunden ist jene Sensibilität für Prinzipien, jene Reinheit der Ehre, die einen Makel wie eine Wunde empfand, die Mut einflößte und zugleich Grausamkeit milderte, die alles, was sie berührte, adelte und unter der selbst das Übel die Hälfte seines Bösen verlor, indem es seine ganze Grobheit verlor.“

Die verlorene Hingabe wiederfinden

Die Aufklärung erhob die Vernunft zum Ideal. Doch wie es seiner Natur entspricht, das Pendel stets ins Extreme zu treiben, niemals im Gleichgewicht zu halten, hat sie ihm etwas Wesentliches genommen: seine Hingabe. Uns ist heute nichts mehr heilig, nichts mehr der Aufopferung wert, nichts mehr wahrhaft größer als wir selbst. Alle rechnen nur noch, keiner gibt sich hin.

Der Mann seiner Frau gegenüber, die Kinder ihren Eltern und umgekehrt; einer wie der andere ist zum kalkulierenden Zyniker geworden. Wir haben das Endstadium des Gegenextrems erreicht, und es zerfällt vor unseren Augen. Große Zivilisationen werden nicht errechnet, sie werden erschaffen; aus Hingabe zuerst, aus Vernunft erst danach. Und verschwinden sie, dann deshalb, weil sie sich selbst aufgeben.

Das Europa von heute wird seine Renaissance erst dann erleben, wenn es seine verlorene Hingabe wiederfindet.

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