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Fest der Unschuldigen Kinder

Abtreibung und Europa: Ein Plädoyer für das Leben

Die Sehnsucht nach einer besseren Welt ist wohl genauso alt wie der Mensch selbst. Vermutlich sind es die immer wiederkehrenden, bitteren Erfahrungen von Unrecht, Ungleichheit und Leid, von Armut, von Gewalt und von Schmerz, die uns eine gerechtere, eine solidarischere, eine schlicht und einfach glücklichere Welt herbeisehnen lassen.

Es gehört zu den großen Paradoxien der menschlichen Existenz, dass alle Versuche, diese bessere, gerechtere und glücklichere Welt von Menschenhand zu erschaffen, in Katastrophen epischen Ausmaßes geendet sind. Selbst wenn diesen Utopien und Ideen für eine bessere Gesellschaft ursprünglich eine gute Absicht zugrunde gelegen haben mag – ihre Umsetzungen haben stets nur zu mehr Ungerechtigkeit und Unrecht, zu mehr Grausamkeit und mehr Tod geführt.

Bei genauerem Hinsehen erweist sich dieses ewige Scheitern eigentlich als gar nicht so paradox. Die blutrünstigsten Revolutionen und erbarmungslosesten Diktaturen der Menschheitsgeschichte, die uns vorgeblich in eine bessere Zukunft führen wollten, haben ohne Ausnahme eines gemeinsam: Der Schmerz und das Leid der Welt sollte nicht etwa durch christliche Nächstenliebe und Fürsorge gelindert und geheilt werden, sondern durch den grundlegenden Umbau der Welt selbst.

Ihre Gemeinsamkeit war und ist ein grundlegendes Nein zur Welt, so wie sie ist. Es ist ihr Nein zu einer Ordnung und zu Regeln, die uns vorgegeben sind, Nein zu Umständen, die wir als Menschen vorfinden und nicht ändern können. Sie alle sagten Nein zu einer Welt, in der wir Geschöpfe, nicht Schöpfer sind. Sie alle waren im Kern ein hinausgeschrienes Nein zu Gott und der Welt, die er geschaffen hat.

Nein, nicht jetzt, nicht hier, nicht so

Nach der Beratung von über 250.000 Frauen und Familien im Schwangerschaftskonflikt in den vergangenen 15 Jahren kennen wir uns bei 1000plus und Profemina mit den individuellen Neins des Menschen von heute aus: Mit Nein zu diesem Zeitpunkt, mit Nein zu diesen Umständen und mit Nein zu diesem Leben.

Da ist der junge Mann, der seine Freundin zur Abtreibung drängt, weil er noch keine Familie gründen möchte oder die junge Frau, die gerade mitten in der Ausbildung ist und ihren Abschluss nicht gefährden will. Das Ehepaar, das nach zwei Kindern mit der Familienplanung abgeschlossen hatte, während sich nun plötzlich das Dritte auf den Weg macht. Oder die alleinstehende Mutter, die sich ein zweites Kind einfach nicht zutraut, weil sie jetzt schon „am Anschlag“ ist – jede Frau, jeder Mann und jede Familie im Schwangerschaftskonflikt hat ihre Gründe.

Kristijan Aufiero: „Beratung kann die Umstände des Lebens nicht auf einen Schlag verändern. Aber sie kann die Perspektive auf diese Umstände verändern“
Kristijan Aufiero: „Beratung kann die Umstände des Lebens nicht auf einen Schlag verändern. Aber sie kann die Perspektive auf diese Umstände verändern“

Um es deutlich zu sagen: Angesichts der Verzweiflung und der Angst, angesichts des Leidens und des Schmerzes, die uns in der Beratung dieser Menschen Tag für Tag begegnen, verbietet es sich, Urteile darüber zu fällen, welche Gründe für einen Schwangerschaftskonflikt legitim sind und welche nicht – jede Konfliktursache fühlt sich für die Betroffenen furchtbar und schmerzhaft an, erscheint unüberwindbar und unlösbar zu sein.

Jede einzelne dieser Frauen hat das Recht, sich andere, bessere Umstände für ihr Baby und für ihre Familie zu wünschen. Jede verdient ungeteilte Aufmerksamkeit, uneingeschränkte Wertschätzung und bedingungslose Annahme.

Mehr noch: In der vorbehaltlosen, liebevollen und wertschätzenden Hinwendung zu jeder einzelnen Frau im Schwangerschaftskonflikt liegt gleichsam der Schlüssel zu einer Verwandlung, an deren Ende all die widrigen Umstände und all die Sehnsüchte nach einem anderen, einem besseren Leben nicht mehr das letzte Wort haben.

Die Metamorphose des Herzens

Eine Binsenwahrheit: Beratung und Hilfe kann nicht die Lebensumstände einer Schwangeren in Not fundamental ändern. Beratung kann nicht den perfekten Partner oder die ideale Familie aus dem Hut zaubern. Beratung kann nicht den Traumjob organisieren, den sich diese Frau immer gewünscht hat. Beratung kann nicht das Zuhause aus dem Ärmel schütteln, das sich eine Schwangere seit jeher für ihre Familie erträumt hat.

Was Beratung vermag: Auf die Suche gehen nach den Momenten wirklichen Glücks im bisherigen Leben. Neu entdecken, dass die Augenblicke tiefer Zufriedenheit nicht davon abhängig waren, wie „perfekt“ unser Leben war, und dass so viele Erwartungen und Messlatten in unserem Leben gar nicht die Unseren sind. Dass wir Netflix, Instagram oder TikTok auf den Leim gegangen sind. Dass es in Wahrheit die Momente echter Hingabe, tiefen Vertrauens und aufrichtiger Liebe sind, in denen wir dieses einzigartige Gefühl echter Vollständigkeit empfinden.

Beratung kann sich mit einem Menschen auf den Weg machen und ihm wieder in Erinnerung rufen, dass es Glück bedeutet, das Richtige zu tun, auch wenn es schwerfällt. Für jemanden da zu sein, der uns wirklich braucht. Dass es glücklich macht, uns mutig einer Aufgabe zu stellen, die uns herausfordert.

Beratung kann helfen, sich an das Gefühl zurückzuerinnern, als es schwer war und uns das Leben mehr abverlangte, als wir leisten wollten und konnten – und wir trotzdem aufrecht stehenblieben, ertragen und erduldet haben, uns nicht unterkriegen ließen und über uns hinausgewachsen sind.

Ein Perspektivwechsel mit geheimnisvoller Macht

Nein, Beratung kann die Umstände des Lebens nicht auf einen Schlag verändern. Aber sie kann die Perspektive auf diese Umstände verändern. Sie kann eine Schwangere in Not daran erinnern, wie wertvoll ihr Leben trotzdem ist. Dass ihr Leben ein Geschenk ist – so wie das Kind, das unter ihrem Herzen heranwächst. Und dass sie es in der Hand hat, ihre ungeplante Schwangerschaft in die größte Chance ihres Lebens zu verwandeln.

Es ist dieser Perspektivwechsel, der auf eine letztlich geheimnisvolle Weise die Macht besitzt, Umstände am Ende doch zu verändern. Er ist der Ausgangspunkt einer Metamorphose, die zur Wiederentdeckung und Mobilisierung der eigenen Kraft führt, Freiheit wiederherstellt und wirkliche Lebensgestaltung möglich macht.

Die Beratung von abertausenden Frauen im Schwangerschaftskonflikt hat uns vor allem anderen eines gelehrt: Das Ja zum eigenen Leben sprechen zu können, ist die Voraussetzung dafür, dieses Ja auch weiterzugeben, ein ungeplantes Kind anzunehmen und es in dieses eigene Leben hinein zur Welt zu bringen.

Die Freiheit, trotzdem Ja zu sagen

So kommt es, dass ein Ja zu den Umständen, wie sie sind, Ja zu dieser Situation, Ja zu dieser Partnerschaft, Ja zu diesem Zeitpunkt, Ja zu diesem Leben und Ja zu einem Kind, das sich auf den Weg in genau dieses Leben gemacht hat, die beteiligten Menschen bindet und zugleich befreit.

In guter Schwangerschaftskonfliktberatung geht es nicht explizit um Gott und schon gar nicht um Mission oder Apostolat. Aber: Jedes „Trotzdem Ja zum Leben“ ist im Innersten eben doch so etwas wie eine Bekehrung. Jedes solche Ja zu einem noch ungeborenen Kind und zu seiner Zukunft ist im Grunde ein Gebet zum Himmel.

Im Tiefsten bedeutet dieses „Ja zum Leben“ zu sprechen immer auch, Ja zu Gott zu sagen. Ja zu seiner Schöpfung, Ja zu seiner Ordnung, Ja zu seinem Plan für unser Leben, Ja zu seiner Liebe. Es bedeutet, sich ihm anzuvertrauen, sich seiner Gnade bewusst und sich seiner Barmherzigkeit gewiss zu werden. Es bedeutet Glauben, Hoffen und Lieben.

Die Erneuerung Europas

Umgewandeltes 1000plus-Logo
Umgewandeltes 1000plus-Logo

Wir leben – zumal in Europa – in einer Zeit, in der sich die Menschen allenthalben schwertun mit sich selbst und ihrem Leben. Sie schämen sich für ihre Geschichte, sind am Klimawandel schuld und werden im falschen Körper geboren. Mehr Nein zu dieser Welt, so wie sie ist, mehr Nein zu Gott und zur Schöpfung, mehr Nein zu sich selbst und zum eigenen Leben geht nicht.

So kann man zu dem Eindruck gelangen, dass das Europa unserer Tage nichts nötiger hat als diese oben beschriebene „Bekehrung“ und die Erneuerung unser aller Ja: Ja zu unserer Geschichte und zu unserer Kultur, Ja zu unserer Zukunft, Ja zu unserem Leben, Ja zu Gott.

Dringend nötig sogar. Denn die traurige und zugleich bittere Wahrheit ist, dass auch „umgekehrt ein Schuh“ aus der Wahrheit wird, dass Ja zum Leben zu sagen, immer auch Ja zu Gott sagen bedeutet. Denn insbesondere die Geschichte Europas hat uns gelehrt: Eine Gesellschaft, eine Utopie oder eine Kultur, die Nein zu Gott sagt, achtet über kurz oder lang auch das Leben des Menschen nicht mehr.

Es erschüttert mich jeden Tag aufs Neue, wenn ich lese und höre, dass auf dem Boden Europas wieder ein Krieg geführt wird, für den angeblich „Opfer gebracht“, das heißt, für den Bomben fallen und Menschen getötet werden müssten. Um einer angeblichen historischen Gerechtigkeit und einer für die Betroffenen ebenso angeblich besseren Zukunft willen. Was für eine Lüge!

Die Arithmetik des Terrors

Mich schaudert ebenso, wenn ich dieser Tage in den Nachrichten davon lese, dass mancher „Klimaschützer“ von notwendigen menschlichen Opfern spricht, die aufgrund immer aggressiverer Protestformen und Sabotageakte in Kauf genommen werden müssten. Es seien eben Opfer nötig, um die Veränderung des Weltklimas zu stoppen, für eine gerechtere Zukunft zu sorgen, eine bessere Welt zu schaffen und dadurch (vermeintlich) noch mehr Opfer in einer fernen Zukunft zu verhindern.

Gerade als Europäer kennen wir diese „Arithmetik der Inkaufnahme von Menschenopfern“ aus den dunkelsten Zeiten der vergangenen 250 Jahre nur zu gut. Wir erinnern uns, wie sich Menschen 1789, 1917 oder 1933 auf den Weg machten, um für angebliche Gerechtigkeit zu sorgen und doch nichts anderes geschaffen und hinterlassen haben als abgründige und menschenverachtende Grausamkeit.

Wir kennen diese Arithmetik auch von Terroristen aller Couleur, die vorgeblich für eine „gerechtere“ Gesellschaft getötet haben. Und wir wissen, dass diese Logik noch nie zu einer besseren Welt, sondern stets zu nur noch mehr Schmerz und Leid geführt hat.

Im Grunde ist es ganz einfach: Eine „gute Sache“, die Menschenopfer „erfordert“, kann niemals eine gute Sache sein.

Die ganze Tragweite

Beim Nachdenken über ein unbedingtes Ja zum Leben, das kein Aber kennt, und darüber, dass die Tötung von Menschenleben kein noch so „guter Zweck“ heiligen kann, schließt sich der Kreis zwischen der verlorengegangenen Orientierung einer ganzen Gesellschaft und dem persönlichen Schmerz einer einzelnen Frau, die ungewollt und ungeplant schwanger ist. Beide stehen vor der Wahl, Ja zu sich, zu ihrem Leben, zu ihrer Geschichte und Ja zur Zukunft zu sagen – oder eben nicht.

Von beider Ja hängt die Sicherung des Friedens in Europa und das Fortbestehen unserer Kultur ab. Ja zum eigenen Leben und zur eigenen Zukunft zu sagen – unter allen Umständen und Bedingungen – ist die Voraussetzung für die Wertschätzung und Achtung des Lebens anderer.

Dieses Leben wieder als Geschenk Gottes zu begreifen und anzunehmen, ein Kind in diese Welt zu setzen oder anderen Menschen dabei zu helfen, dies zu tun und sie dabei zu unterstützen – gibt es einen bedeutenderen Beitrag für die Erneuerung und den Wiederaufbau eines freien, gerechten und solidarischen Europas?

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