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Wider das kleinbürgerliche Minimalprogramm

Den Eros wecken: Liebe und Leidenschaft für ein höheres Ziel

Wenn man heute das Wort „Eros“ hört, denkt man vielleicht an den italienischen Musiker Eros Ramazzotti, wahrscheinlicher jedoch an Erotik, Sinnlichkeit und Sexualität. Doch das ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was mit Eros ursprünglich gemeint war. In der antiken Philosophie und Mythologie verkörpert Eros eine umfassende Kraft der Liebe, des Begehrens und der schöpferischen Bewegung hin zu etwas Höherem. 

Das griechische Wort ρως, éros, bedeutet „Begehren“ und wird bei Platon, besonders im Symposion, als das Streben der Seele nach Schönheit, Wahrheit und Erkenntnis beschrieben. Für die alten Griechen war Eros eine lebensspendende Kraft, eine innere Spannung, eine Leidenschaft für das Schöne und das Wahre, mehr als Eigenliebe, etwas, das einen über sich selbst hinauswachsen lässt und einen für etwas Größeres öffnet.

Gerade für junge Menschen ist es entscheidend, etwas zu haben, worauf sie diese Kraft, des Eros, richten können. Jeder Mensch trägt in sich eine Spannung, eine Sehnsucht, ein Drängen nach Leben, Liebe und Erfüllung. Diese Kraft ist nicht zufällig, sie ist gegeben, und sie ist kostbar. Doch sie kann verengt, vergeudet oder missbraucht werden. Darum lautet der entscheidende Appell: Spanne deinen Eros weit. Gib dich nicht mit dem Niedrigen zufrieden, verkaufe deine Sehnsucht nicht billig, verbrauche deine Leidenschaft nicht im Augenblick.

Die Sehnsucht soll den Menschen nicht beherrschen, sondern ihn tragen

Ein Mensch muss lernen, Spannung auszuhalten, zu warten, zu ordnen. Ein Eros, der sofort befriedigt wird, wird schwach, leer und richtungslos. Ein weit gespannter Eros dagegen macht fähig zur Liebe, zur Treue, zur Hingabe, zur Verantwortung und zu einem Leben mit Gewicht. Es geht nicht darum, den Eros zu töten oder zu unterdrücken, sondern ihn zu beherrschen und zu formen, ohne ihn zu verachten. 

Die Sehnsucht soll den Menschen nicht beherrschen, sondern ihn tragen. Nur ein Mensch, der seine innere Spannung bewahrt, der nicht alles sofort haben will und der auf etwas Größeres hin arbeitet und hin lebt, kann wirklich lieben und wirklich frei sein.

In der Geschichte war der Eros immer dann lebendig, wenn man über seinen Alltag hinausgewachsen ist und aus einer Leidenschaft den Mut zu etwas Höherem fasste. Das betrifft nicht nur einzelne Menschen, sondern kann sich auch auf Gruppen, Stände oder Gesellschaften beziehen. Im Mittelalter war der Eros die Leidenschaft der Ritter für ihren Stand, für Ritterlichkeit, Ehre, Minnesang und den edlen Kampf. 

Statue des heiligen Franz Xaver in Peking

Er war die innere Kraft der Bettelmönche, etwa bei Franz von Assisi oder Dominikus, die ihr ganzes Leben auf Christus und das Reich Gottes ausrichteten. Er war die Leidenschaft heiliger Könige wie Ludwig IX. von Frankreich oder Kaiser Heinrich II., die ihr Amt nicht als bloße Machtposition verstanden, sondern als Dienst an einer Ordnung, die über sie selbst hinausging.

In all diesen Fällen handelte es sich nicht um kalte Pflicht, nicht um Machtgier oder Egoismus, sondern um eine große Liebe zu etwas, das größer war als das eigene Ich. Es war die Bereitschaft, für das zu sterben, was man liebt.

Später wurde dieser Eros bei den großen Entdeckern, Missionaren und Wissenschaftlern neu geweckt. Christoph Kolumbus spannte seinen Eros bis in die Neue Welt hinaus, ebenso viele Missionare der Frühen Neuzeit, die unter extremen Bedingungen lebten, Gewalt, Krankheit und Tod riskierten und nicht selten mit ihrem Leben bezahlten, wenn Eingeborene anderer Meinung waren, wie bei den kanadischen Märtyrern im 17. Jahrhundert. 

Der spanische Jesuit Franz Xaver zog bis nach Indien, Japan und an die Grenzen Chinas, nicht aus Abenteuerlust, sondern aus einer brennenden Leidenschaft und die Liebe, Christus die Ehre zu geben und Menschen zu bekehren. Auch hier war es der weit gespannte Eros, der Menschen über sich selbst hinausführte.

Der Wandel zum Weltlichen und Politischen

Mit der Neuzeit verlagerte sich dieser Eros zunehmend auf weltliche und politische Ziele. In der Amerikanischen Revolution kämpften Menschen nicht für persönlichen Gewinn, sondern für eine Idee von Freiheit. Im 19. Jahrhundert rangen in Europa liberale Kräfte gegen die alte Ordnung. Man kann diese Bewegungen kritisch sehen oder bejahen, doch unbestreitbar war auch in der Märzrevolution von 1848 und in den Einigungskriegen dieses Jahrhunderts ein Eros am Werk, der sich nicht primär um das Ego drehte, sondern um eine als höher empfundene Sache.

Nach den katastrophalen Erfahrungen der beiden Weltkriege geriet der Eros zunehmend unter Verdacht. Leidenschaft, Pathos und große Visionen galten von nun an als gefährliche Kräfte, die in Fanatismus der Zerstörung und letztlich in die Katastrophe geführt hatten. Große Ziele erschienen verdächtig, ja geradezu verantwortungslos.

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In der Nachkriegszeit trat an ihre Stelle ein neues Ideal, das der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard mit der Formel vom „Wohlstand für alle“ auf den Punkt brachte. Diese Geisteshaltung führte anschließend dazu, dass das höchste Glück nicht mehr in großen Abenteuern, metaphysischen Verheißungen oder der Hoffnung auf ewige Glückseligkeit, sondern in materieller Sicherheit und privatem Komfort: ein eigenes Haus, ein Auto vor der Tür und eine geringe Zahl von Kindern. Glück wurde klein gedacht.

Gerade darin liegt der postmoderne Charakter dieses Ziels. Es verzichtet bewusst auf große Erzählungen, auf transzendente Horizonte. An die Stelle von Sinn, Opfer und Erlösung tritt die Idee eines möglichst angenehmen Lebens. Nicht mehr das Große und Erhabene gilt als erstrebenswert, sondern das Stabile, Planbare und Bequeme wird zum letzten Ziel erklärt.

Heute lebt der Mensch nur noch für ein gezähmtes Diesseits

In diesem Modell lebt der Mensch für ein gezähmtes Diesseits, frei vom Wagnis des Großen. Doch gerade diese Reduktion verfehlt und missbraucht ihn. Sie formt ihn zum roboterhaften Kleinbürger, der – wie es der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt pointiert formulierte – besser zum Arzt gehen solle, wenn er Visionen habe, und stattdessen den Eintritt in die Gewerkschaft erwäge. Im Zentrum stehen nun Bequemlichkeit, Sicherheit und Ruhe.

Der Mensch soll nichts mehr von Gott erwarten und nicht länger von jenen Einsamkeiten sprechen, aus denen große Romane, große Gedanken und große Kunst hervorgehen. Das Unbedingte, das Unverfügbare, das Erschütternde wird aus dem Leben verbannt. Übrig bleibt ein Dasein, das sich an Effizienz, Anpassung und Optimierung orientiert.

So wird der Mensch zum Menschen der Entsagung: Er verzichtet auf das Große, auf das Übermaß, auf das Risiko des Sinns. An die Stelle von Sehnsucht und Transzendenz tritt die permanente Selbstverbesserung. Nicht mehr die Frage nach dem Warum bestimmt das Leben, sondern die Frage nach dem Wie reibungslos es sich organisieren lässt.

Die Folgen des kleinbürgerlichen Minimalprogramms

Im 21. Jahrhundert zeigen sich nun die Folgen dieses kleinbürgerlichen Minimalprogramms. Wir erleben eine demographische Krise, eine tiefe Verunsicherung der Geschlechterordnung, Abtreibung wird in manchen Ländern als Grundrecht in die Verfassungen geschrieben. All das verweist darauf, dass das Projekt eines bloß komfortablen Lebens ohne höhere Ziele keine Zukunft hat. 

Fraglich ist auch, wie viel mehr an Freiheit im zeitgenössischen Leben vorhanden ist. Ist es oft nicht eine Art moderne Knechtschaft unter Maschinen im Neonlicht, in denen schlecht frisiertes Humankapital die Freiheit von Gott mit einer Excelliste zelebriert?

Der Mensch braucht mehr. Er muss lernen, seinen Eros wieder weit zu spannen, Leidenschaft zu entwickeln für eine wirklich höhere und bessere Sache. Das kann bedeuten, Gott zu folgen und auf das Himmelreich hin zu leben, eine Familie mit vielen Kindern zu gründen oder das eigene Leben in den Dienst einer Aufgabe zu stellen, die größer ist als man selbst. 

Vor allem junge Männer brauchen solche Ziele. Sie brauchen eine Vision, die sie stark, wach und lebendig macht. Wir dürfen junge Männer nicht länger durch banale Verheißungen oder depressive Erzählungen entkräften und orientierungslos zurücklassen. Der Eros wird nicht verschwinden. Wenn er nicht für das Gute geweckt wird, wird er von anderen instrumentalisiert werden.

Europa wird nicht durch technokratische Programme erneuert

Es gibt immer Rattenfänger, die wissen, wie man Sehnsucht, Leidenschaft und Opferbereitschaft missbraucht, auch wenn sie heute nicht mehr Nationalsozialismus oder Kommunismus heißen. 

Darum ist es an der Zeit, den Eros bewusst für das Gute zu wecken, ihm wieder eine Richtung zu geben und jungen Menschen Ziele zuzutrauen, die größer sind als bloßer Wohlstand. 

Europa wird nicht durch Verwaltung erneuert, nicht durch immer neue Regelwerke, Kommissionen und technokratische Programme. Europa wird nur dort neu entstehen, wo wieder ein weit gespannter Eros erwacht, eine Leidenschaft für das Große, das Wahre und das Schöne.

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