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Übersterblichkeit in Deutschland

Stell dir vor, es sterben zu viele Menschen, und kaum einen interessiert’s

Es ist ein diffuses Gefühl. Ist es etwas Normales? Oder doch etwas Außergewöhnliches? Um einen herum sterben Menschen. Gestorben wird immer, ja. Das wurde der modernen Gesellschaft durch die Corona-Pandemie wieder wirklich bewusst. Aber in keinem der drei Corona-Jahre sind in Deutschland so viele Menschen gestorben wie in den letzten Wochen des Jahres 2022.

Das Coronavirus verbreitete sich seit Anfang 2020 in Deutschland. Doch die Zahl der Todesfälle in diesem Jahr lag nahe der empirischen Standardabweichung. So wurden 2020 rund 4.000 überzählige Todesfälle gemessen, fanden der Regensburger Psychologieprofessor Christof Kuhbandner und der Osnabrücker Mathematiker Matthias Reitzner in einer im Mai per Peer-Review-Verfahren im Medizinjournal Cureus von Springer Nature erschienenen Studie heraus.

Im Jahr 2021 hingegen lag die Zahl der gemessenen Todesfälle zwei empirische Standardabweichungen über der erwarteten Zahl und 2022 sogar das Vierfache darüber. Konkret heißt das: 2021 starben in Deutschland etwa 34.000 Menschen mehr als statistisch erwartet und 2022 sogar 66.000 mehr, zusammen also 100.000. Das ifo-Institut kam laut eigenen Berechnungen inklusive 2020 sogar auf 180.000 mehr Sterbefällen als zu erwarten gewesen wäre. Die Impfkampagne startete ab Ende Dezember 2020 und nahm im Frühjahr 2021 Fahrt auf.

2022 starben zehn Prozent der 15- bis 29-Jährigen mehr als statistisch zu erwarten

Doch die beiden Forscher gingen noch tiefer in die Daten hinein. Demnach resultierte die hohe Übersterblichkeit in den beiden Jahren vor allem aus einem Anstieg der Sterbefälle in den Altersgruppen zwischen 15 und 79 Jahren und begann sich erst ab April 2021 zu häufen – nachdem die Pandemie schon mehr als ein Jahr im Gang war. Beispielsweise starben 2021 knapp drei Prozent der 15- bis 29-Jährigen mehr als erwartet, 2022 waren es dann über zehn Prozent mehr. Ein ähnliches Muster lässt sich bei den 30- bis 39-Jährigen feststellen.

Doch auch ein anderer Wert lässt aufhorchen: das Sterblichkeitsmuster bei Totgeburten. Im Vergleich zu den Vorjahren stieg die Zahl der Totgeburten im zweiten Quartal 2021 gegenüber den Durchschnittswerten der Vorjahre um 9,4 Prozent, im vierten Quartal 2021 sogar um 19,4 Prozent. „Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass im Frühjahr 2021 etwas passiert sein muss, das zu einem plötzlichen und anhaltenden Anstieg der Sterblichkeit geführt hat, obwohl während der frühen COVID-19-Pandemie bisher keine derartigen Auswirkungen auf die Sterblichkeit beobachtet worden waren“, schreiben Kuhbandner und Reitzner.

Vorschau Sterbefallzahlen 2022
Sterbefallzahlen 2022

Auch eine andere Untersuchung bestätigte eine deutlich erhöhte Übersterblichkeit. Der Mathematiker Hagen Scherb und der japanische Kinderarzt Keiji Hayshi verglichen darin die Sterbedaten in Deutschland und Japan. Sie kamen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass es vor allem im Herbst 2022 einen sprunghaften Anstieg der Todesfälle gab, für die es keine Erklärung gebe. Die Zahl lag bis zu 40 Prozent höher als der Durchschnitt der vergangenen Jahre.

Keine Debatte aus Furcht vor medialer Stigmatisierung?

An der Kuhbandner/Reitzner-Studie gab es auch Kritik. Die beiden Statistiker Göran Kauermann und Giacomo De Nicola von der Universität München wiesen in einer Einschätzung für die Berliner Zeitung auf Auffälligkeiten hin: Eine Abbildung zeige etwa „im Jahr 2022 eine Übersterblichkeit für alle Altersgruppen, sogar für die 0- bis 14-Jährigen, die am Ende des Jahres dramatisch ansteigt“. Diese Darstellung sei zumindest fraglich und werfe die Frage auf, ob der von Kuhbandner und Reitzner verwendete exponentielle Trend leicht zu stark sei.

Außerdem weisen die Münchner Statistiker auf die laut ihnen fragwürdige Interpretation der Daten hin.

„Die Autoren sagen gleich zu Beginn, dass die Übersterblichkeit in den Jahren 2021–2022 vor allem auf einen Anstieg in den Altersgruppen zwischen 15 und 79 Jahren zurückzuführen sei, doch das ist falsch: Während nach den Berechnungen der Autoren die jüngeren Altersgruppen prozentual einen größeren Überschuss aufweisen, sind es bei der Gesamtüberschusstotenzahl nach wie vor die über 80-Jährigen, die den absoluten Großteil der Todesopfer ausmachen.“

Allerdings zielten die Ergebnisse von Kuhbandner und Reitzner vor allem auf die Übersterblichkeit, nicht auf den prozentualen Anteil an den aufgetretenen Todesfällen. Auffällig an der Stellungnahme von Kauermann und De Nicola ist ihr Diskussionsangebot.

Denn eine breite Debatte über die sprunghaft gestiegene Übersterblichkeit und die zugenommene Zahl der Totgeburten findet nicht statt. Auch die Wissenschaft hält sich im Vergleich zu den Hochzeiten der Pandemie zurück. Medienauftritte oder publikumswirksame Texte gibt es kaum. Eine Mitarbeiterin eines Forschers, der sich mit der Übersterblichkeit befasst, begründete dies auf Nachfrage von Corrigenda mit der Furcht vor medialer Stigmatisierung bis hin zu berufsschädigender Verleumdung. Dabei sei es dringend notwendig, die Corona-Politik aufzuarbeiten. Ihren Namen möchte auch sie nicht in den Medien lesen.

Bundesregierung ist ahnungslos über die Gründe

Auch die großen Fernsehanstalten und Zeitungen beschäftigen sich kaum mehr mit dem Thema. In den vergangenen Wochen sorgten lediglich die Berliner Zeitung und die Welt für etwas Öffentlichkeit und Druck. Doch die Ampel-Regierung und weite Teile der Opposition ficht das nicht an. Corrigenda hat deshalb beim Bundesgesundheitsministerium nachgefragt, ob es das Thema Übersterblichkeit auf dem Schirm habe und wie es die sprunghaft gestiegene Zahl der Übersterblichkeit und der Totgeburten einschätze.

Eine Sprecherin wies zunächst auf drei Punkte hin:

  • Erstens habe die Corona-Pandemie „auch im Jahr 2022 zu zusätzlichen Todesfällen geführt“.
  • Zweitens führe die „starke Influenzawelle von Mitte November bis zum Ende des Jahres 2022 ebenfalls zu einer deutlichen Übersterblichkeit“.
  • Drittens altere die Gesellschaft in Deutschland, „so dass bei etwa konstanter Gesamtbevölkerung die Altersgruppe der über 80-jährigen einen größeren Anteil einnimmt. Dies führt zu einer steigenden Anzahl von Todesfällen, ohne dass sich die altersspezifische Sterberate ändert“.

Dann folgt ein wichtiger Satz: „Diese drei wichtigen Faktoren erklären dennoch nicht das gesamte Ausmaß der erhöhten Sterblichkeit in Deutschland, z.B. dass es im Rahmen der COVID-19-Pandemie anscheinend zu zusätzlichen Sterbefällen kam, die parallel zu den Coronawellen 2022 auftraten.“ Verschiedene Analysen dazu dauerten noch an.

Heißt: Selbst jetzt, Mitte 2023, hat die deutsche Bundesregierung, die extreme Corona-Maßnahmen beschlossen hatte, bislang keine Ahnung, warum es ab dem zweiten Quartal 2021 zu einer sprunghaften Übersterblichkeit kam.

Hinsichtlich der gestiegenen Zahl der Totgeburten verweist das Bundesgesundheitsministerium auf Corrigenda-Anfrage darauf, „dass die Zahl der Totgeburten von einem Tiefstand im Jahr 2007 mit 3,5 Totgeburten je 1.000 Geborenen seit 2010 tendenziell gestiegen ist und im Jahr 2021 bei 4,3 Totgeburten je 1.000 Geborene lag“. Der steigende Trend „beginnt also nicht erst im Jahr 2020, sondern ist Teil einer seit längerem beobachteten leichten Zunahme der Totgeburten, für die in der Fachliteratur verschiedene Ursachen diskutiert werden“.

Einer der Gründe ist demnach das steigende Alter der Mütter. Ein anderer ist Experten zufolge eine seit 2013 mehrfach geänderte Regelung für „Sternenkinder“. Eltern bekamen damals die Möglichkeit, die Totgeburt beim Standesamt dokumentieren zu lassen, was aber keine Pflicht ist. Seit 2018 wird eine Totgeburt als solche definiert, wenn das Kind mindestens 500 Gramm schwer oder die 24. Schwangerschaftswoche erreicht ist.

Fragwürdige Prioritäten beim RKI

Kuhbandner und Reitzner hatten aufgrund der „ungewöhnlich“ hohen Zahl der Totgeburten ab 2021 empfohlen, einen Zusammenhang zwischen Totgeburten und dem Coronavirus sowie der Impfung dagegen zu untersuchen. Jonas Schöley, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Gesundheitszustand der Bevölkerung am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock, sagte im Juni der ARD, die Zahl der Totgeburtenquote sei kein Indiz für eine Gefahr durch die Corona-Impfungen.

Er verwies, wie das Gesundheitsministerium auch, auf eine im Juli 2021 erschienene Studie im International Journal of Gynecology & Obstetrics. Eine Untersuchung der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin aus dem Jahr 2022 wies darauf hin, dass eine erhöhte Zahl von Frauen, die eine Totgeburt erlebten, mit dem Coronavirus infiziert war.

Gerade weil die Gründe für die Übersterblichkeit und die steigende Zahl der Totgeburten nicht ausreichend erklärt sind, wäre eine nationale Anstrengung hin zu einer Lösung des Übersterblichkeitsrätsels geboten. Wozu sonst gibt es die inzwischen mit Geld überschütteten Institutionen wie das Robert-Koch-Institut (RKI)? Doch dort fokussiert man sich derzeit lieber auf eine „Untersuchung zur Bewegungsförderung in Kitas, Schulen und Sportvereinen“ oder einer allgemeinen Studie „Gesundheit in Deutschland“.

Derweil zeigen aktuelle Daten des Bundesamts für Statistik, dass die Übersterblichkeit auch im ersten Halbjahr 2023 in einzelnen Monaten erhöht war.

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Max Mustermann
Vor 1 Woche 2 Tage

Hier eine Analyse, auch 2020 gab es eine Übersterblichkeit
https://youtu.be/6yZ28VGG1Ck?si=K2bjsM2SZJylpHIV

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Paul Dornfeld
Vor 8 Monate 2 Wochen

Ja, bleiben Sie dran am Thema, die Corona-Maßnahmen haben die Gesellschaft zu sehr gespalten. Das Stigma Querdenker – vormals ein Prädikatsmerkmal – hängt Kritikern der Regierungsentscheidungen bis heute an und wird gleichbedeutend mit Nazi und Rassist gehandhabt. Die Ungeimpften unseres bescheidenen Dorf-Chores sind besser durch die Zeit gekommen als die Geimpften, die den Pesthauch der gefährlichen Aerosole der Mitsänger so streng ausgegrenzt hatten.

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Max Mustermann
Vor 1 Woche 2 Tage

Hier eine Analyse, auch 2020 gab es eine Übersterblichkeit
https://youtu.be/6yZ28VGG1Ck?si=K2bjsM2SZJylpHIV

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Paul Dornfeld
Vor 8 Monate 2 Wochen

Ja, bleiben Sie dran am Thema, die Corona-Maßnahmen haben die Gesellschaft zu sehr gespalten. Das Stigma Querdenker – vormals ein Prädikatsmerkmal – hängt Kritikern der Regierungsentscheidungen bis heute an und wird gleichbedeutend mit Nazi und Rassist gehandhabt. Die Ungeimpften unseres bescheidenen Dorf-Chores sind besser durch die Zeit gekommen als die Geimpften, die den Pesthauch der gefährlichen Aerosole der Mitsänger so streng ausgegrenzt hatten.