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TV-Kritik „Stimmt! Der Nachrichten-Talk“

„Wir enden in einem völlig homogenisierten Meinungsspektrum“

Seit wenigen Wochen steht mit „Stimmt! Der Nachrichten-Talk“ ein neuer Player auf dem Spielfeld der politischen Talkshows, der es mit den großen öffentlich-rechtlichen und oft etwas in die Jahre gekommenen Schlachtrössern aufnehmen will, aber auch mit der noch eher jungen Konkurrenz von Bild „Viertel nach Acht“. In einem Werbevideo heißt es: „Nachrichtensendungen sind langweilig und oberflächlich? Stimmt, deswegen ab sofort neu auf YouTube ‘Stimmt! Der Nachrichtentalk.“ Um ein aussagekräftiges Urteil darüber abzugeben, wie gut oder schlecht sich der Newcomer schlägt, ist es noch zu früh. Nicht zu früh ist es hingegen, ihm eine Chance zu geben, sich zu beweisen.

Die Spielregeln sind einfach: drei Gäste, drei Themen. Am gestrigen Montagabend sind das die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, Cicero-Journalist Ben Krischke und Ex-Bunte-Chefin Patricia Riekel. Erste Runde: Berliner Abgeordnetenhauswahl. Die „Stimmt!“-Redaktion, Teil von Rome Medien und geführt von Ex-Bild-Chefredakteur Julian Reichelt, sitzt ebenso wie die meisten Gäste in Berlin. Ihnen fällt die leidige Aufgabe zu, den Nicht-Berlinern zu erklären, warum in der Hauptstadt nichts läuft, deren Bewohner aber dennoch immer wieder dieselben Versager-Parteien wählen.

Doch diesmal stimmte das Wahlvolk anders. Die CDU mit Spitzenkandidat Kai Wegner ging seit fast einem Vierteljahrhundert erstmals wieder als Sieger hervor, deutlich vor SPD und Grünen, die sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten, bei dem die Sozialdemokraten am Ende 105 Stimmen mehr erhielten. Was war der Grund für diesen Wechsel?

„Die CDU hat vieles richtig gemacht“, resümiert Riekel. Doch ein klares Signal gegen das „Weiter so“, das ist es nicht, hakt Krischke ein. Der Cicero-Redakteur merkt zurecht an: Rot-Grün-Rot könnte weitermachen, wenn es wollte. Es wäre eine Verliererkoalition, weil alle drei Parteien weniger Prozente errangen als vor zwei Jahren, doch die Möglichkeit ist sehr realistisch.

„Legal ist nicht legitim“

Also eine weiter regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD), die nicht mal ihren eigenen Wahlkreis für sich entscheiden konnte? Möglich wär’s, dit is Balin. Doch „legal ist nicht legitim“, merkt Politologin Guérot an, „nicht alles, was möglich ist, ist auch das politisch Gute“. Doch ihr Punkt ist ein anderer: „38 Prozent der Berliner haben gar nicht gewählt. Die größte Stimmung ist: Ressentiment. Ich will gar nicht mehr wählen. Ich weiß gar nicht mehr, wen ich wähle.“ Tatsächlich lag die Wahlbeteiligung bei 63 Prozent, ein auffallend niedriger Wert.

Die streitbare Wissenschaftlerin weist noch auf etwas hin: Die „sonstigen“ Parteien erhielten neun Prozent der Stimmen. „Die FDP würde sich freuen“, fügt sie lakonisch an. Wer’s nicht mitbekommen hat: die Liberalen kamen nicht über die Fünf-Prozent-Hürde. Woran das lag? Die Gegenfrage Guérots liefert die Antwort: Wofür steht die FDP? So ganz klar wird das nicht, schaut man sich die Wahlkampfversprechen im Bund und das Ergebnis ihrer Politik in der Ampel-Koalition an.

Doch zurück zu Berlin: Warum die Stadt für die großen Parteien ein immer schwierigeres Pflaster wird, können Moderator Sebastian Vorbach und seine Gäste an diesem Abend nur vage beantworten. Liegt’s an Berlins vielschichtiger bis gespaltener Gesellschaft, dem Zuzug von Menschen aus der ganze Welt, den Extremen, die in dieser Stadt aufeinandertreffen? Vielleicht hätte ein Berliner Lokaljournalist oder gestandener Lokalpolitiker die Runde hier konstruktiv ergänzt.

Träumen vom Frieden

Also auf zu Runde zwei, auf in die Weltpolitik. Die schillernde Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht hat zusammen mit der Journalistin und Alt-Feministin Alice Schwarzer ein „Manifest für Frieden“ lanciert. Es wendet sich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine und fordert Deutschland auf, sich für Friedensverhandlungen einzusetzen. Mehr als 360.000 Menschen unterstützen die Petition bislang, zu den Erstunterzeichnern gehört auch Ulrike Guérot.

Sie erhofft sich davon, „dass wir anfangen, über den Frieden zu reden, dass wir anfangen in Kriterien des Friedens zu denken und in Kriterien der Verhandlung zu denken, dass wir auf die Opferzahlen schauen, auf die Opferzahlen der Soldaten, die immens hoch sind auf beiden Seiten, aber eben auch der Zivilisten und dass tatsächlich dieser einfache Satz, dass mehr Waffen keinen Frieden schaffen, dass der einfach stimmt“.

Die Ukrainer würden dieser Aussage freilich widersprechen. Ebenso Guérots Worten, wonach „wir das Leid des Krieges“ vergessen hätten. Denn die Ukrainer sind in diesen Krieg gezwungen worden und sind noch immer entschlossen, ihn zu führen. So gesehen ist es aus mitteleuropäischer Sicht ein leidiges Thema. Denn nach aktuellem Stand könnten nur zwei Länder realistischerweise diesen Krieg beenden: Russland, weil es ihn begonnen hat, und die USA, weil sie die Ukraine mit überlebenswichtigen Waffen, Geld und Informationen versorgt. Guérots Bild der zwei streitenden Kinder und der Mutter, die sagt, es sei ihr egal, wer angefangen habe, Hauptsache, sie hören erstmal auf zu streiten, zerschellt deshalb auch an der harten Betonwand der geopolitischen Realität.

Einen etwas realistischeren Ansatz verfolgt Riekel. „Es müssen neutrale Länder sein“, Brasilien, Australien, China, nur sie könnten die Ukraine und Russland an den Verhandlungstisch bewegen. Doch inwiefern China, das sich in einem veritablen Wirtschaftskrieg mit den USA befindet, neutral ist, bleibt fraglich. Bei so viel, ja, Träumerei vom Frieden hätte Moderator Vorbach eingreifen können und als Journalist die divergente Sicht einnehmen können, vielleicht auch müssen.

In diesem Moment beweist die Sendung ihre Existenzberechtigung

Ehe die Sendezeit gänzlich verflog, startete Runde drei: Hans-Georg Maaßen und die CDU. Der Spitzenjurist und ehemalige Verfassungsschutzpräsident soll aus der Partei ausgeschlossen werden, weil er „laufend gegen die Grundsätze und Ordnung der Partei“ verstoße. Die CDU-Spitze wirft ihm zudem vor, immer wieder „Sprache aus dem Milieu der Antisemiten und Verschwörungsideologen bis hin zu völkischen Ausdrucksweisen“ zu gebrauchen. Letzteres bezog sich auf Maaßens Aussage über eine „rot-grüne Rassenlehre“, wonach „Weiße als minderwertige Rasse angesehen werden“.

Auch wenn Maaßen berechtigterweise auf eine Ideologie aufmerksam machte, die Menschen tatsächlich wieder in Rassen einteilt und nach der hellhäutige Menschen per se Täter sind (Corrigenda hat u.a. hier darüber berichtet): Der ehemalige Verfassungshüter hätte die Mechanismen des Kulturkampfes kennen müssen, in dem progressive Kräfte derzeit die Oberhand haben, und sich strategisch klüger verhalten sollen.

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Während die frühere Bunte-Chefin auch hierbei wieder eine klare Meinung hat ­– Maaßen soll in der CDU bleiben dürfen –, mahnt Krischke eine vorsichtigere Betrachtung an. Der Jurist handle impulsiv, konstatiert der Cicero-Mann. „Er ist schon auf einem kleinen Rachefeldzug, hab ich das Gefühl.“ Konsens unter allen Gästen besteht wiederum bei der Reflexhaftigkeit der Debatte, bei der das Sachliche zu kurz kommt. Zu viel Konsens.

In der Maaßen-Debatte nahm Guérot die etwas träumerische Brille ab und benannte die ungeschönte Wahrheit hinsichtlich der Mechanismen der Linken: „Das sind ja auch gesteuerte Geschichten, sie schneiden einen aus – singling out -, der wird abgeschnitten, und dann kommt der nächste, der nächste, der nächste. Und wo enden wir? Wir enden in einem völlig homogenisierten Meinungsspektrum. Und da hat Maaßen einen validen Punkt, wenn man ihn rausnimmt, spart man sich die Sachdiskussion.“ In solchen Momenten beweist die Sendung ihre Existenzberechtigung.

„Stimmt!“ ist eine relevante Erweiterung des bundesdeutschen Talkshow-Feldes, dem viele Zuschauer, aber vor allem viele kantige Gäste mit unterschiedlichen Meinungen zu wünschen sind. Denn einengende Debatten, wie sie zuweilen in den öffentlich-rechtlichen Gesprächsrunden zu sehen sind, nur unter umgekehrten Vorzeichen, das braucht es nicht.

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