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Kritik der Frühsexualisierung

Wollen wir das wirklich?

Anfang Juli untersagte das niedersächsische Kultusministerium mit Verweis auf das Kindeswohl einer hannoverschen AWO-Kindertagesstätte, einen sogenannten „Körpererkundungsraum“ einzurichten. Vorab war von den Betreibern ein Brief an die Eltern verschickt worden, in dem – von der „Tagesschau“ zitiert – unter anderem Regeln für diesen „Körpererkundungsraum“ mitgeteilt wurden. Eine davon lautet: „Jedes Kind entscheidet selber, ob und mit wem es körperliche und sexuelle Spiele spielen will.“

Körpererkundungsräume? Die Empörung in der Landeshauptstadt Hannover und weit darüber hinaus war und ist groß. Oder entrüsten sich darüber – wieder einmal – nur die üblichen Verdächtigen im Bereich „Kindeswohlgefährdung“ und „Lebensschutz“, nämlich grundlos besorgte, von vermeintlich ahnungslosen Außenstehenden verunsicherte Eltern und tiefgläubige Christen aller Konfessionen?

Die Realität zeigt: Die sogenannten Doktorspiele von Kindern im Kindergarten werden sogar von fachlicher Seite empfohlen und sind anscheinend vielerorts eine gängige Praxis. So informiert und empfiehlt „erzieherin-ausbildung. Das Portal für die pädagogische Fachkraft“: „Jedes Kind entscheidet selbst, ob, wie lange und mit wem es Doktorspiele spielen möchte. Es kann das Spiel jederzeit beenden und darf entscheiden, wie weit es gehen möchte.“

Das Kindeswohl scheint vielerorts akut gefährdet zu sein, denn es handelt sich hierbei eindeutig nicht um eine Form heute gesellschaftlich vielfach erwünschter Aufklärung über sexuelle Vielfalt, die womöglich schon im Kindergarten beginnen solle, sondern faktisch um Formen der Frühsexualisierung.

Mangel an Sensibilität

Was an dem erschreckenden Beispiel der „Doktorspiele“ sichtbar wird – wie weit mag diese Praxis verbreitet sein? –, gilt auch für andere Bereiche der Pädagogik im Kindergarten, die deutlich im Horizont der Gender-Ideologie und damit der dominanten heutigen Gesellschaftspolitik stehen. Wer Frühsexualisierung befürwortet, meint, dass etwa eine kindgerechte Vermittlung über verschiedene geschlechtliche Identitäten und Lebensweisen nicht früh genug beginnen könne und nicht oder nicht allein in der Hand der Eltern liegen sollte.

Die „Vielfalt“, so erläuterte jüngst die Journalistin Nathalie Birkholz in Eltern, solle authentisch abgebildet werden, ein „kindgerechtes Fragenbeantworten“ finde statt. Wer dagegen opponiere, verfolge seine eigene Agenda: „Dass sich eine zu frühe Sexualaufklärung negativ auf Kinder auswirkt, lässt sich zudem auch empirisch nicht belegen. Ausgenutzt wird diese Sorge von Interessengruppen, die sexuelle Vielfalt und infolgedessen Vielfalt innerhalb der Gesellschaft, ablehnen. Dabei geht es in erster Linie aber nicht um das Wohl der Kinder, denn diese sind mitnichten von ‘Frühsexualisierung’ bedroht, sondern um das Durchsetzen der eigenen Agenda: gegen sexuelle Vielfalt, für Queerfeindlichkeit und für ein traditionelles Rollen- und Geschlechterbild.“

Wer sich also wünscht, dass Kinder, liebevoll umsorgt, einfach Kinder sein und als Kinder jenseits aller Ideologien der „Frühsexualisierung“ aufwachsen dürfen – möglichst in einer klassischen Familie –, wird stigmatisiert. Durchaus berechtigt scheint hier die Besorgnis zu sein, dass Kleinkinder mit Themen und Situationen konfrontiert sind, die sie noch nicht verstehen können und auch noch nicht verstehen müssen. Der Mangel an Sensibilität, der in einer solchen Aufklärungspädagogik vorherrscht, findet insbesondere auf emotionaler und kognitiver Ebene statt. Zweifelhaft ist, ob, wie beabsichtigt, auf diese Weise ein achtsamer Umgang des Kindes mit sich selbst und mit anderen gefördert wird.

„Vermeiden Sie binäre Geschlechtszuordnung“

Aufklärung über Kindererziehung heute erhalten Erziehungsberechtigte auch, wenn sie den Handzettel „Geschlechtliche Vielfalt in Kitas“ studieren, der in Nordrhein-Westfalen von der „Landeskoordination Geschlechtliche Vielfalt Trans*“ erstmals 2021 herausgegeben wurde, mit Unterstützung des Ministeriums für Kinder, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration. Dort ist unter anderem als Empfehlung für Erzieherinnen und Erzieher zu lesen: „Vermeiden Sie eine (binäre) Geschlechtszuordnung. Wenn Sie Kinder dazu auffordern, sich in Gruppen von Jungen und Mädchen einzuteilen, kommen Kinder, die ihr trans* Sein gerade erst entdecken und Kinder, die sich nicht eindeutig zuordnen, wahrscheinlich in Not.“

Weiterhin wird ein Diversitäts-Förderprogramm empfohlen: „Reflektieren Sie den Prozess der Personalauswahl: Wie viel Diversität erleben die Kinder im Kita-Alltag? Fachkräfte, die selbst trans*, inter*, gendernonkonform und nicht-binär sind, können als Rollenmodell fungieren und die Vielfalt der Perspektiven erweitern.“

In der Broschüre „Queer in der Kita!“ (Dezember 2021) lesen wir zudem: „Pädagogik ist also nicht nur gefragt, Zuschreibungen an Jungen und Mädchen zu hinterfragen und zu ändern, sondern ganz grundsätzlich das Konzept von zwei Geschlechtern in Frage zu stellen. Nur so können auch inter* und trans* Kinder mitgedacht werden und ihren Platz in der Gruppe finden. Das Ziel ist, Kindern den Raum zu öffnen, sie selbst zu sein statt sich der Heteronorm beugen und dadurch Teile von sich abspalten zu müssen.“

Frühsexualisierung auf allen Ebenen kritisch prüfen und überdenken

Dieses bildet die gesellschaftliche Realität, in der wir heute leben, ab. Doch niemand ist gezwungen, diese dezidiert politischen Ideen zu billigen oder zu unterstützen. Ernsthaft gilt es zu bedenken: Dient eine solche Sexualpädagogik wirklich dem Wohl des Kindes? Handelt es sich möglicherweise, im Gegenteil, um eine Gefährdung des Kindeswohls?

Darum sollte die „Frühsexualisierung“ auf allen Ebenen kritisch geprüft und überdacht werden. Eine wissenschaftlich fundierte Aufklärung über die postmoderne „Sexualpädagogik der Vielfalt“ und ihre Konsequenzen für das Kindeswohl ist erforderlich. Ob es aber Fördergelder für ein solches Forschungsprojekt geben würde?

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Kommentare

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Kommentar
1
H.u.P.Dornfeld
Vor 6 Monate 3 Wochen

D` accord!
Aber warum sind die Corrigenda-Titel häufig so missverständlich und legen falsche Spuren:
"Wollen wir das wirklich?
Unter Verweis auf das Kindeswohl untersagte das niedersächsische Kultusministerium einer AWO-Kindertagesstätte, einen „Körpererkundungsraum“ einzurichten. Die Realität aber ist: Doktorspiele im Kindergarten werden von fachlicher Seite empfohlen."

So! Bis dahin war zu vermuten, der Autor lehne den KuMi-Entscheid ab! Über Umwege, deren Ironie sich erst auf den zweiten Blick erschließt, kommt dann endlich doch die überfällige Kritik zum Vorschein.

Dasselbe Dilemma im Juni, als uns dieser Titel regelrecht erschreckt hatte:
"Singen, was ist
Was macht die Band Rammstein so erfolgreich? Sie stillt die Sehnsucht nach echten Geschichten. Sie zertrampelt den zuckerwattigen Zeitgeist der „safe spaces“. Sie gibt der düsteren Seite unserer Existenz eine sinnliche Form."

Die darauf folgende kluge Analyse des musikalischen Zeitgeistes von Anna Diouf hat dann alles wieder eingeholt - aber ohne ihren Namen hätten wir nicht weitergelesen, sondern eine erzkatholische
Teufels-Evidenz dahinter vermutet.

0
Piet Grawe
Vor 6 Monate 1 Woche

Das ist der unselige Einfluss der Grünen. Nach allen Pädophilie-Skandalen (Cohn-Bendit) und der verheerenden Methoden-Anleitung im Buch „Sexualpädagogik der Vielfalt“ von Elisabeth Tuider, sollte man solche Leute und ihre Ideen von Kindern fernhalten.
https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/sex-aufklaerung-forscherin…

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Piet Grawe
Vor 6 Monate 1 Woche

Das ist der unselige Einfluss der Grünen. Nach allen Pädophilie-Skandalen (Cohn-Bendit) und der verheerenden Methoden-Anleitung im Buch „Sexualpädagogik der Vielfalt“ von Elisabeth Tuider, sollte man solche Leute und ihre Ideen von Kindern fernhalten.
https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/sex-aufklaerung-forscherin…

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H.u.P.Dornfeld
Vor 6 Monate 3 Wochen

D` accord!
Aber warum sind die Corrigenda-Titel häufig so missverständlich und legen falsche Spuren:
"Wollen wir das wirklich?
Unter Verweis auf das Kindeswohl untersagte das niedersächsische Kultusministerium einer AWO-Kindertagesstätte, einen „Körpererkundungsraum“ einzurichten. Die Realität aber ist: Doktorspiele im Kindergarten werden von fachlicher Seite empfohlen."

So! Bis dahin war zu vermuten, der Autor lehne den KuMi-Entscheid ab! Über Umwege, deren Ironie sich erst auf den zweiten Blick erschließt, kommt dann endlich doch die überfällige Kritik zum Vorschein.

Dasselbe Dilemma im Juni, als uns dieser Titel regelrecht erschreckt hatte:
"Singen, was ist
Was macht die Band Rammstein so erfolgreich? Sie stillt die Sehnsucht nach echten Geschichten. Sie zertrampelt den zuckerwattigen Zeitgeist der „safe spaces“. Sie gibt der düsteren Seite unserer Existenz eine sinnliche Form."

Die darauf folgende kluge Analyse des musikalischen Zeitgeistes von Anna Diouf hat dann alles wieder eingeholt - aber ohne ihren Namen hätten wir nicht weitergelesen, sondern eine erzkatholische
Teufels-Evidenz dahinter vermutet.