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Der WDR und der Penny-Markt-Fauxpas

Kampagnenpartner ARD

Jüngere Zeitgenossen können sich gar nicht mehr vorstellen, welche Bedeutung die Einführung des Fernsehens in den 1950er Jahren hatte. Plötzlich kam jeden Tag die Welt via Bildschirm ins Haus, die man vorher nur aus dem Radio oder der Zeitung kannte. Selbstverständlich kannte die Politik die Folgen dieser Form der Demokratisierung: So versuchte der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU), einen dem Bund unterstellten Fernsehsender zu gründen, um den als linkslastig verschrienen Sendeanstalten der ARD etwas entgegenzusetzen.

Adenauers Plan scheiterte 1961 vor dem Bundesverfassungsgericht. Später gründeten die Länder das zentral geleitete ZDF. Mit dem Zweiten sahen vor allem die politischen Parteien besser, es wurde zu einem Tummelplatz für Union und SPD unter Beimischung der den beiden Lagern nahestehenden gesellschaftlichen Gruppen: Hatte die SPD den einen Posten, bekam die CDU den anderen, wobei Letztere im ZDF zumeist die Nase vorn hatte. So war das damals, aber natürlich war die Staatsferne und der Neutralitätsanspruch unserer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zu jedem Zeitpunkt gewährleistet. Darüber wachten nicht zuletzt die Parteien.

Tatsächlich mussten sich kritische Journalisten ihre Freiräume auch erst erkämpfen, wie in diesem Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1966 deutlich wird. Solchen Ränkespielen zum Trotz, galt die ehrwürdige „Tagesschau“ beim Publikum um 20:00 Uhr als Inbegriff journalistischer Integrität, weshalb einer der Pioniere des privaten Fernsehens in Deutschland, Helmut Thoma, 1992 in einem Spiegel-Interview spottete, die „könnten die Nachrichten in Latein verlesen mit zwei brennenden Kerzen, und die Sendung hätte immer noch gute Ratings“.

So war das damals

In diesen guten alten Zeiten gab es auch eine Sendung namens „Ich stelle mich“ im WDR, moderiert von Claus Hinrich Casdorff. Er ist bis heute der Inbegriff des integren Journalisten, aber trotzdem gab es bisweilen recht pragmatische Lösungen in der Sendegestaltung. Zur Konzeption der Sendung gehörte die Konfrontation mit einem Überraschungsgast. Der heutige PR-Mann Hasso Mansfeld arbeitete Anfang der 1980er Jahre als Fahrer im „Bundesredner-Einsatz“ für die CDU. Eines Tages sollte er Kanzlergattin Hannelore Kohl nach Köln zum WDR ins Funkhaus fahren, um in Casdorffs Sendung aufzutreten.

Sein Fahrdienstleiter gab ihm aber den Auftrag, vorher noch jemanden vom „Hotel Königshof“ in Bonn abzuholen. Die Dame stellt sich nachher als die Grande Dame des bundesdeutschen Journalismus, Marion Gräfin Dönhoff von der Zeit, heraus. Mansfeld saß während der Sendung im Publikum und „war doch ziemlich überrascht, als der Überraschungsgast die Dame war, die ich kurz vorher aus dem Hotel abgeholt hab und gemeinsam mit Hannelore Kohl ins WDR-Funkhaus gefahren hatte“. Die beiden ließen sich nichts anmerken und taten ernsthaft überrascht, anschließend fuhr Mansfeld Gast und Überraschungsgast wieder zurück nach Bonn.

So war das damals, Medien-Profis hielten das für eine lässliche Sünde und das Publikum bekam davon nichts mit, selbst wenn man sich auf Deutsch den Fragen von Casdorff gestellt hatte. Heute ist das selbstredend anders. Überall werden mit dem Mobiltelefon Filme gemacht, jeder wird mit einem einfachen Twitter-Account zum Medienakteur, selbst wenn Twitter heute X heißt. Was aber geblieben ist, ist das Selbstverständnis des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der Maßstab für seriösen Journalismus zu sein.

Eine alte Kampagne mit neuem Schwung

Kritik gilt schnell als Majestätsbeleidigung, wenn man sich selbst als Bollwerk gegen Fake News und andere Erscheinungen der digitalisierten Medienwelt betrachtet. Als Bollwerk ist man kritisch gegen alles, was dem eigenen Selbstverständnis widerspricht. So ist die ARD mit ihren alten Tankern „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ immer vorne dabei, um die klima- oder umweltpolitischen Ideen des eigenen Milieus abzubilden. Wissenschaft ist immer das, was man dafür hält.

Sie helfen gern, um publizistisch entsprechende Initiativen zu unterstützen. So gab es eine Kampagnenidee zu den „wahren Preisen“ von Lebensmitteln. Das Thema ist zwar schon etwas älter, aber das ist bekanntlich kein Argument. So fehlten dann nur noch die Partner für eine solche Kampagne. Der fand sich beim Discounter „Penny“, der sich schon seit längerem um ein neues Image bemüht. Penny ist eine REWE-Tochter.

Penny sei „aber mal so was von am Puls der Zeit mit dem neuen Imagevideo, das unter dem Motto ‘W.G.W.M.P.’ (‘Wer günstig will, muss Penny’) steht“, wie es in einem Fachblatt vor zwei Jahren schön formuliert wurde. Was lag also näher, als der etwas eingeschlafenen „Wahre Preise“-Kampagne mit Pennys Hilfe neuen Schwung zu verleihen?

Gesagt, getan, schließlich stand die ARD als Medienpartner zur Verfügung. Auf allen Kanälen, inklusive der beiden alten ARD-Tanker zur besten Sendezeit, wurde darüber berichtet. Selbstredend auch kritisch, das bezog sich aber allein auf die Rolle des Discounters. Über die Annahmen, ob unsere Lebensmittel wirklich zu billig seien und wir eine laut Misereor „grundlegende Transformation unseres Wirtschaftssystems zu mehr Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit“ bräuchten, diskutierte man selbstredend nicht. So sollte die Kampagne mit dem Medienpartner ARD neuen Schwung bekommen.

Hochseekapitäne auf dem Trockenen

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Doch dann passierte ein Missgeschick. Am 1. August um 5:45 Uhr fiel dem mit fast 130.000 Twitter-Followern reichweitenstarken „Argo Nerd“ ein Interview des WDR in einem Kölner Penny-Markt auf. Nach alter Väter und Mütter Sitte holt man immer noch Volkes Stimme ein, um deren Meinung zur wiederbelebten „Wahre Preise“-Kampagne zu erfahren. Zwar war früher auch nicht alles Gold, was glänzt, selbst wenn man nicht den Gästen wenig überraschende Überraschungsgäste präsentierte.

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Aber so ein Interview eines Senders mit sich selbst ist trotzdem ungewöhnlich. Auf Argo Nerds Hinweis gab es weder vom WDR noch von ARD-aktuell“, der zentralen Fernseh-Nachrichtenredaktion der ARD, eine Reaktion, so seine Auskunft. Dabei wäre es doch naheliegend gewesen, diesen Sachverhalt aufzuklären, wenn es denn ein Missgeschick gewesen sein sollte. Es gibt viele Kollegen aus den Sendeanstalten, die ihm folgen. Eine rechtzeitige Korrektur mit Dank an den aufmerksamen Argo Nerd hätte alle Zweifel beseitigt.

Doch ARD-aktuell reagierte erst nach einem Bericht der Bild-Zeitung. Um die Verwirrung komplett zu machen, löschte dann auch noch die ARD ihre erste Korrekturversion. Aber die Berichterstattung und die Reaktionen in den sozialen Netzwerken waren vom Tanker-Kapitän des WDR, Stefan Brandenburg, nicht mehr zu übersehen. Er veröffentlichte auf seinem privaten Twitter-Account die offizielle Erklärung des WDR. Die wiederholte er in Interviews mit DWDL und der Welt.

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Neben dem üblichen Lamento über Verschwörungstheoretiker gab es eine interessante Formulierung von Brandenburg: „Mir ist wichtig: Wir gehen transparent mit Fehlern um. Der Beitrag wurde – direkt als der Fehler erkannt wurde – korrigiert und mit einem entsprechenden Hinweis versehen.“ Sie haben also den Fehler bei Argo Nerd oder Apollo News ignoriert, die noch vor der Bild-Zeitung darüber berichtet hatten? Das ist für die Hochseekapitäne des selbstformulierten Anspruchs auf seriösen Journalismus nicht relevant.

Insofern ist es auch kein Thema, was etwa Alexander Kissler in der Neuen Zürcher Zeitung formulierte: Solche Missgeschicke passieren immer nur bei Aktivisten und Politikern aus dem gleichen Milieu. Dass nie ein CDU-Politiker als vermeintlicher Kunde entdeckt wird, hat aber etwas mit der Themensetzung der Sender zu tun: Sie transportieren als Medienpartner nur noch das, was in den Netzwerken etwa des politisch-ökonomischen Komplexes Energiewende“ zu finden ist. Dazu gehört es auch, die eingeschlafene „Wahre Preise“-Kampagne wieder aufzuwecken.

Geschäftsmodell Rundfunkbeitrag

Nun mag das Interview des WDR mit sich selbst so passiert sein, wie es Brandenburg darstellt. Shit happens, so sagt man, und es hat auch fast jeden Samstag jemand sechs Richtige im Lotto, so unwahrscheinlich das auch ist. Aber die Selbstbeweihräucherung der ARD-Verantwortlichen ist grotesk: Ihre vermeintliche Transparenz ist keine, sie interessierten sich gar nicht für die sich als richtig herausgestellte Aussage von Argo Nerd. Es war ihnen schlicht egal.

Dafür hat der Chef von ARD-aktuell in einem Deutschlandfunk-Interview die Arroganz eines Hochseekapitäns formuliert, der aber längst auf dem Trockenen sitzt: Die Skandalisierungsabsicht eines Argo Nerd oder das Geschäftsmodell von Verlagen wären das Problem, nicht ARD-aktuell.

Deren Geschäftsmodell beruht darauf, einige Politiker davon zu überzeugen, den Rundfunkbeitrag sicherzustellen. Weil das bisher bei den Bundesländern Einstimmigkeit voraussetzt, gibt es Bemühungen, die durch eine Mehrheitsregelung zu ersetzen. Dann braucht man noch ein paar Politiker weniger zu überzeugen.

So offenbart die „Wahre Preise“-Kampagne in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten deren Kernproblem: Sie sind zu Medienpartnern geworden, wo Journalismus nur noch an einer politischen Agenda ausgerichtet wird. Es ist zu einer Art Adenauer-Fernsehen geworden, aber ohne Adenauer. Und für das Interview im Kölner Penny-Markt gibt es auch eine gute Erklärung: Die Kundin war der Überraschungsgast! So muss es gewesen sein.

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Veritas
Vor 9 Monate 3 Wochen

Danke sehr abermals, Corrigenda und Herrn Lübberding, für diesen fakten- und anekdotenreichen Beitrag. Man kann darin sehr viel lernen und er ist wohl formuliert.

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Peter Freimensch
Vor 9 Monate 3 Wochen

Muss man im besten Deutschland aller Zeiten nicht überbewerten.

Ich persönlich kenne solche Staatsmedien auf diesem hohen qualitativen Niveau noch aus der DDR.

Und viel Ältere vielleicht sogar noch aus den 12 Jahren davor.

Der Unterschied liegt wohl allein nur in der Höhe der dafür abgepressten Propagandasteuer ...

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Veritas
Vor 9 Monate 3 Wochen

Danke sehr abermals, Corrigenda und Herrn Lübberding, für diesen fakten- und anekdotenreichen Beitrag. Man kann darin sehr viel lernen und er ist wohl formuliert.

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Peter Freimensch
Vor 9 Monate 3 Wochen

Muss man im besten Deutschland aller Zeiten nicht überbewerten.

Ich persönlich kenne solche Staatsmedien auf diesem hohen qualitativen Niveau noch aus der DDR.

Und viel Ältere vielleicht sogar noch aus den 12 Jahren davor.

Der Unterschied liegt wohl allein nur in der Höhe der dafür abgepressten Propagandasteuer ...