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Von wegen Amerikanisierung

Keine Angst vor Halloween

Zunächst: Halloween geht ganz sicher nicht auf ein keltisches Totenfest zurück, denn über ein solches Fest Ende Oktober oder Anfang November gibt es keine Quellen. Die Kelten siedelten nicht nur auf den Britischen Inseln, sondern in ganz Mitteleuropa – und weit darüber hinaus: in der heutigen Türkei beispielsweise. Die vom Apostel Paulus bekehrten Galater waren Kelten, die aus Europa nach Anatolien eingewandert waren. Nirgendwo im ehemaligen Siedlungsgebiet der Kelten haben andere Völker die Tradition eines keltischen Totenfestes übernommen und fortgeführt. Weder die Germanen noch andere.

Allerdings gibt es überall im ehemaligen Siedlungsgebiet der Kelten ähnliche Traditionen, die ohne Ausnahme auf christliche Allerheiligenbräuche zurückgehen. Damit ist klar: Das Fest, dass sich Vorabend von Allerheiligen nennt, hat seine Ursprünge nicht in druidischen Aktivitäten, sondern der Lehre der Kirche.

Sodann: Halloween gehört zu einem christlichen Feiertag, und ausgerechnet die Kirche Jesu Christi hat das nicht nur vergessen, sondern weist den Brauch auch empört zurück.

Mit Allerheiligen aufs engste verbunden

Seit über 1.000 Jahren beginnt mit Halloween, dem Abend des 31. Oktobers, ein hoher christlicher Feiertag: Allerheiligen. Am 2. November folgt dann Allerseelen, der Tag, an dem für die Verstorbenen gebetet wird. Wie auch in anderen katholischen Ländern, glaubten die Menschen im mittelalterlichen England, dass die Toten zu dieser Zeit noch einmal für zwei oder drei Tage aus dem Fegefeuer zurückkehren würden, um in ihre Häuser zu gehen und die Angehörigen um deren Fürbitte zu ersuchen.

Anders als heute begann früher der neue Tag nicht um Mitternacht, sondern abends. Aus diesem Grund kommt der Nikolaus noch heute vielerorts am Abend des 5. Dezembers. Auch dass das Weihnachtsfest mit dem Heiligen Abend beginnt, geht auf diese Tradition zurück, und nicht zuletzt wird aus diesem Grund am Samstagabend der Sonntag eingeläutet.

Das Wort „hallow“ stammt vom altenglischen „halga“ (Heiliger) ab und steht in „Halloween“ für „halig“ (heilig). „E’en“, verwandt mit dem althochdeutschen „aband“, ist der Abschluss des Tages und Vorabend eines Feiertages. Damit ist Halloween also eng mit Allerheiligen (auch mit Allerseelen) verbunden, und die Traditionen, Heischegänge, Totengedenken und Zeichendeutung stammen aus dem Brauchtum rund um dieses Fest.

Am modernen Halloween ist nur der Kürbis amerikanisch

In Großbritannien kennt man Halloween auch als „Nut-Crack Night“, denn Äpfel und Nüsse, die zu dieser Zeit überall zu haben sind, spielten eine große Rolle an Halloween: Junge Leute legten jeweils zwei Nüsse, denen sie ihre eigenen und die Namen ihrer Traumpartner gaben, nebeneinander ins Feuer, um zu sehen, ob sie explodierten oder nicht. Ein lauter Knall versprach dabei die große Liebe. Äpfel kamen in vielen alten Spielen, von denen manche auch heute wieder auf Kinderfesten zu sehen sind, vor. Die Spieler mussten versuchen, im Wasser schwimmende oder an Seilen hängende Äpfel mit ihren Zähnen zu greifen.

Während schottische Kinder verkleidet von Tür zu Tür zogen, veranstalteten englische zu Hause Kostümparties. Zu den uralten Halloweenbräuchen gehört auch das Erschrecken der Leute mit einer ausgehöhlten Kohl- oder Steckrübe, in die ein schauriges Gesicht geschnitzt und eine brennende Kerze gestellt wird. Rübengeister waren in Europa weit verbreitet, man kannte sie zum Beispiel auch im südwestfälischen Büschergrund, aber auch in vielen Orten des Westerwalds, im Taunus, in Thüringen und in Schwaben.

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Dass in den USA aus der Rübe ein Kürbis wurde, hat mit den Ureinwohnern zu tun. Die bauten den Kürbis zusammen in einer Mischkultur mit Stangenbohnen und Mais an. Der Kürbis ist das einzige uramerikanische Element des modernen Halloweenfests.

Kirchliche Sprachlosigkeit über die Letzten Dinge

An Halloween zeigt sich die Sprachlosigkeit der zeitgenössischen Theologie, wenn es um die Frage nach Tod und Auferstehung geht. So ist Halloween eine Art Waisenkind geworden, und Esoteriker, Neuheiden und Satanisten adoptieren es nur allzu gerne. Als Reaktion darauf lehnen in den USA vor allem evangelikale Kreise das Fest ab. Sie haben heute großen politischen Einfluss und propagieren ein streng dualistisches Weltbild: Halloween, Rockmusik und sexuelle Freizügigkeit sind für sie Versuchungen des Teufels und führen zum Verfall der guten Sitten. Seit einiger Zeit warnen sie vor Kindesmissbrauch und Kindesentführung zu Halloween und auch vor vergifteten Süßigkeiten und mit Rasierklingen gespickten Äpfeln. Wer Halloween feiert, huldige dem Teufel, sagen sie und fürchten sich vor dem Verlust ihres politischen und kulturellen Einflusses.

Die Angst vor Bedeutungsverlust treibt auch die Kirchen hierzulande um. Die beiden etablierten Kirchen in Deutschland, die wie Behörden organisiert sind, fürchten um ihre Stellung in der Gesellschaft und warnen vor kommerziellem Humbug, fürchten um das besinnliche Totengedenken und klammern sich an alte Privilegien wie gesetzliche Feiertage und Kirchensteuer. Damit propagieren sie ebenfalls einen dunklen Dualismus, ganz ähnlich wie die Evangelikalen in den USA.

Die EKD pocht auf das Reformationsfest am selben Tag, obwohl sie am 31. Oktober kaum noch Gottesdienste anbietet. Halloween und der Gedenktag der Reformation müssen aber keine Gegensätze sein. Beide haben gemeinsame historische Wurzeln haben. Die Anlässe zum Feiern spielen sich lediglich auf zwei verschiedenen Ebenen ab.

Kinder haben sich getraut, an fremde Türen zu klopfen!

Den Grund für einen Rückgang des Christentums hierzulande sollte man nicht in Halloween suchen. In den USA zum Beispiel, wo Halloween das drittgrößte Fest bildet, werden zahllose kleine Prinzessinnen und Batmans mit ihren Familien am Reformations-Sonntag im Gottesdienst zu finden sein. Das Motto „Trick or treat“ („Süßes oder Saures“) nimmt also nichts weg vom Motto der Reformation: „Ecclesia reformata, semper reformanda!“

Unter Katholiken in Übersee wird es zusehends beliebter, Kinder als Heilige zu verkleiden.

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Schlussendlich: Statt vor grimmigen Kürbisfratzen zu warnen und gegen bunte Papierhexen zu wettern, sollten sich die Gegner des wiederentdeckten Festes die soziale Komponente von Halloween neu vor Augen führen. Es würde etwas verlorengehen, wenn das Fest plötzlich aus dem Kalender verschwände, denn auch in ländlichen Regionen wachsen heute Kinder auf, ohne die Namen der Nachbarn zu kennen. Die Entfremdung, die für Erwachsene unangenehm ist, macht Kindern Angst. Mit Fremden spricht man nicht. Vielleicht sind sie böse. Aber auch Erwachsene, die selbst keine Kinder haben, empfinden Misstrauen.

Durch das Halloweenfest kann dieses Misstrauen ausgetrieben werden. Das „Trick or treat“ ist keine Bedrohung, und vor der Tür stehen keine Missetäter. Das „Trick or treat“ kommt von verkleideten Kindern, die sich getraut haben, an fremde Türen zu klopfen. So gesehen handelt es sich dabei um eine Einladung, Ängste zu überwinden und sich ein bisschen weniger fremd zu werden.

Wer sich zu Halloween als Skelett oder Geist verkleidet, demonstriert darüber hinaus eine gehörige Portion Respektlosigkeit gegenüber dem Tod, der durch die unendliche Liebe Gottes seine Gewalt über uns verloren hat. „Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg?“ (1 Kor 15,54-55).

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