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Kolumne „Ein bisschen besser“

Einigkeit und Recht und der Zukunft zugewandt

„Judith“, frage ich meine Frau, „darf ich das hier sagen?“ – „Was denn?“ – „Das mit der Liebe und der Hymne?“ – „Mach doch.“

 

Also: Judith und ich benutzen die drei Wörter „Ich liebe dich“ äußerst sparsam. Vielleicht ein-, zweimal im Jahr oder so. Sie gehen uns nicht mal eben über die Lippen. „Ich hab’ dich lieb“ ist einfacher. Mitunter nach langen Abenden, wenn sie friedlich waren und sich dem Ende neigen, gibt es mal ein „Ich lieb dich“, ohne „e“. Das geht noch. Aber die ganzen drei Wörter ausgeschrieben ausgesprochen? Wir schonen sie. Wir gehen behutsam mit ihnen um. Wir haben Sorge, dass sie wie ein Collier sind, das nicht mehr funkelt, wenn du zu häufig mit den bloßen Fingern danach greifst.

Die Hymne sollte etwas Besonderes sein

Für mich ist das mit unserer Nationalhymne genauso. Neulich haben sie sie in Dessau nach einer Parteiveranstaltung mal eben so gesungen. Man muss sich das vorstellen: Nach einer mittelmäßigen Diskussion und bevor du gleich ein Bier zischt, so etwas. Das wäre so, als würde Judith eben was auf Insta posten und mir dann die Leberwurststulle schmieren und dazwischen „Ich liebe dich“ rüberrufen. Mit „e“. Das erste Mal würde ich mich freuen, beim zweiten würde ich mir überlegen, wen sie da auf Insta stalkt, und beim dritten Mal würde ich sagen: „Ist gut, gib mal die Stulle.“ Es nutzt sich ab.

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Mir ist es übrigens ganz gleich, ob sie „Einigkeit und Recht und Freiheit“ singen oder „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“. Wenn ich ehrlich bin, gefällt mir die DDR-Version textlich sogar noch ein bisschen besser: „Lasst das Licht des Friedens scheinen, dass nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint“ ist einfach großes Kino. „Des Glückes Unterpfand“ fällt dagegen ab, finde ich, aber das ist meine private Meinung, und meine Frau sieht das anders, oder, Judith? Sie hört nicht zu, ist gerade auf Insta vermutlich.

Der Mauerfall war der richtige Moment

Mir ist auch völlig egal, welche Strophe gerade angesagt und welche verpönt ist. Ich will nur nicht, dass sie es grölen. Oder dass jede Dschingderassabumm-Kapelle es vor einem Drittligaspiel gegen Ouagadougou anstimmt. Ich habe immer die Bilder vom Donnerstagabend, dem 9. November 1989, im Kopf, als sich die Damen und Herren des Bundestages nicht in Fraktionen, sondern in Sopran, Alt, Tenor und Bass teilten. Als um kurz nach 20 Uhr die Nachricht vom Mauerfall in Berlin nach Bonn durchdringt, wird die Sitzung unterbrochen. Die Abgeordneten singen spontan die Nationalhymne. Ich habe mir die Szene gerade noch einmal angeguckt und jetzt feuchte Augen.

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„Du“, sage ich zu Judith. – „Ja?“ – „Wann sagst du es mir wieder?“ – „Bald.“ – „Ganz sicher?“ – „Auf jeden Fall“, sagt sie.

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