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Kolumne „Ein bisschen besser“

Wie wir versuchen, reich zu werden

Angesichts nötiger Investitionen und volatiler Einnahmen haben Judith, das Töchterchen und ich neulich auf dem Weg ins Tal zum Forellenhof für ein paar Minuten angehalten und auf den Ruf des Kuckucks gewartet. Ich hatte uns drei jeweils mit einigen Centmünzen ausgestattet und die Instruktion lautete, dass wir beim ersten Mucks des Kuckucks die Geldstücke mit der rechneten Hand über die linke Schulter schmeißen müssten. Dann, so lautet eine alte Regel der Vorfahren, sei ein üppiges Einkommen für dieses Jahr gesichert. Doch der treulose Vogel schwieg.

Meine Frau und ich sind ansonsten nicht abergläubisch, aber manchmal machen wir eben diese kleinen Wetten mit uns selbst: Wenn wir bis zur nächsten Weggabelung drei Eidechsen gesehen haben, klappt es mit dem Großauftrag bei Judith, oder so.

Eine verrückte Ordnung für eine verrückte Welt

Aberglauben ist der Versuch, einer verrückten Welt eine verrückte Ordnung zu unterstellen, damit am Ende alles am rechten Platz liegt. Insbesondere unserer Politiker sind voll von Aberglauben. Die meisten glauben zum Beispiel, dass die Armen nur deswegen arm sind, weil die Reichen reich sind.

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Andere verfallen auf die Idee, dass der Fortpflanzungstrieb mit Geld für Kinder stimuliert werden könnte. Wieder andere glauben, dass die Sommer kühler werden, wenn ganzjährig genug Menschen mit dem Fahrrad fahren. Das alles kann natürlich sein, und wenn es eintritt, wird der Aberglauben zum Glauben und der Glauben zur Gewissheit. 

Mich machen Gewissheiten immer misstrauisch. „Wer seiner Sache hundertprozentig gewiss ist, weiß entweder alles oder nichts“, sage ich zu Judith.

Ein geweihtes Auto löscht besser

Unser Weg führt uns durch ein kleines Örtchen, wo die Menschen fröhlich zum Dorfplatz strömen. Ein Pfarrer besprenkelt hingebungsvoll mit seinem silbernen Weihwasser-Spritzgerät ein brandneues Feuerwehrauto. Das Dorf feiert seine Anschaffung und der Pfarrer sagt, dass ein geweihtes Auto ein bisschen besser löscht als irgend so ein heidnisch Dahergefahrenes. 

Wir stehen etwas abseits und denken nach über den Unterschied zwischen Glauben und Aberglauben. Ich will gerade zu einer Erklärung ansetzen und etwas sagen wie: Glaube sei das, was ich für wahr halte, und Aberglauben das, was andere für wahr halten – als wir den Kuckuck hören. 

Sofort schmeißen wir mit der rechten Hand das Cent-Stück über die linke Schulter. „Wir werden reich“, sage ich. „Hundertprozentig“, sagt Judith. „Kuckuck“, sagt das Töchterchen.

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