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Kolumne „Kaffeehaus“

Wir brauchen die „Nicht-Spießer“

Wir brauchen heute mehr denn je die „Nicht-Spießer“. Es gibt zu wenige von ihnen und die wenigen, die es gibt, werden stigmatisiert. Nein, es geht nicht um politische Lager, es geht um die Freiheit des Geistes. Um die Freiheit, sich als Individuum zu profilieren – vielleicht auch komisch, schrill und unbequem. Man denke nur an Gloria von Thurn und Taxis, an Donald Trump oder Jordan Peterson in seinen seltsamen Anzügen. Vielleicht muss man sich diese Freiheit leisten können, vielleicht kann man sie sich aber auch einfach leisten.

Zugegeben, ich habe sie erst in Belgien entdeckt. Ich bin hier nicht die Einzige, die ihren Vintage-Pelzmantel trägt, um mit den Kindern rodeln zu gehen, und ich bin auch nicht die Einzige, die manchmal den Müll schlampig trennt. Und für meine politischen oder religiösen Ansichten interessiert sich sowieso niemand. Da ist es einfacher, mutig zu sein als in einer Gesellschaft, in der man ständig mit dem Finger auf Andersdenkende zeigt.

Er eckt nicht an, ist nett und gehört zu den „Guten“

Dieser Tage berichtete der Spiegel über den Berliner Ex-CDU-Finanzsenator Peter Kurth, der zu meinen geschätzten Facebook-Freunden zählt. Eine Hetzkampagne kann man den Spiegel-Bericht nennen. Der Grund für die Aufregung: Kurth würde gute Beziehungen mit der AfD und rechten Burschenschaften pflegen. Man sei darüber schockiert und ratlos. Da aber viele Menschen Kurth mögen, hoffen sie, dass er nur „an einem bestimmten Punkt falsch abgebogen ist“. Immerhin galt er schon immer als Modernisierer und Tabubrecher. Die Welt nannte ihn einmal anerkennend einen „Nicht-Spießer“. Nun, dann ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass ein solcher Vordenker und Visionär kein Spießer ist.

Wie sieht also der Spießer von heute aus? Vermutlich isst er vegan, sagt gerne, dass er in einer „offenen Beziehung“ lebt und trägt Funktionshosen, die für Lastenräder geeignet sind. Aber das wäre ein Klischee. Er könnte genauso gut ein bürgerliches Leben führen: in einer Wohnung, die er sich ohne sein Erbe nicht leisten könnte, in der er für seine Gäste Zitronen-Safran-Hähnchen „zaubert“ und seine Kinder in seinem neuen Cabrio zur Schule fährt. Doch darauf kommt es letztlich nicht an.

Der Spießer will vor allem seinen Status in der Umgebung und unter seinen Freunden wahren. Und er findet Robert Habeck cool. Weil der so ist wie er. Er eckt nicht an, ist nett und gehört zu den vermeintlich Guten. Der Spießer will gefallen und niemandem Anlass geben, an seiner perfekten Kompatibilität mit dem gehobenen Mainstream zu zweifeln. Er hat die „Richtigkeit“ dieser Denk- und Lebensweise gelernt und geübt, und nun ist es an der Zeit, sie zu demonstrieren.

Es gibt zu wenig echte Persönlichkeiten

Ich denke dabei an einen Podcast mit der tschechischen Philosophin und Phänomenologin Anna Hogenová, den ich mir kürzlich im Auto angehört habe. Sie beklagte genau das: es gäbe zu wenig echte Persönlichkeiten. Die Menschen wären seit Descartes schon in einer modernen „Richtigkeitsdenkweise“ gefangen, in der es keinen Raum fürs Erkunden, Hinterfragen und Zweifeln gibt.

Das führe dazu, dass die Menschen nicht zu Persönlichkeiten reifen können. Deshalb sei es sogar besser, eine Persönlichkeit zu sein, wenn auch nicht nur mit positiven Eigenschaften, als gar keine und austauschbar. Und ich muss zustimmen. Wir brauchen mehr „Nicht-Spießer“, die keine Angst haben und andere inspirieren können, einen eigenen Weg zu gehen.

 

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Kommentare

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Kommentar
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Jutta
Vor 1 Monat 1 Woche

..wenn das reicht, was inhaltlich beschrieben wird, um eine echte Persönlichkeit zu sein, dann ist das sehr äußerlich und ein bisschen wenig.

Echte bekennende Christen sind echte Persönlichkeiten.

Das reicht.

Aber: wieviele gibt es davon?

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Jutta
Vor 1 Monat 1 Woche

..wenn das reicht, was inhaltlich beschrieben wird, um eine echte Persönlichkeit zu sein, dann ist das sehr äußerlich und ein bisschen wenig.

Echte bekennende Christen sind echte Persönlichkeiten.

Das reicht.

Aber: wieviele gibt es davon?