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Kolumne „Ein bisschen besser“

Taufe in der Nach-Atomzeit

Elf Stunden nach Deutschlands Ausstieg aus dem Atomzeitalter ist unser Töchterchen getauft worden. Es geschah in einer alten Kirche, die schon viele Taufen und Todesfälle und Hochzeiten gesehen hat und die Verrücktheiten der Menschen auszuhalten weiß.

Ihre Glocken klingen zuverlässig zu jeder halben Stunde. Sie schlagen jedem die Zeit. Das Geläut hängt an einem Motörchen, denke ich, denn es ist übermenschlich pünktlich. Der Motor braucht ein wenig Strom, aber dafür wird auch ohne Atom noch lange genug welcher da sein.

Die Zeit verdichtet sich immer dann, wenn wir loswollen

Judith und ich sind nicht übermenschlich pünktlich. Bei uns verdichtet sich die Zeit merkwürdigerweise immer dann zu einem dicken Knubbel, wenn wir loswollen. Es kann so viel fehlen, wenn man loswill zur Taufe!

Erstens das Kind, zweitens die Liedtexte, drittens der Hausschlüssel. Bei uns hat diesmal Judiths Mantel gefehlt, denn in alten Kirchen ist es kalt, genug Kernkraft zum Heizen ist jetzt wirklich nicht mehr da, und ich bin deswegen nochmal umgekehrt und habe ihn geholt.

Als ich klein war, besaß ich eine Buchreihe, zu der es jedes Jahr einen neuen Band gab. „Männer – Fahrten – Abenteuer“ lautete der Titel der Reihe, und ich weiß noch, dass dort Atomuhren, Atom-U-Boote und Atom-Autos vorkamen. Ich träumte davon, selbst so ein Geschoss zu lenken, stattdessen fahren wir einen alten Passat, der noch ein bisschen halten muss, weil das Aufziehen mehrerer Kinder ziemlich viel Geld kostet.

Die Taufe: ein wunderschöner Tag

Nach der Taufe brauste ich mit dem Wagen den Berg hoch, als hätte er ein Atommotörchen. Ich kam mir dann vor wie diese Abenteuer-Männer, bis ich Judith sagen hörte, es sei ein bisschen besser, wenn ich den Fuß vom Gas nähme. Ansonsten würde sie aussteigen.

Noch einen Ausstieg verkrafte ich nicht, sage ich, und überhaupt seien wir ja nicht so die Aussteiger-Typen, nicht wahr? Ich fuhr also langsamer und legte dafür eine Hand auf ihr Knie.

Ja – so war das bei uns elf Stunden nach Deutschlands Ausstieg aus dem Atomzeitalter. Es war ein wunderschöner Tag.

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