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Zum fünften Todestag des Philosophen Robert Spaemann

„Wichtig ist, was immer ist“

Philosophieprofessoren gibt es wie Sand am Meer. Echte Philosophen, die von tiefer Wahrheitsliebe angetrieben werden und dieser Liebe ihr Leben verschreiben, sind hingegen selten. Und nur ganz wenigen gelingt es, als echte Philosophen sowohl in der gelehrten Fachwelt zu reüssieren als auch in die breite Öffentlichkeit hineinzuwirken. Ein solcher höchst seltener Glücksfall ist Robert Spaemann, der vor fünf Jahren am 10. Dezember 2018 in Stuttgart verstarb.

„Wichtig ist, was immer ist“, schrieb Spaemann in seiner äußerst lesenswerten Autobiographie „Über Gott und die Welt“ (2012). Mit dieser Einsicht wies er sich nicht nur als Philosoph, sondern auch als gläubiger Christ aus: Denn was immer ist, ist die Wahrheit, und diese wiederum ist Gott selbst. Der fromme Katholik Spaemann wollte allerdings nur ungern „katholischer Philosoph“ genannt werden, wohl weil dies als ein bloß instrumenteller Zugriff auf die Philosophie missverstanden werden konnte. Spaemann aber war Philosoph im eigentlichen Sinne des Wortes: ein Weisheitsliebender, Wahrheitsstrebender.

Gleichwohl machte er aus seinen katholischen Grundüberzeugungen und aus der Tatsache, dass er von ihnen ausgehend philosophierte, keinen Hehl. Für ihn war klar: Jeder Denker und damit auch jedes Denken hat Voraussetzungen – der Szientist ebenso wie der Christ. Es kommt nur darauf an, sie angemessen zu reflektieren.

Der Fahneneid und ein Ratschlag Jesu

Spaemann kam am 5. Mai 1927 in Berlin auf die Welt. Der Vater Heinrich, studierter Kunsthistoriker, arbeitete für die Sozialistischen Monatshefte, die Mutter Ruth Krämer war Tänzerin. Nach einer gesundheitlichen Krise Ruths konvertierten die Eltern zum Katholizismus und ließen auch den Sohn taufen. Die Familie zog nach Münster. Als der Junge neun Jahre alt war, starb seine Mutter; der Vater entschloss sich, Priester zu werden.

Als Heranwachsender erlebte Spaemann die nationalsozialistische Herrschaft, für die er nur Verachtung übrighatte, ebenso wie den Bombenterror der Alliierten. Als er zum Reichsarbeitsdienst eingezogen wurde, der der vormilitärischen Ausbildung diente, stand er vor der Gewissensfrage, ob er den obligatorischen Fahneneid auf den „Führer“ ablegen sollte. Im Einklang mit dem Ratschlag Jesu, klug wie die Schlangen und zugleich ohne Falsch wie die Tauben zu sein, setzte sich Spaemann nachts leichtbekleidet in den Schneeregen und wurde krank. Das Lazarett bewahrte ihn vor dem Fahneneid. Um dem Einzugsbefehl der Wehrmacht zu entgehen, tauchte Spaemann 1945 dann bei einem befreundeten Bauern bis zum Ende des Krieges unter.

Diese Anekdote aus den Jugendjahren zeigt exemplarisch, was sich bei der intensiveren Beschäftigung mit Spaemanns Biographie bestätigt: Man hat es mit einem außergewöhnlich geraden, authentischen Christenmenschen zu tun. Stichwort „Authentizität“: Die Frage, wie ein unverfälschtes, unmittelbares Leben in der von Dauerreflexivität geprägten Moderne, die alle Bestände auflöst und zersetzt, möglich ist – diese Frage taucht immer wieder in Spaemanns facettenreichem, über zwanzig Monographien und zahllose Aufsätze umfassendem Werk auf.

Themen abseits der Trends

Die Moderne unter bürgerlich-konservativen Vorzeichen philosophisch zu begreifen, war auch eines der zentralen Anliegen von Spaemanns akademischem Lehrer und Doktorvater Joachim Ritter an der Universität Münster. Zum berühmten Collegium Philosophicum, dem Oberseminar Ritters, zählten neben Spaemann unter anderen auch Odo Marquard, Hermann Lübbe und Günter Rohrmoser.

Die denkerische Eigenständigkeit Spaemanns zeigte sich bereits bei der Wahl des Gegenstands seiner Doktorarbeit. Statt ein Leib- und Magenthema seines Lehrers Ritter zu wählen, suchte er sich Louis-Gabriel-Ambroise de Bonald aus, einen philosophischen Wortführer der Reaktion im nachrevolutionären Frankreich, und rekonstruierte ihn als den Begründer der Soziologie. Nach einem Intermezzo als Lektor beim Kohlhammer-Verlag in Stuttgart kehrte Spaemann an die Universität Münster zurück, wo er sich in Philosophie und Pädagogik habilitierte.

Wieder fand Spaemann ein Thema abseits der Trends. Diesmal nahm er sich den französischen Bischof, Philosophen und Theologen François Fénelon vor. Im Zentrum der Arbeit stand die Auseinandersetzung zwischen Fénelon und einem anderen Bischof, Jacques Bénigne Bossuet, die sich Ende des 17. Jahrhunderts um den richtigen Begriff der Gottesliebe stritten: Soll der Mensch Gott lieben um des eigenen Glücks oder nur um Gottes willen? Im Grunde, so Spaemann, sind beide Positionen einseitig. Denn, wenn man Thomas von Aquin richtig versteht, dann muss die Antworten lauten: Die rechte Eigenliebe des Menschen führt ihn über sich hinaus zu Gott. Der Widerspruch verschwindet.

Das teleologische Naturdenken für unsere Zeit wiedergewonnen

Warum aber konnten diese hochgebildeten Bischöfe, die sich beide auf Thomas beriefen, das nicht erkennen? Die Antwort entdeckt Spaemann in einem grundlegenden Wandel des Naturverständnisses. Für Thomas von Aquin ist die Natur teleologisch strukturiert, das heißt: Sie ist erfüllt von innerer Zweckmäßigkeit, Zielgerichtetheit. Fénelon und Bossuet hingegen denken schon ganz modern, nämlich mechanistisch. Sie sind Vertreter eines verkürzten Naturverständnisses, das uns bis heute in die Irre führt. Dass es natürliche Ziele, eine natürliche Ordnung und eine normativ verbindliche Natur des Menschen gibt, gehörte zum Kernbestand der antiken Philosophie und christlichen Scholastik. Unserem einerseits wissenschaftsgläubigen und andererseits relativistischen Zeitgeist ist eine solche Naturauffassung dagegen höchst suspekt.

Robert Spaemann bei einem Vortrag im Leibnizhaus Hannover, Mai 2008: Der Gedanke einer inneren Zweckmäßigkeit der Natur hatte für Spaemann ethische Implikationen
Robert Spaemann bei einem Vortrag im Leibnizhaus Hannover, Mai 2008: Der Gedanke einer inneren Zweckmäßigkeit der Natur hatte für Spaemann ethische Implikationen

Dass Spaemann das teleologische Naturdenken für unsere Zeit wiedergewonnen hat, zählt zu seinen philosophisch größten Verdiensten. Wer sich dafür interessiert, kommt an dem zusammen mit Reinhard Löw verfassten Buch „Die Frage Wozu? Geschichte und Wiederentdeckung des teleologischen Denkens“ von 1981 (2005 neu aufgelegt als „Natürliche Ziele“) nicht vorbei.

Der Gedanke einer inneren Zweckmäßigkeit der Natur hat auch ethische Implikationen. Daher war es nur konsequent, dass der Naturdenker Spaemann auch zum Ethiker wurde. Als sein Hauptwerk auf diesem Gebiet darf das Buch Glück und Wohlwollen (1990) gelten. In diesem versucht er, zwischen einer Ethik, die die Glückseligkeit des Handelnden ins Zentrum rückt, und einer Moralphilosophie, bei der es um ein unbedingtes Sollen geht, zu vermitteln. Eine besondere Rolle kommt dabei dem Begriff des Wohlwollens und der Idee einer ordo amoris zu. Dieser Ordnung der Liebe zufolge können und sollen wir auch nicht alle Menschen gleichermaßen lieben. Die Nächstenliebe gilt zuallererst den Nächsten. Alles andere stellt eine Überforderung des Menschen dar, die selbst unethisch wäre.

Hilfe kann, darf und muss Obergrenzen haben

Spaemann verfügte über die seltene Gabe, seine theoretischen Einsichten auch in kluge, lebenspraktische Urteile umzumünzen. Als 2015 manche im pseudomoralischen Rausch der Übernächstenliebe an den Bahnhöfen Teddybären auf die Neuankömmlinge warfen, sagte Spaemann mit Verweis auf die rechte Ordnung der Liebe in einem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger: „Uneingeschränkt kann die Hilfsbereitschaft sein, aber nicht die tatsächliche Hilfe. Es kann nicht unsere Pflicht sein, uneingeschränkt zu helfen, weil es nicht möglich ist. Wir können es nicht. Und wir sollten auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn wir unserer Hilfe Obergrenzen setzen.“

Überhaupt nahm Spaemann nie Rücksicht auf das, was gerade populär war. Stets nur der Wahrhaftigkeit verpflichtet, ließ er sich weder von rechts noch von links vereinnahmen. Ende der 1950er schrieb er etwa zusammen mit dem späteren Verfassungsrichter Ernst-Wolfang Böckenförde gegen die damals vom Theologen Gustav Gundlach vertretene These an, im Verteidigungsfall sei auch der Einsatz von Atomwaffen moralisch gerechtfertigt. Auch gegen die zivile Nutzung der Atomenergie stritt der Philosoph unter Verweis auf die christliche Verantwortung zur Bewahrung der Schöpfung sein Leben lang.

Der Unterschied zwischen etwas und jemand

1961 trat Spaemann in Stuttgart seine erste Professur an. Später ging er nach Heidelberg, um schließlich in München zu landen, wo er von 1973 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1992 lehrte. Sein vielleicht bekanntestes Werk „Personen. Versuche über den Unterschied zwischen ‘etwas’ und ‘jemand’“ (1. Auflage 1996) stammt aus der Zeit nach seinem Eintritt in den Ruhestand, der – gemessen an der großen Zahl bedeutender Publikationen – keine Zeit des Nichtstuns, sondern der produktiven Muße gewesen sein muss. Der geniale, an Kant geschulte Grundgedanke von „Personen“ lautet: Das Personsein ist keine Eigenschaft, die man anhand empirischer Merkmale erkennen könnte, sondern vielmehr ein besonderer Status, den Menschen ihresgleichen zuerkennen. Ausnahmslos alle Menschen sind nach Spaemann Personen, deren Würde unabhängig von ihren aktuellen Fähigkeiten anzuerkennen ist. Das gilt vom ungeborenen Menschen im Mutterleib bis hin zum Sterbenden auf dem Totenbett.

Ob ein widerspenstiger, frommer und zugleich dem gesunden Menschenverstand verpflichteter Geist wie Robert Spaemann heute überhaupt noch akademische Karriere machen könnte, ist fraglich. Viele der heutigen universitären Fehlentwicklungen wie Verschulung, Bürokratisierung und politisch korrekte Gängelung des freien Denkens hat er hellsichtig vorausgesehen. Auf die heutige Situation an den Hochschulen angesprochen, antwortete er in seiner Autobiographie: „Also, wenn ich die Lage heute betrachte, möchte ich nicht mehr Professor an einer Universität sein.“

So viel gäbe es noch über den großen Denker Robert Spaemann zu sagen! Ebenso wie über den Familienvater und Ehemann von Cordelia Spaemann (geb. Steiner, 1925–2003), die als Übersetzerin von David Jones’ „Anathemata“ und als Mitautorin des „Gotteslobs“ von sich reden machte. Stattdessen sei zum Abschluss noch eine große Leistung auf anderem Gebiet erwähnt. Bleibende Verdienste hat sich Spaemann nämlich auch durch seinen Einsatz für das Wiedererblühen der überlieferten katholischen Liturgie erworben – etwa als Gründungsmitglied der katholischen Laienvereinigung Pro Missa Tridentina. Auch in diesem Fall setzte Spaemann nicht auf den Windhauch namens „Zeitgeist“, sondern auf das, was immer ist.

 

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Kommentare

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Kommentar
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Thorsten Paprotny
Vor 2 Monate 3 Wochen

Es ist gut, Robert Spaemann zu würdigen. Ebenso seine Verdienste für die "Alte Messe" sind zu betonen. - Eine Ergänzung: Cordelia Spaemann war eine energische Kritikerin des "Gotteslobs", im Beitrag wird sie als "Mitautorin" bezeichnet. - In der renommierten Fachzeitschrift "Theologisches" äußerte sich Wilhelm Schamoni bereits zu ihrer durchaus schneidigen Kritik an dem modernistischen Gesang- und Gebetbuch. Der Beitrag ist online einsehbar: http://www.theologisches.net/files/1975_Nr.65.pdf

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Danke für die …
Vor 2 Monate 3 Wochen

Für den großen katholischen Philosophen Robert Spaemann dürfen wir bleibend dankbar sein. Aufmerksame Leser mögen sich fragen, warum Spaemann, der Philosoph, der nie Pädagogik studiert hatte, auch in Pädagogik sich habilitierte. Auf Vermittlung seines Doktorvaters wurde Spaemann Assistent bei Ernst Liechtenstein, der den Lehrstuhl für Pädagogik in Münster zu jener Zeit innehatte – und verfasste seine Habilitationsschrift über die Kontroverse zwischen Fénelon und Bossuet.

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Thorsten Paprotny
Vor 2 Monate 3 Wochen

Es ist gut, Robert Spaemann zu würdigen. Ebenso seine Verdienste für die "Alte Messe" sind zu betonen. - Eine Ergänzung: Cordelia Spaemann war eine energische Kritikerin des "Gotteslobs", im Beitrag wird sie als "Mitautorin" bezeichnet. - In der renommierten Fachzeitschrift "Theologisches" äußerte sich Wilhelm Schamoni bereits zu ihrer durchaus schneidigen Kritik an dem modernistischen Gesang- und Gebetbuch. Der Beitrag ist online einsehbar: http://www.theologisches.net/files/1975_Nr.65.pdf

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Sebastian Ostritsch
Vor 2 Monate 2 Wochen

Danke für diese wichtige Ergänzung, lieber Herr Paprotny!

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Elisabeth Weddemann
Vor 2 Monate 3 Wochen

Danke

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Danke für die …
Vor 2 Monate 3 Wochen

Für den großen katholischen Philosophen Robert Spaemann dürfen wir bleibend dankbar sein. Aufmerksame Leser mögen sich fragen, warum Spaemann, der Philosoph, der nie Pädagogik studiert hatte, auch in Pädagogik sich habilitierte. Auf Vermittlung seines Doktorvaters wurde Spaemann Assistent bei Ernst Liechtenstein, der den Lehrstuhl für Pädagogik in Münster zu jener Zeit innehatte – und verfasste seine Habilitationsschrift über die Kontroverse zwischen Fénelon und Bossuet.