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Charlie Kirks letztes Buch

Ruhe, um Gottes willen!

In den Wochen bevor Charlie Kirk, der politische Aktivist und Gründer der Jugendorganisation „Turning Point USA“, am 10. September 2025 durch ein Attentat aus diesem Leben gerissen wurde, war er mit der Endfassung eines Buches beschäftigt, das buchstäblich das Gegenteil von jedem politischen Aktivismus war – ja von Aktivismus überhaupt. Dieses Buch, das nun erst posthum seine Leser findet, trägt den Titel „Stop, in the Name of God. Why Honoring the Sabbath Will Transform Your Life.“

Wer Kirk nur als einen politischen Influencer, als Cheerleader Trumps ansieht, der missversteht ihn gründlich. Nichts war ihm wichtiger als der Glaube – das Leben in einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus. Noch wenige Wochen vor seiner Ermordung fragte man ihn, für was die Nachwelt ihn nach seinem Tode im Gedächtnis behalten solle. Ohne einen Moment zu zögern, antwortete er sinngemäß: Bedeutsamer als alles, was er auf politischem Feld je gesagt oder getan hätte, sei ihm sein Zeugnis für Christus.

Charlie Kirks Testament für die Nachwelt ist daher folgerichtig kein politisches Programm, sondern eine Einladung zur Pflege der Sabbatruhe – es scheint an Christen wie Nichtchristen adressiert, an Linke wie Rechte, an Gottgläubige, Agnostiker und Atheisten gleichermaßen. Es war Kirks tiefste Überzeugung, dass unsere Gesellschaft erst dann von Grund auf heilen könnte, wenn sie in ihrer ganzen Breite wieder schätzen und pflegen würde, was man den „Sabbat“ nennt: im Wochenrhythmus aus der normalen Logik des Lebens auszubrechen.

 

Charlie Kirk, „Stop, in the Name of God. Why Honoring the Sabbath Will Transform Your Life“, Winning Publishing Team, Lewis (Delaware) 2025, gebunden, 265 Seiten, 32,99 Euro

Der Sabbat Gottes ist wie ein Punkt, der einen Satz abschließt

Dass Charlie Kirk mit seiner Familie konsequent den Sabbat heilighielt, galt ihm als die eigentliche Kraftquelle seines ganzen Lebens – seines geistlichen Lebens, seiner Familie und seines Berufs: An jedem siebten Tag zog er sich bewusst aus dem gewöhnlichen Leben heraus, ging vollständig offline, plante keine Aktivitäten, beendete nichts Liegengebliebenes, sondern ließ all seine Arbeiten ruhen und war nur für Gott und seine Familie da. Es war ein Tag des Verweilens, der Besinnung, des Zu-Sich-Kommens – der Ruhe Gottes am siebten Schöpfungstag nachgebildet: denn Gott „ruhte am siebten Tage von Seinem ganzen Werk, das Er vollbracht hatte“ (Gen 2,3).

Für Kirk war der erste Sabbat, der Sabbat Gottes „ein Punkt, der einen Satz abschließt“: gleichsam der Schlussstrich unter einem Meisterwerk. Die Ruhe, die das Schöpfungswerk besiegelt, ist nicht mit unserer Feierabendruhe vergleichbar. Gott bedarf keiner Erholungspausen, Er kennt keine Erschöpfung – Sein Sabbat ist eine Ruhe in höchster Aktivität, eine Ruhe in der Vollendung.

So sollen auch unsere Sabbate kein bloß passives Nichtstun sein, sondern ein aktiver Vorgang des Zur-Ruhe-Kommens, in dem wir gleichsam in die vollkommene Sabbatruhe Gottes eintauchen. Übrigens ist genau diese Art von Ruhe gemeint, wenn wir für unsere Verstorbenen beten, der Herr möge ihnen die ewige Ruhe geben: das ist nicht die Grabesruhe, sondern die Ruhe des an sein Ziel angekommenen Menschen, wenn schließlich alle Unvollkommenheiten von ihm abgefallen sind.

Szientismus, Konsumismus, Macht: die drei größten Götzen unserer Zeit

Sabbat heißt auf Hebräisch „aufhören“, „beenden“ – der Buchtitel greift diese Wortbedeutung auf. Wir leben in einer Welt, in der es zwar noch unvermeidliche, unserer Biologie geschuldete Erschöpfungspausen, aber kaum noch echte Sabbatruhe gibt. Natürlich gibt es im Leben das „Reich der Notwendigkeit“ mit seinen Pflichten und Sachzwängen und der Arbeit, die allein schon dem Überleben geschuldet ist. Aber dieses Reich versucht stets, seine Herrschaft zu totalisieren – auf dem Weg über unsere Bedürfnisse. Da gibt es die großen und kleinen Genüsse und Freuden oberhalb des reinen Überlebens – wir bemühen uns zu Recht um Lebensqualität, aber auch um Weiterentwicklung und Selbstverwirklichung, um die „Entfaltung unseres Potenzials“ – und all dies nicht nur für uns selbst, sondern durchaus auch geteilt im Miteinander. All dies mögen berechtigte Impulse sein, aber ohne die Sabbatruhe drohen sie, uns total zu vereinnahmen.

Im Kapitel „Science, Stuff, and Power“ porträtiert Kirk die drei größten Götzen unserer Zeit: die Vergötterung der Wissenschaft im Szientismus (dessen verheerende Folgen man im Corona-Regime besichtigen konnte), das Streben nach materiellen Gütern im Konsumismus, und die Anbetung von Macht, im Großen als Staatsgläubigkeit, im Alltag aber als der Wunsch, andere nach der eigenen Pfeife tanzen zu lassen.

Der Sabbat lehrt den Ausweg: Unser Leben geht nicht komplett in der Horizontalen auf, sonst wäre alles nur ein „Haschen nach Wind“, wie schon der Prediger in seinem ernüchternden Lebensrückblick aufseufzte (Pred 6,9). Tauche stattdessen ein in die Ruhe deines bloßen Seins als Gottes Ebenbild und Gleichnis! Du musst dir nicht durch deine Leistungen immer wieder neu deine Existenzberechtigung erarbeiten – deine Rechtfertigung liegt allein darin, dass du Geschöpf Gottes bist, von Ihm gewollt und geliebt. Womit nicht etwa das, was du tust und leistest, abgewertet werden soll. Du sollst dir nur immer wieder bewusst machen, dass der eigentliche Sinn deines Seins nichts ist, was du dir jemals selbst erarbeiten könntest.

Ein wohltuender Akt geistig-seelischer Hygiene, für einen Tag die Leinen zur Welt zu kappen

Der Sabbat ist zwar ein Gebot Gottes, aber ihn einzuhalten ist auch für nichtreligiöse Menschen gut. In einer Zeit des informationellen Dauerbombardements – oft mit Nichtigkeiten, die uns aber zerstreuen und vom Wesentlichen ablenken – ist es für jeden Menschen ein wohltuender Akt geistig-seelischer Hygiene, für einige Zeit die Leinen zur „Welt“ zu kappen. Egal, woran jemand glaubt oder nicht glaubt – allein schon die beiden Kapitel „The Sabbath Improves Your Health“ und „The Sabbath Improves Your Sleep“ könnten eine gute Motivation sein, versuchsweise einmal die Sabbatruhe in sein Leben einzubauen.

Die verheerenden Auswirkungen des Konsums digitaler Medien auf die geistige und seelische Gesundheit besonders von Kindern und Jugendlichen sind oft beschrieben worden – etwa von Jonathan Haidt („The Anxious Generation“) oder von Manfred Spitzer („Digitale Demenz“ und „Die Smartphone-Epidemie“). Charlie Kirk zitiert besonders aus dem internationalen Bestseller „Die Dopamin-Nation“ (2021) der amerikanischen Psychiaterin Anna Lembke. Die hohen Onlinezeiten, das Spannen auf Klickzahlen und Likes machen nachweislich süchtig.

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Digitale Medien wirken damit als mächtige Angriffe auf unsere seelische Integrität, besonders auf die Willenskräfte. Oft kommt es zur Hypofrontalität, einer Abschwächung der Aktivität des Präfontalkortex, der für die Impulskontrolle zuständig ist: statt in einer souveränen inneren Wesensmitte in Ruhe die Lage zu erwägen, Willensentschlüsse zu formen und diese dann energisch zu verfolgen, strebt man nach schneller Bedürfnisbefriedigung und ist nicht mehr fähig, sich längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren. Der damit verbundene Kontrollverlust ist typisch für suchtkranke Menschen.

Diese Symptome haben schon längst epidemisch um sich gegriffen. Dass schon kleinste Kinder ohne Bedenken digitalen Medien ausgesetzt werden, hält der Psychologe Jean Twenge für ein „unkontrolliertes Experiment mit einer ganzen Generation“.

Das Antidot: ein kultureller Reset

Der Angriff auf die Willenskräfte untergräbt auch die Freiheit, denn diese hat einen gesunden und geübten Willen zur Voraussetzung. Wie weit wir in diesem „Experiment“ schon vorangeschritten sind, zeigt sich an der Unfähigkeit, die Abhängigkeit von den sozialen Medien zu überwinden. Die Erkenntnis ist da, dass es ungesund ist – aber das Problem ist eben nicht eines der Erkenntnis, sondern des Willens (ähnlich wie bei anderen Süchten, etwa dem Rauchen). Eine Studie der University of Michigan (2023) zeigt, dass 78 Prozent der College-Studenten versucht haben, ihre Bildschirmzeit zu reduzieren, aber nur 12 Prozent dies für länger als einen Monat geschafft haben.

Das Antidot ist laut Charlie Kirk nicht „Parental Guidance“ oder geschärftes Medienbewusstsein (obwohl das für sich keine schlechten Dinge sind), sondern „ein kultureller Reset: eine heilige Struktur, die ein Abschalten auferlegt, Stille wiederherstellt und jungen Menschen zu lernen erlaubt, wie man mit Muße umgeht, wie man präsent ist und wie man für vorgegebene Zeiträume unplugged lebt.“ Das sind Zeiträume, in denen die Seele wieder atmen kann, echte Aufmerksamkeit erlernt und Familien sich „irl“ (in real life) und von Mensch zu Mensch austauschen.

Die Sabbatruhe ist aber nicht bloß ein Nein zum Immanentismus, zur Logik dieser Welt; sie setzt ihr nicht etwa ein Nichts entgegen – sondern Gott. Kirk widmet das Kapitel „Nothing Doesn’t Create Something“ seinen zweifelnden Lesern und begründet, dass es alles andere als abwegig oder unrealistisch ist, von einem transzendenten Urgrund allen Seins auszugehen, der auch der Urheber aller Ordnung und Maßstab des objektiv Guten in der Welt ist, ja selbst dieses objektiv Gute ist.

Alle sind in diese Ordnung eingeschlossen, auch die Knechte, der Fremdling und das Vieh

In der Argumentation folgt er Frank Tureks Buch „Um Atheist zu sein, fehlt mir der Glaube“ (2004) und Stephen Meyers „Wiederentdeckung Gottes“ (2021). Anders als die philosophischen Gottesbeweise eines Thomas von Aquin – wie sie jüngst Sebastian Ostritsch in „Serpentinen“ (2025) überzeugend darstellte – sind es die aus der Struktur des physikalischen Universums abgeleiteten Argumente für die Existenz Gottes, die in der angelsächsischen Welt besonders beliebt sind: die Existenz von Regelhaftigkeit und Ordnung in der Natur, die Feinabstimmung der Naturkonstanten, die Tatsache, dass das Universum einen Anfang hat, und die in der DNS codierte Information – all diese Beobachtungen legen nahe, dass es einen Urheber von Raum, Zeit, Materie, Ordnung und Information gibt, der selbst notwendig außerhalb von Raum, Zeit und Materie stehen muss.

Ein echter Höhepunkt des Buches ist das Kapitel „Melacha, Eved, and Your Dog“. Kirk geht von der Beobachtung aus, dass das Sabbatgebot nicht nur für den Einzelnen und seine Familie aufgegeben wird, sondern auch für alle Diener („Knechte“, hebräisch Ewed) des Hauses, und sogar für das Vieh. Für alle wird nicht nur die Ruhe von der Arbeit aufgegeben, sondern auch die Arbeit selbst ist Teil des Gebots: „Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke verrichten. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes; an diesem sollst du keine Arbeit verrichten“ (Ex 20,9-10). Es wird also eine heilige Ordnung eingerichtet, in der die Arbeit ihr Maß und ihre Grenze bekommt durch die Ruhe von der Arbeit, und alle sind in diese Ordnung eingeschlossen, auch die Knechte, der Fremdling und das Vieh.

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Daran anknüpfend, erklärt Charlie Kirk zunächst den christlichen Blick auf das Tier – wobei er auch den Veganern, denen er an den Universitäten oft begegnete, berechtigte Kritikpunkte über die Vernutzung von Tieren in modernen Tierfabriken zugesteht. Er begründet biblisch, dass unsere Mitgeschöpfe einen Anspruch auf Würde, Schutz und Mitgefühl haben.

Das Sabbatgebot gibt der Arbeit Wert und setzt ihr Grenzen

Dann erklärt er die jüdische Form des Sklavendienstes (ewed), der deutlich milder war als in den umgebenden Ländern. Es ist billig, sich über die Gebote zur Sklaverei im Alten Testament zu empören, aber aus der damaligen Sicht der Nachbarvölker Israels gestanden diese Gebote den „Knechten“ viel zu viele Rechte zu. Warum aber hat Gott den Sklavendienst überhaupt bekräftigt, statt ihn seinem Volk grundsätzlich zu verbieten? Es mag hier so ähnlich sein wie mit anderen alttestamentlichen Geboten, zum Beispiel der Erlaubnis zur Scheidung – „wegen der Härte eurer Herzen“ (Mt 19,8) hat Gott seinem Volk damals diese Regeln gegeben. „Am Anfang aber war es nicht so“, das heißt eigentlich, unserem Wesen gemäß ist es nicht so.

Dass die Arbeit zu unserem Wesen als Mensch gehört, macht die Bibel dadurch klar, dass der Mensch schon vor dem Sündenfall den Auftrag hatte, die Schöpfung Gottes „zu bebauen und zu bewahren“ (Gen 2,15). Diese Art von Arbeit, die im Grunde die Schöpfungsarbeit Gottes nachahmt, wird hebräisch Melacha genannt. Die knechtische Arbeit im weiteren Sinne ist bereits eine Entfremdung – sie ist nicht vermeidbar in unserer gefallenen Welt, aber nur ein Schatten dessen, was Arbeit für uns eigentlich sein sollte.

Wo die Chance auf Arbeit fehlt, wo Sozialhilfe und Arbeitslosigkeit um sich greifen, fehlt auch Sinn – und die Versuchung zur Trägheit (acedia) wird groß: der bewussten Weigerung, die gottgeschenkten Anlagen, Berufungen und Begabungen zu gebrauchen. Auf der anderen Seite steht eine geschäftige Arbeitssucht, die die Arbeit ohne Maß verherrlicht, ihr alles opfert: das Familienleben, das religiöse Leben – und den Menschen schließlich innerlich leer dastehen lässt. Das Sabbatgebot lehrt uns, diese Extreme zu vermeiden, indem es der Arbeit zwar ihren Wert gibt, ihr aber auch Grenzen setzt.

„Macht euch dieser Welt nicht gleichförmig“

Die Essenz des Sabbatgebotes ist das, was der heilige Apostel Paulus mit dem Satz „Macht euch dieser Welt nicht gleichförmig“ (nolite conformari huic saeculo) ausdrückt (Röm 12,2). Um dies zu erreichen, setzen wir in unserem Leben immer wieder bewusst Akte, in denen wir uns der Logik dieser Welt entziehen. Neben der Einhaltung des Sabbats können dies auch kleine, in den Alltag eingebaute Gebetszeiten sein (etwa das traditionelle Angelusgebet), oder Selbstbetrachtungen, in denen wir unser eigenes Handeln relativieren und den Willen Gottes suchen.

Charlie Kirk ist zuzustimmen, dass ein regelmäßiges und kräftiges Nein zum Geist dieser Welt der Schlüssel zur Gesundung unserer westlichen Gesellschaften werden könnte.

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