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Christopher Nolans „The Odyssey“

Ein Hohelied der Treue

Ich habe gezögert, diesen Film zu sehen. Abgeschreckt haben mich die Besprechungen, die lobpreisenden ebenso wie die abwertenden, und der Trailer erst recht. Es gab auch einen persönlichen Grund. In der Schule habe ich Griechisch gelernt. Ein großer Lehrer, den wir „Zeus“ nannten, brachte uns Passagen der „Odyssee“ so nahe, dass ich mir mein inneres Bild nicht durch überwältigende Kinobilder zerschlagen lassen wollte. Schließlich war ich doch im Kino. Mein Bild blieb unversehrt.

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Mit dem homerischen Stoff zeigt Nolan einer Zeit, die kaum noch weiß, wovon sie spricht, wenn sie von Liebe spricht, etwas sehr Wesentliches. Ich jedenfalls sehe in „The Odyssey“ ein Hohelied der Treue, zuerst und vor allem der ehelichen Treue. Penelope gibt dem Film den Rahmen und, wichtiger noch, das Ziel. Für Odysseus wird sie zum Kompass, zum letzten Rest verbindlicher Ordnung in einer zerfallenden Welt.

Kritik an historischen Ungenauigkeiten geht fehl

„Oppenheimer“ war Nolans Film unmittelbar vor „The Odyssey“. Für mich ist die Atombombe darin die Metapher für das nächste „ganz große Ding“, die nächste Schwelle, an der die Menschheit etwas in die Welt setzt, das sie nicht mehr zurückholen kann. Mir drängt sich dabei der Gedanke an künstliche Intelligenz und Robotik auf. Bemerkenswert stark rückt Nolan General Leslie Groves ins Blickfeld, großartig verkörpert von Matt Damon. Daher sehe ich Oppenheimer als eine Studie darüber, wie aus exzellenter Wissenschaft durch entschlossene Führung etwas Unwiderrufliches entsteht.

Diese Gedanken scheinen in „The Odyssey“ mitzuschwingen. Nolan liefert kein unterrichtsbegleitendes Material für Griechischkurse oder altphilologische Seminare. Einwände, der Film sei im historischen Detail ungenau, gehen deshalb ins Leere. Sie wären schon bei Homer verfehlt gewesen; denn er war kein Kriegsberichterstatter. Homer interessierten „Typen“, um die er seine Hexameter spann.

Nolans „Typ“ ist Odysseus, wieder von Matt Damon gespielt: ein polýmētis, ein „listenreicher“, strategisch denkender Innovator der frühantiken Wehrtechnik. Homer nennt ihn auch einen polymēchanos, einen Mann der tausend Künste. Odysseus beherrscht die technē, die technische Kunst; vor Troja erhält sie ihr unmittelbares telos: den militärischen Sieg. Erst auf dem Weg nach Hause begreift er, welchem höheren Ziel seine Kunst dienen soll und welchem ethos sie verpflichtet sein muss. So jedenfalls sehe ich Nolans Odysseus.

Odysseus ersinnt eine vollkommen neue Waffe

Höchst unwillig trennt er sich von Frau und Sohn. Agamemnons Motiv durchschaut er sofort: Es geht diesem um die Kontrolle der Handelswege, nur vordergründig um Helena. Diesem Kriegsziel opfert Agamemnon sogar seine Tochter Iphigenie. Um seine Familie vor dem Zorn des Königs und dessen Machtmitteln zu bewahren, zieht Odysseus mit in Agamemnons Krieg. Beim Abschied gibt ihm Penelope eine goldene Spange in Gestalt Athenes, die er bei sich tragen soll. Schon Homer lässt Penelope ihrem Mann eine goldene Gewandspange mitgeben, die später zum Erkennungszeichen wird. Nolan macht mehr daraus: ein Bild Athenes, das Odysseus an die Frau erinnert, zu der er zurückkehren will.

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Vor Troja ersinnt der Listenreiche eine vollkommen neue Waffe, cool anzusehen und, auf den ersten Blick, ohne jeden militärischen Nutzen. Doch es ist nicht die Wehrtechnik allein. Odysseus integriert sie in ein innovatives Einsatzkonzept, das mit bisherigen Rules of Engagement bricht. In seinem mobilen „Trojaner“, dem niemand ansieht, was er ist, dringen er und seine Krieger in das „Betriebssystem“ eines Gegners ein, der zehn Jahre lang konventioneller Kriegführung widerstanden hat. Troja fällt durch „eines Mannes Gedanken“, den Gedanken eines Mannes, der nach zehn Jahren vor allem nach Hause will.

Schon früh lässt sich in Odysseus ein angewandter Wissenschaftler, ja ein Ingenieur erkennen. Telemachos erfährt, dass sein Vater wusste, wie man den Bogen spannt, und dass es dabei nicht auf Kraft ankommt. Aber der Bogen sagt ihm nicht, wofür. Erst zuletzt wird Odysseus es wissen. Im Krieg um Troja macht sein technisches Wissen die uneinnehmbare Stadt wehrlos. Dem heutigen Wehrforscher drängt sich die Analogie zu Electronic, Cyber and Cognitive Warfare auf: Die List siegt, wo konventionelle Kriegführung versagt.

Der Sieger wird zum Barbaren

Aber der Sieg des Odysseus hat einen Preis. Mit dem Fall Trojas zerbricht allerorten die „alte Welt“ und mit ihr jene Frömmigkeit, für die das heilige Gastrecht steht. Es bindet Gast und Gastgeber aneinander; denn jeder Gast könnte Zeus in Verkleidung sein.

Ins Herz traf mich die Szene, in der bei der Eroberung Trojas sowohl der Statue Athenes als auch ihrer jungen trojanischen Priesterin das Haupt abgeschlagen wird. Dieser Frevel trifft auch Odysseus. Immer wieder kehrt diese Erinnerung zurück. Denn Athenes Bild trägt er seit dem Abschied von Penelope bei sich. Die Göttin der technischen Kunst und strategischen Vernunft wird damit zugleich zum Zeichen jener Frau, zu der all seine Kunst und Vernunft ihn zurückführen soll. Fortan erscheint ihm die dem Haupt des Zeus entsprungene Göttin in Gestalt jener geschändeten Trojanerin.

Der Sieg über Troja schlägt um in den Untergang der zivilisierten Welt. Agamemnon fällt durch Klytämnestra, Iphigenies Mutter. Orest rächt ihn; alle Gefährten des Odysseus kommen um; Ungeheuer und Schreckensgestalten treten auf: Polyphem, der aussieht wie eine Bilderfindung Goyas, die Laistrygonen, Kirke, Scylla und Charybdis, die Toten des Hades. Und die neuen „wilden Völker der See“, die den Küstenvölkern Angst und Schrecken bringen, sind die heimkehrenden Griechen selbst. Der Sieger wird zum Barbaren.

Penelope bewahrt die Heimat

Währenddessen bedrängen die Freier Penelope. Schamlos brechen sie das Gastrecht. Denn die alte Ordnung ist überall zerbrochen. Penelope aber ist dem polýmētis ebenbürtig. Tagsüber webt sie das Totentuch für Laertes, ihren Schwiegervater, nachts trennt sie ihr Werk wieder auf und hält so die Freier hin. Die List des Odysseus bringt eine Stadt zu Fall; Penelopes List bewahrt die eigene. Nolan gibt dem homerischen Motiv jedoch einen neuen Sinn: Penelope erklärt Telemachos, eine Struktur sei nichts ohne den Respekt der Menschen vor ihrer Bedeutung. Das Totentuch wird so zum Bild einer Ordnung, die besteht, solange Menschen wissen, was sie bedeutet. Klug und seelisch stark bewahrt períphrōn Pēnelópeia, die umsichtige Penelope, eine Heimat auf Ithaka, in die Odysseus zurückkehren kann.

Bei Homer versuchen die Sirenen den polýmētis mit Wissen zu verführen. Nolan macht daraus Selbsterkenntnis. Wir hören ihren Gesang nicht, sehen aber, wie Odysseus ihn hört. Erst danach erzählt er, er habe darin alles vernommen, was man begehre und doch nicht haben könne, weil man es bereits besessen und verloren habe, „das Lied all der Versprechen, die ich brach“, und dass er eigentlich gar nicht heimkehren wolle. Die größte Gefahr für seine Heimkehr liegt nicht mehr im Meer, sondern in ihm selbst.

Was die Sirenen als Versuchung aussprechen, wird bei Kalypso Wirklichkeit. Die „schönlockige Nymphe“ ist bei Homer die erotische Gegenfigur zu Penelope: die schöne Unsterbliche, die mit Odysseus das Lager teilt und ihm Unsterblichkeit anbietet. Nolan verschiebt diesen Gegensatz jedoch und nimmt die Erotik zurück. Dafür überträgt er auf Kalypso ein Motiv, das Homer an anderer Stelle erzählt: den Lotos. Nolan macht daraus eine Droge, die Odysseus das Gedächtnis nimmt und seine Treue bewahrt. Die Nymphe trennt Odysseus also von seiner eigenen Geschichte, Penelope steht für die Rückkehr in diese. Als Kalypso ihm schließlich die Athene-Spange zurückgibt, kehrt mit dem Bild der Göttin die Erinnerung an Penelope zurück. Mit Erinnerung gewinnt auch Odysseus’ technē wieder ein Ziel. Das Trojanische Pferd dient dem Sieg, das Floß dem nóstos, der Heimkehr.

Erinnerung an Konrad Adenauer

Auch auf Ithaka begegnen sich technē und Treue in zwei sinnfälligen Zeichen. Den Bogen kann nur Odysseus spannen. Doch erst die goldene Athene-Spange lässt Penelope in dem Bettler ihren Mann erkennen. Der Bogen sagt, wer dieser Mann ist, die Spange aber, zu wem er gehört. Der listenreiche Odysseus findet in Penelope seinesgleichen. Seiner List vor Troja entspricht ihre List am Webstuhl von Ithaka.

Die „Klugheit in der Kunst des Bogenspannens“ stellt die Ordnung wenigstens auf Ithaka wieder her. Denn in jener Welt, an deren Zerbrechen auch die Waffenlist des Odysseus vor Troja Anteil hatte, gibt es nur noch eines, das seinem Bogen Richtung und Ziel vorgibt: die Treue zu der Frau, die treu auf ihn wartet. Die Götter sind geschändet, das Gastrecht gebrochen, die Gefährten tot, die gesellschaftliche Ordnung dahin. Was ihm bleibt, ist Penelope. 

Penelope (vorne), verkörpert von Anne Hathaway

Für mich ist Nolans The Odyssey ein Hohelied der Treue. Der Film spricht es nirgends aus und predigt nicht. Doch wenn alles andere gefallen ist, bleibt sie.

Am Schluss verwandelt Nolan Odysseus in eine Art Äneas, der gemeinsam mit Penelope eine „neue Normalität“ findet. Im Film ist es ein Weg aus dem Bürgerkrieg auf Ithaka, der sonst ausgebrochen wäre. Diese Gestalt Nolans, die Homer nicht kennt, erinnert mich an jene Männer, die nach 1945 aus den Trümmern Europas wieder eine politische und gesellschaftliche Ordnung errichteten: Konrad Adenauer, Robert Schuman, Alcide De Gasperi. Man darf großer Kunst zumuten, dass sie mehr sagt, als der Künstler sagen wollte.

„The Odyssey“ ist ein Kunstwerk

Ganz am Ende weitet Nolan noch einmal den Blick. Penelope fragt, warum die Geschichten künftig nur noch gesungen werden sollten. Weil der Gesang, antwortet Odysseus, alles sein werde, was den Menschen bleibe, um sich an jene zu erinnern, die noch schreiben konnten. „Die Zivilisation wird sich wieder erheben“, entgegnet Penelope. Odysseus stimmt ihr zu, aber mit einem dunklen Zusatz: Die Morgendämmerung werde über der verdunkelten Welt anbrechen, „und unsere Fehler werden wieder in Vergessenheit geraten“. Das Wort „wieder“ enthält Nolans bitterste Pointe. Zivilisationen können aus ihren Trümmern neu erstehen. Adenauers Deutschland nach 1945 ist dafür ein Beispiel. Keineswegs sicher ist jedoch, dass sie aus dem Untergang ihrer Vorgänger lernen. Was Troja, die Götterbilder, die Waffen und selbst die Schrift überdauert, ist der Gesang: die Erinnerung.

Für mich als katholischen Leser hat das Bild vom Trojanischen Pferd noch einen eigenen Nachhall. Dietrich von Hildebrand gab seiner Diagnose der nachkonziliaren Kirchenkrise den Titel Das Trojanische Pferd in der Stadt Gottes. Er sah die Gefahr dort, wo unter dem Anspruch der Erneuerung Denkweisen Einlass fanden, die das Wissen um den Wert der Überlieferung von innen her aushöhlten. Nolans Film handelt davon nicht. Aber sein Odysseus lässt mich daran denken, dass jedes renouveau catholique, jede katholische Erneuerung, der Erinnerung bedarf. Wenn selbst die Kirche in weiten Teilen vergisst, was sie empfangen hat, und es nicht mehr weitergibt, vergisst auch sie sehr bald, wohin sie gehört. In Nolans Film findet Odysseus ganz sinnfällig durch ein „heiliges Zeichen“ zu seiner Identität zurück.

Die List des Odysseus, mithilfe eines Holzpferds in Troja einzufallen, verhilft den Griechen zum Sieg

Vielleicht ist Treue nichts anderes als die persönlichste Form gelebten Nichtvergessens. Penelope, großartig verkörpert von Anne Hathaway, ist damit weit mehr als das Ziel einer Heimfahrt. Sie bewahrt auf Ithaka die Heimat, in die Odysseus zurückkehren kann. In ihr verdichtet sich etwas von jenem Griechenland, aus dem Europa bis heute lebt. An Penelope lässt Nolan nicht rütteln. 

An manch anderem rüttelt Nolan sehr wohl: an Helmen etwa, die so nie ausgesehen haben, und an Schiffen, die eher von den Wikingern zu stammen scheinen. Darüber lässt sich streiten, wenn man will. Ich will es nicht. Denn Nolans „The Odyssey“ ist keine bloße Verfilmung, sondern ein eigenständiges, die Gedanken überaus anregendes Filmkunstwerk unserer Zeit. Ich bin froh, mein zögerndes Herz überwunden zu haben. Denn selten hat ein Film mit so gewaltigem Aufwand so leise das Wichtigste gezeigt:

In einer zerbrochenen Welt führt am Ende nur die Treue nach Hause.

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