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Transhumanismus I

Ein Schrei nach Ewigkeit

„Tria mirabilia fecit Dominus: res ex nihilo, 
Hominem Deum, liberum arbitrium.“ 
(„Drei Wunder hat der Herr geschaffen: 
Dinge aus dem Nichts, den Menschen als Gott, den freien Willen.“)

René Descartes

 

Man kann die Auseinandersetzung mit dem Transhumanismus auf christliche Weise führen, indem man darauf hinweist, dass die Ewigkeit des Menschen den Tod voraussetzt. Dazu gehört es, die Transzendenz ins Feld zu führen, nämlich die Vorstellung, dass Christus den Menschen den Weg in das Himmelreich, in das Reich nicht von dieser Welt gewiesen hat und der Weg zur ewigen Glückseligkeit über das Kreuz führt. 

Allerdings sollte man es sich dabei nicht zu einfach machen, denn man verfehlt Thema wie Problem, wenn man die Ursache des Erfolges transhumanistischer Vorstellungen nicht würdigt. Der Transhumanismus – und das macht ihn so attraktiv – schließt an uralte, berechtige Menschheitsträume an, Träume, die den Menschen aus der Höhle lockten. Jeder Mensch möchte sich einer großen Gesundheit erfreuen, ein hohes Alter erreichen, schön, am liebsten eigentlich unsterblich sein – und das bei ewiger Jugend.

Hinter dem Transhumanismus steckt die Sehnsucht nach Freizügigkeit, Gesundheit, ewiger Jugend und Unsterblichkeit. Wenn der Mensch nirgends so sehr Mensch sei, als dort, wo er träumt, so ist er zugleich auch nirgends weniger Mensch als dort, wo er träumt. Diese Träume richten sich mit der Vergrößerung technischer Möglichkeiten gegen die Träumenden selbst, denn die erfüllte Sehnsucht wird in der Wirklichkeit zum Schrecken, ihr Schutz besteht in der metaphysischen Spannung zwischen Sehnsucht und Erfüllung.

Diese Träume erfüllter Ur-Sehnsucht sind alt

Natürlich sind diese Träume erfüllter Ur-Sehnsucht alt. Leonardo da Vinci hat sie schon geträumt, in vielen Nächten, an vielen Tagen auf unendlich vielen Zetteln mit Entwürfen von Maschinen und Apparaten, mit Skizzen von Sektionen der Körper von Lebewesen, auf der Suche nach ihrer Mechanik und dem Sitz ihrer Seelen. Als Zeichnender stellte Leonardo beispielsweise die Geschlechtsorgane im Gebrauch dar und erklärte sich in seinen Notizen die sexuelle Lust dadurch, dass sie wohl darüber hinwegtäuschen solle, dass die Körperorgane, die sie verursachen, so hässlich sind. 

Wäre es da nicht einfacher, den Geschlechtsakt durch Geistzeugung oder durch Konstruktion zu ersetzen? Wäre es nicht einfacher, den ganzen Schmutz, das ganze Elend, Leid und Not und Schmerz durch Technik, den Menschen durch eine Mensch-Maschine zu ersetzen?

Vorschau Leonardo da Vincis „Fötus im Mutterleib“, gezeichnet um 1511
Leonardo da Vincis „Fötus im Mutterleib“, gezeichnet um 1511

Unter Transhumanismus wird im Wesentlichen die Überwindung des Menschen durch Technik verstanden, die sich durch das Ersetzen vergänglichen biologischen durch unvergängliches und optimierbares künstliches Material, durch die Substitution des Menschen durch KI und Roboter, durch die Synthese aus Mensch und Maschinen bis zum „Herunterladen“ des Denkens und Fühlens, des Geistes und der Psyche des Menschen vom biologischen Körper (Speicher) auf einen anderen, artifiziellen Speicher vollzieht. 

So träumt einer der radikalen Transhumanisten, Hans P. Moravec (*1948), von der Mensch-Maschine: „Ich sehe diese Maschinen als unsere Nachkommen. Im Augenblick glaubt man das kaum, weil sie eben nur so intelligent sind wie Insekten. Aber mit der Zeit werden wir das große Potenzial erkennen, das in ihnen steckt. Und wir werden unsere neuen Roboterkinder gernhaben, denn sie werden angenehmer sein als Menschen.“

Mit der Vorstellung des Angenehmen artikuliert sich der Wille, alles auszugrenzen und auszumerzen, was unangenehm, was anstößig ist. Auch hier erweist sich der Transhumanismus als anschlussfähig an den politischen Postmodernismus, der alles vernichten will, was nicht er ist. Alles, was nicht er ist, wird als unangenehm, als störend, als „rechts“ markiert. 

Die Liturgie dieser neuen Religion ist der Perfektionismus

Das Angenehme wird jedoch sehr schnell unangenehm, wenn man es zur Norm erhebt. Die Welt des Angenehmen realisiert sich als eine sehr unangenehme Welt, weil der Zwang zum Angenehm-Sein zur Praxis der Konformität, zum Zwang, zur Normierung treibt, zur Schließung der Welt und der Ein-Schließung des Bürgers. Das Sinnbild der Welt des Angenehmen ist Bett und Praxis des Prokrustes, ihre Philosophie und Handlungsmaxime der Transhumanismus.

Dass diese Welt unchristlich ist, ergibt sich daraus, dass sie den Über-Menschen, den Roboter-Menschen vergöttert und sich der Transhumanist als Schöpfer wie Gott versteht – und die Liturgie dieser neuen Religion ist der Perfektionismus. In ihm soll das Reich nicht von dieser Welt im Reich von dieser Welt, das Jenseits im Diesseits, das Paradies im Erdenleben aufgelöst werden. Transzendenz wird zur Immanenz, indem die Zeitlichkeit verewigt wird: der Mensch – jedenfalls die melancholische Verlustmasse, die von ihm dann noch übrig wäre – soll unsterblich werden.

Was heißt aber in diesem Fall „unsterblich“? Alles, was geschieht, ereignet sich für den Transhumanisten im Hier und Jetzt, und es existiert nur das Hier und Jetzt – für alle Ewigkeit und in aller Ewigkeit. Die Menschen erkranken nicht mehr, sie sterben nicht mehr. Im theosophischen Überschwang schrieb einst einer der seltsamsten Menschen des 19. Jahrhunderts, der Amerikaner Prentice Mulford: 

„Bessere Amerikaner sterben nicht mehr, sie sagen, es sei eine mindere Gewohnheit, freudlos und zeitraubend, etwas für zurückgebliebene Europäer allenfalls.“

Mulford starb 1891 im Alter von 57 Jahren, sein Leichnam trieb eine Weile in einem Segelboot vor Long Island, bevor er entdeckt wurde. Mulford misslang offensichtlich, was Transhumanisten für die Zukunft halten.

Eine Zukunft des Menschen ohne Mensch?

Doch existiert in der Zukunft des Menschen überhaupt noch der Mensch? Kostet nicht die Erringung der Unsterblichkeit den Menschen, die Überwindung des Menschen den Menschen? Moravec formuliert es deutlich: 

„Wie die biologischen Kinder vorhergehender Generationen verkörperten sie (die Roboter) die besten Hoffnungen der Menschheit auf eine langfristige Zukunft. Um ihretwillen sollten wir ihnen jeden Vorteil verschaffen und uns verabschieden, wenn wir nicht mehr dazu beitragen können.“ 

Interessanterweise kennt der Roboter das Andere nicht, er ist nonbinär, das perfekte Neutrum. Transhumanismus und Postmodernismus eint, dass beide die Angst vor dem Anderen treibt, weshalb das Andere verboten werden muss.

Die Aufgabe des Menschen besteht also darin, perfekte Wesen, Roboter, zu erschaffen, das, wenn ihre Perfektibilität perfekt ist, die Menschheit auf leisen Sohlen und ohne viel Aufhebens sich zu verabschieden hat. Und dann? Hat man eine perfekte Maschinenwelt? Die Maschine, vom Menschen geschaffen, übersteigt, überwindet den Menschen: trans-human.

Was zum Leben gehört, soll aus dem Leben verbannt werden. Doch Krankheit und Tod gehören zum Leben des Menschen, dort, wo sie nicht mehr vorkommen, existiert auch der Mensch nicht mehr. Man möchte es gern vergessen, dass das Sterben zum Leben wie die Krankheit zur Gesundheit gehört. Die Träume werden zu Alpträumen.

Eine andere Idee des Transhumanismus geht auf eine uralte Vorstellung zurück. Wenn der Mensch in der Lage ist, sich von außen zu betrachten, geistig die Physis zu verlassen, dann bedeutet das doch auch, dass im menschlichen Körper ein Zweites wohnt oder eingeschlossen ist, das, was Geist (nous) oder als Gegensetzung zu physis (Körper) psyche (Seele) oder pneuma (göttlicher Hauch) genannt wird. 

Ein Schrei nach einem Glauben

Die Vorstellung der Transhumanisten, dass den Menschen seine Intelligenz, sein Ich, sein Selbst, seine Seele ausmacht, dass diese Intelligenz, dieses Ich, dieses Selbst, diese Seele vom sterblichen, anfälligen, unperfekten Körper zu trennen ist, die Intelligenz von der Biologie, geht bis auf die Gnosis zurück und bezieht daher ihr religiöses Potenzial, denn der Transhumanismus, der sich gern wissenschaftlich, technisch, objektiv und pragmatisch gibt, ist in seinem tiefsten Innern eine Religion oder zumindest ein Schrei nach einem Glauben, denn ihm liegt das Wort aller Religionen zugrunde: Ewigkeit. Doch Ewigkeit auf Erden. Ray Kurzweil (*1948) denkt deshalb an eine universelle Vereinigung, an ein Einswerden von Mensch und Maschine: 

„Wir mögen die Weichheit unserer Körper ... Und wir wollen keine künstliche Wärme, sondern die tiefe und intime Glut von Billionen lebender Zellen. Sollte man den Körper daher nicht lieber Zelle für Zelle verbessern?“ 

Durch Nanobots will man Alterung und Krankheit, die Kurzweil als Fehlfunktionen ansieht, vermeiden. Das klingt richtig, denn die Geschichte der Medizin wurde aus dem Bestreben vorangetrieben, Krankheiten zu heilen. Andererseits hat die Angst vor dem drohenden Tod die meisten Menschen zu einer völlig neuen Art von Impfstoffen getrieben und damit zu Probanden des größten Feldversuchs der pharmazeutischen Industrie in der Geschichte der Menschheit gemacht, Impfstoffe, die, wollte man das Bild von Kurzweil aufnehmen, funktionieren wie eine Art genetische Nanobots.

 

Teil 2 des Beitrags von Klaus-Rüdiger Mai über Transhumanismus lesen Sie hier.

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Kommentare

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Kommentar
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Katharina
Vor 1 Woche 4 Tage

Das Problem im Transhumanismus ist, dass die Moral mitwachsen muss (und es nicht tut). Im Namen von Gesundheit und Fortschritt - die für sich genommen echte Güter sind -, werden Sachen durchgesetzt, die sich im letzten, wie Herr Dr. Mai geschrieben hat, "gegen den Träumenden selbst" richten werden. Wir brauchen eine Rückkehr zur Anthropologie, um zu verstehen, was der Mensch in seiner Essenz ist, um dann wiederum Fortschritt mit der richtigen Ethik begleiten zu können.

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Andreas Graf
Vor 1 Woche 4 Tage

Die Anthropologie kann die Frage nicht beantworten. Das ist vergebliche Liebesmüh. Der Mensch kann sich selbst nur erkennen, wenn er erkannt hat, wer Gott ist. Hat er Ihn erkannt, wird er keinen Transhumanismus mehr nötig haben. Er wird sich nach seinem Liebe-Gott sehnen. Die Moral/Ethik muss nicht erst entwickelt werden, sondern ist dem Menschen durch die Zehn Gebote vorgegeben. Diese sind in jeder Zeit von Generation zu Generation anwendbar. Wenn im Transhumanismus die Moral mitwachsen muss, würde das ja bedeuten, dass im Transhumanismus eine gewisse Form von Moral vorhanden ist. Eine Maschine hatte indes noch nie eine Moral. Das setzte voraus, dass ein Transhumanismus, eine Verbindung von Mensch und Maschine grundsätzlich möglich ist. Ist der Transhumanismus aber überhaupt ein erstrebenswerter Fortschritt? Das darf bezweifelt werden.

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K.B.
Vor 1 Woche 2 Tage

Der Tod gehört nicht zum Leben. Er ist dessen Gegenteil.

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Katharina
Vor 1 Woche 4 Tage

Das Problem im Transhumanismus ist, dass die Moral mitwachsen muss (und es nicht tut). Im Namen von Gesundheit und Fortschritt - die für sich genommen echte Güter sind -, werden Sachen durchgesetzt, die sich im letzten, wie Herr Dr. Mai geschrieben hat, "gegen den Träumenden selbst" richten werden. Wir brauchen eine Rückkehr zur Anthropologie, um zu verstehen, was der Mensch in seiner Essenz ist, um dann wiederum Fortschritt mit der richtigen Ethik begleiten zu können.

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Andreas Graf
Vor 1 Woche 4 Tage

Die Anthropologie kann die Frage nicht beantworten. Das ist vergebliche Liebesmüh. Der Mensch kann sich selbst nur erkennen, wenn er erkannt hat, wer Gott ist. Hat er Ihn erkannt, wird er keinen Transhumanismus mehr nötig haben. Er wird sich nach seinem Liebe-Gott sehnen. Die Moral/Ethik muss nicht erst entwickelt werden, sondern ist dem Menschen durch die Zehn Gebote vorgegeben. Diese sind in jeder Zeit von Generation zu Generation anwendbar. Wenn im Transhumanismus die Moral mitwachsen muss, würde das ja bedeuten, dass im Transhumanismus eine gewisse Form von Moral vorhanden ist. Eine Maschine hatte indes noch nie eine Moral. Das setzte voraus, dass ein Transhumanismus, eine Verbindung von Mensch und Maschine grundsätzlich möglich ist. Ist der Transhumanismus aber überhaupt ein erstrebenswerter Fortschritt? Das darf bezweifelt werden.