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Staatliche Kindererziehung in der DDR

Das verschwiegene Leiden der Wochenkinder

Es ist nun knapp zwanzig Jahre her, dass die Autorin und ehemalige Fernsehmoderatorin Eva Herman mit ihrem Buch „Das Eva-Prinzip“ medial und gesellschaftlich hohe Wellen geschlagen hat. Die einstige „Tagesschau“-Sprecherin stellte heraus, dass die weibliche Emanzipation vor allem eines sei: Selbstbetrug. Bereits im Prolog heißt es: „Reden wir Klartext: Die meisten Frauen können meist gar nicht frei entscheiden, ob sie zu Hause bleiben wollen oder arbeiten gehen, und zwar allein aus wirtschaftlichen Gründen. Das bedeutet nicht Freiheit, sondern Unterdrückung!“ Ihre Kritik zielte auch auf Kinderkrippen, die eine fatale Folge des Emanzipationsideals seien. Denn Kinder würden nicht nur durch die viel zu frühe Trennung von der Mutter traumatisiert oder in ihrer Entwicklung gestört, sondern auch durch die Zustände in den Krippen selbst.

Bis heute tobt ein heftiger Kampf um die Frage, ob Fremdbetreuung in Krippen den Unter-Dreijährigen mehr schadet als nützt. Im Westen Deutschlands ist dieses Thema allerdings jahrzehntelang wenig diskutiert worden. Weil es schlichtweg kaum Bedarf gab. Bis weit in die 1980er-Jahre hinein war es gang und gäbe, die Kinder bis mindestens zum dritten Lebensjahr bei der Mutter zu belassen.

Noch im Jahr 1989 besuchten in der alten Bundesrepublik etwa zwei Prozent der Kinder unter drei Jahren eine Kinderkrippe, in der DDR waren es zwischen 60 und knapp 80 Prozent. In der DDR war es selbstverständlich, Kinder so früh wie möglich institutionell betreuen zu lassen. Da Frauen dringend auf dem Arbeitsmarkt gebraucht wurden, hatten sie kaum eine andere Wahl. Dabei wurde nicht nur auf das klassische Modell der Tageskrippe gesetzt, sondern auch das Konzept der Wochenkrippe etabliert – und damit eines der dunkelsten Kapitel der DDR-Geschichte.

Die Sorge der DDR-Oberen galt mehr der Wirtschaft als den Kindern

Wochenkrippe, das bedeutete geschätzt über hunderttausend Kleinkinder, darunter auch Säuglinge: Montagfrüh gebracht, Freitagabend wieder abgeholt. In dieser Zeit, also auch nachts, waren weder Mutter noch Vater anwesend. Betreuungsplätze in Wochenkrippen wurden vorrangig an die Kinder von alleinerziehenden Müttern, studierenden oder im Schichtsystem arbeitenden Eltern vergeben. In der Anfangszeit erfolgte die Betreuung ab der sechsten Lebenswoche, dann endete der bezahlte Mutterschutz; Mitte der 1970er Jahre ab dem dritten Monat. Mitunter gab es auch Kinder, die bis zum Sonnabend oder das ganze Wochenende blieben.

Blick in eine DDR-Kinderkrippe im sächsischen Jahna, 1954: Entfremdung, Bindungsängste, Depressionen

Erst seit wenigen Jahren wird offen über die traurigen Folgen gesprochen, die diese Art der Unterbringung für die damaligen Kleinkinder hatte. Inzwischen gibt es Selbsthilfegruppen unter anderem in Berlin, Dresden und Leipzig für heute erwachsene Wochenkinder, die beispielsweise mit Bindungsängsten zu kämpfen haben oder an Depressionen erkrankt sind. Während die einen sich ihrem Leiden stellen, dürften die allermeisten verdrängt haben, was ihnen angetan wurde. Möglicherweise ist es ihnen auch gar nicht bewusst, dass heutige psychische Probleme damit zusammenhängen.

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Bereits früh gaben Ärzte und Forscher ernsthafte Hinweise auf Entwicklungsstörungen, psychische Auffälligkeiten und Hospitalismus. So stellte unter anderem die Medizinerin Eva Schmidt-Kolmer fest, dass sogenannte „Wochenkinder“ häufiger erkrankten und motorische und sprachliche Schwierigkeiten hatten. Doch das DDR-Regime wollte sich davon nicht beirren lassen. Auch die damals bereits bekannte Bindungstheorie, die die Notwendigkeit einer gesunden Eltern-Kind-Beziehung postuliert, wurde unterdrückt. Die Sorge galt nicht dem Kind, sondern der Wirtschaft, und diese musste dringend am Laufen gehalten werden, denn von Anfang an hinkte man der Bundesrepublik ökonomisch hinterher. Zudem durfte am Idealbild der Berufstätigkeit beider Eltern nicht gerüttelt werden.

Schlechte Erfahrungen aus anderen Ostblockstaaten ignoriert

Man wollte den Nachwuchs so früh wie möglich indoktrinieren. Regierung und Medien propagierten daher die Wochenkrippen als Orte, an denen garantiert sei, dass die Kinder „satt, sauber und gesund“ aufwachsen würden. Um den arbeitenden Müttern ein eventuell schlechtes Gewissen zu nehmen, brachte die bekannte DDR-Frauenzeitschrift Für Dich regelmäßig Artikel, die deutlich machten: Nicht die Hausfrauenmutter, sondern die arbeitende Mutter ist die bessere für ihr Kind.

Auch in Ungarn und Bulgarien setzte man unter sozialistischer Staatsführung auf Wochenkrippen. Dort aber wurden die kindlichen Entwicklungsstörungen ernst genommen und das fragwürdige Betreuungsmodell wieder abgeschafft. Anders in der DDR, wo der Ausbau vehement vorangetrieben und erweitert wurde. Mit vier Jahren ging es für viele Kinder aus den Wochenkrippen dann in die Wochenheime. Doch egal für welche Altersgruppe, die Bedingungen waren vielerorts miserabel. Zahlreiche Gebäude waren dürftig ausgestattet, die Pflegerinnen schlecht bezahlt. In der Regel kümmerte sich eine Angestellte um etwa dreißig Kinder. Laut einer Studie des Kinderpsychologen und DDR-Krippenforschers Karl Zwiener, die in den 1970er Jahren durchgeführt wurde, erfuhren Wochenkinder am Tag nur knappe zwanzig Minuten individuelle Zuwendung.

Wie sollte sich so ein Kind geliebt fühlen? Zu wem überhaupt konnte es Bindung aufbauen? Musste es sich nicht mutterseelenallein fühlen? Nicht selten, auch das stellten Forscher wie Eva Schmidt-Kolmer fest, entfremdeten sich die Wochenkinder von ihren Eltern und reagierten verstört, wenn sie am Freitagabend abgeholt wurden. Viele Eltern wiederum waren unbeholfen im Umgang mit ihrem eigenen Kind. Auch bei ihnen hatte sich ein gewisses Unbehagen eingestellt – man war sich gegenseitig ein Fremdkörper. Nähe war schwer herstellbar, man konnte sie schließlich nicht einfach aus dem Hut zaubern und auch später nicht mehr nachholen. Solche Wunden bleiben ein Leben lang.

1992 und damit erst nach der deutschen Wiedervereinigung schlossen die letzten Wochenkrippen. Ihre Existenz wurde beschwiegen. Stattdessen setzte sich nach und nach durch, die Kinderbetreuung der DDR als fortschrittlich zu preisen, womit vor allem die Tageskrippen gemeint waren. Feministische Strömungen gaben dem weiter Auftrieb und waren nicht unwesentlich daran beteiligt, dass die Krippe heutzutage deutschlandweit als selbstverständlich gilt. Kritiker haben einen schweren Stand.

Die Realität: überforderte Erzieherinnen, dauergestresste Kinder

Dass Menschen wie Eva Herman, die die Bindungstheorie hochhalten, bekämpft werden und als reaktionär gelten, ist vor allem im linksgrünen Milieu üblich. Die Parallelen zur DDR, die ebenfalls alles daransetzte, die Bindungstheorie zu ignorieren, sind offensichtlich. Was soll man davon halten, dass es inzwischen auch im vereinten Deutschland die ersten 24-Stunden-Kitas gibt? Zwar soll hier ein Kind nicht rund um die Uhr betreut werden, sondern flexibler, also zu anderen Uhrzeiten und damit schichtarbeitenden Eltern entgegenkommen, dennoch muss gefragt werden, welcher Entwicklung das Tür und Tor öffnet.

Bereits jetzt sind die Zustände in zahlreichen Krippen nicht optimal. In ihrem Buch „Die Krippenlüge“ schildert die Pädagogin, Psychologin und Autorin Anke Ballmann, dass die idealisierten Vorstellungen der Realität nicht standhalten können. Das bedeutet: überforderte Erzieherinnen, dauergestresste Kinder, zu große Gruppen, zu wenig oder ungenügend ausgebildetes Personal, mangelnde Zeit für echte Zuwendung. Und das Tag für Tag.

Wahr ist, dass eine Gesellschaft ihren Wert daran bemisst, wie viel sie in ihre Kinder investiert. Inzwischen ist mehr als deutlich: Es wird an völlig falscher Stelle investiert, und echte Lösungen sind erforderlich. Das dunkle Kapitel der Wochenkrippen sollte Mahnung genug sein.

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