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Reflexionen über den Fall Maria Baumer

Der Tod im Rückgrat

True-Crime-Dokus glücklich gelöster Fälle können mega spannend sein. Und zu Reflexionen darüber anregen, wie Menschen sich für das Gute ins Zeug legen können. Inzwischen gibt es mehrere, frei verfügbare Formate über wahre Verbrechen. Eines nennt sich „Aktenzeichen XY ... gelöst!“, nicht zu verwechseln mit der fast gleichnamigen ZDF-Reihe „XY gelöst“, die im Juli mit einer zweiten Staffel fortgesetzt werden soll. Auf ZDFinfo laufen Dokus derselben Machart mit Titeln wie „Mord durch die Haustür“, „Tod in Schweden“ oder „Der Klinik-Killer“.

Keine Ahnung, warum mir das System diese Thematik als Vorschlag unterbreitet hatte, aber die Algorithmen kennen uns ja besser als wir uns selbst. Jedenfalls traf die Anregung voll ins Schwarze. Vielleicht nur deshalb, weil ich nach einem neuen Thema für Corrigenda suchte, jedenfalls habe ich mich da bei einer Geschichte festgeguckt. Und es nicht bereut.

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Beamte haben ja gemeinhin einen Ruf, der, sage ich mal, nicht so dolle ist. Beim Gebührenkassieren flink wie ein Wiesel, bei der Dienstleistung für den Bürger träge wie Faultiere. Wie die polizeilichen Ermittler jedoch den Fall der verschwundenen Maria Baumer aus Muschenried geknackt haben: höchste Achtung.

Folgen Sie mir bitte, liebe Leser, in einen spannenden Kriminalfall:

Die damals 26-jährige, studierte Geoökologin aus einer oberpfälzischen Ortschaft nördlich von Regensburg hatte angefangen, als Sachverständige für Windkraftanlagen zu arbeiten. Gerade war sie zur Vorsitzenden der Katholischen Landjugendbewegung in Bayern gewählt worden. Eine fröhliche, zupackende, erfolgreiche junge Frau ist die Maria. Sie ist verlobt mit dem 1984 geborenen Krankenpfleger und Medizinstudenten Christian F. Der Termin für die Trauung steht bereits fest, die Kirche ist ausgewählt, sie wohnen zusammen in Regensburg. Der Verlobte gehört schon zur Familie, sie kannten sich viele Jahre.

Maria verschwindet und bleibt verschwunden

Die großgewachsene Maria (1,80 m) wird am 25. Mai 2012 gegen 23 Uhr zuletzt lebend gesehen. Sie verbringt mit dem Verlobten den Freitagabend vor Pfingsten gemeinsam mit Verwandten in der Gemeinde Bernhardswald im Kreis Regensburg, wo Christian F. aufgewachsen ist. Tags darauf sei F. in der Früh joggen gegangen. Als er um zehn zurückgekehrt sei, habe von Maria jede Spur gefehlt, kein Zettel, kein nichts. Nur der Verlobungsring habe dagelegen. Ebenso Ausweis und Krankenkassenkarte.

Es folgt ein Telefonat mit Marias Zwillingsschwester Barbara. Die Lehrerin kann sich das Verschwinden ihrer Schwester nicht erklären, denn die beiden haben keine Geheimnisse voreinander, ja es gab für Barbara früher nicht ein Ich, sondern nur ein Wir. „Wir waren siebzehneinhalb Jahre im gleichen Zimmer“, sagt sie einmal vor der Kamera.

F. berichtet von einer seltsamen Facebook-Nachricht, die von Maria sein solle. „Ich kann nicht anders. Du weißt, was ich dir gesagt habe.“ Barbara kann den Sinn nicht zuordnen. Sie bietet an, gemeinsam in Regensburg nach ihrer Schwester zu suchen. Kurz darauf habe die Vermisste noch zweimal ihren Verlobten angerufen und in aufgelöstem Zustand gesagt, sie wäre auf dem Weg nach Hamburg, sie brauche kurzfristig eine Auszeit.

Barbara kommt die Sache zwar spanisch vor. Die zwei hätten sich bestimmt gestritten und der Verlobte habe es nur nicht sich zu sagen getraut, denkt sie sich die Angelegenheit zurecht. Aber F. ist wie Schwager und Schwiegersohn, „wie ein Bruder für mich“, und deswegen verdrängt die Zwillingsschwester jeden Verdacht gegen ihn. Maria bleibt verschwunden. Drei Tage später melden sie sie alle zusammen bei der Polizei als vermisst. In der Kriminalpolizeiinspektion Regensburg wird die Ermittlungsgruppe „Maria“ gegründet.

Maria wird an einem Marienfest gefunden

Fünf Monate später treten Christian F. und Barbara in der Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ auf. F. mimt den trauernden und verlassenen Verlobten, lässt sich sogar in der Kirche filmen, wie er Kerzen aufstellt und dafür „betet“, dass die Verschwundene wieder auftauchen möge.

Doch Gott lässt sich nicht spotten. Es ist der 8. September 2013. Genau ein Jahr nach dem vereinbarten Hochzeitstermin. Außerdem das Fest Mariä Geburt nach dem römischen Heiligenkalender. Im Kreuther Forst bei Regensburg stoßen Pilzsammler auf eine menschliche Leiche. Die sterblichen Überreste sind bis auf die Knochen zersetzt, das Skelett ist unvollständig. Wilde Tiere kennen keine Pietät, haben gebuddelt und sich Beutestücke geholt. Die Spurensicherung der Kripo erkennt ein sorgfältig vorbereitetes Grab.

Besonders grausig: Der Leichnam ist komplett mit Branntkalk und Anhydritbinder überzogen. Dieses Gemisch entwickelt beim Abbinden mit Wasser extreme Hitze – nach Erkenntnissen der Kripo bis zu 470 Grad Celsius – und wirkt zudem als stark ätzende Lauge. Polizisten finden einen erstarrten, festen Klumpen vor, darin wie eingebacken Teile der Leiche. Nach Unfall oder Selbstmord sieht so etwas nicht aus.

Der Fundort liegt nur wenige Kilometer entfernt von Marias letztem bekannten Aufenthaltsort in der Gemeinde Bernhardswald, dem Ort, wo ihr Verlobter aufgewachsen ist. So ein Zufall aber auch … Ein DNS-Abgleich bringt dann traurige Gewissheit: 16 Monate nach Marias unerklärlichem Verschwinden ist ihr Leichnam gefunden. Dennoch ein schönes Zeichen des Himmels, meine ich, weil an einem Marienfest!

Kinderpornos beim Verlobten und ein Spaten mit Anhaftung

Die Ermittler checken, was abgeht. Vier Tage nach dem Fund steckt die Polizei Christian F. in U-Haft. Man ermittelt weiter. Bei der Durchsuchung der Wohnung des Tatverdächtigen gehen alle roten Lampen an: Es kommen Aufnahmen zum Vorschein, die sexuelle Handlungen zwischen F. und einem 13 Jahre alten Gymnasiasten aus Regensburg abbilden, außerdem kinderpornographische Fotos und Videos in großer Zahl.

F. führt augenscheinlich ein gutgetarntes Doppelleben. Doch er schweigt zu den Vorwürfen, und er hat einen guten Rechtsverdreher, der Haftbeschwerde einlegt. Nach zwei Monaten muss F. mangels hinreichenden Tatverdachts aus der JVA Straubing wieder entlassen werden.

Aber die Polizei macht unbeirrt weiter. Die Mordermittler Kriminalhauptkommissarin Meike Schröder, Kriminaloberkommissar Florian Luger und Kriminaltechniker Jürgen Bauer von der Spurensicherung – „Personalisieren Sie!“, haben sie einem in der Journalistenausbildung gesagt, „machen Sie’s konkret, bildhaft! Verstecken Sie sich nicht hinter Passivkonstruktionen!“; also dann, – jedenfalls, die drei Beamten haben nichts mit Faultieren gemein, sondern gehen vor wie schlaue Füchse, Wühlmäuse oder wie die nie um einen findigen Einfall verlegene Comicfigur Lurchi („Salamander lebe hoch!“). Nur ein paar Meter vom Fundort der Leiche entfernt entdecken die Beamten einen kleinen Spaten. Forensiker stellen an dessen Schaufel ein Haar von Maria fest.

Datenlöschungen am Tag von Marias Verschwinden

Im Nachgang werden immer mehr Indizien ermittelt: Drei Tage vor Marias Verschwinden hatte der Verlobte genau einen solchen Spaten in der Regensburger Filiale einer bekannten Baumarktkette erworben. Unterdessen konnte er an Verschlagenheit dem Teufel nicht das Wasser reichen: Denn er bezahlte das Werkzeug – mit EC-Karte.

Die Datenspuren spornen die Mitglieder der Ermittlungsgruppe „Maria“ nur noch mehr an: Sowohl der Kontoauszug des Verdächtigen wie auch der Kassenbeleg des Baumarkts weisen die 17,95 Euro für den Spaten aus, auch die Nummer des belasteten Kontos entspricht der von F.

Bei der Haussuchung wiederum kann der gekaufte Spaten gerade nicht sichergestellt werden. Drei Polizisten, die in Wohnung, Keller und Dachboden jeden Quadratmeter durchscannen, sagen später vor Gericht aus: „Sie hätten in dem Haus einen Spaten gefunden, wenn es einen gegeben hätte.“

Die Polizei verlegt sich weiter auf das Auswerten von Computerdaten. Und kommt zu Ergebnissen, die wertvolle Puzzleteile abgeben: Die angebliche Facebook-Nachricht kann Maria technisch nicht verfasst haben. Die behaupteten zwei Anrufe Marias während der angeblichen Reise nach Deutschlands Norden lassen sich vom Provider nicht belegen. Im Juli 2014 entdeckt Kommissar Luger, dass der Tatverdächtige am Tag von Maria Baumers „Verschwinden“ auf ihrem und auf seinem PC mit kostenpflichtiger Software massig Daten gelöscht hat. Dem IT-Forensiker gelingt es, in mühevoller Kleinarbeit die Löschprotokolle wiederherzustellen.

Lorazepam und: „Durchaus gefährlich für andere“

Noch heftiger: Eine Woche, bevor seine Verlobte zuletzt gesehen wird, googelt der Krankenpfleger nach Stichworten, die man nicht eingibt, wenn man sich auf ein gemeinsames Leben mit der Herzallerliebsten freut. Der perfekte Mord. Perfektes Mordgift. Tödliche Dosis Insulin. Lorazepam letale Dosis. Judo-Würgegriff. Guillotine-Griff. Kalk.

Im Zusammenhang mit dem Verschwinden der jungen Frau eine Überdosis an Verdacht. Die Ermittler haben nun erstmals einen Hinweis auf eine mögliche Tötungsart. Die Polizisten beschatten den Verdächtigen. In dessen Wohnung stellen sie zudem viele Blister mit Psychopharmaka sicher. Die hat F. auf seiner Arbeitsstelle im Krankenhaus gestohlen.

Auch wegen anderer Straftaten erhebt die Staatsanwaltschaft im April 2016 Anklage gegen Christian F. Im Dezember desselben Jahres verurteilt ihn das Landgericht Regensburg zu zwei Jahren Haft auf Bewährung: wegen zweifachen Kindesmissbrauchs, wegen Besitzes von kinderpornographischem Material und der vorsätzlichen Körperverletzung an einer Studentin. Die Staatsanwältin hält ihn für „durchaus gefährlich für andere“.

Die Studentin, eine ehemalige Patientin F.s aus dem Bezirksklinikum, der er nachstellte, hatte sich als Zeugin an die Ermittlungsgruppe „Maria“ gewandt, weil sie eines Morgens im Bett neben ihm aufwachte, ohne sich erinnern zu können, wie sie dahin gekommen war. Kommissarin Schröder schaltet schnell: Im Blut der Studentin und ehemaligen Patientin des Krankenpflegers wird das starke Beruhigungsmittel Lorazepam nachgewiesen … F. hatte es ihr unbemerkt in ein Getränk gemischt.

Ist gelöschter Kalk schon einmal wieder verflüssigt worden?

Kriminaltechniker Jürgen Bauer von der Spurensicherung hat noch den Branntkalk, Knochen von Marias Leichnam und Kleidungsstücke in der Asservatenkammer. Ihn wurmt es mächtig, dass er den festen Branntkalk vom Auffindeort nicht verflüssigt bekommt. Zu gerne würde er ihn durch ein Sieb gießen in der Hoffnung, dass ihm weitere Beweisstücke, also etwa Haare ins Netz gehen. Wären die vom Verdächtigen, wäre das ein ultimatives Indiz.

Bauer telefoniert sich die Finger wund, ruft bei der Kriminaltechnik des BKA an, fragt bei Kollegen mehrerer Landeskriminalämter nach, erkundigt sich bei einem Professor der Münchner Uni. Aber noch nie habe jemand versucht, so ein Baustoffgemisch wieder aufzulösen. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich etwas Innovatives einfallen zu lassen.

Unter Laborbedingungen zerkleinert er im Team mit Kollegen vorsichtig und über Wochen hinweg Millimeter um Millimeter mechanisch die kompakten Brocken aus Branntkalk-Gemisch. Und tatsächlich: Die Spurensicherer fischen aus dem Staub 23 Menschenhaare. Die meisten stammen von der Toten, ergibt die Analyse. Doch vier: vom beschuldigten Verlobten. Die Kollegen in der Ermittlungsgruppe „Maria“ sind sich sicher, den Täter überführen zu können.

Aus Mangel an Beweisen? Die Schwester kämpft

Doch dann passiert etwas, was den Ermittlern den Boden unter den Füßen wegzieht. Trotz der erdrückenden Indizien gegen F. verfügt die Staatsanwaltschaft Regensburg am 31. Januar 2018 die Einstellung des Verfahrens. Angeblich aus Mangel an Beweisen, der Verdacht habe sich nicht erhärten lassen. Die Polizisten sind völlig platt, aber ihnen sind die Hände gebunden. Was die Öffentlichkeit nicht weiß: Im Vertrauen raten sie den Angehörigen der Getöteten, gegen die Entscheidung Beschwerde einzulegen.

Zwillingsschwester Barbara gibt sich nicht geschlagen. Sie holt eine erfahrene Strafrechtlerin aus München mit ins Boot. Die sichtet die Akten. Und ist danach nur noch von einem Wunsch beseelt: den Verdächtigen hinter Schloss und Riegel zu bringen. Denn der läuft noch immer frei herum.

Daraufhin nimmt 2019 die Generalstaatsanwaltschaft die Ermittlungen wieder auf. In Regensburg ist inzwischen ein neuer Staatsanwalt zuständig. Thomas Rauscher setzt sich sogleich mit den damaligen Ermittlern zusammen, die Chemie zwischen ihnen stimmt, man erörtert eingehend die Beweislage. Ein Totschlag wäre wohl nachweisbar, aber auch ein Mord? Was ist die Todesursache? An dem zersetzten und verätzten Leichnam umgeben von dem Branntkalk-Gemisch war nichts mehr zu erkennen. Oder doch?

Zur Freude der Kripobeamten wird ihre Ermittlungsgruppe „Maria“ wieder eingerichtet – streng im Verborgenen, die Presse ahnt nichts. Kriminalisten schätzen es, unterm Radar zu arbeiten, nicht unnötig Staub aufzuwirbeln, dem Täter keine Fingerzeige zu geben.

Schmerz- und Beruhigungsmittel in Slip und Knochenmark

Abermals legt sich Kriminaltechniker Jürgen Bauer ins Zeug. Als Profi weiß er: Inzwischen gibt es neuere Untersuchungsmethoden und sensiblere Messinstrumente. Bauer setzt sich mit einem privaten forensischen Labor in München in Verbindung, das auf der Höhe der technischen Entwicklung arbeitet. Kann man auch die übrigen Asservate wie Leichenteile, Bekleidungsstücke zum Sprechen bringen?

Man kann. Aufgrund der kriminellen Vorgeschichte des Christian F. zielt der Ermittlungsansatz auf eine medikamentöse Vergiftung Maria Baumers. Die Kollegen aus der Privatwirtschaft schaben aus einem Knochen Marias das angetrocknete Knochenmark heraus. Und aus BH und Slip der Toten schneiden sie kleine Stücke Stoff. Das alles geben sie in einen Massenspektrometer.

Das Messverfahren liefert im Herbst 2019 den erhofften Volltreffer: Im Rückenmark und in der Unterhose werden Rückstände von Tramadol und Lorazepam nachgewiesen. Ein supergefährlicher Medikamentencocktail, den kein Arzt, der noch bei Trost ist, in der rekonstruierten Menge je verordnen würde. Als Überdosis kann Tramadol zum Ersticken führen.

Er mordete wegen einer anderen Frau, die nichts von ihm wollte

Jetzt können die Ermittler beweisen, auf welche Weise Maria den Tod gefunden hat. Im Juli 2020 beginnt der Prozess gegen Christian F. vor dem Landgericht Regensburg. Nach der Anklageschrift war das Hauptmotiv des falschen Verlobten: Er hatte sich in eine frühere Patientin am Klinikum verliebt. Die erwiderte seine Gefühle zwar nicht, aber aus F.s Sicht stand die geplante Ehe mit Maria einer gemeinsamen Zukunft im Wege. Sich von Maria zu trennen war er nicht fähig. Was man im Kopf nicht aushält, resultiert in einem heimtückischen Giftmord, wie ihn die Republik nur selten gesehen hat.

Am 16. Verhandlungstag räumt der Angeklagte ein, dass er die Leiche im Kreuther Forst hat verschwinden lassen wollen. Aber für den Tod gibt er seiner Verlobten noch die Schuld: Der sei auf einen Unfall zurückzuführen, die Medikamente habe sie selbst eingenommen.

Nach drei Monaten akribischer Beweisführung verurteilt das Gericht den Angeklagten als Mörder zu lebenslanger Haft und stellt die besondere Schwere seiner Schuld fest. Für Marias Familie, die als Nebenkläger auftritt, eine späte Gerechtigkeit. Staatsanwalt Rauscher entschuldigt sich in seinem Plädoyer für die Einstellung der Ermittlungen 2018 durch seinen Vorgänger, die nie hätte passieren dürfen. Den Hinterbliebenen tut das sehr gut.

„Die Polizei hat rausgeholt, was ging“

Gottes Mühlen mahlen langsam, aber gerecht. Die Akte ist geschlossen, das Gefängnistor hinter dem Mörder zugesperrt. Und Sie, liebe Leser, haben mitgefiebert. Aber warum erzähle ich Ihnen das alles in dieser Ausführlichkeit?

Hören wir noch einmal Marias Zwillingsschwester Barbara an. Vor der Kamera sagt sie über die Ermittler: „Die Polizei hat rausgeholt, was ging. Die haben sich wirklich – wenn ich das jetzt so salopp formulieren darf – den Arsch aufgerissen. Die waren mit einem Ehrgeiz und einem Fleiß dahinter, die haben wirklich das Letzte gegeben. Und die sind mit uns wirklich sehr gut umgegangen.“

Darüber bin ich nachdenklich geworden. Die Polizisten haben sich akribisch und kreativ und ganz sicher mit Herzblut an dem Fall festgebissen. Sie haben das Menschenmögliche getan, um nach dem gewaltsamen Tod einer jungen Frau die Umstände haarklein aufzudröseln und den Mörder gerichtsfest zu überführen. Wie Jürgen Bauer von der Spurensicherung den Branntkalk doch noch kleingekriegt hat, das hat mich absolut fasziniert. Tschaka! Geht nicht? Gibt’s nicht! Es geht wohl, wenn man nur will, und es geht viel, wenn man sich reinhängt, wenn man sich hingibt. Echt bewundernswert! Oder, wie meine Wiener Corrigenda-Kollegin immer sagt: Voll!

Auch für Barbara (und die Familie) war die Sicht von außen, die Korrektur durch eine engagierte Instanz mit klarem Standpunkt wichtig, um aus ihrer „Froschperspektive“ herauszukommen: Erst durch die Perspektive der Ermittler und die präsentierten Indizien konnte sie ihren Blick weiten – und den Gedanken zulassen, dass der Verlobte ihrer heißgeliebten Schwester nicht der war, für den sie ihn hielt.

Beratung, die den Stein wegwälzt

Die Kripo-Beamten sind im staatlichen Auftrag tätig. Hier wie in unzähligen anderen Mordfällen tut der Staat, was er kann. Er bietet alle Mittel auf, steckt Personal und Ressourcen rein, um das zu erfüllen, was er für geboten hält. Die Opfer sind schon tot, und dennoch gibt der Staat in seinen Beamten noch einmal alles, um wenigstens zu verhindern, dass es wieder geschieht.

Vorschau Frau mit positivem Schwangerschaftstest
Frau mit positivem Schwangerschaftstest: Die beste Beratung anbieten, die nur möglich ist

Ohne im mindesten irgendetwas gegeneinander aufwiegen zu wollen: Wie schade, denke ich, dass der gleiche unbedingte Elan nicht dem Lebensanfang gilt. Dass der Staat mit Wille, Kreativität und Finanzkraft sich nicht ebenso reinhängt, für Frauen im Schwangerschaftskonflikt den „Branntkalk zu zerreiben“, sprich den Stein wegzuwälzen, Perspektiven auszuermitteln, so dass überhaupt erst eine freie Entscheidung möglich wird, vielleicht ja für ein Leben mit Kind.

Das Bundesverfassungsgericht trägt dem Staat auf, in den Beratungsstellen für eine Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen. Dass aber Jahr um Jahr um die hunderttausend Mal Frauen den Schein kriegen und den Weg der Abtreibung gehen, zeigt mir, dass hier zu oft nicht Beraterinnen nach Art der Ermittlungsgruppe „Maria“ im Einsatz sind, die sich buchstäblich den Arsch für das ungeborene Kind und dessen Mutter aufreißen, die nicht Kosten und Mühen scheuen, um zuzuhören, Befürchtungen zu nehmen, Emotionen zu sortieren, Wege zu ebnen, die Sicht zu weiten, materielle Hilfen und kompetente Informationen anzubieten – sondern Personal mit einer Einstellung wie der Vorgänger von Staatsanwalt Rauscher in Regensburg, das mal gerade so Dienst nach Vorschrift macht und seine „heilige Ruhe“ haben will, wie man in Polen sagt.

Natürlich leisten auch vom Staat unterhaltene Beratungsstellen mit Scheinausgabe immer wieder hervorragenden Einsatz für das Leben, keine Frage. Aber auf dem Gebiet ist noch turmhoch viel Luft nach oben. Denn Staat und Regierung können, wenn sie nur wollen, sich rausreden gilt nicht.

Ich wünsche unserem Land in jeder Gemeinde so eine Art Schwangerenberatungsgruppe „Maria“, die 24/7 offen hat und die die beste Beratung anbietet, die überhaupt nur möglich ist. So dass jede Schwangere im Konflikt am Ende sagen kann: „Die waren mit einem Ehrgeiz und einem Fleiß dahinter, die haben wirklich das Letzte gegeben. Und die sind mit mir wirklich sehr gut umgegangen.“

 

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Veritas
Vor 1 Jahr 1 Monat

Ich muss zugeben: Es hat etwas gedauert, bis ich die Idee hinter dem Artikel verstanden habe, aber als ich es getan habe, war ich umso begeisterter. Vielen Dank an den Autor und corrigenda.
Selbt schaue ich gerne Kriminaldokus und -filme. Das Engagement der Ermittler habe ich bisher immer als selbstverständlich erachtet, aber wenn man sich anguckt, wie wenig Engagement der Staat beim Thema Lebensschutz einsetzt, wird einem klar, dass das etwas Besonderes ist.

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Yobo
Vor 1 Jahr 1 Monat

Ganz ganz großartiger Artikel, vielen Dank Herr Rudolf für diese Worte. Ein absoluter Geniestreich!

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Paul Brandenburg
Vor 1 Jahr 1 Monat

Herzzereißend. Danke der Aufklärung. Wie grausam diese Welt doch sein kann.
Beten wir den Psalm 23 für die ermordete. Für uns alle den PS 91

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Veritas
Vor 1 Jahr 1 Monat

Ich muss zugeben: Es hat etwas gedauert, bis ich die Idee hinter dem Artikel verstanden habe, aber als ich es getan habe, war ich umso begeisterter. Vielen Dank an den Autor und corrigenda.
Selbt schaue ich gerne Kriminaldokus und -filme. Das Engagement der Ermittler habe ich bisher immer als selbstverständlich erachtet, aber wenn man sich anguckt, wie wenig Engagement der Staat beim Thema Lebensschutz einsetzt, wird einem klar, dass das etwas Besonderes ist.

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Yobo
Vor 1 Jahr 1 Monat

Ganz ganz großartiger Artikel, vielen Dank Herr Rudolf für diese Worte. Ein absoluter Geniestreich!