Direkt zum Inhalt
Zum 100. Geburtstag

Die Wurzeln des grandiosen Geschichtenerzählers Otfried Preußler

Otfried Preußler gehörte nicht zu jenen, die darauf aus waren, sich durch Stellungnahmen zum Privatleben in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit zu verschaffen. Seine Töchter berichten, dass „seiner Maxime folgend … Privates aus dem Familienleben weggelassen“ wurde. Gleichwohl ist die Frage nach der Herkunft von Autoren eine maßgebliche, noch dazu, wenn es um das Werk eines Autors geht, der nunmehr seinen 100. Geburtstag begehen würde.

Zudem darf bei einem Welterfolg, den eine Auflage von mehr als 50 Millionen Exemplaren ausweist, nach den Wurzeln gefragt werden. Geboren wird Otfried Preußler am 20. Oktober 1923 im böhmischen Reichenberg (heute Liberec) als Sohn von Ernestine und Josef Syrowatka, die nach der „Angliederung“ der Sudetengebiete an Nazi-Deutschland den in der Familiengeschichte existierenden Namen Preissler/Preußler annehmen. Der Mädchenname von Josef Preußlers Großmutter lautet nämlich Praitzler.

Der junge Otfried Preußler wächst in einem Haushalt auf, in dem Bücher und Heimatforschung eine entscheidende Rolle spielen. Jahrzehnte später, im Dezember 1993, wird er in einem Gespräch darauf verweisen, wie die Eltern, die „literarisch außerordentlich interessiert waren“, es unter Entbehrungen geschafft hatten, ein eigenes Haus zu bauen, in dem eine kulturvolle Atmosphäre herrschte. Auch die Privatbibliothek von „einigen sechstausend Bänden“ wird erwähnt und die Tatsache, dass beide Kinder zu den Büchern „von klein auf unbeschränkt Zutritt hatten. Einzige Bedingung: Jedes Buch wieder an seinen Platz!“

Das wichtigste Buch im Leben Otfried Preußlers

Mit Blick auf das eigene Schaffen wird einmal mehr darauf aufmerksam gemacht, dass es die Kindheitserfahrungen und die über Großeltern und Eltern vermittelte „Tradition des Isergebirges“ gewesen sei, von der er bis in die Gegenwart zehre. „Ich steckte und stecke“, so Otfried Preußler, „voller Geschichten, die sich alle in meiner Kinderzeit angesponnen haben.“

Dabei spielt neben den Eltern die Großmutter Dora eine entscheidende Rolle. Die Großmutter habe in der Abenddämmerung, wenn ihr danach zumute war, mit dem Geschichtenerzählen begonnen. Die Geschichten, um die es damals in der Kindheit geht, sie nehmen sich wie eine Vorwegnahme jener Stoffe aus, die dann im Schaffen von Otfried Preußler zentrale Bedeutung gewinnen: Vom Wassermann in der Iser erzählte sie dann, von schlauen Schneidern und dummen Teufeln, von Hexen und Hutzelweibern, vom Riesen Plampatsch.“

Das Besondere an den Geschichten der Großmutter Dora besteht in ihrer Mündlichkeit. Um eben diese Spezifik zu verschleiern, macht die Großmutter den Kindern weis, dass alles, was sie erzählt, aus einem dicken alten Geschichtenbuch stammt, das sich in ihrem Besitz befindet.

Otfried Preußler mit Ehefrau Annelies im Jahr 1993: Sie wartete während Krieg und Gefangenschaft auf ihren Verlobten. Das Paar heiratete im Jahr der Rückkehr aus Russland
Otfried Preußler mit Ehefrau Annelies im Jahr 1993: Sie wartete während Krieg und Gefangenschaft auf ihren Verlobten. Das Paar heiratete im Jahr der Rückkehr aus Russland

Zunehmend aber irritiert die beiden Jungen, Otfried und seinen Bruder Wolfhart, dass eine Geschichte, die noch vor kurzem besonderen Gefallen fand, bei ihrer Wiederholung „einen völlig veränderten Lauf nahm und neuen, ganz unerwarteten Nebenfiguren und Dingen sich zuwandte, überwechselnd auf ebenso neue und unerwartete Schauplätze“. Auf die eindringlicher werdende Frage der Kinder nach dem Verbleib des großen Geschichtenbuches findet die Großmutter immer neue Ausreden.

Letztlich ahnen die Jungen, dass das Buch möglicherweise gar nicht existiert. Allerdings haben sie eine natürliche Scheu, der alten Dame diese Vermutung mitzuteilen. Rückblickend, im Jahre 1972, ist Otfried Preußler froh darüber, dass es zu dieser Konfrontation nie gekommen ist und das Rätsel ungelöst blieb. „Ich weiß heute nur eines“, schreibt er erinnernd, „Großmutters dickes altes Geschichtenbuch, das es in Wirklichkeit überhaupt nicht gegeben hat, ist das wichtigste Buch aller Bücher für mich, mit denen ich je im Leben Bekanntschaft gemacht habe.“

Hier in der Kindheit liegen die Wurzeln des grandiosen Geschichtenerzählers Otfried Preußler. Als jemand, der eine Geschichte erzählt, „bist du zugleich Intendant, Regisseur und Ensemble eines glorreichen Einmann-Theaters“, so Otfried Preußler viele Jahre später.

„Je nach Bedarf kannst du deine Stimme leise und zart machen, polternd und grobschlächtig. Du kannst, wo erforderlich, bellen oder auch zwitschern, blöken wie eine ganze Hammelherde oder auch muhen. Du kannst langsam erzählen, kannst Pausen einlegen, Sätze abbrechen, sie mit einer Handbewegung zum Abschluss bringen. Du kannst mit den Ohren wackeln nach oben, nach unten schielen, dich räuspern, dich schütteln, ängstlich die Hände ringen. Auch kannst du dich, je nach Bedarf, mit deinem Publikum unterhalten. Du kannst Fragen stellen, kannst Gegenfragen provozieren, kannst sie auch gleich beantworten.“

Was Otfried Preußler hier – der eigenen Erfahrung folgend – beschreibt, das ist nicht zuletzt der Weg von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit. Doch bis es zu diesem einzigartigen Erzählen kommt, war es ein weiter Weg. An dessen Beginn stehen Gedichte, die der siebzehnjährige Oberschüler ab Herbst 1940 zunächst seiner Tanzschulpartnerin Annelies Kind widmet. Später wird er sich mit ihr verloben, und als er 1949 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt, heiratet er „sein Mädchen“, wie er sagt.

Die Gedichte, die der Siebzehnjährige Otfried auf dem Reichenberger Gymnasium schreibt, sind allerdings nicht nur an den privaten Kreis und die Freundin adressiert, sondern er denkt durchaus daran, später als Autor wahrgenommen zu werden. Zum Komplex der Gedichte gehören auch die „Prager Sonette“, die den jungen Mann gelehrt haben, „strengen formalen Gesetzen zu entsprechen, mich meiner sprachlichen Mittel mit äußerster Sorgfalt zu bedienen“, so die Erinnerung an jene Jahre.

Doch die Hoffnung, an der Karls-Universität Prag die Fächer Philosophie und Germanistik studieren zu können, zerschlägt sich: Nicht einmal drei Wochen nach dem Abitur, mit 19, kommt Otfried Preußler zur Wehrmacht, und mit 22 gerät er in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Retten wird ihn im Kriegsgefangenenlager in Jelabuga, in der Tatarischen Sowjetrepublik, eine jüdische Ärztin, Frau Dr. Wolkowa. Sie kümmert sich um den jungen Mann, der etwa das Alter ihres Sohnes hat, der im Sommer zuvor als Leutnant an der rumänischen Front gefallen ist.

Annelies hat all die Jahre auf ihn gewartet

Otfried Preußler überlebt, aber man kann erahnen, mit welchen Traumata er in der Folge umzugehen hat. Erst am 22. Juni 1949 wird er in Rosenheim ankommen. Hierhin hat es seine Familie und die Verlobte Annelies nach Flucht und Vertreibung aus dem Sudetenland verschlagen. Nach 3.350 Kilometern und siebeneinhalb Jahren ist er endlich zurück, Annelies hat die ganze Zeit auf ihn gewartet, auch die fünf Jahre der Gefangenschaft!

Was sich dann abspielt, das hat Otfried Preußler später so erinnert. „Mein Mädchen erwartete mich am Bahnsteig. Sie trug ein Dirndlkleid, das ich noch von zu Hause kannte, das einzige Kleidungsstück, das ihr von damals verblieben war. Sie hatte es angezogen, damit ich sie dran erkennen sollte, das hat sie mir später einmal gestanden“, schreibt er, um sodann fortzufahren: „Ich hätte sie aber gleichwohl erkannt, auch in jedem anderen Kleid. Selbst dann, wenn nicht fünf, sondern fünfzig Jahre dazwischen gelegen hätten – das weiß ich so sicher wie meinen Namen. Ich sah sie am Bahnsteig stehen. Sie hielt eine Rose in der Hand, eine rote Rose mit langem Stiel.“

Der bald 26-Jährige hat keinen Beruf, und er beginnt auf den ersten Blick bei null. Doch dem ist nicht so. Aus der Gefangenschaft bringt er zahlreiche Texte mit, die er sich fest im Gedächtnis eingeprägt hat. Gedichte, Erzählungen und Theaterstücke. Hans Zinsmeister, ein Altgefangener und Gymnasiallehrer, der für Otfried Preußler im Kasaner Lager eine Art Mentor wird, erinnert nach der Rückkehr, wie der junge Mann in „mühevollster Arbeit, ohne je zu erlahmen, unter schwersten Bedingungen aus dem Nichts eine Theatergruppe“ aufgebaut hat, die „in regelmäßigen Zeitabständen durch gediegene Theateraufführungen das Grau unseres Gefangendaseins erhellte“.

In den folgenden Jahren arbeitet Otfried Preußler ohne Unterlass. Um materielle Sicherheit zu erlangen, wird er Lehrer, schließt die erste und zweite Staatsprüfung erfolgreich ab und schreibt in den Nachtstunden. Im Stuttgarter Kinderfunk gilt er inzwischen – so die Selbsteinschätzung – als der „Haus- und Hof-Märchenonkel“, und aus München kommen regelmäßig Aufträge zu Hörbeiträgen. Akribisch listet er die Veröffentlichungen auf, so für die Jahre 1950 bis 1952. Die Liste erstreckt sich über zehn Seiten, und es sind um die 150 Publikationen!

Die verlorenen Jahre aufholen

Otfried Preußler will um jeden Preis die verlorenen Jahre aufholen und sich Wissen aneignen, bevorzugt von Gegenständen, die ihm nahe sind und mit der böhmischen Heimatgeschichte zu tun haben. Dazu sammelt er Zeitungsausschnitte, legt Stoffsammlungen an, verfertigt Konspekte und Exzerpte. Die Erfahrungen helfen ihm, als er sich Mitte der 1950er Jahre an ein Kinderbuch macht, mit dem er schon recht weit vorangekommen ist.

In einem Brief an einen Freund berichtet er von dem Vorhaben, für das er allerdings noch keinen Verlag gefunden hat, es geht um ein Manuskript mit dem Titel „Der kleine Wassermann“. „Da erlebt ein Wassermannjunge im Lauf eines Sommers, von seiner Geburt bis zum Winterschlaf, allerlei Abenteuer mit Menschen und Tieren“, schreibt er. „Der Kleine Wassermann“ erscheint 1956 beim Thienemann-Verlag, und er bringt Otfried Preußler den Durchbruch als Autor. Ein Jahr später kommt „Die kleine Hexe“ auf den Markt, die ebenfalls zum Erfolgsbuch wird.

Lotte Weitbrecht, die Verlegerin, weiß sofort, was für einen schriftstellerischen Edelstein sie nunmehr an den Verlag gebunden hat. Daher ist sie auch sofort begeistert, als Otfried Preußler ihr von einem neuen Vorhaben berichtet. Nach dem Riesenerfolg der beiden Bücher teilt er 1959 Lotte Weitbrecht mit, dass er sich an „den Sagenkreis um den wendischen Zauberkünstler Krabat aus der Lausitz“ gemacht hat.

Zu diesem Zeitpunkt wird zum ersten Mal der Name des Helden erwähnt, Krabat, und Otfried Preußler ist ausgesprochen optimistisch, was den Fortgang der Arbeit betrifft. Doch das Projekt gerät in der Folgezeit ins Stocken. Allerdings gibt es weit über das Literarische hinausgehende Gründe, die dafür verantwortlich sind, dass Preußler über Jahre nicht vorankommt und den „Krabat“ liegenlässt.

„Krabat“-Linolschnitt von Herbert Holzing 2020 in der Otfried-Preußler-Ausstellung in der Ludwiggalerie in Oberhausen
„Krabat“-Linolschnitt von Herbert Holzing 2020 in der Otfried-Preußler-Ausstellung in der Ludwiggalerie in Oberhausen

Er hat das, was man eine Schreibblockade nennt. „Wann wird er fertig? Oder haben Sie immer noch Angst davor, dass er Ihnen Krankheit bringt?“, fragt Lotte Weibrecht um 1962 und spricht damit wohl das Grundproblem an. Freilich ahnen weder sie noch Otfried Preußler, warum der Körper sich gegen die Beschäftigung mit dem „Krabat“ wehrt. Was ist der Grund? Otfried Preußler geht mit der „Krabat-Sage“ in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges zurück, und er aktualisiert damit genau das, was er eigentlich über die Jahre verdrängen will und muss: das Trauma des Krieges und der Gefangenschaft.

Aber auch hier findet Otfried Preußler einen Ausweg. Er löst seine Schreibblockade, indem er etwas Lustiges schreibt, einen Text, der ihm selbst Spaß bereitet und in dem er sämtliche Figuren des Kasperltheaters seiner Kindheit auftreten lassen kann, den „Räuber Hotzenplotz“. Das gerissene Großmaul überfällt Kasperls Großmutter und raubt ihr die Kaffeemühle. Die Geschichte, von der es zwei Fortsetzungen gibt, sollte das am meisten verkaufte Buch werden.

Am „Krabat“ schließlich arbeitet er mehr als zehn Jahre, erst 1971 wird der Jugendroman erscheinen. Wiederum Jahre später unterstreicht Otfried Preußler, dass Jugenderlebnisse und die Erfahrungen des Krieges einen Einfluss auf den Text hatten. „Ich glaube, das Buch, in dem der Nachweis am ehesten zu erbringen ist, wie ich versucht habe, diese Erlebnisse zu verarbeiten, ist der ‘Krabat’“, bekennt er. Der „Krabat“ sei „natürlich sehr weit abgesetzt von der Realität, die wir erlebt haben“, aber er stelle ein Grundproblem dar, „die Auseinandersetzung mit der faszinierenden Macht, die sich bei näherem Zusehen als eine böse Macht entpuppt. Das ist ja mit das Hauptthema im ‘Krabat’“.

„Zu meinen Devisen gehört eine ganz einfache“

Vor dem Hintergrund dieser Aussagen bekommen das „Was“ und „Wie“ des Erzählens, Inhalt und Form sowie entsprechend einige ausgewählte Episoden im „Krabat“ einen sehr konkreten historischen wie biografischen Hintergrund. Dass im „Krabat“ immer wieder einer der Gesellen zu Tode kommt und Rückfragen blockiert werden, wird im Text mit einer fast schon lapidaren Aussage begründet, wie sie ihre Grundlage nur in der Erfahrung des Krieges haben kann.

„‘Die Toten sind tot’, sagt Michal. ‘Sie werden nicht wieder lebendig, wenn man von ihnen spricht.’“ Etwas später wiederholt Michal diese Sicht, wobei nunmehr eine Begründung angedeutet wird: „‘Die Toten sind tot’, sagte Michal. ‘Ich habe es dir schon einmal gesagt und ich sage dir’s noch einmal. Wer auf der Mühle im Koselbruch stirbt, wird vergessen, als ob es ihn nie gegeben habe: nur so lässt sich’s für die anderen weiterleben – und weitergelebt werden muss werden. Versprich mir, dass du dich daran halten wirst!’“. Und Krabat verspricht es. Letztlich macht der Akt des Auf-Schreibens Otfried Preußler freier. Insofern hat der sich über Jahre hinziehende Schreibprozess eine heilende Wirkung.

Schreiben konnte Otfried Preußler den „Krabat“ wie auch die vielen Geschichten, die Kinder noch heute glücklich machen, weil er in den schweren Jahren etwas erfahren und gelernt hat, das für ihn zu einer Lebensmaxime wurde: „Zu meinen Devisen gehört eine ganz einfache“, notiert Otfried Preußer:

„Mit Anstand über die Runden! Ich weiß, dass es schwierig ist, moralische Urteile abzugeben oder gar zu fällen. Man muss, wenn man moralisch urteilen oder gar verurteilen will, das Ganze einer Situation kennen. Anderen gegenüber habe ich so viel Verständnis wie nur irgend möglich, und im Zweifelsfall lasse ich immer mildernde Umstände gelten. Der Mensch ist ein angefochtenes und anfechtbares Wesen, und er wäre kein Mensch, wenn er sein ganzes Leben ohne den Schatten irgendeiner Fehlleistung hinter sich bringen könnte. Und da wiederum vertraue ich ganz entschieden darauf, dass der liebe Gott kein Buchhalter ist, und auch kein Jurist. Und das beruhigt mich ungemein.“

Kommentare

Comment

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.
Kommentar