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Weiße Rose: Vor 80 Jahren wurde Sophie Scholl hingerichtet

Ein Weg in den Widerstand

Im August 1941 schrieb Sophie Scholl an ihre Freundin Lisa Remppis: „Manchmal schon, besonders in letzter Zeit, empfand ich es als bittere Ungerechtigkeit, in einer solchen von Weltgeschehen ganz ausgefüllten Zeit leben zu müssen. Aber das ist natürlich Unsinn, und vielleicht sind uns wirklich heute Aufgaben, nach außen und mit der Tat zu wirken, gestellt.“ Mit dem Wort „Weltgeschehen“ spielte sie auf das in der bündischen Jugend populäre Gedicht „Schließ Aug und Ohr“ von Friedrich Gundolf aus dem Jahr 1931 an, das sie sehr liebte und in dessen mittlerem Vers es heißt: „Dein Amt ist hüten, harren, sehen / Im Tag die Ewigkeit / So bist du schon im Weltgeschehn / Befangen und befreit.“

Den Brief an die beste Freundin verfasste Sophie Scholl in einer Zeit, in der sie litt. Getrennt von der Familie lebte sie seit dem 6. April 1941 im südlich von Sigmaringen gelegenen Krauchenwies, in einem Zimmer mit zehn anderen „Arbeitsmaiden“, wie die jungen Frauen, die man zum Reichsarbeitsdienst eingezogen hatte, genannt wurden.

Der Tagesablauf entsprach der nationalsozialistischen Konditionierung und vollständigen Indoktrination, wie sie Hitler und seinem Gefolge vorschwebte. Nach dem Wecken um 6 Uhr ging es hinaus zum Frühsport, anschließend Fahnenappell, Frühstück, Arbeitseinsatz bis 18 Uhr, Abendbrot, gemeinsames Hören der Nachrichten, weltanschaulicher Unterricht, Fortbildung in Hauswirtschaft.

Die Perfidie des streng durchregulierten Tagesablaufes bestand darin, dass man den Arbeitsmaiden keine Zeit für Persönliches, gar für persönliche Lektüre ließ, denn Persönliches sollte minimiert werden. Persönlichkeit galt als Feindbild, denn jeder hatte vollständig in der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft aufzugehen.

„Wie ein feuriger wilder Junge“

Wie sehr Sophie Scholl das kasernierte und durchregulierte Leben quälte, lässt sich aus der Beschreibung von Susanne Hirzel, Sophies Freundin, in einem Brief an Ricarda Huch erahnen: „Sie war wie ein feuriger wilder Junge, trug die dunkelbraunen glatten Haare im Herrenschnitt und hatte mit Vorliebe eine blaue Fischerbluse oder eine Winterbluse ihres Bruders an. Sie war lebhaft, keck, mit heller klarer Stimme, kühn in unsern wilden Spielen und von einer göttlichen Schlamperei.“

An ihren Freund Fritz Hartnagel schrieb sie in einem Brief, den sie vermutlich nicht abschickte: „O sie nehmen einem mit diesem sturen Kommissgeist, der überall herrscht, bald jede Möglichkeit, seinen armen Geist noch ein wenig zu retten vor ihren Uniformen.“

1933 wurde das zwölfjährige Mädchen von der Begeisterung für Hitler und für den Nationalsozialismus von ihren älteren Geschwistern, Inge und Hans, angesteckt und trat wie Inge und Hans der Hitlerjugend (HJ), zu der der Bund Deutscher Mädel (BDM) gehörte, bei. Sie stieg rasch in der Hierarchie der HJ auf. Am Neujahrsmorgen 1933 hatte die fünfzehnjährige Inge Scholl in ihrem Tagebuch einen politischen Wunsch festgehalten. Sie hoffe, dass dieses Jahr „das Entscheidungsjahr für Deutschland bringen werde“.

Und später, im März, notierte sie sich ein Gespräch, das sie mit Hans geführt hatte und in dem sie beide folgende Vorstellung von Deutschland entwickelten: „Die Idee, die uns kam u. die wir gerne machen möchten: Ein Trupp Kommunisten u. Marxisten trabt über die deutsche Scholle u. verwüstet sie. Plötzlich steht Hitler, riesenhaft, hinter ihm Hindenburg, u. hinter den beiden eine ganze braune Armee, u. ruft ihnen ein gebieterisches ‘Halt’ zu.“

Nach Begeisterung setzte Entfremdung vom NS ein

Die nächsten drei Jahre gestalteten sich zu einer fortgesetzten Auseinandersetzung, vor allem zwischen Hans und dem Vater, der die Nationalsozialisten als Deutschlands Verderber einschätzte. Die Begeisterung für Hitler und den Nationalsozialismus resultierten einerseits aus Adoleszenzkonflikten und andererseits aus einer Verkennung des Nationalsozialismus, den die Geschwister für die Fortsetzung und die Erfüllung bündischer Ideale, vor allem der „dj.1.11.“ (Deutsche Jungenschaft vom 1. November 1929) hielten. Die dj.1.11. wollte in der Gemeinschaft den Einzelnen bilden zu einer hohen und einzigartigen Persönlichkeit. Ihr ging es um Freiheit, um Bildung und echte Kameradschaft, nicht um fanatischen Glauben.

Doch 1936 brauchte Hitler die Bündischen nicht mehr, und es setzten Verbot und Verfolgung der Bündischen ein. Werner und Inge Scholl gerieten kurz, Hans länger in Haft. So sagte Sophie Scholl schließlich im Verhör durch die Gestapo 1943: „Die Gründe meiner weltanschaulichen Entfremdung vom BDM und damit von der NSDAP (...) liegen in erster Linie darin begründet, dass meine Schwester Inge, meine Brüder Hans und Werner (...) wegen sog. bündischer Umtriebe von Beamten der Geheimen Staatspolizei verhaftet und einige Tage bzw. Wochen in Haft gehalten wurden. Ich bin heute noch der Auffassung, dass das Vorgehen gegen uns sowohl als auch anderer Kinder aus Ulm vollkommen ungerechtfertigt war. (...)

Als weiteren und schließlich als hauptsächlichen Grund für meine Abneigung gegen die Bewegung möchte ich anführen, dass nach meiner Auffassung die geistige Freiheit des Menschen in einer Weise eingeschränkt wird, die meinem inneren Wesen widerspricht. Zusammenfassend möchte ich die Erklärung abgeben, dass ich für meine Person mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun haben will.“

Bücher erschlossen Sophie Scholl eine Gegenwelt

Doch Geist, Privatheit, Freiheit standen dem totalen Staat entgegen. In Krauchenwies lernte Sophie Scholl zu widerstehen. Sie ging auf Distanz zu den anderen jungen Frauen, auch weil sie Zeit benötigte, zuweilen nur Minuten, um wenigstens ein, zwei Seiten zu lesen, was eigentlich unterbunden werden sollte, denn die Arbeitsmaiden durften nicht lesen, sondern hatten sich ganz und gar der weltanschaulichen Bildung zu überlassen. Jede Seite eines Buches störte den Prozess des Eingewöhnens, weil jede Seite eine andere als die der nationalsozialistischen Welt erzählte. Solange Sophie im Buch war, war sie nicht in Krauchenwies.

Sophie wollte sich nicht eingewöhnen, sich nicht an das gewöhnen, was sie ablehnte: „Ich schlafe zusammen mit 10 Mädchen. Ich muss mir abends oft die Ohren vor ihrem Geschwätz verstopfen (...) Abends, wenn die anderen Witze machen (aus denen ich mich leider nicht ganz herausgehalten habe), lese ich im Augustinus. Ich muss langsam lesen, ich kann mich so sehr schwer konzentrieren. Aber ich lese einmal zu. Auch wenn mir die Lust fehlt.

Auch Thomas Manns ‘Zauberberg’ habe ich heute Mittag gelesen (...) Ich bemühe mich sehr, mich von den augenblicklichen Einflüssen möglichst unberührt zu halten. Nicht von den weltanschaulichen und politischen, die mir bestimmt nichts mehr ausmachen, aber von den Stimmungseinflüssen. Il faut avoir un esprit dur et le coeur tendre.“

Begegnung mit den Kirchenvätern

Über Otl Aicher, den Inge später heiraten sollte und der ein tiefgläubiger Katholik war, kam auf Französisch dieser Satz zu ihr, der für sie zu einer Art Motto wurde und der öfter in ihren Notizen auftauchte. Auf Deutsch lautete er: „Man muss einen harten Geist und ein weiches Herz haben!“ Auf welchem Weg auch immer Otl Aicher Kenntnis von der Bemerkung des französischen Philosophen und Thomisten Jacques Maritain erlangt hatte, scheint auf Hörensagen zu beruhen.

Otl Aicher hatte den ganzen Scholl-Kreis, so auch Sophie bis hin zu Fritz Hartnagel, zur Augustinus-Lektüre gedrängt. Grundlage bildete die von Ernst Przywara ausgewählte, eingeführte und kommentierte Textzusammenstellung aus dem Werk des Kirchenvaters. Przywara sah in Augustinus einen Denker „in Vorübergang und Durchblick. Alles rhythmische und intuitive Denken hat ihn zum Ahn und Meister.“

Deshalb glaubte Przywara, dass Augustinus nicht durch „ein einzelnes Werk anschaulich gemacht werden“ kann, „sondern nur durch eine synthetische Darbietung seines Motivs und seines Rhythmus“, d. h. durch eine Darstellung nach Themen, die vom Wesen der Wahrheit, über den Glauben, das Werden, den Schöpfer bis hin zum Staat Gottes, dem Menschen und Gott und schließlich dem Menschen in Gott reichen.

Auf circa 80 Seiten führte Przywara in den Kosmos Augustins ein, wobei das Denken des Kirchenvaters mit der Wirkung, die er auf unterschiedliche Philosophen und Theologen wie Descartes, Pascal, Hegel, Newman und Thomas von Aquin gemacht hatte, konfrontiert wurde. Interessant an Przywaras Hinführung ist, dass sie nach der Betrachtung der Bedeutung Augustins für die Gegenwart im Dialog des mittelalterlichen Philosophen des Thomas von Aquin mit dem Kirchenvater gipfelt – Thomas als Vollender Augustins. Das alles ist nicht so ganz einfach, denn der Leser des Buches wird mit der modernen Philosophie, mit Edmund Husserl und der Phänomenologie und mit Martin Heidegger und der Existenzphilosophie in Berührung gebracht.

„Die Stunde kommt, da man dich braucht“

In Krauchenwies setzte sich Sophie Scholl mit dem komplizierten Werk Przywaras auseinander. Durch Otl Aicher kamen Inge, Hans und Sophie Scholl mit dem Münchner Hochland-Kreis, mit Carl Muth und Theodor Haecker in Kontakt und begannen ihre tiefe Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben, der ihnen eine Gegenwelt, eine wahrhaft menschliche Welt eröffnete.

Wenn sich diese jungen Leute für ein paar Tage auf eine Berghütte zurückzogen, wanderten sie tagsüber, oder liefen – im Winter – Ski und lasen abends gemeinsam Bücher, die sie auch miteinander bis tief in die Nacht diskutierten. Einen tiefen Eindruck machte auf Sophie Scholl Georges Bernanos „Tagebuch eines Landpfarrers“, der zu dem Buch des Renouveau catholique, der katholischen Erneuerungsbewegung wurde.

Aus dem Glauben heraus erwuchs ihr die Verpflichtung, Widerstand gegen ein System zu leisten, das teuflisch, unmenschlich und grausam war. Von Anfang an wusste sie, worauf sie sich einließ, dass der Widerstand gegen das nationalsozialistische System das Leben kosten konnte. Sie unterschätzte ihre Gegner nicht.

Das Gedicht von Friedrich Gundolf, das sie so sehr liebte, endete mit den Zeilen: „Die Stunde kommt, da man dich braucht / Dann sei du ganz bereit / Und in das Feuer, das verraucht / Wirf dich als letztes Scheit.“

Buchcover Klaus-Rüdiger Mai, „Ich würde Hitler erschießen. Sophie Scholls Weg in den Widerstand“

Vom selben Autor ist auch folgender Buchtitel erschienen:

„Ich würde Hitler erschießen. Sophie Scholls Weg in den Widerstand“, Bonifatius-Verlag, Paderborn 2023, Klappenbroschur, 192 Seiten, 18 Euro

Erhältlich seit dem 18. Januar 2023

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