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Pro & Contra

Fünf Gründe für und fünf gegen Homeschooling

Pro, sagt Sebastian Ostritsch

In Deutschland ist Homeschooling gesetzlich verboten. Wer seine Kinder nicht auf eine staatliche Schule schicken möchte, dem bleiben höchstens die Privatschulen. Aber auch über deren Errichtung wacht der Staat mit Argusaugen. Dabei gibt es gute Gründe dafür, das staatliche Schulmonopol zu beenden und den Familien endlich die Freiheit zu gewähren, selbst über die Erziehung und Bildung ihrer Kinder zu entscheiden. Insbesondere die folgenden fünf Argumente sprechen für ein Recht auf Homeschooling und eine Liberalisierung des Schulwesens:

1. Das naturrechtliche Argument: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.“ So heißt es in Artikel 6 des Grundgesetzes. Es verweist damit auf ein überpositives oder natürliches Recht, das ihm geltungsmäßig übergeordnet ist. Natürliche Rechte und Pflichten sind nämlich solche, die aus der Natur des Menschen, sprich: aus seinem Wesen, folgen. Selbst wenn es kein Grundgesetz gäbe, würde also gelten: Die Erziehung der Kinder ist primär das Recht und die Pflicht der Eltern.

Das heißt: Eltern dürfen und müssen sich, sofern sie dazu in der Lage sind, um die Erziehung ihrer Kinder kümmern. Nun lassen sich Erziehung und Bildung zwar unterscheiden, aber nicht trennen. Es wäre daher höchst künstlich, ja geradezu absurd, zu behaupten, Eltern hätten nur das natürliche Recht auf die Erziehung ihrer Kinder, aber kein Recht auf deren Bildung.

Aus all dem folgt: Wo der Staat das natürliche Recht der Eltern, selbst über die Erziehung und Bildung ihrer Kinder zu entscheiden, einschränkt, handelt er wider das Naturrecht. Freilich gibt es Fälle, in denen der Staat eingreifen muss, aber das darf nur geschehen, wenn die Eltern nicht in der Lage oder willens sind, ihre natürliche Pflicht zu erfüllen. Das führt unmittelbar zum zweiten Argument.

2. Das Subsidiaritätsargument: Das Subsidiaritätsprinzip ist nicht nur ein politisches, sondern auch ein ethisch-naturrechtliches Prinzip: „Wie dasjenige, was der Einzelmensch als eigener Initiative und mit seinen eigenen Kräften leisten kann, ihm nicht entzogen und der Gesellschaftstätigkeit zugewiesen werden darf, so verstößt es gegen die Gerechtigkeit, das, was die kleineren und untergeordneten Gemeinwesen leisten und zum guten Ende führen können, für die weitere und übergeordnete Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen.“

So formuliert es die Katholische Soziallehre. Insofern sie aber ausschließlich auf natürliches Recht („Gerechtigkeit“) rekurriert, ist das ethische Subsidiaritätsprinzip vollständig konfessionsunabhängig. Der Staat ist also in familiären Dingen erst gefragt, wenn die Familie es nicht selbst regeln kann. Da die meisten Familien aus wirtschaftlichen, zeitlichen oder anderen Gründen auf öffentliche Schulen angewiesen sind, soll der Staat diese durchaus betreiben. Nur darf er eben niemanden sanktionieren, der seine Kinder auf anderem Weg erziehen und bilden möchte.

3. Das Intimitätsargument: Eltern haben eine einzigartige Beziehung zu ihren Kindern. Sie lieben und kennen sie wie sonst niemand. Daher liegt ihnen auch das Wohl der eigenen Kinder in einem Maße am Herzen, wie es beim Staat nie der Fall sein kann. Welcher Bildungsweg der richtige für ein Kind ist, können daher die Eltern in aller Regel am besten einschätzen.

In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass Eltern selbstredend um die Bedeutung sozialer Kontakte wissen. Die These, außerhalb der staatlichen Schule könne es diese nicht geben, ist aber – man denke nur an das Vereinswesen – offenkundig Unsinn.

4. Das Indoktrinationsargument: Verfechter der staatlichen Schulpflicht berufen sich gerne darauf, Kinder vor Ideologisierung und Indoktrination in der Familie schützen zu müssen. Wie aber bereits ein kurzer Blick auf die mörderischen Totalitarismen des 20. Jahrhunderts beweist, geht diese Gefahr in erster Linie vom Staat und seiner Propaganda und nicht von der Familie aus. Es ist also umgekehrt gerade die Familie, die ihre Kinder vor staatlichem Missbrauch schützen können muss.

5. Das Entlastungsargument: Unser Staat hat sich nicht nur prinzipiell (nämlich naturrechtlich), sondern auch ganz praktisch übernommen: Die katastrophalen sozialen Zustände an vielen Schulen, das Absinken des Bildungsniveaus und der akute Lehrermangel zeigen, dass der Staat mit seinem Schulmonopol völlig überfordert ist. Es ist daher unverantwortlich, wenn er die dringend nötige Entlastung, die durch eine Liberalisierung des Schulwesens und das Recht auf Homeschooling möglich wäre, verweigert.

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Contra, sagt Simon Püschel

Für manche mag das verlockend klingen: die eigenen Kinder vor dem Zeitgeist retten, indem man sie zu Hause unterrichtet. Mama ist sowieso daheim, da kann sie ja neben Garten und Küche einfach noch Algebra oder die Aeneis unterrichten. Was auf den ersten Blick absurd wirkt, wird auch mit dem zweiten nicht besser. Denn es gibt gute Gründe gegen das Homeschooling.

Homeschooling ist keine gute Idee, weil es unsozial ist: Selbst wenn die Eltern die fachliche Eignung für den Unterricht hätten – was bei rund einem Dutzend Schulfächern schon zumindest anspruchsvoll ist –, fehlt beim Unterricht zu Hause, was die Schulerfahrung erst wirklich ausmacht: Hier ist der Ur-Ort der sozialen Interaktion. Der Ort, an dem lebenslange Freundschaften beginnen – oder zumindest die Fähigkeit geboren wird, sich mit seinen Mitmenschen zu arrangieren. Unter den 30 Individuen einer Klasse findet sich höchstwahrscheinlich mindestens einer, der zum Gefährten taugt – und wohl auch einer, den man schrecklich unsympathisch findet. Mit beiden Arten von Menschen umzugehen lehrt dieser Ort wie kein anderer. Die Schule schärft den Blick für eine Gesellschaft, die aus verschiedenen Menschen besteht, deren Zusammenleben aber doch organisiert werden muss. Wer sich aus der Gesellschaft zurückziehen will hin in eine vermeintlich heile Welt, die nur aus Familie zu bestehen scheint, gibt die Verantwortung für ein Gemeinwesen auf.

… weil es unprofessionell ist: Seinem Kind die Grundrechenarten und das Lesen und Schreiben beizubringen – geschenkt. Wie sieht es aber mit den Epistulae ex Ponto, der Sekantensteigung, der Chemiosmotischen Kopplung, der Keto-Enol-Tautomerie oder der räumlichen Orientierung von σ-und π-Orbitalen aus? Alles ganz gewöhnliche Themen eines – in diesem Beispiel bayrischen – Abiturs.

Natürlich, auch Lehrer wissen nicht alles, auch sie müssen jede Stunde vorbereiten und haben Zugriff auf umfangreiche didaktische Materialien, die man Eltern ja gleichfalls zur Verfügung stellen könnte. Aber trotzdem: Wer würde leugnen, dass es sinnvoll ist, Fachleute mit der Bildung der nachfolgenden Generationen zu betrauen?

Bei der Schulbildung durch die Eltern würde die Familie zum Schicksalsort, aus dem es keine Möglichkeit zur Weiterentwicklung gäbe. Was wird aus dem begabten Kind einfacher Eltern, das in der Schule die Möglichkeit bekommt, durch Schulkameraden eine Welt kennenzulernen, die ganz anders ist als die zu Hause?

… weil die Stärke der Familie in anderen Bereichen liegt: Keine der vielen verbrecherischen Ideologien des 20. Jahrhunderts hat sich darin zurückhalten, die Ordnung der Familie anzugreifen – sei es durch Ideologisierung, Gleichschaltung, Atomisierung oder Kollektivismus. Aus diesen Angriffen aber zu folgern, dass der Familie alle Aufgaben zukommen müssen, ist genauso kurzsichtig. Die Corona-Zeit hat gezeigt: Wenn sich die Stellschrauben eines fragilen gesellschaftlichen Gleichgewichts verdrehen, steht auf einmal das gesamte Leben unter Vorbehalt. Die Familie aber funktioniert auch dann und sorgt dafür, dass zu Hause alles sicher ist – selbst wenn draußen ein Virus grassiert. Die Schließungen der Schulen und die Belastung der Familien haben jedoch gezeigt, dass man das Konzept der Familie auch überfordern kann. Wer den Gedanken der gesellschaftlichen Bedeutung der Familie ernst nimmt, wird ihre Kernaufgaben verteidigen – aber auch eingestehen, dass sie nicht jedes Problem lösen können muss.

… weil es keine Tradition hat: Der materielle Wohlstand unseres Landes besteht nicht in Bodenschätzen oder in geographischer Opportunität, sondern im Erfindergeist unserer Ingenieure, der Ausdauer der Unternehmer und der Neugier der Forscher. Nur die Bildung aller Bürger nach einheitlichen Standards stellt sicher, dass ein Gemeinwesen als Ganzes funktioniert und nicht in regionale Partikularismen zerfällt.

Die Schulpflicht ist eine deutsche Erfindung und eine Erfolgsgeschichte dazu. Martin Luther ruft dazu auf, breit gestreut Schulen und Bibliotheken zu gründen. Das protestantische Bildungsprojekt gelingt. Nach den Verwerfungen des Dreißigjährigen Kriegs und in langer und tiefer Durchdringung sickert Alphabetisierung von den humanistischen Stuben über Pfarrhaus, Kanzel und Volksschule in immer breitere Schichten. Die geistigen und künstlerischen Höhepunkte des 18. und 19. Jahrhunderts wären ohne die Breitenbildung – und eben auch ohne die Schulpflicht – nicht möglich gewesen.

Die Alphabetisierungsrate des Deutschen Kaiserreichs im Jahr 1910 von annähernd 100 Prozent legt die Grundlage für eine Gesellschaft, die auch heute allein durch die Bildung ihrer Mitglieder an dem Platz stehen kann, an dem sie steht – noch. Wie kurzsichtig, gerade dann von der Vorstellung eines breit ausgeführten Bildungsstandards abzurücken.

… weil die Krise der Schulen nur das Symptom einer tieferen Krise ist: Ganz so rosig ist die aktuelle Lage der Schulen nicht. Schuldecken tropfen, Lehrpläne sind mit der je aktuellen Zeitgeist-Ideologie überfrachtet – und wenn jeder aufs Gymnasium muss, wer baut dann Straßen oder deckt Dächer? Die Bildungsfähigkeit der hiesigen Schulen hat gefühlt abgenommen. Das Stichwort „Lehrermangel“ wirkt dabei wie ein wohlfeiler Strohmann, mit dem man alle Unzulänglichkeiten des Schulalltags zusammenfassen will. Ist er aber wirklich das größte Problem? Ist es nicht viel mehr der Kindermangel einer Gesellschaft, der dazu führt, dass die Bildung der nachfolgenden Generation zum Randphänomen wird? Wenn es keine Kinder mehr gibt, warum dann noch groß über die Zukunft nachdenken?

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Angelika
Vor 1 Jahr

Die Kommentare für das Homeschooling stimmen. Ich möchte alle Eltern ermutigen, diese Punkte ernst zu nehmen. Als Lehrerin und Mutter von vier Kindern komme ich nach vielen Jahren Homeschooling zu dem Schluss, dass dies für die Kinder viel besser ist. Als Lehrerin konnte ich niemals den Kinder so gerecht werden und ihnen dienen.

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Veritas
Vor 1 Jahr 2 Monate

Selten habe ich zu diesem Thema so viele gute Argumente, sowohl für als auch wider, und so kompakt zusammengefasst gelesen. Bitte mehr Pro und Kontra!

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Daniela Andrze…
Vor 2 Monate 4 Wochen

Meine Söhne sind 20 und 22. Nachdem ich hier sehr gute Argumente für und wider „Homeschooling“ gelesen habe, frage ich mich, ob Eltern nicht überschätzt und überfordert werden und Schule vor Ort nicht unterschätzt wird? Persönlichkeitsentwicklung steht längst auf der Agenda und reine Wissensvermittlung ist Geschichte. 🚁 Helikoptereltern fliegen im Moment vor meinem geistigen Auge umher sowie Chancenungleichheit. Dies schreibe ich, obwohl mein Sohn Homeschooling liebte.

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Angelika
Vor 1 Jahr

Die Kommentare für das Homeschooling stimmen. Ich möchte alle Eltern ermutigen, diese Punkte ernst zu nehmen. Als Lehrerin und Mutter von vier Kindern komme ich nach vielen Jahren Homeschooling zu dem Schluss, dass dies für die Kinder viel besser ist. Als Lehrerin konnte ich niemals den Kinder so gerecht werden und ihnen dienen.

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Veritas
Vor 1 Jahr 2 Monate

Selten habe ich zu diesem Thema so viele gute Argumente, sowohl für als auch wider, und so kompakt zusammengefasst gelesen. Bitte mehr Pro und Kontra!