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Kolumne „Mild bis rauchig“

Elefantenrunde

Nach der Wahl ist vor der Wahl. Dieser allgemeine Grundsatz etablierter Parteipolitik gewinnt in der Regel schon am Wahlabend Gestalt in der „Elefantenrunde“, wo sich die Spitzenvertreter der konkurrierenden Parteien vor der Fernsehkamera einfinden, um die Wahlergebnisse zu kommentieren. Daher auch der Name für die Zusammensetzung. Es sollen die Größen der Parteien an den Start, damit sie die Programmatik für die Zukunft darstellen, ihren Wählern danken und sich in ihrem Wahlsieg sonnen können, auch wenn sie ihn gar nicht eingefahren haben. Alles eben eine Frage der Betrachtungsweise. 

Es geht um die Gewichtigkeit der Personen und ihrer Programme, die sich in dem Namen „Elefantenrunde“ widerspiegeln und dem Zuschauer das Gefühl geben, dass da Leute sprechen, die von den Clubs, die sie vertreten, eine Art Prokura zur Verkündigung abschließender Wahrheiten haben. Sie erklären dem Wähler am Wahlabend, was er mit seiner Wahl angerichtet hat beziehungsweise was er eigentlich gewollt hat, obwohl er es gar nicht wusste. 

Am heutigen Sonntagabend wird man wieder live dabei sein können, wenn die Ergebnisse der Rheinland-Pfalz-Wahl von den Auserwählten vor laufender Kamera kommentiert werden. Dann werden die einen sich aufregen, die anderen sich freuen, wieder andere werden gähnend umschalten, und die politischen Aussteiger werden am Fernsehgerät beim Zuschauen vergnügt bis defätistisch „Phrasenbingo“ spielen.

Die Durchsichtigkeit des Elefanten

Der Elefant ist jedoch nicht nur das Wappentier der Spitzenvertreter politischer Parteien und ihrer öffentlich beanspruchten Gewichtigkeit, er ist auch der Namensgeber für Wahrheiten, die zwar unzweifelhaft gewichtig sind, dennoch aber unsichtbar. Man spricht vom „Elefanten im Raum“ und meint mit dieser Metapher: Es gibt da etwas Großes, Bedeutendes, Gewichtiges, aber man macht es unsichtbar, weil es zu umstritten oder zu profiliert ist, als dass man es stressfrei betrachten und diskutieren könnte. 

Man redet also um den Sachverhalt herum, von dem alle wissen, dass er da ist, und behandelt ihn wie einen Elefanten im Raum, der trotz seiner grundsätzlichen Sichtbarkeit wie etwas nicht Existentes behandelt wird. Man scheut sich über ihn zu sprechen und ihn – den eigentlich ohnehin Unübersehbaren – dadurch sichtbar zu machen. Man vermeidet also die Problematisierung durch Verschweigen des Problems – besser: durch Daranvorbeisehen. 

Zuweilen geht die Durchsichtigkeit des Elefanten auch auf den Tunnelblick der Anwesenden zurück, die sich derart ins Kleinklein der übrigen Gegenstände im Raum konzentrieren, dass sie den Hauptgegenstand nicht mehr sehen. Diese Form von Wahrnehmungstrübung beschreibt Iwan Krylow in seiner berühmten Kurzgeschichte, in der er einen Museumsbesucher beschreibt, der vor lauter Interesse an kleinen und kleinsten Käfern das Hauptexponat, den präparierten Elefanten im Raum, trotz seiner objektiven Unübersehbarkeit nicht sehen kann. 

Wenn die objektive Wahrheit nicht passt

Hier spiegelt sich unter anderem die im Laufe der Geistesgeschichte angewachsene Entobjektivierung der menschlichen Erkenntnis wider. Das, was man nicht als Objekt ergreifen will, übersieht man in idealistischer Weise, weil eine objektive Wahrheit entweder gerade nicht zur subjektiven Weltanschauung passen will oder weil man die eigenen Antennen für die Objektivität schon derart totgestellt hat, dass man sie nicht mehr zu ergreifen in der Lage ist. Und folglich ist der Elefant deswegen gar nicht existent, weil man ihn nicht sehen will.

Diese Form von idealistischer Versponnenheit wird am Ende zu einer Art Wirklichkeitsbereinigung: Das, was nicht wahrgenommen wird, existiert auch nicht. Und also ist der „Elefant im Raum“ eben nicht mehr im Raum. Die erkenntnistheoretische Wendung zum Subjekt wähnt sich also hier im klaren Vorteil gegenüber dem Wahrheitsanspruch einer objektaffinen Vorstellung von Wirklichkeitserfassung, dass man Unbequemes, aber eigentlich Unübersehbares leichter totschweigen kann. Der Elefant drängt sich nicht weiter ins Bild, weil die Sehfähigkeit durch die Vorstellungskraft abgelöst wurde, und man eben nur das sieht, was man sehen will. 

Offensichtlichkeiten kann man auf diese Weise leichter mit Sprechtabus belegen. Das Totschweigen entspringt dann nicht mehr einem Nichtsehenwollen, sondern ist das Ergebnis von intellektueller Unfähigkeit zum Erfassen dessen, was ist, wie es ist. Eine konstruktivistische Erkenntnisvorstellung, innerhalb derer die Wirklichkeit Vernunftprodukt ist, entledigt sich des Elefanten im Raum intellektuell, noch bevor ihn jemand womöglich durch hartnäckiges Insistieren auf eine objektive Realität sichtbar macht.

Die Folgen von Familienzerfall, Pluralitätsdiktatur und entwurzelter Gesellschaft

Diese Strategie findet sich heute täglich greifbar in der Politik, in den Produkten der öffentlich-rechtlichen Sende- und Erziehungsanstalten und auch in den digitalen Stammtischnachfolgern der Social Media und ihrer täglichen Chatrunden. Gerade gegenwärtig finden wir zahllose Beispiele dafür, wie nicht nur in den Medien Ursachen für gesellschaftlichen Verfall verschwiegen werden, sondern auch die Einsicht in vieles fehlt, was fundamental schiefläuft. 

Am Ende der Nahrungskette, da, wo ich als Gemeindepfarrer arbeite, kämpfen wir zum Beispiel in Kinder- und Jugendeinrichtungen gegen den Zerfall der Familie und die Verluste von Erziehung und Bildung in den Nestern, die eigentlich für das Heranwachsen von Kindern und zu deren seelisch gesundem Gedeihen vorgesehen sind. 

Wir versuchen unser Bestes zu geben, wenn es darum geht, Eltern zu ersetzen, die ihren Aufgaben etwa wegen beruflicher Einbindungen nicht gerecht werden können. Wir betreuen massenweise Kinder, deren Seelen schweren Schaden genommen haben, weil eine hedonistische und permissive Gesellschaft durch ihre erst autonomisierte und dann demokratisierte Moral den Blick ihrer Eltern für die Kollateralschäden egoistischer Patchwork-Lebensentwürfe verstellt haben. 

Wir fangen mehr und mehr junge Menschen auf, die ob der Pluralitätsdiktatur durch zwanghafte Entscheidungsfreiheiten ihre Orientierung verloren haben. Alle diese Kollateralschäden einer intellektuell unterentwickelten und moralisch entwurzelten Gesellschaft gruppieren sich gleich um mehrere Elefanten im Raum. 

Es sind dies unter anderem: die bewusste Auflösung eines wahrheitsgemäßen Menschenbildes, der Verlust des Gottesglaubens und der damit verbundenen Verantwortung vor jemandem, der unwählbar die alternativlose Mitte eines gelingenden menschlichen Lebens sein will, und besonders die Zerstörung der Familie mit der Axt eines pseudowissenschaftlichen Genderismus und Transhumanismus mitsamt deren anmaßenden Werde-wie-Gott-Versprechungen.

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Wenn versucht wird, die Elefantenrunde im Raum sichtbar zu machen, erfolgen flugs Sprechverbote und politischer Totschlag mit Begriffskeulen wie „rechts“, „fundamentalistisch“, „aus der Zeit gefallen“ oder „verstörend“. Ein ideologisierter Tunnelblick verengt die Sichtweise auf das, was trendy ist und kann das nicht mehr wahrnehmen, was naheliegt und notwendig ist. Die Wahrheit bleibt unerreichbar für den, der sie nicht sehen will.

Es ist erstaunlich, dass sich dieses eingetrübte Gemisch aus Sehstörung und Realitätsverweigerung auch im Raum der Kirchen findet. Erstaunlich, weil die Kirchen von Hause aus einen extrem hohen Wahrheitsanspruch haben, der sich aus ihrer Gründeridee ergibt, und der sich keineswegs im Hüten abgestandener und weltfremder Formeln aktualisiert, sondern dadurch, dass er wie ein Nervenkostüm das menschliche Leben in allen seinen Lebenslagen wirkmächtig durchziehen möchte.

Die Apostel sollten „alle Welt“ überzeugen

Jesus Christus, der von sich sagt, Er sei die Wahrheit und niemand käme ans Ziel außer durch Ihn, beauftragt Seine Schüler, Apostel zu werden und genau Ihn als Retter mit Anspruch in aller Welt zu bekunden. Ja mehr noch: sie sollen „alle Welt“ überzeugen, dass Er die einzige Lösung ist, einen Weg aus der alle Menschen bedrängenden Endlichkeit zu finden. Dass Er dieser Weg in Person ist, soll nicht nur beiläufig fallen gelassen, sondern massiv auf den Leuchter gestellt werden. 

Die Kirche, die durch die Sendung der Apostel und deren Ausstattung mit Heiligem Geist entsteht, soll „Licht der Welt“ sein, sie soll das Dunkel des Ungewissen erhellen und die gefährlichen Nebel der diversen Wirklichkeitsverkennungen vertreiben. Und sie, die Kirche, soll gemäß dem abschließenden Auftrag des Messias, den Er kurz vor Seiner Himmelfahrt den staunenden Jüngern gibt, nicht nur Diskussionsbeiträge in aller Welt hinterlassen, sondern alle (!) Menschen lehren, das zu befolgen, was Er gesagt hat (vgl. Mt 28,20). 

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Verfolgt man die Selbstdarstellung der deutschen Kirchensteuerkirche und ihre wohlfeilen Sprachspiele, entdeckt man jedoch davon wenig. Die Zeiten, in denen die Kirche den Menschen gesagt hat, wie sie leben sollen, seien passé, liest man da auf der Webseite einer deutschen Diözese. Sagen, was zu tun ist, dürfen nur noch die Klimaberater, weshalb sich nicht wenige kirchliche Publikationen derzeit auch genau darauf verlegen, den Gläubigen die Regeln für den Umgang mit fossilen Brennstoffen als Premiumprogramm einzubläuen. 

Anstatt in diesen Tagen der österlichen Bußzeit die Betrachtung des Leidens Jesu Christi nahezulegen und aus Dankbarkeit für diesen Akt der göttlichen Entäußerung Bußwerke anzuregen oder gar die Beichte als Bekenntnis der Verletzungen Gottes durch Sünde und Missachtung zu empfehlen, wird man in den meisten Gemeinden zum Klimafasten und zur Reumut dem Planeten gegenüber aufgerufen.

Selten bis nie finde ich substanziell Religiöses vor

Wer sich wie ich als Seelsorger, zwangsweise mit dem gegenwärtigen kirchlichen Strukturwandel beschäftigen muss, und sich von Bergen an Papieren, Plänen und Organigrammen umgeben sieht, wird in dem, was da zur Verinnerlichung aufgetragen ist, selten bis nie substanziell Religiöses finden – allenfalls den dünnen Aufguss von Metaphern, die entfernt an Religion erinnern. 

Bezeichnend war in diesem Zusammenhang die Frage bei der Pressekonferenz im Anschluss an die Wahl des neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer. Darin bemerkte ein Journalist zu Beginn seiner Frage, er habe bislang vier Vorsitzende der DBK erlebt und niemand hätte so viel von Gott gesprochen, wie Wilmer in seinem zehnminütigen Pressestatement. 

Das Aufatmen, das in katholischen Kreisen darüber zu vernehmen war, gefriert indes recht schnell angesichts der Tatsache, dass diese Feststellung weniger Kompliment als Krisenindikator ist. Denn warum spricht die Kirche gewöhnlich nicht von dem, was sie überhaupt erst begründet, so dass ein Bischof, der plötzlich und unerwartet von Gott spricht, aufhorchen lässt? 

Offenbar deswegen, weil die Wahrheit, die von Jesus Christus geoffenbart und der Kirche zur Tradition übereignet wurde, nicht mehr so ganz in das Konzept einer wahrheitsfeindlichen Zeitstimmung passt. Und da man ja nicht stören will, schweigt man besser von dem, was stören könnte. In der Folge will man den Elefanten dieses kollektiven Verschweigens gesellschaftlich anstößiger Glaubensüberzeugungen auf keinen Fall wahrnehmen. 

Werden die angesammelten doktrinellen Entsorgungen im innerkirchlichen Diskurs angesprochen, werden deren kirchenamtliche Kritiker administrativ mundtot gemacht und kirchlich nicht gebundene kritische Beobachter von der pluralitätsverliebten Religionsbeamtenschaft als kirchenfeindlich apostrophiert. 

Angesichts des mit den Jahren hoffähig gewordenen Abschieds der Kirche unseres Landes von ihren eigenen Kernbotschaften in katholischer Tradition bildet sich fürwahr eine stattliche unsichtbare Elefantenrunde dogmatischer, moralischer und liturgischer Unstimmigkeiten, deren Tabuisierung für den Bestand der Kirche brandgefährlich ist. 

Denn derjenige, der sich als Wahrheit und Weg bezeichnet, duldet keine Ambiguitätstoleranz, wenn es um Seinen Missionsauftrag geht. Wenn es etwas gibt, das der Kirche ihre Zukunft raubt, dann ist es das Zulassen konträrer und sich gegenseitig kannibalisierender Verkündigungsinhalte im kirchlichen Gemeindealltag.

Solange hier so und dort andersherum gepredigt wird und die Hirten sich nicht einig sind, wo die guten Weiden und Triften zu finden sind, die der Herde Leben verheißen, wird man zurecht als überflüssig wahrgenommen. Vielleicht wäre es doch langsam an der Zeit, den gar nicht so unsichtbaren Elefanten im Kirchenraum in den Blick zu nehmen. Einer der aktuell immer wieder vorgetragenen Vorschläge, wie so etwas gelingen könnte, wäre das Ziehen des Steckers aus der Alimentationssteckdose der Kirchensteuer.

Weil sich dadurch sehr schnell der Apparat auflösen würde, der maßgeblich für die missionarischen Lähmungen der Kirche verantwortlich ist und das, was der jüngst verstorbenen Philosoph Jürgen Habermas den aktuellen Theologen noch kürzlich ins Stammbuch geschrieben hat, ein jähes Ende finden könnte: die Gefahr der Verflachung christlicher Glaubensinhalte auf bloße Immanenz. Es käme auf einen Versuch an.

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