Hamsterrad
Augenblicklich ist es wieder so weit. Regale und Auslagen leeren sich schneller als sonst. Es ist Krisenzeit. Egal ob sachlich begründet oder nicht, das Hamstern hat wieder begonnen. Ähnlich wie in der Coronakrise sind es diesmal zu Beginn des Irankriegs nicht so sehr Toilettenpapier und Nudeln als vielmehr Benzinkanister samt Inhalt, ölbasierte Produkte wie Kosmetika, Zahnpasta, Shampoo und Kunststoffartikel aller Art, die ins Visier des Hortungsverhaltens von Bedenkenträgern geraten.
Nach dem alttestamentarischen Vorbild des Noah wird vieles eingeholt, um es für ein möglicherweise umkämpftes Überleben in Zeiten des globalen Mangels griffbereit zu haben. Noah, der erste Prepper der Weltgeschichte, dachte aber nicht nur an das eigene Überleben, sondern sorgte auf Gottes Geheiß für den Fortbestand der Menschheit und der Tierwelt. Dies durch den Bau einer Arche, die vorübergehend Zufluchtsort für die Wenigen sein sollte, die das Ausmaß der Bedrohung rechtzeitig erkannt hatten. So befährt er wenig später die unter den Wassermassen der Sintflut versunkene Erde. Solange, bis die Taube von ihrem Erkundungsflug einen grünen Zweig mitbringt: Zeichen der Hoffnung auf das baldige Erreichen festen Landes und für einen Neuanfang.
Der Unterschied zwischen Noah und den derzeit Hamsternden liegt dabei in dem, was die Psychologie eine self-fulfilling prophecy nennt, eine „selbsterfüllende Prophezeiung“, ein das rationale Maß einer Vorsorge überschreitendes Verhalten, das zu einem Paradoxon führt. Die Angst vor der Verknappung sorgt durch übermäßiges Hamstern dafür, dass die Produkte tatsächlich knapp werden.
Egoismus oder die Erfüllung des Planes Gottes?
Anders als Noah, der im Vertrauen auf den Beistand Gottes gelassen bleiben konnte, weil er wusste, dass alles am Ende gut werden würde, regiert beim Hamstern in Krisenzeiten der Egoismus des „Wer-zuerst-kommt-mahlt-zuerst-Effekts“. Noah steht aber eben nicht für „nach mir die Sintflut“, sondern für das neue Leben nach der Sintflut, das Gott verheißen hat und dem er – durchaus nicht bloß mit dem Blick auf seine eigene Rettung – durch den Erhalt der Arten dienen wollte.
Er denkt weniger an sich als an die Erfüllung des Plans Gottes. Ein Plan, der nicht nur ihm, sondern der ganzen Welt dienen soll. Wobei auch dabei nicht in erster Linie eine globale Überlebensstrategie eine Rolle spielt, die Noah wie ein frühgeschichtlicher Klimaretter einnähme, sondern das schlichte Befolgen einer göttlichen Weisung, wohin auch immer sie führen würde.
Unsere Zeit, die bekanntlich in ihrem flächendeckenden religiösen Analphabetismus keine Antenne für so etwas wie göttlichen Willen, göttliche Rettung oder gottgemäßes Leben hat, klammert sich indes in erster Linie an das, was Krisenkanzlerin Angela Merkel immer das „Fahren auf Sicht“ nannte. Wobei gerade hier ein entscheidender Fehler im Krisenmanagement liegt. Denn gerade das kurzsichtige Hamstern, das zu einer künstlichen und nicht krisenbedingten Verknappung von Produkten führt, begünstigt das Eintreten just der Ereignisse, die man eigentlich vermeiden wollte.
Die Falle der bloßen Existenzsicherung …
Mangelnde Weitsicht erzeugt auf diese Weise auch Blindheit für das Notwendige. Deswegen ist der Begriff des Hamsterns gut gewählt, wenn es um das Konsumverhalten in Krisenzeiten geht. Denn wie der Hamster, der sich die Backen vollstopft und durch die körperliche Bevorratung nicht gleichzeitig fressen kann, beraubt sich derjenige, der sich exklusiv auf den „Fall des Falles“ fixiert hat, seiner Gedankenfreiheit zur Erkenntnis des wirklich Notwendigen.
Er bleibt in der Falle seiner Existenzsicherung stecken und verliert dabei genau das, was er retten will: die ganzheitliche Entfaltung eben dieser Existenz zu ihrem eigentlichen Wesen, das über den Erhalt vitaler Funktionen hinausgeht. Am Ende regieren dann Angst, übergroße Sorge um die Zukunft, vielleicht sogar irrationale Panik vor dem Unterliegen.
… und die Fastenzeit als Gegengift
Die christliche Fastenzeit bietet in solchen Krisenzeiten ein veritables Gegengift. Denn sie ruft dazu auf, das Gottvertrauen in uns zu stärken. Sie will nicht nur körperlich entschlacken, sondern auch den Geist frei machen von allem, was ihn lähmt. Zu diesen Bandagen gehören unter anderem die selbstverschuldeten Bindungen an menschliches Planen.
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Nicht, dass es falsch wäre, seinem Alltag eine vorausschauende Ordnung zu geben. Aber das menschliche Trachten nach dem, was man heute „Planungssicherheit“ nennt, steht in der Fastenzeit auf dem Prüfstand. Denn die Zeit vor Ostern ist geprägt von dem christlichen Grundsatz, dass im Verlieren das Gewinnen liegt. Jesus Christus gibt am Kreuz alles hin, Sein ganzes Leben, und gewinnt dadurch den Kampf gegen Sünde und Tod.
Dieses für den menschlichen Verstand schwer verständliche Paradox ist die Heilsformel, die Karfreitag und Ostern verbindet. Im Tod liegt das Leben. Das ist das Geheimnis, das Christen in diesen Tagen feiern. Sie sind damit aufgerufen, sich selbst – ihre Pläne, ihren Besitz, ihre Macht, ihr Ich – zu verlassen und alles dem Willen Gottes zu unterstellen.
Die Welt nicht mit dem Paradies verwechseln
„Umkehr“ bedeutet in dieser Hinsicht zugleich „Auskehr“, ein ordentliches Ausfegen all der vielen Selbstbezüglichkeiten, die uns Menschen scheinbar zu uns selbst führen, uns aber wie den hamsternden Vorratskäufer durch die kurze Sicht auf unsere kleine Alltagswelt des Blickes für die Welt und für das, was über sie hinausführt, berauben.
Das christliche Fasten will eben nicht dem Körper nutzen, ihn gesünder machen oder schlanker, es will den Geist erheben durch die Loslösung von der Verwechslung dieser Welt mit dem Paradies. Die Fastenzeit ist damit die klassische Gelegenheit zur Einübung des Abstandnehmens von den trügerischen Sicherheiten, die das Starren auf den Existenzerhalt zuweilen gebiert.
Klimafasten mit Energiesparen, Vermeidung von CO₂-Ausstößen, veganer Ernährung, Verzicht aufs Autofahren oder Umstellung aufs Shoppen im Second-Hand-Kaufhaus ist nicht das, was die Fastenzeit christlich macht. Auch wenn die Kirchen – wenigstens in Deutschland – diesen Eindruck erwecken. Denn in all diesen mehr oder weniger ehrenwerten Versuchen, dem Planeten zu dienen, liegt die gefährliche Vergesslichkeit begründet, dass der Planet mit und ohne Klimafasten nicht die Zukunft der Menschheit ist.
Sorge um das Seelenheil statt Klimasensibilität
Mit dieser Feststellung ist mitnichten das Tor für die Ausbeutung der Ressourcen geöffnet oder der Ignoranz gegenüber der Schöpfung das Wort geredet. Worum es geht, ist der Perspektivwechsel der Herzen. In der Fastenzeit geht es um die Stärkung des Gottvertrauens und damit um den Blick auf andere Ressourcen, die im Gegensatz zu dem, was die Klimagerechtigkeit fordert, auch dann noch zum Leben dienen, wenn mein letzter Atemzug meinen letzten CO₂-Ausstoß in dieser Welt hinterlassen hat und sich für meinen ökologischen Fußabdruck niemand mehr interessiert.
Denn danach geht es um das, was Noah geglaubt und was sich ihm als Lohn für seine Glaubenstreue am Ende offenbart hat: um das Heil, das von Gott kommt. Es ist darum eine fatale Verwechslung der Begriffe, wenn die Kirchen die Fastenzeit entkernen und statt sie ihrem eigentlichen Zweck, der Priorisierung der Sorge um das ewige Leben, dem Zweck der Stimulation von Klimasensibilität unterstellen. So wie derzeit im Xantener Dom, wo man die Gläubigen mit der Replik eines gestrandeten Wales konfrontiert, der das leergeräumte Hauptschiff der Kirche ausfüllt.
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Auch wenn die Qual des Wal und seine Artenbedrohung bedauerlich sind, sie sind doch unvergleichlich geringer als die Qualen einer Ewigkeit ohne Gott, vor der die Fastenzeit, die man auch „Österliche Bußzeit“ nennt, warnen will. Fastenzeit ist deswegen eine Zeit des Lösens von dem, was man in der Verkennung der wesentlichen Bestimmung des Menschen an vordergründigen Sicherheiten gehamstert hat. In der Fastenzeit gilt es, zuzunehmen an Gottvertrauen, Frömmigkeit und Glauben und zu wachsen in der Anstrengung, auf dem Weg der göttlichen Gebote zu gehen und diesen nicht zu verlieren.
Christliches Hamstern: Gebet und Nächstenliebe
Natürlich gehören dazu auch der verantwortungsvolle Umgang mit der Schöpfung und die angemessene Sorge um den Lebenserhalt in Zeiten knapper Ressourcen und schwacher Wirtschaft. Aber der entscheidende geistliche Body-Mass-Index eines Christen bemisst sich nach etwas anderem. Und zwar danach, was ihn über den Horizont des Planeten und der persönlichen kleinen Welt hinausschauen lässt. Das erwirbt man in der Paradoxie christlichen Hamsterns – wenn man so will – durch das Investieren von Momenten des Gebets vor Gott und der Hingabe an Liebe, Zeit und Geld für den Nächsten.
So wie es Jesus Christus am Kreuz vorgemacht hat, wo er nicht fürs Klima, nicht für eine bessere Welt, auch nicht für Gerechtigkeit und Frieden gestorben ist, sondern zur Sühne dafür, dass die Menschheit in der Geschäftigkeit und Blindheit ihres Hamsterrads Gott immer wieder verliert. Weil sie es bevorzugt, sich selbst zu erlösen und damit – niemals – vom Fleck kommt.
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Kommentare
Sehr gut argumentiert.