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Statt Seelen retten „Schöpfung bewahren“?

Walkampf in Xanten

Im Jahr 2009 verlas der Spiritual im Priesterseminar Münster einen Brief Benedikts XVI. zum Priesterjahr mit einem markanten Zitat Jean-Marie Vianney, bekannt als Pfarrer von Ars: 

„Lasst eine Pfarrei zwanzig Jahre lang ohne Priester, und man wird dort die Tiere anbeten … Der Priester ist nicht Priester für sich selbst, er ist es für euch.“ 

Ich dachte: Der „Pfarrer von Ars“ ist heute kein realistisches Ideal mehr. Und außerdem – nach 300 Jahren Aufklärung – wer würde denn noch auf die Idee kommen, Tiere anzubeten oder sie religiös zu überhöhen? So naiv ist doch niemand mehr. Spätestens seit dieser Woche muss ich meine Einschätzung revidieren.

Im Dom von Xanten wurde eine monumentale Walskulptur ausgestellt. In einem Video des Doms heißt es: „Menschen sollen die Gelegenheit haben, den Dom einmal auf eine ganz andere Weise erfahren zu können.“ Die Sitzgelegenheiten seien entfernt worden, und die dadurch entstandene „Leere mit dem Wal gefüllt“. Jetzt sei die Kirche ein Ort für Menschen, die sich „für den Wal interessieren“. 

Natürlich kann man sagen: Es ist Kunst. Doch Kunst ist niemals neutral. Sie verfolgt ein Ziel, vermittelt eine Botschaft, beansprucht Deutungshoheit im Raum. Und diese Installation sendet – ob gewollt oder nicht – eine klare Botschaft: Die Rettung der Tiere gehört zum Auftrag der Kirche. „Schöpfung bewahren“ tritt zunehmend an die Stelle dessen, was früher selbstverständlich war: Seelen retten. In einer Pressemitteilung des Bistum Münster heißt es unmissverständlich: Es geht um die „Verletzlichkeit der Schöpfung“.

Ist Gott nur noch zweitrangig?

Es entsteht der Eindruck einer Kirche, die ihre Orientierung verloren hat. Ein Kompass ohne Norden ist nutzlos – wie eine Kirche ohne Osten. Der Osten, die Ausrichtung auf den auferstandenen Herrn, war über Jahrhunderte architektonisch und geistlich das Zentrum des Kirchenraums. Wenn nun ein 14 Meter langer Abguss eines Buckelwals diesen Raum dominiert, stellt sich zwangsläufig die Frage: 

Worum geht es hier eigentlich noch?  Was sagt ein solcher Raum dem Gläubigen? Dass Gott zweitrangig ist?Dass ein toter Wal wichtiger ist als das Kreuz?

Allein die Dimensionen sprechen eine deutliche Sprache. Der sakrale Raum, der auf Christus hin geordnet sein sollte, wird vom Abguss eines toten Tieres eingenommen. Für viele Gläubige, die erwarten, dass die Kirche sie zu Gott führt, ihnen die Sakramente spendet, das Wort Gottes verkündet und sie heiligt, wirkt das befremdlich – ja verstörend.

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Kritik daran ist keine stumpfe Kunstfeindlichkeit. Hier geht es um Theologie. Die Kirche existiert nicht zur Bewahrung ökologischer Systeme, sondern zur Verkündigung des Evangeliums und zur Spendung der Gnade. In der Heiligen Schrift heißt es nicht: „Rettet die Wale“, „Tretet Greenpeace bei“ et cetera, sondern: „Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15). Und im Schöpfungsauftrag heißt es: „Macht euch die Erde untertan“ (Gen 1,28).

Hinzu kommt, dass in Genesis 3 ausdrücklich gesagt wird, dass der Ackerboden infolge der Ursünde des Menschen verflucht ist (vgl. Gen 3,17). Die Welt, die wir vorfinden, ist nicht mehr der Garten Eden in seiner ursprünglichen Harmonie, sondern eine gefallene Schöpfung. Sie trägt die Spuren der Sünde, der Mühsal und der Vergänglichkeit. Wer so tut, als müsse lediglich ein ökologisches Gleichgewicht wiederhergestellt werden, hat das Ausmaß des Sündenfalls, von dem die Bibel spricht, die Realität der gefallenen Welt, vom „Lacrimarum Valle“, dem „Tal der Tränen“ im Salve Regina nicht verstanden.

Der Auftrag der Kirche

In dieser gefallenen Schöpfung geht es um das Heil des Menschen – nicht um das des Tieres. Der Mensch, nicht das Tier, ist Träger der Gottesebenbildlichkeit und hat eine unsterbliche Seele. Der Mensch, nicht das Tier, braucht die Kirche und die Sakramente, um Anteil am Erlösungsgeschehen Christi zu erhalten. Das bedeutet: Der Mensch, nicht das Tier empfängt die heiligmachende Gnade, die notwendig ist, um aus einem Feind Gottes ein Kind Gottes zu werden; um von der Macht der Sünde befreit, gerechtfertigt und schließlich gerettet zu werden.

Darin besteht der eigentliche Auftrag der Kirche: die Weitergabe dieser Gnade, die Verkündigung der Umkehr, die Hinführung zum Heil.

Aber wird das noch so geglaubt? Oder ist an die Stelle der Sorge um das ewige Heil längst eine Sorge und die Anmaßung getreten, man habe den Auftrag und die Möglichkeit, die Welt zu retten?

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Wenn nun in Kirchenräumen zunehmend ökologische Symbolik die zentrale Aufmerksamkeit erhält, entsteht der Eindruck eines Paradigmenwechsels: weg von der Heilsfrage, hin zu einer religiös aufgeladenen Öko-Ethik. „Schöpfung bewahren“ ersetzt „Seelen retten“. Der Glaube wird durch einen moralisch-weltlichen Aktivismus abgelöst. Und dabei wird nicht nur das Tier „aufgewertet“, sondern vor allem der Mensch massiv entwertet. Die sozialen Folgen davon, die bis zur Kinderfeindlichkeit fürs Klima gehen, sind evident.

„Schieb den Wal zurück ins Meer“

Der heilige Norbert von Xanten (circa 1080 bis 1134), dessen Wirken untrennbar mit diesem Ort verbunden ist, steht für das Gegenteil eines solchen Richtungsverlustes. Norbert von Xanten war maßgeblich von der Reform des Priestertums und dem Streben nach einer heiligen Lebensweise des Klerus geprägt. Nachdem er sein Leben als weltlicher Hofkaplan nach einem Bekehrungserlebnis aufgegeben hatte, widmete er sich der Erneuerung des geistlichen Standes. 

Jan de Hoey (circa 1545 – 1615): Norbert von Xanten

Er wollte das Priestertum wieder heilig machen, gründete dazu den Prämonstratenserorden und missionierte unablässig. Der Wal im Dom ist eine schallende Ohrfeige für das Erbe dieses großen Mannes.

Wenn es inzwischen üblich geworden ist, in Kirchen die Toten Hosen zu spielen, mag man sich eine Zeile aus ihrem Lied „Walkampf“ zu eigen machen: „Schieb den Wal zurück ins Meer.“

Der Kirchenraum ist kein Museum, sondern ein geweihter Ort. Seine Mitte ist nicht das Geschöpf, sondern der Schöpfer. Die Kirche braucht keinen neuen Kult, sondern erneuerte Verkündigung. Und Xanten braucht wieder einen Heiligen wie Norbert, der die Kirche erneuert.

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