Verlustig
Wohin verschwinden Schiffe, wenn man sie am Horizont des Meeres auf einmal nicht mehr sieht? Diese Frage, die schon die antiken Menschen beschäftigte, erhielt ihre Antwort nicht an einem Tag. Nach Vermutungen und Deutungen erhärtete sich über Jahrhunderte hinweg der Verdacht, dass die Erde keine Scheibe ist und man deswegen auch nicht befürchten muss, hinter dem Horizont mit dem Schiff von ihr herunterzufallen.
Angefangen bei dem griechischen Gelehrten Eratosthenes, der um 240 vor Christus bereits den Umfang einer kugelförmigen Erde errechnete, über den Kirchenlehrer und Philosophen Augustinus, der schon um 400 nach Christus eine Erdkugel annahm, bestätigen die Weltumsegelungen der Seefahrer Ferdinand Magellan und Francis Drake im 16. Jahrhundert, dass die Angst vor dem Herunterfallen unnötig war.
Denn man fährt nicht auf einer Scheibe – auch wenn es im ersten Augenblick so aussieht. Der Augenschein wurde durch den wissenschaftlichen Nachweis eines Besseren belehrt. Man kann eben nicht alles glauben, was man sieht.
Glauben, ohne zu sehen
Diese interessante Einsicht ist religiösen Menschen durchaus geläufig. Man wird als Christ sogar dazu aufgefordert, gegen oder ohne das Sehen zu glauben (vgl. Joh. 20,29). Wobei es in der Religion nicht darum geht, sich um die beste Auslegung oder Beschreibung der Wirklichkeit zu streiten, sondern vielmehr in erster Linie auf das zu vertrauen, was einem die Offenbarung erschließt.
Religiöse Menschen sind Menschen, die weniger den Verstand und die Augen des Körpers, als vielmehr das Herz und die Augen des Glaubens öffnen können für das, was wirklich ist, auch wenn sie es nicht auf die Waage legen oder auf eine andere wissenschaftliche Weise sichtbar machen und verstehen können. Sie vertrauen auf Gott, der ihnen die Gewissheit schenkt, ihre Welt in seiner Hand zu tragen und hinter allen Horizonten der Ozeane und der anderen zahllosen Grenzen menschlichen Lebens zu stehen, um sie aufzufangen.
Eine beruhigende Botschaft. Aus ihr heraus haben Christen aller Jahrhunderte ihr Leben gestaltet, es gegen Widrigkeiten aggressiver Gegner standhaft gelebt und selbst im Tod tapfer über das sichtbare Ende hinweggeschaut. Sie wussten: Hinter dem Horizont öffnen sich die unendlich gütigen und barmherzigen Hände dessen, der auf der Reise schon immer dabei war.
Hinter dem Horizont angekommen: der heilige Sebastian
Besonders die Märtyrer haben in dieser Hinsicht beeindruckende Zeugnisse ihrer absoluten Gewissheit abgelegt. So wie Sebastian, der Prätorianergardist des römischen Kaisers, der für seinen Glauben gleich zweimal umgebracht wurde. Beim ersten Mal band man ihn an einen Baum, um ihn mit Pfeilen zu erschießen. Er überlebte die Attacke der numidischen Bogenschützen und wurde von der frommen Witwe Irene gesundgepflegt.
Anstatt das Weite zu suchen, stellte er sich als erschossener Leibgardist seinem Dienstherrn, dem Kaiser, erneut mutig vor, um ihm tapfer sein Christentum zu präsentieren. Er soll ihm bedeutet haben, dass er, der Kaiser, ihn gar nicht töten könne. Er könne ihm zwar das Leben seines sichtbaren Körpers zerstören, seine unsterbliche und deswegen unsichtbare Seele hingegen könne er weder martern noch umbringen.
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Die kaiserlichen Versuche, die Christen durch Verfolgungen einzuschüchtern, seien deswegen zwecklos. Der Cäsar geriet in Wut und befahl erneut, Sebastian zu töten – diesmal durch öffentliches Erschlagen mit Keulen im Circus zur Ergötzung der verblödeten Bürgerschaft. Nach erfolgreicher Hinrichtung zeigte sich indes schon sehr bald, dass Sebastian keineswegs beseitigt war. Seine Verehrung setzte bald ein, viele nahmen sich ein Beispiel an ihm, und Wunder geschahen auf seine Fürsprache. Man ging davon aus, dass er hinter dem Horizont seiner Lebenszeit keineswegs ins Nichts gefallen, sondern angekommen war.
Das Meer der Liebe Gottes
So schlug es sich auch in den künstlerischen Darstellungen nieder, die Sebastian gewöhnlich in dem Augenblick zeigen, als er mit Pfeilen erschossen wird. Mir sind kein Tafelbild und keine Statue bekannt, die den Märtyrer schmerzvoll oder gar in Schreckenspose zeigen. Im Gegenteil, er lehnt in der Regel in lässiger Eleganz an dem Baum, an den er festgebunden ist, und hat einen Gesichtsausdruck, der sich teils gelangweilt, teils belustigt, teils mit dem Blick auf eine unsichtbare Welt geheftet zeigt.
Die Botschaft lautet: „Du, Cäsar, kannst mir mit deinen läppischen Henkern jetzt zwar das Leben für diese Welt rauben, nicht aber meine Zukunft hinter dem Horizont. Ich weiß, dass du mich gerne vom Tellerrand schubsen und entsorgen würdest. Ich aber weiß mehr als du. Ich weiß, dass die Welt keine Scheibe ist, wie du und deinesgleichen in der flachen Weltsicht vermuten. Sondern, dass der Horizont, hinter den du mich jetzt hier schießen möchtest, keine Grenze ist. Ich glaube an das Meer der Liebe Gottes, das keine Grenzen kennt und in dem ich weiter sein werde, ob es dir passt oder nicht!“
Und also zittert Sebastian nicht an seinem Marterpfahl, sondern lehnt an ihm wie andere am Tresen einer Hotelbar beim Feierabendcocktail.
Christliche Nonchalance
Gelassen, zuversichtlich und befreit von der Sucht nach Diesseitigkeit. Diese christliche Nonchalance im Umgang mit den Bedrohungen des irdischen Lebens ist typisch für die ersten drei Jahrhunderte der Kirche, in denen das junge Christentum geläutert wird durch die Abneigung des Judentums und durch die Verfolgung der römischen Kaiser.
Sie wird – genau dadurch – eine Gemeinschaft, die über den Tellerrand hinausschauen kann. Sie versteht sich als Kirche, deren einzelne Glieder nicht nur in der sichtbaren Welt zu Hause sind, sondern ihre Heimat im Himmel haben, der allen verheißen ist, die den Triumph für ein tapferes Leben im Hier und Jetzt für sich in Anspruch nehmen können.
Wertvolle Gedenktage für die Gegenwart
Wobei sie keineswegs nur in Heldenverzeichnissen eine Erinnerungskultur entfalten, sondern gegenwärtig bleiben, so dass sich die hier Lebenden an ihnen aufrichten und sie in Anspruch nehmen können. Aufgerichtet wird man durch ihr historisches Vorbild, in Anspruch nehmen kann man sie durch ihre Fürsprache. So verschränken sich Erinnerung und aktuelle Greifbarkeit in den Leben der Heiligen, die nicht bloß Schätze der Geschichte, sondern auch wertvoll für die Gegenwart sind.
Auf der Basis dieses schöpferischen Umgangs mit Zeit und Ewigkeit ordnet man den Märtyrern und den übrigen Heiligen Tage der Erinnerung zu. Oder besser gesagt: Tage der Feier. Man denkt an solchen Tagen nicht nur an die Menschen der Vergangenheit, sondern ehrt sie kultisch und oft auch folkloristisch, erzählt ihre Geschichten, besucht ihre Gräber, singt Lieder zu ihren Ehren, veranstaltet Volksfeste oder feiert Namenstag, wenn man ihren Namen trägt.
So fällt ein wenig Glanz vom Ruhm der Heiligen, die diese Welt überwunden haben, auf diese Welt zurück. Auf diejenigen, die man in der Taufe ihrem Schutz durch die Verleihung des Heiligennamens anvertraut hat. Der Heiligenkalender, der die Gedenktage ordnet, ist überaus üppig bestückt und liefert jeden Tag nicht bloß eine Kalenderweisheit, sondern in der Geschichte des jeweiligen Heiligen eine Erinnerung an die Hoffnung.
Heilige sind Boten der Zukunft
Eine Hoffnung, die der Glaube allen schenkt, die sich in dieser Welt der Unübersichtlichkeit der Ereignisse ausgeliefert sehen und die es deswegen schätzen, eine Vergewisserung zu erhalten, dass sie auf dem richtigen Weg sind, wenn sie die Verheißung beherzigen, dass das Unsichtbare eines Tages sichtbar und der Horizont überwunden sein wird.
Die Heiligen sind Boten der Zukunft für diejenigen, die es ihnen gleichtun wollen und mit Festigkeit und Tapferkeit das irdische Leben anpacken, um das himmlische zu gewinnen. Alles in allem eine Sichtweise, die – wie das gesamte Christentum – aus unserer westlichen Gegenwartswelt verdunstet ist.
Mehrheitlich glauben die Menschen nicht mehr an Gott. Und folglich auch nicht an diejenigen, die sich den Himmel bei ihm verdient haben. Und so sind auch die Heiligengedenktage im allgemeinen Bewusstsein nicht mehr vorhanden.
Schnöde Eindimensionalität im Diesseits
Der Alltag ist nicht mehr durchzogen von Spuren des Nichtalltäglichen. Das Paderborner Liborifest und die Dürener Annakirmes sind in diesem Zusammenhang nur noch namentliche Erinnerungen an eine versunkene Welt, die niemand mehr kennt, der sich dort auf einem Fahrgeschäft in den Himmel schleudern lässt. Dennoch, so scheint es, braucht man etwas, das den Alltag mit gemeinschaftlichen Zelebrationen durchzieht.
Und so haben sich zu den Heiligengedenktagen in der säkularen Parallelwelt weltliche Erinnerungstage gesellt, chronistische Mahnmale oder tägliche pädagogische Denkanregungen. Tage der Einheit, der Wissenschaft oder der Aufklärung, Holocaustgedenktage und der Tag des Teddybärs, der Schlagsahne und der Kaffeepause.
Der Tag des Quietscheentchens, der Pflanze und des Nasebohrens, der Tag des Freibads und der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags, des Grundgesetzes und die Parallelfeste zu Weihnachten, Karfreitag und Christi Himmelfahrt wie Familienfest, Frühlingsfest und Vatertag. Wenn man keine Jenseitsperspektive hat, dann macht man sich eben das Leben hier umso bedeutsamer, wichtiger, endgültiger und in seiner Eindimensionalität mystischer.
Die heilige Agnes: ein Martyrium für das Lamm Gottes
Einen Tag, nachdem die katholische Kirche am 20. Januar den heiligen Sebastian gefeiert hat, begeht sie den Gedenktag der heiligen Agnes. Die frühchristliche Märtyrin hat im antiken Rom dort, wo heute Touristen Eis essen und sich malen lassen, die grausame Folter von versuchter Zwangsprostitution und Todesqual um ihres Glaubens willen erduldet.
Die Kirche Sant’Agnese in Agone befindet sich an einer Flanke der heutigen Piazza Navona, einem ehemaligen Stadion für Wagenrennen und Kampfspiele, und bezeichnet die Stelle, an der man die heilige Agnes nackt zur Schau stellte, um sie anschließend zu vergewaltigen, weil das römische Recht die Hinrichtung einer Jungfrau nicht erlaubte.
Als all dies auf wunderbare Weise nicht funktionierte, wurde sie von einem Soldaten enthauptet, wie man ein Lamm schlachtet.
Nach ihrem tapferen Tod in der sündigen römischen Vergnügungsmeile begrub man sie vor den Mauern der Stadt.
Das Pallium als Zeichen der Treue zu Christus
Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Brauch, in der Nähe ihres Grabes Lämmer zu segnen, die an das Martyrium der heiligen Agnes erinnern, das sie für Christus, das Lamm Gottes, auf sich genommen hatte. Diese Lämmer liefern die Wolle für ein liturgisches Gewandstück, das die Erzbischöfe vom Papst nach ihrer Ernennung überreicht bekommen. Das Pallium, so heißt das erzbischöfliche Accessoire, soll an die Tapferkeit der starken jugendlichen Agnes erinnern, die ihr Leben wie ein Opferlamm Gott statt den Freiern der dekadenten Welt angeboten hat.
Papst Leo XIV. hat am vergangenen Mittwoch, dem 21. Januar, kleine Lämmer in Erinnerung an die heilige Agnes gesegnet, die, mit roten und weißen Bändern geschmückt, dem Heiligen Vater präsentiert wurden. Sie kauerten sanft in kleinen Körbchen und wurden auf diese Weise geistlich dafür vorbereitet, ihre Wolle für ein Gewandstück abzugeben, das die Erzbischöfe der Weltkirche daran erinnert, dass sie bereit sein sollen, das Zeugnis für Christus notfalls auch mit ihrem Blut zu unterschreiben. Die rührende Szenerie, in der die kleinen Lämmer in ihrem Festtagsschmuck zu sehen sind, zeigt zugleich, dass – wie Paulus sagt – das Schwache erwählt wird, um das Starke zuschanden zu machen (vgl. 1 Kor 1,27).
Agnes, damals nicht viel älter als zwölf Jahre, hat sich als stärker erwiesen als ihre Bedränger, so dass die katholische Welt ihrer noch heute gedenkt, nach über 1700 Jahren. Wie arm ist doch eine Welt, die diesen Kampf zwischen aggressiver Diesseitigkeit und tapferer Himmelsfestigkeit gar nicht mehr kennt, die den Verlust des Lebens hinter dem Horizont gar nicht mehr spürt oder – wenn sie ihn spürt – sich seine Herkunft nicht erklären kann.
Banale Gedenkkultur – oder frohe Himmelshoffnung?
Die banalen Späßchen der säkularen Gedenkkultur lassen auf diesem Hintergrund den Begriff „verlustig“ in einem neuen Licht erscheinen. Denn wo „verlustig“ ist, endet „lustig“ in der Regel.
So wie das lustige Treiben der Menschen auf einer flachen Erdscheibe nur so lange an Fahrt aufnimmt, bis die Fahrt durch die Angst gebremst wird, hinter dem Horizont einmal ins Nichts zu stürzen. Eine Angst, die Agnes nicht zu haben brauchte, weil sie sich in absoluter Sicherheit befand.
Die Unbekanntheit der Himmelshoffnung ist der Grund der Krankheit dieser Weltzeit. Die säkulare Welt, von der ein Teil das Christentum von sich abgeschüttelt, ein anderer es in sich verdunsten hat lassen und wieder ein anderer es überhaupt nicht mehr kennt, ist dieser Hoffnung verlustig gegangen. Sie beging in ihrer Ahnungslosigkeit am 21. Januar, dem Tag der heiligen Agnes, den Tag der Jogginghose.
Kommentare
"... ein Gewandstück ..., das die Erzbischöfe der Weltkirche daran erinnert, dass sie bereit sein sollen, das Zeugnis für Christus notfalls auch mit ihrem Blut zu unterschreiben."
Ob das die besagten Herren auch wissen? Man sollte es ihnen vielleicht vor Amtsantritt sagen ... 🤔
https://www.bild.de/regional/nordrhein-westfalen/glaeubige-toben-halbnackte-und-haehnchen-in-windeln-vor-dem-altar-6837042165affa2cddcde1b7. 😪
https://www.bild.de/politik/inland/kardinal/kardinal-und-bischof-verzichten-aufs-kreuz-48564234.bildMobile.html. 🙈
Dabei geht es durchaus auch anders, wenn (Kirchen)man(n) nur will:
https://m.youtube.com/shorts/YYTv45XRWJA 👍