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Kolumne „Ein bisschen besser“

Was female Empowerment wirklich anrichtet

Weibliche Ertüchtigung klingt bescheuert nach Bauch-Beine-Po, weswegen dieser Begriff zugunsten von female Empowerment verschwunden ist. Meine Frau Judith liest, während ich schreibe, ich kann sie nicht fragen, ob die These stimmt. Der Hündin fallen die Augen zu. Das Töchterchen hat sich daneben gelegt und ist mit voller Hose in den vorabendlichen Tiefschlaf geplumpst. 

Judiths größere Tochter hat sich in einem oversized Hoody verkrochen, ich finde sie kaum da drin. Über den Bildschirm laufen Bilder einer zierlichen blonden Frau, die sich gerade für einen Wahlsieg in Europa feiert, obwohl sie nirgends zur Wahl gestanden hat. So viel female empowerment wie heute Abend war selten, denke ich.

Liebe – im Großen und Ganzen

Ich bin stets misstrauisch, wenn sich ganze Gruppen zu Verlierern oder Siegern erklären und – haste nicht gesehen –, mehr Aufmerksamkeit, eine eigene Spur auf der Straße, laktosefreien Käse und so weiter einfordern. Ich glaube fest daran: Jeder ist seines Glückes Schmied und manchmal hauste dir dabei eben auf die Finger, aber ein bisschen besser ist es im Großen und Ganzen, das Feuer nicht ausgehen zu lassen, damit das Eisen des Lebens schön heiß bleibt.

Im Großen und Ganzen liebe sie mich, hat Judith neulich gesagt. Obwohl ich kein detailversessener Mann bin, hat mir dieser Satz lange zu denken gegeben. Ob sie damit meinte, dass sie meine Schwächen wie den Besitz einer mittlerweile stattlichen Anzahl ausgebeulter Cord-Jacketts toleriert, die mir etwas brotlos Intellektuelles verleihen?

Was female Empowerment bei mir auslöst

Oder vielleicht spielte sie darauf an, dass die Rauchmelder seit einem dreiviertel Jahr auf dem Schrank liegen und von mir wirklich gleich angebracht werden? Möglicherweise meinte sie auch meine Neigung, nach dem Wannenbad nur zu einem Drittel abgetrocknet ins Bett zu steigen. Wer weiß das schon, ich kann Judith ja nicht fragen, weil sie gerade liest.

Ich betrachte sie, wie sie auf dem Sofa liegt, mit einem Arm die Stirn seitlich abstützt, die Beine unter der Decke räkelt, die dunklen Haare nach hinten geworfen, Seite für Seite verschlingend. Ich kann gar nicht den Blick von ihr lassen. Ein Schauer jagt mir über den Rücken. „Wow“, denke ich, und beginne zu verstehen, was female Empowerment bei mir wirklich anrichtet.

 

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