Zwischen Petersilie und Perfektion: Wie der Spargel unsere Beziehung erklärt
„Was ist das Schönste“, frage ich Judith, „am Spargelschälen?“ Das wisse sie nicht, sagt meine Frau. Sie wisse nur, dass ich immer die Petersilie vergesse und sie deswegen jetzt noch mal losmüsse. Ich bin also allein und denke an die Dekaden des Spargelschälens, die hinter und vor mir liegen.
Ich bin sozusagen im besten Spargelschälalter. Nicht ungelenk, sondern routiniert. Nicht zittrig, sondern mit geradem Zug vom Kopf herunter. Ich muss keine Rekorde mehr brechen, sondern ziehe meine Bahn. Ich genieße das Ritual, das für mich den Beginn eines langen heißen Sommers einläutet.
Die weißen Stangen sind mal dick, mal dünn, mal gerade, mal krumm – wie der Mensch
Ich habe mein Leben lang den ersten Spargel draußen geschält, bei Wind, bei Wetter und bei einem Glas kalten weißen Weins. „Veronika, der Spargel wächst“, ist eine erotische Verheißung. Es ist für mich eine dieser kleinen geheimen Wetten, die ich mit dem Schicksal abschließe, ohne viel darüber zu reden: Wenn es mir gelingt, den ersten Spargel draußen zu entkleiden, steht uns ein Sommer der Liebe ins Haus.
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Die weißen Stangen, sie sind mal dick, mal dünn, mal gerade, mal krumm. „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts Gerades gezimmert werden“, sagt Immanuel Kant, den zu zitieren immer wieder Eindruck schindet. Ich hätte den Satz Judith beim ersten Date zuraunen können. Als liebevolle Warnung. Ein bisschen besser als „Was geht, Kleines?“ ist er allemal.
Wie die Bäume im Wald, die aufrechter stehen als die einsamen auf dem Feld
Schief gewachsen sind wir alle, hätte ich sagen können: mal zu eigensinnig, mal zu verletzlich, mal zu sehr damit beschäftigt, uns selbst für großartig zu halten. Erst wenn wir uns nicht mehr allein auf der Lichtung unseres Egos herumtreiben, sondern zwischen den Blicken, zwischen Erwartungen und Enttäuschungen hindurch nach vorne wurschteln, richten wir uns auf, werden ein kleines Stück gerader, wie die Bäume im Wald, die aufrechter stehen als die einsamen auf dem Feld. „Judith“, hätte ich ihr damals beim ersten Date ins Ohr hauchen können, „du kannst mich vielleicht nicht vollenden, aber du könntest mich korrigieren.“ Stattdessen habe ich, glaube ich, „Prost“ gesagt.
Es ist trotzdem etwas geworden mit uns beiden. Wir leben mal gerade, mal krumm miteinander, und wir gehen durch dick und durch dünn. Es hängt damit zusammen, dass wir uns mal ungeschält und mal geschält aneinander reiben und auch damit, dass wir bei passender Gelegenheit „Prost“ zueinander sagen. Das tiefere Geheimnis unserer endlosen Liebe aber liegt einwandfrei darin, dass ich den ersten Spargel auf jeden Fall immer draußen bei einem Glas kalten Weines schäle. „Und danke für die Petersilie“, sage ich zu Judith, als sie jetzt um die Ecke biegt.
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Kommentare
Spargel schälen ist immer eine heilige Handlung. Er duftet so wunderbar.
Dann einfach in Butter gedünstet mit einer schönen Kartoffel genießen.
Manchmal mit Schinken dazu.
Oder ganz edel: mit Tagliatelle an Bärlauchsahne.
@Luise Bollinger Wo bleibt die "Küchenlatein"-Kolumne von Prof. Dr. Engels, wenn man sie mal braucht? 😋