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Kolumne „Mild bis rauchig“

„Alle Klarheiten beseitigt!“

Oxymoron – so nennt man das geflügelte Wort, das man verwendet, wenn man eine Sache für ausdiskutiert hält. Das Oxymoron verknüpft widersprüchliche Begriffe oder Aussagen miteinander. Ein Stilmittel. In diesem Fall eines, das das Beseitigen von Unklarheiten in sein Gegenteil verkehrt. Damit wird die eigentliche Absicht, Klarheit in einer Sache herzustellen, humorvoll als gescheitert betrachtet. Vor lauter Klärungen ist alles am Ende unklarer als je zuvor und „alle Klarheiten beseitigt“.

Dieser Umgang mit der Frage der Wahrheit und ihrer Erkenntnis ist keineswegs relativistisch, sondern – das mag erstaunen – kompatibel mit der christlichen Weltanschauung. Denn die Botschaft des Christentums ist beides: wahr und paradox. Die Wahrheit, die uns Jesus Christus offenbart, ist unverrückbar und ewig, sie ist Leben schaffend und erlösend, und dennoch ist sie voller Widersprüche. Denn – christlich betrachtet – liegt im Tod das Leben, in der Hingabe der Gewinn und im Kreuz das Heil.

Niemand hat diese Paradoxien treffsicherer und beherzter in sein eigenes Denken implementiert als G. K. Chesterton. Der große englische Intellektuelle und Konvertit tänzelt oft trotz seiner Körperfülle leichtfüßig über das Hochseil der Wahrheitsfrage und konfrontiert seine Leser wieder und wieder mit der Paradoxie als Salz in der Suppe umfassender Wirklichkeitsbegegnung. Am 11. März 1911 schreibt er in den Illustrated London News über „Zwei Arten von Paradoxien“, sie repräsentieren nicht das Wahre und das Falsche, sondern das Fruchtbare und das Unfruchtbare. Insofern gäbe es Paradoxien, die das Leben hervorbringen und Paradoxien, die nur den Tod ankündigen. Die einen regen das Denken an, die anderen verhindern es.

Wie der Nachtvogel gegenüber der Lichtfülle des Seins

Zu den das Denken anregenden und das Leben hervorbringenden Paradoxien gehörten jene, die sich am Ende als eine Wahrheit offenbaren, der ein Widerspruch innewohnt. Und in der Tat: dass man nach christlicher Offenbarung das Leben verlieren muss, um es zu gewinnen, ist eine Paradoxie, die der Ausgangspunkt für den Erwerb des ewigen Lebens ist. Sie ist Leben schaffend, denn in ihr liegt der Ausgangspunkt, das Geheimnisvolle anzunehmen und in seiner Wahrheit zu umfassen. Deswegen wollen diese Paradoxien nicht aufgelöst werden, weil sonst der Mut verlorengeht, das Mysterium des Lebens anzunehmen, das am Ende in der Begegnung mit der Lichtfülle göttlicher Gegenwart besteht – mit einem Licht, das den Dürstenden sättigt, obwohl es unaustrinkbar ist.

Das Mögliche wird dadurch keineswegs eingeschränkt, dass das Verständnis für seine Größe Grenzen hat. Insofern ist das Oxymoron vom Beseitigen aller Klarheiten durchaus eine treffende Beschreibung der demütigen Grundhaltung, gegenüber der Lichtfülle des Seins wie der Nachtvogel zu sein, dessen Sehfähigkeit in dem Moment seine Grenzen offenbart, in dem er in die Sonne blickt. Seine begrenzten Möglichkeiten sind also alles andere als Verunklarung. Sie sind lediglich die Botschafter der größeren Fülle.

So sieht es beispielsweise Thomas von Aquin im Anschluss an Aristoteles und seiner Grundeinsicht in das wissende Nichtwissen des Menschen. Insofern fängt das eingangs erwähnte Oxymoron des Beseitigens von Klarheiten diese Grundeinsicht ein und sagt: Erkenntnis, die sich ihrer Grenzen bewusst ist, kapituliert nicht vor dem Ungewissen, sondern gibt dem, was sie wissen kann, das richtige Maß, indem sie sich der größeren Wirklichkeit stets bewusst ist. Sie wird demütig.

Es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar wird

Wahrheit wird deshalb durch die Paradoxien in der Erkenntnis gerade nicht relativ, sondern gewinnt den Charakter des Mysteriums, dem der Mensch sich nähern kann, dessen vollständige Entschlüsselung dem menschlichen Erkennen aber unmöglich ist. Denn Gott, der die Wahrheit ist, wohnt in unzugänglichem Licht (vgl. 1 Tim 6,16) – ungeachtet dessen, dass dieser Gott in seiner Offenbarung einen Zugang dazu gelegt hat. Denn es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar wird, und nichts Geheimes, das nicht bekannt wird und einmal an den Tag kommt (vgl. Mk 10,26; Lk 12,2). Wobei – da ist sich die Heilige Schrift in allen ihren Teilen einig – dieser Tag nicht einer der Tage in unserer Zeit sein wird.

So sehr die menschliche Erkenntnis in der Lage ist, Wahrheit zu erfassen, so sehr ist sie sich doch ihrer Begrenzung bewusst. Einer Begrenzung, die jedoch keineswegs den Wurm des Zweifels gebiert, wie René Descartes und die durch ihn inspirierte neuzeitliche Philosophie, die vor der Überfülle des Seins durch den Platzverweis der Wirklichkeitsbegegnung auf die Parameter der Naturwissenschaften kapituliert. Nein, die Grenzen, die das Erkennen hat, gebären Hoffnung auf das Größere, dessen reale Spuren dem Verstand des Menschen zugänglich sind, wenn auch nur in kleinen Dosen.

Der kolumbianische Aphoristiker Nicolás Gómez Dávila hat dies einmal in den atemberaubenden Satz gegossen: „Auf die Antinomien der Vernunft, auf die Ärgernisse des Geistes, auf die Risse des Universums gründen sich meine Hoffnung und mein Glaube.“ Ein gläubiger Zugang zur Welt erweist sich in diesem Beieinander von Erkennen und Nichtwissen und von Paradoxie und Hoffnung als wahrheitsfähig, auch wenn sich Glaube und Wissen gleichermaßen ihrer Grenzen wohl bewusst sind.

So viel zur Einordnung von Klarheit und Wahrheit im Kontext einer gläubigen christlichen Weltsicht.

Was viele Gläubige zu den Piusbrüdern treibt

Anlass für diesen kurzen Ausflug in die Welt der Paradoxien ist eine Wortmeldung aus dem Lager der Pastoraltheologie, die dieser Tage über das Internetportal der deutschen Bischöfe, katholisch.de, verbreitet wurde. Darin äußert der Grazer Pastoraltheologe Bernd Hillebrand seine im Laufe der Zeit wiederholt vorgetragene Sorge um zu viel Klarheit in der Verkündigung. Er warnt vor „vermeintlich klaren“ Antworten auf die Fragen der Menschen. Nominell wendet er sich damit gegen ein aus seiner Sicht bedenkliches Wahrheitsverständnis in den Reihen der Priesterbruderschaft St. Pius X., deren Zulauf sich nicht zuletzt aus den Defiziten in der doktrinell begründeten Glaubensverkündigung der amtlichen Kirche ergibt.

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Es ist nämlich schon lange erkennbar, dass der Rückenwind, der viele Gläubige verstärkt zu den Piusbrüdern führt, aus dem Fehlen von lehramtsgetreuer Seelsorge, Liturgie und Katechese gespeist wird. Wobei – und hier bin ich selbst als Pfarrer mitten im Geschehen – sich dieses Phänomen weit globaler darstellt, als es die Kirchensteuermedien an den Mann bringen. Denn die Mangellage in den Pfarreien – und zwar nicht allein was den Mangel an Priestern, sondern auch an katholischen Angeboten betrifft, die diesen Namen verdienen – führt nicht bloß ins gern abfällig als Ghetto apostrophierte Milieu der Piusbruderschaft. Die Leute stimmen auch innerhalb der diözesanen Strukturen mit den Füßen ab und suchen sich geistliche Inseln verschiedener Art, auf denen sie verlässlich eine authentische Liturgie und Verkündigung finden.

Die Suchbewegung ist dabei nicht etwa durch ein offensives Marketing traditioneller Gruppen motiviert, sondern reagiert ganz schlicht und einfach darauf, dass Menschen in den „handelsüblichen“ Pfarreien und / oder Pastoralen Großräumen geistlich austrocknen – sofern sie ein geistliches Bedürfnis haben –, oder dass sie – sofern sie ein solches nicht haben – in dem, was das kirchliche Leben zu bieten hat, für sich keinen Nutzen entdecken können. Kommunikative Veranstaltungen, Umweltrettungsaktionen, Seniorenarbeit oder geschlechtersensible Kulturabende finden sich auch anderswo außerhalb der Kirche und sind dort meist sogar noch origineller, weil aus erster Hand im Sinne woker Ideologiequellen.

Ein Radiogottesdienst wie aus dem Vorhof der Hölle

Kleines Beispiel: Am letzten Sonntag präsentierte der WDR einen Radiogottesdienst aus Düsseldorf-Eller, in den ich zwischen meiner Frühmesse und unserem Sonntagshochamt per Zufall durch das Autoradio hineingeraten war. Nach dem ersten Hineinhören schaltete ich zunächst deswegen nicht direkt ab, weil die Pfarrei genau wie meine ebenfalls die hl. Gertrud von Nivelles zur Patronin hat. Als Vorspann wurde uns Hörern nun ein kleiner Einblick in das Leben der katholischen Gemeinde präsentiert.

Und es folgte, wie auf einer Wäscheleine aufgereiht, das gesamte Ensemble typisch neokatholischer Profilmerkmale, von denen wir beeindruckt sein sollten: die Verbundenheit vor Ort mit den Traditionsvereinen von Karnevalisten und Schützen, der „Tante-Elli-Laden“, eine Art Tafel-Projekt für Bedürftige, „ProPeller“, ein Caritas-Begegnungszentrum, das, wie es hieß, Menschen generationsübergreifend zusammen und „in Bewegung“ bringt, und schließlich das Kunstobjekt vor der Kirche, der „Engel der Kulturen“, ein „Symbol für Toleranz, interkulturellen Dialog und interreligiöses Miteinander der abrahamitischen Religionen“. Es lenkt – so wird berichtet – das Interesse aller auf das Kirchengebäude als Ort der Besinnung und des Gebetes für Angehörige aller Religionen. Eine ehrenwerte Revue zeitgenössischer katholischer Gemeindeangebote, mit der man da am Sonntagmorgen konfrontiert wurde.

Aber obwohl alle Verdächtigen von der Sozialarbeit bis zum Bekenntnis zu Wokeness und Multikulturalität in Haft genommen worden waren, haben dennoch vermutlich neben mir auch noch zahlreiche andere, vor allem Nichtgläubige, danach den Sender gewechselt, weil in dem, was dort als Zusammenfassung der Kernthemen dieser Gemeinde im Präludium des Gottesdienstes präsentiert wurde, der katholische Gott nicht vorkam. Weder wurde von den geistlichen, diese Welt übersteigenden Dimensionen der St.-Gertrud-Kirche oder eines in ihr stattfindenden katholischen Lebens gesprochen, noch davon, was der Gott des Christentums, der doch offensichtlich der Grund für die Sonntagsgottesdienstübertragung war, mit den zahlreichen Projekten zu tun hat. Ein Alleinstellungsmerkmal im Hinblick auf die dort nominell verortungsfähige katholische Religion und ihre Antworten auf die Fragen des Lebens war nicht erkennbar.

Koran-Suren in der Osterliturgie – bin ich dafür katholisch geworden??

Genau hier verabschieden sich heute viele aus dem Schoß der Volkskirche, weil sie in ihr keine Transzendenz spüren. Sie finden allenfalls nette Menschen, die miteinander „in Bewegung“ gebracht werden. Aber es bleibt eindimensional oder – wenn man sich denn überhaupt noch diese Mühe macht – man erklärt das Flache einfach zur Transzendenz. Dies funktioniert jedoch allenfalls noch dort, wo Menschen noch Bezug zu einer territorial gebundenen Gemeinde haben, egal ob in einer klassisch überschaubaren Dimension oder in den Mega-Räumen moderner Fusionspastoral. Hier versucht man dann, die Kirchengebäude mit dem zu füllen, was die „Leute vor Ort“ haben wollen. Dann findet eben kein Gottesdienst in der Kirche statt, sondern eine Modenschau, dann lesen Tatortkommissare in dazu schick bestuhlten Kathedralen aus ihren Werken.

Oder man holt den Türkischen Moscheeverein – so geschehen in einer Aachener Kirche – zum Absingen von Koran-Suren in die Liturgie der Osternacht, um seinen Multikulturalismus unter Beweis zu stellen. Ein Konvertit, der Zeuge dieser synkretistischen Entgleisung geworden war, rief mich danach an und stellte mir und sich selbst die Frage, weshalb er vor einigen Jahren eigentlich die evangelische Kirche verlassen habe, wenn er nun offenbar in der katholischen am Ende auf dieselben amorphen Anbiederungsversuche an die Gottvergessenheit stoße.

Herr Pastoraltheologe Hillebrand würde ihm darauf sicherlich etwas anders antworten als ich. Er würde ihm wahrscheinlich sagen, dass es nicht nur eine Antwort auf die Frage nach der Wahrheit gäbe, sondern dass sie immer auch abhängig von Kultur und Kontext sei. Und was die Vermittlung von Glaubensinhalten betrifft, so würde er ihm bedeuten, dass es eben keine Klarheit in der Verkündigung geben könne, weil – wie er einmal für futur2 schrieb – nicht die biblische Offenbarung und ihre kirchliche Tradition, sondern die „Lebenswirklichkeit Ausgangspunkt eines neuen Glaubensverstehens“ sei. Die Geheimnishaftigkeit Gottes wird aber in diesem Ansatz weniger dem begrenzten Fassungsvermögen des Menschen gutgeschrieben als vielmehr der Fassungslosigkeit Gottes selbst, „über den man immer sagen muss: „Wir wissen es nicht“ oder eben „vielleicht“.

Was Menschen suchen, ist die Klarheit der Bejahung

Hier unterscheidet sich das Ressentiment gegen die Eindeutigkeit in der Glaubensvermittlung von der beschriebenen Philosophia negativa des Thomas von Aquin. Denn während dieser die offenbarte Wahrheit Gottes für erkennbar hält – wenn auch unvollständig –, macht die Pastoraltheologe des Herrn Hillebrand Gott vollständig zum Ergebnis „kreativer Auseinandersetzung“ und damit zu einem subjektiven Produkt. Wer sich dieser Form von transzendentaler Gotteserkenntnis widersetzt und auf die Mitteilung objektiv offenbarter Inhalte setzt, durch deren gläubige Annahme der Mensch zu sich und zum Heil gelangt, gerät deswegen für Herrn Hillebrand schnell unter Totalitarismusverdacht. Anspruch auf absolute Eindeutigkeit, so vermeldet er auf katholisch.de im Anschluss an Zygmunt Baumann, berge immer auch die Gefahr totalitärer Denkweisen. Antworten müssten plural ausfallen, andernfalls werde es radikal und sektenhaft.

Hier darf sich indes nicht nur die Piusbruderschaft angesprochen fühlen, sondern alle Katecheten, Priester oder Gemeinden, die sich in ihrer Verkündigung noch nicht in den Subjektivismus verloren haben, gemäß dem Gott in der Lebenswirklichkeit dialogisch entsteht und „Glaube“ nicht die Antwort auf den Anruf Gottes ist, sondern das Ergebnis von Selbstreflexion. Der Ritt gegen zu viel Eindeutigkeit, den uns die Bischöfe auf ihrem Internetportal vor einigen Tagen über Bande haben zur Kenntnis nehmen lassen, ist also keineswegs ein akademischer Streit zur Frage der Grenzen der Gotteserkenntnis, sondern ein klarer Angriff auf die Klarheit der Offenbarung, die trotz oder gerade wegen ihrer Paradoxien einen Akt des Vertrauens und des Gehorsams verlangt.

Was Menschen suchen, so ist es meine tägliche seelsorgliche Erfahrung, ist nicht ein Spiegel, sondern eine Hilfe, der Geheimnishaftigkeit Gottes, dessen Ruf sie spüren, die Klarheit der Bejahung entgegenzubringen. So wie es Petrus lernen musste, als er auf den Wassern eines stürmischen Sees Jesus entgegenging – wunderbar und entgegen aller Vernunft, einzig getragen vom Vertrauen auf den Herrn, der ihn gerufen hatte; solange, bis dieses anfängliche Zutrauen in die Aussicht auf Wahrheit jenseits des Verstandes in ihm schwand und ihn die Angst untergehen ließ. Seine Vernunft hatte die Klarheit in ihm beseitigt, dass Gott größer ist als unser Verstand, und seinen Glauben ins Wanken gebracht, nachdem er für einige wenige Augenblicke stark genug gewesen war, zum Geheimnis Gottes ein klares Ja zu sagen.

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