Hasenangst
Ja, ich weiß, dass wir vor Weihnachten und nicht vor Ostern stehen. Dennoch muss jetzt der Hase ran. Und zwar was seine Namensgebung für die Beschreibung ängstlicher Menschen betrifft. Ein „Angsthase“ ist demnach jemand, der im Allgemeinen und im Besonderen ein ängstlicher Mensch ist, der sich gegenüber dem, was er als bedrohlich erkannt hat, wie ein Hase in eine Starre begibt und regungslos wird, oder der schon in Ansehung einer möglichen Gefahr wegläuft. Dass der Hase ausgerechnet das Tier ist, das man mit Ängstlichkeit verbindet, ist eben dieser Verhaltensweise zuzuschreiben: entweder in Angststarre zu verfallen oder wegzulaufen, wenn man Gefahr riecht.
Das Gegenstück zum Angsthasen ist deswegen weniger der Mutige als der Tapfere, der die Bedrohung, die er erkannt hat, erträgt und es aushält stehenzubleiben, um möglicherweise gegen die Bedrohung zu kämpfen. Es ist also weniger der Wagemutige oder der unüberlegte Draufgänger, der dem Angsthasen gegenübersteht, als vielmehr der Starke, der es ertragen kann, trotz der Erkenntnis, bedroht zu werden, besonnen zu bleiben. Den Kampf gegen das Bedürfnis, sich zu entziehen, bestreitet der Tapfere durch die Einsicht in die Notwendigkeit, sich nicht einschüchtern zu lassen und sich dem entgegenzustellen, das ihn oder seine Ideale angreift, bedroht, verletzen und zerstören will.
Wobei die Ursachen für die Quellen der Angst ganz unterschiedlich sein können: die blinde Natur oder die mutwillige Gegnerschaft von Menschen. Angstfreiheit ist dabei nicht ein Charisma, sondern eher das Ergebnis einer Abwägung. Der Tapfere sieht in der Bedrohung einen Angriff auf das, was er zu schützen berufen ist und entscheidet sich deswegen nicht für das Weglaufen, weil er damit dem Usurpator oder Überwältiger das Feld kampflos überlassen würde. Diesen Preis will er nicht zahlen, schon einmal gar nicht aufgrund einer bloßen Ahnung oder eines stillen Verdachtes, es könnte etwas Schlimmes eintreten, dem man sich vorsichtshalber schon entzieht, bevor es überhaupt eingetreten ist. Tapferkeit als Gegengewicht zur Ängstlichkeit lässt sich folglich auch nicht von Emotionen leiten, sondern von Einsichten. Sie bringen die Maßstäbe zutage, nach denen man kämpfen oder weglaufen muss, um sich zu retten. Oder nach denen man ertragen und aushalten muss.
Die Apostel lernen: Die Vernichtung ist nie schlimmer als die Verleugnung
Es ist ein offenes Geheimnis, dass ein nicht kleiner Teil von Zeitgenossen heute unter Angststörungen leidet. Verständlich, denn es sind zu viele Unwägbarkeiten und lauernde Gefahren, die uns tagtäglich von Überfallkommandos organischer Menschen oder anorganischer Ideologien bedrohen.
Als Christ hat man in diesem Zusammenhang ein Vorbild in der Tapferkeit Jesu Christi. Am Ende wird nicht mehr viel geredet. Er steht nur noch mannhaft schweigend vor Pilatus und erträgt das ungerechte Urteil, nachdem die Frage nach der Wahrheit keine Rolle mehr gespielt hat. Seine Jünger laufen ängstlich weg und verbergen sich im Dunkeln und in der Tarnung der Leugnung dazuzugehören. Zu unabsehbar sind für sie die Folgen einer Verfolgung und Verhaftung. Sie geben dem Drang nach, sich der Übermacht zu entziehen.
Jesus Christus aber trinkt den Kelch bis zur Neige. Die Todesangst im Garten Getsemani ist durch eine Entscheidung besiegt: gehorsam für die Wahrheit einzutreten und sogar für sie zu sterben. Die Apostel werden es nach ihrer auf Golgotha mehrheitlich nicht bestandenen Prüfung im Laufe ihres Lebens noch unter Beweis stellen, dass sie daraus eine Lehre gezogen haben. Sie lautet: Die Vernichtung ist nie schlimmer als die Verleugnung.
Und die Apostel unserer Tage?
Wenn man sich heute die Apostel unserer Tage ansieht, kann man diesbezüglich ins Grübeln geraten. Denn dort ist ganz offensichtlich Hasenangst das bestimmende Element. Wie sonst kann man es erklären, dass sich beinahe der gesamte Episkopat eines Landes wie Deutschland auf der Flucht befindet?
Man muss mit arger Wahrnehmungsstörung behaftet sein, wenn man nicht sehen würde, dass ein Großteil der Kerninhalte des Christentums aus Angst unterschlagen wird: dass es eine unwandelbare Wahrheit gibt, einen Gott, der Ansprüche hat, Gebote, deren Einhaltung seit der Abschiedspredigt vor der Himmelfahrt Jesu der zentrale Predigtinhalt der Apostel ist und dass von all dem die Zukunft der Menschen im Reich Gottes abhängt.
Die einen unterschlagen dies in einem mittlerweile entschiedenen Selbstbetrug. Die Anpassung an die Forderungen der Zeitläufte, die knackigen Inhalte des spaßbremsenden Christentums beiseitezulassen, wird mit neuen Erkenntnissen begründet, die den heutigen Klerus schlauer aussehen lassen als die Bischöfe und Priester vergangener Epochen. Insgeheim aber ist die Angst das Movens. Die Angst sich zu blamieren, zu unterliegen, angefeindet zu werden, die Angst vor gesellschaftlichem Bedeutungsverlust und die Angst vor der medialen Vernichtung.
Die Tapferkeit des Kölner Erzbischofs
Wer die Causa Woelki verfolgt, weiß, was ich meine. Stellt sich jemand in den Weg einer links gedrillten Gesellschaft und Kirche, ist die Exekution die Folge. Man wird der Dummheit bezichtigt, der Rückständigkeit, der „Menschenfeindlichkeit“ und der Unbrauchbarkeit für das Leben in dieser Zeit. Urteil: Tod durch Verschmähung, Abscheu und Isolation.
Man wird nicht wirklich glauben, dass der Erzbischof von Köln damit leichtfüßig umgeht und gänzlich ohne Angst vor dem nächsten Tag wäre. Aber man muss dennoch bewundernd feststellen, dass er diese offenbar durch Tapferkeit besiegt und sich aufrechtstehend entschieden hat, nicht einzuknicken, in eine Starre zu verfallen oder sich in der üblichen Mischung aus Anpassung und Selbstbetrug auf den Weg ins andere Lager zu machen.
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So jüngst geschehen, als am 1. Oktober im Namen des deutschen Episkopats die Handreichung „Geschaffen, erlöst und geliebt“ erschien. Wie im Untertitel bekundet, geht es um „Sichtbarkeit und Anerkennung der Vielfalt sexueller Identitäten in der Schule“.
Ohne nun an dieser Stelle auf die Details dieses Dokuments der Schulkommission einzugehen, kann so viel festgehalten werden: Es verabschiedet sich in wichtigen Bereichen von der Verkündigung eines christlichen Menschenbildes und damit von dem, was christliche Einsicht und Überlieferung ist, so dass der Bischof von Passau, Stefan Oster, in seiner Kritik an dem Dokument fragt: „Glauben wir noch, was wir glauben?“
Der mit dem Wolf heult
Die Antwort lautet zusammengefasst: nein. Oder wenigstens nicht mehr vollständig. Er, so sagt der Bischof, möchte bekunden, dass dieses Dokument nicht in seinem Namen geschrieben und veröffentlicht ist. Neben ihm kamen dann noch Bischof Rudolf Voderholzer und Rainer Maria Kardinal Woelki aus dem Verdeck und kritisierten die gefährliche Anpassung an ein Menschenbild, dass nicht mit dem Glauben an den von Christus geoffenbarten Schöpfergott kompatibel ist.
Wie kann so etwas sein? Eine Frage, die sich alle Katholiken stellen, deren Glaube sich der Tradition als Erkenntnisprinzip, aber auch der Treue zum Lehramt der Jahrhunderte verpflichtet weiß und deren intellektueller Anspruch sich durch eigenes Nachdenken gebildet hat.
Die Antwort liegt sicher in der Gesinnungsmimikry mancher Bischöfe, deren Entschiedenheit zum Verlassen der traditionellen Lehre der Apostel in erster Linie in der Unkenntnis von Herkunft und Folgen der neuen Denkansätze begründet liegt.
Und bei den anderen liegt das Schweigen der Hirten zu dem ihnen aufgedrückten Text in der Angst der Hasen. Man will keinen Ärger, man will nicht den Medien zum Fraß vorgeworfen werden, man hat keine besseren Argumente gegen den Mainstream der Ideologien, man ist schlecht beraten und hat Angst, verlassen zu werden, wenn man nicht mit den Wölfen heult, man ist isoliert von kritischen Einreden und man will vor allem die Mehrheit nicht verlassen und nicht zu den Parias gehören. Die Angst der Hasen hat die Apostel ergriffen. Ein unguter Befund.
Vorbild nehmen am Osterhasen aus Passau: Klardenkend und tapfer
In Bezug auf das genannte Dokument sind die Folgen nachhaltig zerstörerisch. Denn die Mehrheit des deutschen Episkopats hat sich abgewandt von einem Menschenbild, das fundamental ist für das Gottesverhältnis und für die Glaubensverkündigung, mit anderen Worten, für das Selbstverständnis der Kirche. Bischof Oster stellt sogar in den Raum, dass diese Abkehr im Umkehrschluss bedeutet, dass man das traditionelle Menschenbild des Christentums ex officio für schädlich hält.
Lassen wir einmal diejenigen beiseite, deren Einsichten entweder getrübt oder verlorengegangen sind und nehmen jene vor Augen, die es besser wissen müssten und die nur aus Angst und Verzagtheit nichts dazu sagen, wenn der christliche Glaube für das Linsengericht einer wohlfeilen gesellschaftlichen Anschlussfähigkeit verkauft wird (wobei: an welche Gesellschaft? Und was bedeutet dieser Anschluss?).
Die Angsthasen sollten sich ein Vorbild am Osterhasen aus Passau nehmen. Er zeigt, wie ein Apostel sein muss: Klar und selbst (!) denkend, tapfer und – angstfrei. Denn alle, die weghoppeln oder sich in Angststarre verlieren, um ihre kleine sekundäre Welt zu retten, werden am Ende doch vom Wolf gefressen. Das ist eine Erfahrung, die durch die Geschichte geht. Die Opfer werden in diesem Fall aber keine Märtyrer sein, sondern in die Bedeutungslosigkeit gestoßene Revolutionäre, die bekanntlich stets von denen gefressen werden, denen sie gehorchen.
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Kommentare
Wichtig finde ich in diesem Zusammenhang: Der Konformismus und Opportunismus unter kirchlichen Amtsträgern war nicht immer so ausgeprägt wie heute. Zur Zeit der Französischen Revolution haben sich die meisten Kleriker den neuen Lehren widersetzt. Viele haben das mit ihrem Leben bezahlt. Auch im Nationalsozialismus gab es viel größeren und flächendeckenderen Widerstand als allgemein bekannt ist (das Buch "die Schuld" von Konrad Löw ist hier sehr aufschlussreich). Warum haben Priester und Bischöfe in diesen Zeiten Widerstand geleistet? Weil es um den Glauben ging! Weil politische Lehren verbreitet wurden, die mit dem Glauben unvereinbar sind. Heute hingegen befeuern kirchliche Amtsträger die antichristlichen Tendenzen sogar noch. Vor diesem Hintergrund ist es für mich ein Zeichen schier unfassbarer Verblendung, wenn sich deutsche Bischöfe auf den Stuhl Mose setzen und meinen, Urteile über den Glauben ihrer Amtsvorgänger fällen zu können.
Demut ist es, was heute der Kirche in Deutschland am meisten fehlt. Schon seit Jahrzehnten meint man ja, Rom belehren zu können und vorangehen zu müssen. "Von Deutschen lernen, heißt siegen lernen", scheint dabei das unausgesprochene Motto zu sein – auch wenn die Realität das komplette Gegenteil beweist. Der Glaube ist heute in anderen Erdteilen viel vitaler, jünger und stärker. Wir sind es, die von ihnen lernen müssten.
Der „Osterhase aus Passau“ ist wahrlich ein Lichtblick im bundesdeutschen Episkopat.
Eine kurze Detailkritik an diesem im übrigen sehr zustimmungswürdigen Text:
Gebote, deren Einhaltung seit der Abschiedspredigt vor der Himmelfahrt Jesu der zentrale Predigtinhalt der Apostel ist
Nein. Nicht "der zentrale". Der ist zum Beispiel, daß der Heiland für die Sünden gestorben ist, uns erlöst hat, uns die innige Gemeinschaft mit Ihm in der hl. Kommunion schenkt, den Heiligen Geist über uns ausgießt usw. Die Einhaltung der Gebote ist eher das Kleinklein, das dabei neben anderem auch noch mit dazukommt, das man (unter anderem) um diese Gnade nicht zurückzuweisen dann halt in Zukunft auch noch tun muß (aber auch schon an sich, weil es halt richtig ist); wahrscheinlich ist es sogar tolerabel, wenn einen das manchmal ein bißchen nervt.
Nicht der zentrale also, aber ein nicht dispensabler: Man darf hat die Wahrheit auch in dem Bereich nicht bestreiten, "auf der Skala der Wichtigkeiten nicht so weit vorn", auch wenn es für sich genommen stimmt, heißt nicht "hier darf jeder tun, was ihm beliebt" und schon gar nicht "die Inhaber des Lehramts von Teilkirchen dürfen explizit etwas Gegenteiliges lehren und dafür Zustimmung einfordern"; das ist der entscheidende Punkt.
Vergelt's Gott für diesen großartigen Text und Gottes Segen für alle, die den wahren Glauben verteidigen!
Die Kölner Liturgische Tagung fehlt ohne Ende