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Kolumne „Mild bis rauchig“

Schleimspur

Viel ist geschrieben und geschrien worden nach der ARD-Übertragung der Christmette aus Stuttgart. Verständlich, denn das, was man dort zu sehen und zu hören bekam, war absonderlich. Die Kritik richtete sich gemeinhin gegen die ästhetische Zumutung, statt eines Jesuskindes in der Krippe einen zunächst undefinierbaren Schleimberg vorzufinden, der sich bei näherem Hinsehen als erwachsener (!) Mensch auf Stroh entpuppte. Man hatte ihn in nasses Reispapier eingepackt, was ihn an ein frisch geborenes Kalb erinnern ließ, das mit gelb-grünlichem Schleim und Fruchtwasser bedeckt ist.

Die Bild-Zeitung und andere Medien nahmen sich der Empörung an und gaben die Zuschauerreaktionen aus den sozialen Netzwerken wieder, die sich bei der Installation an ein „atmendes Alien“ erinnert fühlten und die Installationsidee mit dem Prädikat „krank und abartig“ apostrophierten.

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Auch Politiker kritisierten generationenübergreifend die Krippendarstellung. Der Stuttgarter CDU-Stadtrat Klaus Nopper (58) bekundete seinen Ekel und stellte fest, dass hier die Weihnachtsgeschichte im Sinne der Wokeness instrumentalisiert werde. Sein Parteikollege Maximilian Mörseburg (33), ehemaliger Bundestagsabgeordneter, stellte sogar eine in beiden Konfessionen zu verortende Tendenz fest, die Religion ins Absurde und in die Würdelosigkeit zu führen. Für ihn einer der Gründe, weshalb sich Menschen von der Kirche abwenden.

Die ortsansässige Stuttgarter Zeitung dokumentierte Kommentare auf Facebook – auch und gerade nicht kirchlich gebundener Kritiker. Die eher Fernstehenden bedachten mehrheitlich das Geschehen mit Begriffen wie „geschmacklos, irritierend, abstoßend“. Einige kündigten im Sinne der Feststellung von Mörseburg aufgrund ihrer Verärgerung über die ästhetische Bevormundung durch Kirche und ARD ihren Kirchenaustritt an.

Kein „Gloria“ – und das in einer Christmette!

Nun beträgt in der Regel die Halbwertzeit der medialen Behandlung von Aufsehenerregendem bis Skandalösem dieser Art in etwa drei Wochen. Damit liege ich als Kolumnist terminlich goldrichtig, wenn ich mich jetzt, wo das Kardinalstreffen in Rom, Grönland, der Berliner Blackout und der Griff der CDU nach der Meinungsfreiheit die Überschriften übernommen haben, daranmache, die verkrustete Wunde des Heilig-Nacht-Skandals von Stuttgart aufs Neue zum Bluten zu bringen. Und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht.

Denn zu den bislang recht einhelligen Kommentaren bezüglich der ästhetischen Entgleisung, Menschen mit fragwürdiger „Kunst“ zu brüskieren und auf diese Weise mit ihren religiösen Gefühlen zu spielen, gilt es noch weitere Skandale auf den Schirm zu nehmen, die allerdings in der öffentlichen Wahrnehmung und Kritik ein wenig im Schatten standen. Es sind dies der liturgische Skandal, der mediale, der oberhirtliche und vor allem: der theologische.

Der erste ist schnell erklärt. Pfarrer Thomas Steiger, der als Zelebrant unter der offensichtlichen Fuchtel einer Pastoralreferentin mit Namen Katharina Leser verantwortlich für den Gottesdienstablauf war, nahm für sich in Anspruch, die Regeln der Liturgie, die mitnichten in der Verfügungsmasse eines Priesters liegen, weitgehend zu verlassen und die Messe neu zu erfinden. Da wurden Teile ausgelassen und der Ablauf selbstgestrickt sowie garniert mit frei erfundenen Gebeten. Es gab kein „Kyrie eleison“ und kein „Gloria“ – und das in einer Christmette, die an das erste „Gloria“ der Weltgeschichte erinnert, das auf den Hirtenfeldern bei Betlehem gesungen wurde!

Die Laien haben das Regiment übernommen

Auch kein „Credo“ – das Bekenntnis des Glaubens an den menschgewordenen Gott –, dafür aber ein von der im Partnerlook gewandeten „Kollegin“ gebetetes Tagesgebet, das nach Regeln der Kirche ausschließlich dem Priester vorbehalten ist. Vielleicht ein Trostpflaster für die ungeweihte Dame, die trotz des erkennbaren Bemühens um ausgeglichenen rituellen Geschlechterproporz an einer empfindlichen Stelle der Liturgie zu schweigen hatte. Dort nämlich, wo bei der Wandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi, die nur dem geweihten Priester möglich ist, Pfarrer Steiger zwangsweise kurzfristig aus dem Zelebrations-Tandem aussteigen und ganz allein die wirkmächtigen Worte Jesu sprechen musste: „Das ist mein Leib. Das ist mein Blut“.

Hier insinuierte der Gesichtsausdruck der verhinderten Konzelebrantin, dass sie not amused war über diese „Ausgrenzung“. Als Revanche trat sie dann flugs nach dem Hochgebet in die Mitte des Altars, die der paritätisch entmündigte Priester dazu freiwillig räumte, um von dort aus das wichtigste Gemeindegebet der Messfeier, das „Vater unser“, einzuleiten und mit priesterlichem Gestus zu beten.

Ansonsten gab es eine Menge schöner Musik vom exzellenten Collegium Iuvenum Stuttgart – das einzig Tröstende dieses Gottesdienstes, wenn man einmal davon absieht, dass das Weihnachtsevangelium nicht vom dafür geweihten und in unserem Land aus Steuermitteln bezahlten Priester, sondern von einem Choristen in schwarzem Anzug und Fliege gesungen wurde.

Eine spezielle Form kirchlichen Machtmissbrauchs

So viel zum liturgischen Ärgernis für den geübten Gottesdienstbesucher, das, wie so oft, in der Heiligen Nacht die machtlosen Gläubigen dem übergriffigen Gestaltungsdrang eines Priesters und seiner liturgischen Sozia aussetzte. Es ist interessant, dass diese Form von Machtmissbrauch in den gängigen Diskussionen über kirchliche Gewaltenteilung niemals eine Rolle spielt, obwohl man beinahe bei jeder katholischen Messfeier in Deutschland damit konfrontiert wird, dass dort ein Zelebrant seinen Pflichtbereich verlässt und der Gemeinde seine kreativen Überraschungen aufnötigt, womit er deren Anspruch auf eine regelkonforme Liturgie diktatorisch beschneidet.

Bei der Predigt nun kam es zum eigentlichen, dem theologischen Skandal in der Heiligen Nacht. Ein Skandal, der seine Wurzeln nicht eigentlich in dem unappetitlichen Schleim-Jesus hatte, sondern sich in diesem lediglich widerspiegelte. Der Kern des Affronts gegen die Theologie von der Menschwerdung Gottes lag vielmehr in den Ausführungen des Pfarrers. Denn in der Predigt, die ähnlich streng paritätisch von beiden Gottesdienstprotagonisten gemeinsam gehalten wurde, verstieg sich Pfarrer Steiger zu der Aussage: „Kinder sind klein. Aber in ihnen steckt Großes. Ich denke, darauf wollte Lukas aufmerksam machen, als er die Idee hatte, Gott als Kind auf die Welt kommen zu lassen.“ (ab Minute 24:06)

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Oha! Also doch Grimms Märchen, das mit dem Christentum! So mancher zufällig in die Fernsehmesse zugeschaltete Agnostiker muss sich dabei zufrieden ob dieser Bestätigung seines Unglaubens zurückgelehnt und im Programm-Menü weitergezappt haben. Alle anderen braven Katholiken, vor allem jene, die – zu dieser Stunde an Krankenbetten gefesselt und in Senioreneinrichtungen kaserniert – dem ARD-Programm anheimgefallen waren, mussten in der Christnacht erfahren, dass diese keineswegs heilig, sondern die Kopfgeburt eines gewissen Lukas ist, der die Geburt Gottes als Mensch lediglich literarisch erfunden hat.

Wenn Christus nur geschaffener Mensch ist, kann er nicht Erlöser sein

Besonders prekär ist diese Aussage ausgerechnet am Ende des Jubiläumsjahres, in dem die Christenheit weltweit des bedeutenden Konzils von Nizäa gedacht hat, auf dem im Jahre 325 die wahre Gottsohnschaft Jesu Christi als verbindlicher Glaubenssatz formuliert wurde! Die antike Bischofsversammlung wurde wegen der damals blühenden Häresie des Theologen Arius, der die Gottheit Jesu Christi leugnete, auf den Plan gerufen. Der Arianismus hatte weite Teile der damaligen christlichen Welt infiziert und musste theologisch, aber auch kirchenamtlich eine Antwort bekommen. Denn wenn Christus nur ein geschaffener Mensch ist, kann er nicht Erlöser sein, als der er in der christlichen Offenbarung erfahren und verkündet wird.

Just 1700 Jahre später verlegt nun ein von der katholischen Kirche als Rundfunkpfarrer beim SWR installierter Prediger mit der harmlosen, nickelbebrillten Miene des Pfarrers Falkenberg alias „Kindlein“ aus den Verfilmungen von Ludwig Thomas Lausbubengeschichten die Menschwerdung Gottes in den Bereich der schriftstellerischen Freiheit und macht sie damit zur Erfindung: die Geburt in Betlehem als die Inszenierung eines frommen Wunschdenkens.

Hier hat die Skandaldarstellung des sich windenden Wesens und seiner weihnachtlichen Instrumentalisierung ihre eigentliche Wurzel. Wobei die Botschaft des Pfarrers Steiger schlimmer ist als die arianische Häresie, welche das Konzil von Nizäa verurteilte. Denn während der Arianismus noch von einer Art Auserwählung des realen Menschen Jesus ausgeht, der von Gott (!) in den Rang eines Vermittlers erhoben wird, erfahren wir hier aus dem Mund des Predigers, dass die Geburt eben dieses Jesus nur eine Spintisiererei des Lukas (!) sei. Nicht Gott wollte Mensch werden, sondern er, Lukas, war es, der – wie Pfarrer Steiger seiner Weihnachtsgemeinde mitteilte – „die Idee hatte, Gott als Kind auf die Welt kommen zu lassen.“

Die Schleimspur eines aufklärerischen Subjektivismus

Die Inszenierung der Schleimkrippe ist also nur in zweiter Linie eine Zumutung ästhetischer Art. Sie ist in erster Linie ein theologischer Skandal. Und zwar, weil hier die gesamte Geburt in Betlehem, die traditionell als Geburt des real gezeugten und nicht geschaffenen Gottessohnes Jesus Christus verstanden und geglaubt wird, zum Symbol wird. Damit ist auch die Erlösungstat eines Gottes, den nicht dessen eigener Wille, sondern die blühende Fantasie eines Schriftstellers zur Welt kommen lässt, nicht mehr als eine Art Gedankenspiel.

Das aber macht die Botschaft dieser Christmette zu einer abgrundtief deprimierenden Angelegenheit. Denn das, was sich nach Pfarrer Steiger in Betlehem offenbar nicht ereignet hat, sondern nur eine Geschichte aus der lukanischen Märchensammlung ist, hat nicht die Qualität einer „Frohen Botschaft“ von der Erlösung. Kein Gott wird in dieser Sichtweise Mensch, um den Menschen vom Himmel her entgegenzukommen. Vielmehr verkünden Herr Pfarrer Steiger und seine um möglichst antizyklische Weihnachtlichkeit bemühte liturgische Kopilotin der atemlosen Fernsehgemeinde eine „Nähe“ Gottes, von der man sich fragt, welchen Realitätsgehalt sie hat. Denn wenn man das, was das Predigtteam da zusammengezimmert hat, zu Ende denkt, erweist sich Gott als eine Projektion, Ludwig Feuerbach zu Gnaden.

Daher lautet die Kurzbotschaft zu Weihnachten aus Stuttgart: der Mensch ist verletzlich und ausgeliefert, das symbolisiert das Schleimwesen ohne Gestalt und Schönheit – so weit, so gut. Die Botschaft für diesen verletzlichen Menschen lautet aber nun: es gibt eine schöne Geschichte, die sagt, „dass Gott in dir und in mir ist“. (Minute 28:20). Aber auch außerhalb? Hier stößt man auf die hochgefährliche Gewöhnung an einen aufklärerischen Subjektivismus, der schon lange seine gefährliche Schleimspur auch durch die Kirche zieht und deren Gottes- und Weltverhältnis gleichermaßen belastet.

„So viel Gott war nie“ ist die eigentliche Weihnachtsbotschaft!

Gehen wir nun mal davon, dass die beiden Fernsehgottesdienstler sich der Dimension dessen nicht bewusst waren, was sie da rituell und theologisch verbrochen haben, so treffen sie damit zugleich die alte, im Westen der Kirche dominierende Überbetonung der Menschheit Jesu Christi und ihren oft exklusiven Blick auf die damit verbundene Solidarität mit dem Elend der Menschen. So anrührend dies sein mag und so sehr auch in der künstlerischen Tradition der Westkirche schon vor Jahrhunderten begonnen wurde, die Geburt Jesu in den jeweiligen epochalen Alltag zu verlegen, so sehr gerät dies aus den Fugen, wenn der offenbarte Hintergrundbefund, dass Jesus Christus wahrer Mensch, aber auch wahrer Gott ist, in Metaphorik aufgelöst wird.

Diesen wahren Gott finde ich zwar in „meinem Fleisch und Blut“, wie es im Lied „Zu Betlehem geboren“ heißt. Er lebt und wirkt aber auch außerhalb meines Fleisches und Blutes. Die Inszenierung der ARD-Mette hatte man unter das Motto gestellt: „So viel Mensch war nie!“

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Die Akteure hatten dabei aber wohl nicht bedacht, dass dieses Motto die weihnachtliche Botschaft auf den Kopf stellt. Denn diese lautet eigentlich: „So viel Gott war nie!“ Denn nur, wenn Gott real Mensch wird, hat der Mensch eine Chance auf reale Befreiung aus dem elenden Schleim seines Menschseins und der ihn bindenden irdischen Probleme. In Stuttgart konnte man ihm jedoch allenfalls eine erneuerte Bewusstseinslage als Basis zur Selbsterlösung bieten.

„Gnade“, „Segen“ und „Erlösung“ beschreiben hingegen klassischerweise das, was nicht vom Menschen selbst kommt. Ist die angemahnte Nähe Gottes, von der die Rede war, also nur die Nähe des Menschen zu sich selbst, dann kann man auch nicht länger von „Erlösung“ sprechen, sondern dann gibt es nur einen gigantischen Paradigmenwechsel, eine Umbenennung des Irdischen in die Metaphorik einer humanistischen Kompensation der Endlichkeit.

Ortsbischof Krämer – lauthals verstummt

Was bleibt, ist ein ernüchterndes „Schön wär’s!“ und eben nicht „ein Lichtstrahl der Hoffnung für die ganze Menschheit“ als „zentrale Botschaft dieser Heiligen Nacht“, wie es der zuständige Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Klaus Krämer, in seiner Weihnachtsbotschaft vermelden ließ. Denn der armseligen schleimverschmierten und verletzlichen Menschheit aus der Krippeninszenierung der ARD-Mette wird nach dem, was dort verkündet wurde, gerade kein Licht zuteil, sondern allenfalls der Blick in einen trüben Spiegel.

Der Bischof der Christmettenstadt muss sich also fragen lassen, für welchen Geburtskanal man sich nun zu entscheiden hat: ob für die christlich geglaubte Wahrheit eines realen Einbruchs der Transzendenz in die Immanenz des Menschlichen oder für die humanistische Chiffre, zu der Gott wird, wenn man daran vorbeisieht, dass in Betlehem ein Gottmensch in der Krippe lag, dessen Schönheit Seine Niedrigkeit erst zur Hoffnung machte.

Und hier sind wir abschließend bei den beiden übrigen Skandalen der Mettenentgleisung angekommen. Da ist einmal das donnernde Schweigen des Ortsbischofs zu dem, was an Verwirrung bei der Mehrheit der medialen Teilnehmer durch den Fernsehgottesdienst ausgelöst wurde und die deswegen offene Frage, ob das, was das von ihm alimentierte „Pastoralpersonal“ abgeliefert hat, von ihm gedeckt ist.

Die ARD gibt die willig-nützliche Plattform

Und ein andermal verschränken sich in der Person des Pfarrers Steiger als Rundfunkbeauftragten der kirchliche und der mediale Skandal zu der in Deutschland typischen Melange aus theologischem Progressismus und öffentlich-rechtlichem Transmissionsriemen der Sendeanstalten. Eine Hand wäscht die andere. Denn auch wenn die ARD äußerlich nur die Kamera geführt hat, so ist sie doch hier, wie so oft, im Wesentlichen die Plattform für den Abschied vom Christlichen – eifrig sekundiert von kirchlichen Akteuren mit und ohne Mitra, die sich nachweislich gern von hermeneutischen Dompteuren exegetisch dressieren lassen.

Darin verknüpfen sich die Skandale um verwirrte Theologen, schweigende Bischöfe und ein nützliches Medium, die in einem gruseligen Zusammenspiel unter dem Tarnnamen „Christmette“ einen Gottesraub besonderer Art inszeniert haben.

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