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Kolumne „Der Philosoph“

Ausflug außerhalb der Blase

Neulich durfte ich der Zeit, dem Flaggschiff des deutschen Linksliberalismus, ein Interview geben. Genauer gesagt war es ein Streitgespräch mit dem Philosophen und Bestsellerautor Philipp Hübl über das Thema meines aktuellen Buches: die Gottesbeweise des Thomas von Aquin. Hübl blieb zwar bis zum Schluss skeptisch, aber auf die für ihn typische, kluge Art und Weise. Die Interviewer von der Zeit waren freundlich und interessiert – von Ressentiment keine Spur.

Selten habe ich mich über eine Medienanfrage mehr gefreut, nicht etwa, weil ich begeisterter Zeit-Leser wäre, sondern gerade, weil mir dieses Milieu geistig fremd ist und ich damit endlich die Gelegenheit bekommen habe, über die eigene Blase hinaus zu wirken. Es spricht zwar gar nichts dagegen, auch oder gar vornehmlich in Kreisen aufzutreten, die einem wohlgesonnen sind, und doch hat es einen besonderen Reiz für einen Intellektuellen, seine Gedanken auf feindlichem Terrain zu erproben.

Dass ich und meine These von der beweisbaren Existenz Gottes dort überhaupt eine Bühne bekommen haben, ist sicherlich auch eine Nachwirkung meiner Ausladung durch die Hochschule für Philosophie in München, wo ich im November über die Gottesbeweise des Thomas von Aquin hätte sprechen sollen. Gecancelt zu werden kann, wie mein Fall zeigt, bei aller Widerwärtigkeit auch positive Effekte haben. Theologisch gesehen könnte diese Geschichte zudem ein Indiz für die Hypothese sein, dass Gott Humor hat: Eine Jesuitenhochschule sagt einen Vortrag über Gottesbeweise ab, nur damit diese These dann Monate später in der Zeit landen kann.

Gegenargumente auf Pennälerniveau

So begeistert ich von dem Zeit-Stück zunächst war, umso mehr trat Ernüchterung ein, als ich die Leserbriefe zugesandt bekam. Ungewöhnlich viele seien es gewesen, wurde mir von der Hamburger Wochenzeitung mitgeteilt. An die dreißig Leserbriefe habe ich inzwischen gelesen. Die allermeisten davon drücken Empörung oder Unverständnis darüber aus, dass man – salopp gesagt – so einen religiösen Spinner wie mich zu Wort kommen lässt. Eine offene Auseinandersetzung mit meinen Gedanken oder gar Leser, die die ausführlichen Argumente in meinem Buch nachgelesen hätten? Fehlanzeige. Dafür viel Halbbildung und Gegenargumente auf Pennälerniveau: „Wenn Gott die Welt erschaffen hat, wer hat dann Gott erschaffen? Schachmatt, lieber Gottgläubiger!“

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Ist es also vielleicht doch gar nicht wünschenswert, aus der eigenen Blase auszubrechen, weil man die Menschen, die von Grund auf anders denken, ohnehin nicht erreicht? Ist die Idee, sein Gegenüber mit Argumenten überzeugen zu können, schlichtweg naiv? Ganz so pessimistisch will ich es nicht sehen. Eines ist sicher richtig: Der Mensch ist keine Argumentmaschine, die angesichts eines gültigen logischen Schlusses sofort das gesamte Weltbild umzuwerfen bereit wäre. Argumente müssen sich setzen, in der Seele reifen.

Damit sie überhaupt in das Innere eines Menschen – sein Herz – gelangen können, müssen kontroverse Ideen den Anschein des Annehmbaren und Normalen haben. Denn der durchschnittliche Mensch ist ein Gewohnheitstier, das sich an den Meinungen seiner Mitmenschen orientiert. Er hört gerne das, was er ohnehin schon für wahr hält. Deswegen gibt es ja auch überhaupt die Blasenbildung.

Dass in eine antireligiöse Sphäre überhaupt einmal der Name Jesus Christus dringt

Umso wichtiger aber, dass in eine atheistische, antireligiöse Sphäre überhaupt einmal das Wort „Gott“ oder der Name „Jesus Christus“ dringt. Der erste Schritt zur Normalisierung ist getan. Wer weiß, der nächste christliche Philosoph, der in der Zeit auftritt, wird es beim Publikum vielleicht schon ein klein wenig leichter haben.

Nicht zu vergessen sind auch jene, die ein Leben in einer fremden Blase fristen müssen. So wie jene Person, die mir schrieb, wie sehr sie sich über das Stück in der Zeit gefreut hätte. Leider herrsche in diesen Breitengraden ja eine religiöse amathia (der griechische Begriff für eine herablassende Ignoranz, die sich für Weisheit hält). Das erschwere den Dialog. Selbst in fremden Gefilden erreicht man also immer auch Geschwister im Geiste, die für jedes nährende, unterstützende Wort dankbar sind.

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