Von einem gerechten Verteidigungskrieg kann keine Rede sein
Christen haben den Ruf, weltfremd zu sein. Das gilt besonders dann, wenn es um Macht und Gewalt geht. Der Krieg im Iran ist ein aktuelles Beispiel. Nach der klassischen Lehre vom gerechten Krieg, die von christlichen Theologen und Philosophen wie Augustinus und Thomas von Aquin entwickelt wurde, ist der Angriff der USA und Israels auf den Iran nicht gerechtfertigt, weil er nicht die notwendigen Minimalbedingungen für einen gerechten Krieg erfüllt.
Viele Menschen im Westen, darunter auch Christen, sympathisieren mit den USA und Israel; verständlicherweise haben sie für die schiitische Despotie im Iran nichts übrig. Allein schon die Tatsache, dass im Iran eine Konversion zum Christentum verboten ist und hart bestraft wird, sollte selbst Christen mit antimodernistischen Neigungen die Sympathie für die Mullahs austreiben.
Ist es aber gerade angesichts der grundlegenden Schlechtigkeit des iranischen Regimes und der Tatsache, dass es seit Jahrzehnten islamistische Terrorgruppen wie die Hamas finanziert, nicht wohlfeil, wenn sich Christen auf die Lehre vom gerechten Krieg berufen, um den jüngsten Angriff auf den Iran zu verurteilen? Muss man in einer gefallenen Welt nicht auch als Christ vor allem realistisch sein, wenn man das Böse erfolgreich bekämpfen will? Müssen sich nicht auch Christen manchmal die Hände schmutzig machen, um das Gute zu tun?
Einen Gegensatz von Moral und politischem Eigeninteresse kennt die christliche Ethik so nicht
Diese Fragen gehen von einem Gegensatz von Moral und politischem Eigeninteresse aus, den die christliche Ethik so nicht kennt. Richtig ist, dass Christen angehalten sind, dem Bösen keinen Widerstand zu leisten. Jesus selbst sagt es in aller Deutlichkeit: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist (Ex 21,24; Lev 24,20): Auge um Auge, Zahn um Zahn! Ich aber sage euch: Leistet dem Bösen keinen Widerstand, sondern wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, so halte ihm auch die andere hin.“ Auch gebietet Christus uns, unsere Feinde zu lieben, das heißt: das objektiv Gute für sie (also letztlich ihr Heil) zu wollen. Was aber bedeutet das?
Die Feinde zu lieben heißt vor allem, auch für sie zu beten, kuscheln muss man mit ihnen deswegen noch lange nicht. Und auch die Forderung, dem Bösen keinen Widerstand zu leisten, muss richtig verstanden werden. Thomas von Aquin hat die zitierte Stelle dahingehend gedeutet, dass es moralisch verboten ist, sich aus Rachegefühlen gegen das Böse zu wenden.
Erlaubt aber ist die Selbstverteidigung und geboten sogar der Widerstand gegen das Böse, wenn es um das Wohl Schutzbefohlener geht. Ein Vater, der sein Kind einem Entführer überlässt, kann sich klarerweise nicht auf Jesus berufen. Der Aufruf, dem Bösen keinerlei Widerstand zu leisten, bezieht sich nur auf einen selbst und ist im Gegensatz zum Racheverbot weniger eine strenge universelle moralische Forderung als ein Rat, wie man zur Heiligkeit gelangt.
Krieg ist aus christlicher Perspektive nicht per se verboten
Dennoch gilt, dass die christliche Ethik enorm streng ist, was die Gewaltanwendung von Individuen angeht. So ist es Privatpersonen unter allen Umständen verboten, absichtlich einen Menschen zu töten. Entschuldigt ist nur, wer in der Absicht, sich selbst zu schützen, einen Angreifer in Notwehr tötet. Thomas von Aquin betont zudem, dass die Notwehr nur dann zulässig ist, wenn der Tod des Angreifers nicht beabsichtigt ist – und zwar weder als Ziel noch als Mittel zum Zweck.
› Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge
Alles, was bisher mit Bezug auf Jesu Lehre gesagt wurde, betrifft aber nur das individuelle Verhalten. Anders jedoch sieht die Sache aus, wenn es um den Staat geht. Denn wie auch die Kirche lehrt, haben der Staat und jene, die ihm vorstehen, die natürliche und gottgegebene Pflicht, für das Wohl des Gemeinwesens zu sorgen. Deshalb darf der Staat Gewalt gegen Verbrecher anwenden, sie bestrafen und – im Extremfall (man denke etwa an den finalen Rettungsschuss der Polizei) – sogar töten. Das Recht und die Pflicht des Staates, Schaden vom Gemeinwesen im Notfall auch mit Gewalt abzuwenden, gelten nicht nur nach innen, sondern auch nach außen. Daher ist auch der Krieg aus christlicher Perspektive nicht per se verboten.
Allerdings gilt: Auch wenn der Staat Gewalt anwenden darf, so darf er dies – im Inneren wie im Äußeren – niemals willkürlich tun. Auf den Kriegsfall bezogen bedeutet dies: Krieg ist moralisch zulässig, wenn er gerecht ist, und gerecht ist er, wenn er bestimmte Kriterien erfüllt.
Der gerechte Grund und die tugendhafte Absicht: Thomas’ drei Kriterien für einen gerechten Krieg
Thomas von Aquin hat diese Kriterien, die alle zusammen erfüllt sein müssen, damit ein gerechter Krieg vorliegt, auf klassische Weise formuliert. Sie lauten:
1. Der Krieg muss von einer zuständigen staatlichen Autorität erklärt werden. Zu früheren Zeiten war dies der Fürst oder König, im Zeitalter der Demokratie sind dies meistens die Parlamente. Auch in den USA sieht die Verfassung vor, dass der Kongress den Krieg erklärt. Die Präsidenten haben sich seit dem Zweiten Weltkrieg aber darüber regelmäßig hinweggesetzt, indem sie Kriege nicht als solche erklärt, sondern als begrenzte „Militäraktion“ oder Ähnliches deklariert haben.
2. Es muss einen gerechten Grund für den Krieg geben. Neben dem Selbstverteidigungsfall gegen einen ungerechtfertigten Angriff dachte Thomas auch an Vergeltungsaktionen für Raubzüge oder Verbrechen, die von Einwohnern eines anderen Staates begangen worden sind, ohne dass dieser andere Staat diese Verbrechen gesühnt hätte. Aus der jüngeren Vergangenheit kann man hier beispielsweise an die Terroristenausbildungslager in Afghanistan denken, in denen die Attentäter vom 11. September 2001 ihr todbringendes Handwerk zum Teil erlernt hatten und die von den USA nach den Anschlägen auf die Twin Towers bombardiert wurden. Ebenfalls kennt schon Thomas so etwas wie humanitäre Intervention, zumindest mit Blick auf Christen: Werden Christen in der Ausübung ihres Glaubens massiv eingeschränkt, verfolgt oder gar ermordet, kann es unter Umständen gerechtfertigt sein, dass christliche Staaten ihnen mit militärischen Mitteln zur Hilfe kommen.
3. Neben der Erklärung durch die zuständige Autorität und dem gerechten Kriegsgrund muss aber auch eine rechte, tugendhafte Absicht der Kriegführenden vorliegen. Wer einen gerechten Grund zum Vorwand nimmt, um unlautere Ziele zu verfolgen, führt also keinen gerechten Krieg.
De facto hat die Lage der Christen für die USA keine Rolle gespielt
Beim jüngsten Irankrieg wird diese hohe Dreifachhürde nicht genommen. Selbst wenn wir die Frage einklammern, ob Trump das Recht hatte, ohne Zustimmung des Kongresses diesen Krieg zu beginnen, muss man festhalten, dass kein gerechter Kriegsgrund vorliegt. Von einem Verteidigungskrieg, der immer eine verhältnismäßige Reaktion auf einen ernstzunehmenden aktuellen Angriff sein muss, kann keine Rede sein; auch handelt es sich diesmal nicht um gezielte Vergeltungsschläge gegen nichtstaatliche Gruppen, die aus dem Iran heraus die USA attackiert hätten.
Die Situation der Christen im Iran ist zwar schlecht, aber nicht so, dass sie einen Bombenkrieg rechtfertigen würde. De facto hat die Lage der Christen bei der Entscheidung der USA und Israels auch keine Rolle gespielt. Ebenso wenig liegt ein Präemptivschlag vor, denn präemptiv handelt nur, wer einem unmittelbar bevorstehenden Angriff des Gegners zuvorkommt.
Am ehesten ließe sich dieser Krieg als Präventivmaßnahme fassen, das heißt: als Krieg, der jetzt geführt wird, um zu verhindern, dass der Iran irgendwann in der Zukunft in der Lage wäre, die USA oder ihren Verbündeten Israel mit einem Angriffskrieg zu überziehen. Präventivkriege sind nach der Lehre vom gerechten Krieg aber niemals erlaubt – aus gutem Grund. Wenn die Vermutung darüber, dass Staaten in Zukunft einmal gefährlich werden könnten, ausreichen würde, um einen Krieg moralisch zu rechtfertigen, ließe sich jeder Krieg als „Präventivkrieg“ rechtfertigen – die Lehre vom gerechten Krieg wäre damit völlig entwertet.
Staaten sind auch aus christlicher Sicht nicht zum Pazifismus verdammt
Und überhaupt: Präventiv wurden die iranischen Nuklearanlagen, die Anlass zur Sorge gaben, Teheran könne bald über Atomwaffen verfügen, bereits im Juni 2025 zielgerichtet zerstört. Diesen Erfolg behaupteten damals jedenfalls die USA und Israel. Allerdings gab es auch Berichte darüber, dass der Iran das angereicherte Uran rechtzeitig vor dem Militärschlag an einen anderen Ort verbracht haben könnte. Der Iran soll über auf 60 Prozent angereichertes Uran verfügen, aus dem man laut Rafael Grossi, dem Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation, innerhalb von Tagen oder Wochen die für Nuklearwaffen notwendige 90-prozentige Anreicherung erreichen könne.
Das allein aber sei nicht identisch mit der Herstellung von einsatzfähigen Atomwaffen, die erst im Rahmen eines aufwendigen Programms konstruiert und getestet werden müssten. Entsprechend betonte Grossi 2025 im Interview mit der BBC, „dass es zwar bis Anfang der 2000er Jahre (...) strukturierte und systematische Bemühungen zur Entwicklung eines nuklearen Sprengkörpers gab, dies heute jedoch nicht mehr der Fall ist.“ Von einem unmittelbar bevorstehenden Atomschlag durch den Iran kann jedenfalls keine Rede sein.
Wenn die Lehre vom gerechten Krieg dem militärischen Durchsetzen von Eigeninteressen derartige Grenzen setzt, ist dann der Vorwurf der Weltfremdheit nicht doch gerechtfertigt? Eine Antwort auf diese Frage wird festhalten müssen, dass Staaten auch aus christlicher Sicht nicht zum Pazifismus verdammt sind. Wenn Diplomatie gescheitert ist, dürfen sie sich gegen Unrecht auch mit Gewalt zur Wehr setzen. Aus Machthunger, Ruhm- und Herrschsucht oder Gier nach Ressourcen dürfen jedoch keine Kriege geführt werden, selbst wenn sie im Eigeninteresse des Staates wären.
Wer ungerechte Kriege führt, versündigt sich
Für die Lehre des gerechten Krieges sprechen aber auch zwei pragmatische Argumente, die sich aus der moralischen Dimension ergeben. Erstens: Der Krieg kann vernünftigerweise höchstens als Mittel, niemals als Zweck gewollt werden. Denn selbst ein Staat, der bereit ist, seine Nachbarn mit Kriegen zu überziehen, will letztlich doch einen Friedenszustand, wenn natürlich auch zu seinen Konditionen; man denke hierbei beispielsweise an den Krieg Russlands gegen die Ukraine.
› Lesen Sie auch: Stärker als der Terror
Mit anderen Worten: Kriege werden auch von Aggressoren nur geführt, um ihre Ziele durchzusetzen, nicht aber um des bloßen Krieges willen. Schließlich kostet jeder Krieg massiv Ressourcen und birgt selbst für scheinbar übermächtige Parteien existenzielle Gefahren. Wenn nun die Unterlegenen einen von den Siegern diktierten Friedenszustand nicht als gerecht anerkennen können, wird dieser Frieden brüchig und nur ein Scheinfrieden sein, der früher oder später zu neuen Kriegen führt.
Das wiederum kann nicht im wahren Interesse des Staates sein, der für den ungerechten Krieg verantwortlich ist und zunächst als Sieger hervorging. Von immer wieder aufflammenden Kriegshandlungen profitiert nicht das Gemeinwohl dieses Staates, sondern höchstens der industriell-militärische Komplex. Wer ungerechte Kriege führt, versündigt sich also auch am eigenen Volk und destabilisiert auf längere Sicht sein eigenes Land.
Für christliche Staaten oder christliche Staatslenker gilt, zweitens, dass sie mit Gott einen Gesetzgeber über sich wissen – oder zumindest wissen sollten –, von dem Wohl und Wehe nicht nur des Einzelnen, sondern auch das der Völker und Staaten abhängt. Ohne Gottes Segen kann kein Staat dauerhaft gedeihen. Dass Gott nicht mit der Islamischen Republik Iran ist, wo Christen unterdrückt werden, ist völlig klar. Zugleich aber sollten sich gerade Nationen, die sich als christlich verstehen, selbstkritisch die Frage stellen, ob Gott seinen Segen jenen schenken wird, die ohne guten Grund und tugendhafte Absicht in den Krieg ziehen.
› Kennen Sie schon unseren Corrigenda-Telegram- und WhatsApp-Kanal?
Kommentare
Herzlichen Dank für diese klare und gut begründete Analyse. Selten liest man eine so konsequente Anwendung der Lehre vom gerechten Krieg auf einen aktuellen Konflikt. Ihrem Urteil, dass hier von einem gerechten Verteidigungskrieg keine Rede sein kann, stimme ich ausdrücklich zu.