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Kolumne „Der Schweizer Blick“

„Freund“ als Beleidigung

Samir Jamal Aldin, besser bekannt als Samir, ist ein Schweizer Filmemacher und Regisseur mit Wurzeln väterlicherseits im Irak. Man muss ihn außerhalb der Schweiz nicht kennen. Innerhalb des eigenen Landes tut man das auch nur, weil sich hier die Zahl ernsthafter Filmschaffender an einer Hand abzählen lässt.

Samirs bisher größte Leistung war, dass eines seiner Werke als Schweizer Kandidat für eine Nomination für die „Oscars“ benannt wurde. Die Auswahl für diese Ehre ist jeweils recht übersichtlich. Er muss den Nippes für die gute Stube übrigens weiterhin selbst kaufen, es gab kein goldenes Männchen für ihn.

Weil er so selten auf den roten Teppich muss, bleibt Samir Zeit für anderes. Er hat beispielsweise ein Kulturhaus in Zürich mitbegründet und dessen Strategie als Verwaltungsrat mitverantwortet. 2019 verabschiedete er sich. Das war klug. Vor einigen Monaten ging der Laden, in dem viel Geld ausgegeben und wenig eingenommen wurde, in Konkurs.

Als „Experte“ sehr gefragt

Als Filmemacher wird Samir also vermutlich nicht in Erinnerung bleiben, und als Unternehmer ist seine Bilanz auch nicht gerade bestechend. Braucht man eine Stimme aus der kulturell-intellektuellen Ecke, fragen die Zeitungen dennoch immer bei ihm nach. Verständlich, denn er ist stets gut für eine markige Beurteilung. Je ferner die Ereignisse, desto klarer fällt sein Urteil jeweils aus. Kulturschaffende haben den Vorteil, dass sie keine Expertise vorweisen müssen, um nach ihrer Meinung gefragt zu werden. Ihre bloße Existenz reicht aus.

Zum Nahostkonflikt sagt der Filmemacher im Zürcher Tages-Anzeiger das, was man links der Mitte derzeit sagen muss. Ja, die Hamas ist keine tolle Truppe, ja, der Überfall auf Israel war furchtbar, aber hey: Was ist mit dem jahrzehntelangen Leiden in Palästina unter der Herrschaft der Israeli? Den Medien fehle es an Mitgefühl mit den Palästinensern, so Samir, und die israelische Armee töte Tausende von Zivilisten.

Plötzlich ein „Hamas-Freund“

Aber es gebe ein großes Problem bei solchen Aussagen, so Samir weiter: „Wer sich für die Palästinenser oder für einen Waffenstillstand exponiert, gilt als ‘Hamas-Freund’ und ‘Antisemit’.“

Tatsächlich ist es heute schwierig, eine komplexe Lage ausgewogen zu diskutieren. Schnell wird man einfach einem Lager zugeschlagen. Alles hat seine Vorgeschichte, und es ist wichtig, diese anzusprechen. Die Bösen hier, die Guten da – so einfach ist es selten. Die Gesellschaft teilt gerne in Richtig und Falsch ein, und das verunmöglicht umfassende Diskussionen.

Samir spricht also ein real existierendes Problem an. Das ist erfreulich. Nur hat ihn dieses Problem bis vor Kurzem seltsamerweise noch nicht gekümmert.

Als man ihn im Frühling 2022 zum Krieg zwischen Russland und der Ukraine befragte, warum auch immer, fand er es jedenfalls noch viel besser, das Bild der Lage in Schwarz-Weiß zu malen. Die Schweiz müsse sofort alle russischen Handelsaktivitäten blockieren und den Oligarchen ans Eingemachte gehen. Jeder Franken von Russland hierzulande müsse eingefroren werden. Die Schweiz sei sowieso nur „sogenannt neutral“.

„Putin-Freund“ ist in Ordnung?

Nanu? Was ist mit der Differenzierung geschehen, die Samir in Sachen Nahost fordert? Die lange zurückreichenden Ereignisse zwischen Israel und den Palästinensern müssten endlich auf den Tisch, sagt er. Schön und gut, aber: Sind Russland und die Ukraine Retortenbabys, die kurz vor dem Krieg zur Welt kamen und deshalb keine gemeinsame Geschichte haben? Der Krieg kam aus dem Nichts? Putin war es einfach zu langweilig, im Keller mit Zinnsoldaten zu spielen?

Es ist bedauerlich, wenn jemand den Filmemacher Samir als „Hamas-Freund“ bezeichnet, nur weil er eine seriöse, tiefgreifende Debatte führen will. Man wird ihm damit nicht gerecht. Aber ihm ist doch sicherlich bewusst, dass jeder, der dasselbe im Fall der Ukraine tun möchte, auch umgehend ein „Putin-Freund“ oder „Putin-Versteher“ ist? Und dass weder er noch sonst jemand aus der Kulturszene dagegen aufschreit?

Ob Samir selbst auch schon jemanden als „Putin-Freund“ bezeichnet hat, ist nicht bekannt. Aber angesichts seines klaren Positionsbezugs gegen Russland ohne jede historische Reminiszenz ist nicht zu vermuten, dass er dem Betreffenden zu Hilfe eilen würde. Worte schmerzen eben nur, wenn sie einen selbst betreffen.

Der „Freund“ als neuer „Feind“

Der Filmemacher Samir ist sicher kein „Hamas-Freund“. Aber der Schweizer Historiker Daniele Ganser beispielsweise ist auch noch lange kein „Putin-Freund“, nur weil er penibel auswertet, was alles schieflief von Seiten der Ukraine und der Nato gegenüber Russland. Dennoch muss er sich den Begriff dauernd anhören.

Samir und Ganser, so wenig sie ansonsten gemeinsam haben mögen, werden beide Opfer einer Technik der Medien. Man wirft jemandem neuerdings eine „Freundschaft“ zu der Seite vor, die man vorab zum Bösen erklärt hat. Aus einem einst positiven Wort wird eine Beleidigung. Dasselbe ist auch schon mit „Skeptiker“ und „Querdenker“ geschehen. Da hätte früher auch niemand eine negative Assoziation gehabt.

Unter den heutigen „Hamas-Freunden“ sind ziemlich viele, die früher inflationär abschätzig von „Putin-Freunden“ gesprochen haben. Dass die Leute, die gestern noch das Nachdenken verbieten wollten und zu Intoleranz gegenüber anderen Meinungen aufriefen, nun selbst Opfer dieses Verfahrens werden: Es ist schon fast erheiternd.

 

 

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Kommentare

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Beat Häfliger
Vor 3 Monate 1 Woche

…und schon wieder hat er Recht ich hab keine Ahnung ob 10x mal 100% richtige Einschätzung, dann mehr als hundert Prozent ergibt, auf jeden Fall ist es schon beeindruckend.So sind wir jetzt sicher schon zu zweit🤪hoffe immer noch es macht Schule.

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Beat Häfliger
Vor 3 Monate 1 Woche

…und schon wieder hat er Recht ich hab keine Ahnung ob 10x mal 100% richtige Einschätzung, dann mehr als hundert Prozent ergibt, auf jeden Fall ist es schon beeindruckend.So sind wir jetzt sicher schon zu zweit🤪hoffe immer noch es macht Schule.